Der neue Orpheus - 1918 - Iwan Goll

Iwan Goll
 

Der neue Orpheus
eine Dithyrambe

 

 

 

Verlag der Wochenschrift
"Die Aktion"
Berlin - Wilmersdorf

1918


Inhalt

Der neue Orpheus. Eine Dithyrambe 1918

I Unterwelt

II Boulevard

III Absynthschenke

IV Globus-Kino

V Café

VI Wildnis

VII Absolution

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I

Unterwelt

Orpheus war der ewige Dichter der Welt. In seinem Geist
lag die Landschaft Doris. Olivenwälder rauschten im Wind
seiner Liebe.

Um seine Leier kamen die gelben Tiger geschritten. Adler-
nester wohnten in seinem Haar.

Die jungen Blumen feierten Hochzeit in seinem Gesang. Der
Wasserfall blieb plötzlich in reuiger Geste erstarrt.

Jahrhunderte hatte er gesungen. Er war der Dichter der
Ewigkeit. Ein Bruder der Wolken, der Hügel, der Wiesen,
der Vögel.

Die Tiere wurden gut und schluchzten. Die Sterne schmol-
zen und bluteten. Aber die Menschen hatte er vergessen.

Die Menschen hockten drunten in Fusel und Armut. Sie
kannten Orpheus nicht. Ihr dunkles Rinnsal quoll durch die
grauen Städte.

Seine Mutter weinte ihre braunen Augen aus. Seine Schwe-
stern trugen durch die Zeit ihren blutenden Leib. Die Men-
schen waren drunten und er warf sein Herz an die Tiger.

Die nackten Fabriken ritzten den Himmel vergebens mit
ihren Sirenen. Die Sträflinge fluchten vergebens in ihren
Zellen.

Glocken schrieen spitz, mit rostigem Klang, aus dem steiner-
nen Turmgrab. Immer, immer weinte der Regentag.

Kein Mensch war froh. Sie hockten alle in rußtriefenden
Häusern. Sie schlugen nachts die Karten des Teufels in stin-
kenden Hinterladen.

Morgens klapperten sie mit hölzernem Schritt zur Fabrik.
Die Maurer mörtelten in weißen Kitteln ihr eigenes Grab.

Packträgern lag der Koffer heiß auf dem Rücken wie die
Atlaskugel. Am Güterbahnhof pfiffen die bösen Maschinen
und überfuhren des Bahnwärters Sehnsuchtsherz.

Der Menschen Erde war ein Schacht. Der Menschen Him-
mel ewige Nacht.

Schwarz troff der Arbeiterzug durch die Vorstadt, wie ein
Begräbnis. Gäule schleppten Möbelwagen an den grau-
erbauten Horizont.

Der Straßentunnel war in den harten Wintertag gebohrt. Er
führte zur tiefen Unterwelt, wo Schlot schwer droht und der
vergrabene Dynamo rumort.

Grüne Bäume klebten am Asphalt wie Grünspan. Aus dem
Schutt der Ewigkeit wimmerten die frühen Kirchen ihre
Lügen vom roten Gott.

Die Menschen hasteten in ihren Mänteln und Hüten durch
die Nebel der Erde. In Zwickern und Barten verbargen sie
ihre Seele.

Den Menschen war verboten, auf frierendem Pflaster nackt
zu gehn. Die Armen mit ihren zerschrittenen Sohlen mußten
sich schämen. Sich schämen!

Die Menschen starben ein wenig an jedem Tag. Sie krampf-
ten sich an die Erde. Die Menschen waren der Staub der
Welt.

Noch keiner hatte Orpheus vernommen. Nur die Tiere hat-
ten sein blaues Gewand geleckt. Die Bäume hatten sich dem
Mond entlanggestreckt. Sterne hatten selig an Gottes Schulter
gelegen.

Da weinte in Orpheus die schüchterne Mutterwitwe. Da
klagten ihn die vergessenen Schwestern an mit ihrem Blut.
Die Brüder alle erhoben sich furchtbar.

Herbst barst in seine Einsamkeit. Schwarze Wurzeln gruben
sich in sein Blut. Schuld wühlte in seines Herzens Schutt.

Die Blätter waren gefäult, die er als Krone getragen. Die Tiere
waren krepiert: ihre Kadaver schwammen in den Strudeln
hinab.

Einsam war der göttliche Mensch. Er schlotterte im klat-
schenden Regen. Die Rabenwolken wollten nicht von ihm
lassen.

Die Menschheit hockte unten an der Erde. Er fühlte sie fern
wie die Geliebte in der Unterwelt. Als Gott der Kunst mußte
er sie befrein.

Und Orpheus stieg in die menschliche Unterwelt.


II

Boulevard

Orpheus sang in der Unterwelt.

Er sang seinen alten Gesang von der Güte. Von der einfa-
chen lächelnden Güte zur Welt. Schnee auf die schmerzliche
Wintererde.

Er kam in den Tagen des Hungers und der Nacht. Früh
zwinkerten die Laternen um graue Gehöfte. In kalten Kam-
mern brodelten die Spiritusflämmchen. Die Menschen kro-
chen in Schneckentreppen umher.

Wie sollten sie ihn da verstehn! Sie hatten nicht Zeit, den
grün und rosa Himmel des Ostens anzusehn!

Wie sollten sie am blauen Nil seines Trostes stehen bleiben?
Und ließ er auch die roten Sterne wie Ballerinen tanzen!

Orpheus war der Leiermann in den Hinterhöfen. Er humpel-
te immer auf drei Beinen: Das hölzerne war seine Orgel-
krücke.

O wenige Sehnsucht der Köchinnen und Rayonchefs! Wie
blaß und verbraucht plärrte das grelle Volkslied!

Der Sänger hielt behutsam die Kappe hin. Aus den höchsten
Mansarden neigten sich die Frauen. Aus den Ateliers die
Tippmamsells. Die Kranken verließ plötzlich das Fieber.

Über den weißen Pfeifen der Orgel wohnte eine Landschaft.
Die Butterblumen weinten nach Hekuba. Unendlich weite
Vögel eroberten den Horizont.

Immer gingen Knaben darin spazieren. Sie strichen die Mar-
meladebrote wie Mundharmonikas um die Lippen. Orpheus
umgab sich mit den Knaben.

Die waren die plätschernden Quellen der Schöpfung. Sie tru-
gen das Schwarz und Weiß der Wahrheit wie Zebras klar auf
der Stirn. O Knaben, für euch litt der göttliche Mensch.

Für euch riß er seine Jacke entzwei und zeigte die Narben des
Lebens. Für euch heulte ein bettelnder Greis.

Alle zehn Häuser blieb der Humpelnde stehn. Sein brauner
Bart wehte wie ein Wind von Lächeln, daß jeder hätte flü-
stern mögen: o Vater?

Denn so sah gewiß jeder Vater aus, wenn er sein Kind hop-
sasa reiten ließ.

Er war ein Mann Gottes. Wehe, wer ihn verlachen ließ. Weh
dem geizigen Mütterchen, das ihn verschrie. Weh dem Metz-
ger, der ihm die schwarzen Hunde zwischen die Krücken
jagte.

Aber keiner sah ihn außer den Knaben. Alle zehn Häuser
humpelte er weiter. Immer überholte ihn der Alltag.

Steinhauer, Pflasterrammer, Makadamwichser schlugen so
laut auf die Erde, daß sein himmlischer Ton zerbrach.

Trambahnschaffner, Taxikutscher, Karrenschlepper schrieen
so laut in den Himmel, daß den trottenden Leiermann kei-
ner vernahm.

Die Schneeschipper hatten die braunen Säcke spitz um den
Kopf geknüpft, wie Apostel am Dom unter ihrem Dächlein.
Die Kloakenmänner stiegen wild aus den Gossen der Unter-
welt: aber sie sahen den göttlichen Menschen nicht.

Nur die Knaben wußten ein wenig von Orpheus. Sein Lied
von der Menschenliebe war in sie gedrungen. Sie pfiffen es
auf dem Heimweg.


III

Absynthschenke

Wie sollten die Menschen in ihren Novembernebeln Gottes
Tau verspüren? Wie sollten sie im Blutgrund der Erde die
Harfe der Sterne hören?

Orpheus trat in ihre Keller und Kavernen. In den Schenken
kauerte die grüne Sphinx Absynth neben der fahlen Kokotte.

Ein Pianola schlug mit roten Kolben die schwarze Wand der
Erde ein. Polka! Eine Polka!

Die Menschen hockten dumpf beisammen. Heizer, denen
die schwarze Kohlensonne das Herz versengt. Gepäckträger
duckten sich immer noch unter den hundert Koffern des
Tags.

In giftiger Erde sprang Gold aus den bebenden Spielerhän-
den. Daneben Huren dunkles Unkenrufen.

O wie sollten die Menschen in dieser Hölle die göttliche
Stimme vernehmen! Wie sollte sie Orpheus Liebe betören!

Er sang das Lied der Landschaft Doris. Seine Arme schlan-
gen sich um die Zweige der Verzweiflung. Sein Auge troff
vom Pech der Trauerfackeln.

Seinem Gesang war einst das Eismeer geschmolzen. Gebirge
bröckelten in seiner Hand wie Mörtel. Der Pacific hatte eine
Lerche über sich flattern fühlen.

Fische waren um seine Füße gesprungen. Leoparden hatten
Tränentürkise im Auge gehabt.

Aber hier: die Ärmsten, die Starrsten der Welt!

Greise aus grauen Asylen hustend. Endassene Postbeamten.
Und die Krüppel der Hochöfen.

Bettelei fraß aus ihren Augen die Scham. Falschheit färbte
ihre Rede grün. Regen hatte ihr Herz gelöscht.

Die jüdischen Hausierer mit ihren Teppichballen. Adlige
Apachen in schmalen Hüften. Und allen weinten schwarze
Mütter aus stinkenden Spitälern nach.

Hier die Härtesten, hier die Starrsten der Welt: wie sollten
sie den schwellenden Trost Orpheus verspüren?

Aus der Ecke sang er. Lächelte fern. Er wollte allen ins
Knopfloch die Kamelie der Liebe stecken.

Da lachten die Schatten. Ein Kutscher warf ihm seinen Lack-
zylinder nach. Eine Geschminkte rief: Wärst besser im Bett,
mein Adonis.

Ein Schlosser verlangte eine Polka. Das Pianola schluckte
den rohen Groschen und schlug mit roten Krallen drauf los.

Ein Heischer in fleckiger Schürze raffte die Bleichsucht vom
Büfett. Sie tanzten rot und schwarz. Heisch und Nacht. Sie
tanzten über die bucklige Erde.

Bettler litaneiten. Diebe pokerten. Verbrecher wetzten die
Dolche ihrer Augen.

Der Wirt schmiß Orpheus hinaus.


IV

Globus-Kino

Da trat Orpheus ins Licht der Mittagsplätze. Vor dem Zirkus,
als Clown, schlug er die große Trommel der Sonne.

Als Karussellbesitzer drehte er die Orgel der Welt: und seine
Büffel und Elefanten schmiegten sich den lächelnden Kin-
dern an.

Abends, im Variete, zwischen Yankeegirls und Apachentanz,
war sein Kuplet von der Menschenliebe die dritte Nummer.

Zwischen halbeins und halbzwei, Mittwochs, war er der
schüchterne Klavierlehrer und erlöste ein Mädchen aus der
Fessel der Mutter.

Sonntagsvereine, im eichengeschmückten Tanzsaal, luden
den christlichen Orpheus ein.

In der Sakristei, als Organist, übte er mit den Chorknaben
den heiligen Psalm von der Nächstenliebe ein.

Aus den Hinterhäusern schnarrte das heisere Grammophon
den Walzer der Bruderliebe.

Morgens, im kalten Korridor, zwischen aufgestülpten Stüh-
len, trällerte ihn der rote Pikkolo.

Es war der Schlager der Welt, vom großen neuen Frühling
kündend. Aber die Menschen dachten nicht, daß er von
Gott komponiert war. Sie tanzten und wurden nicht leichter.
Sie beteten und wurden nicht freier. Sie pfiffen und wurden
nicht froher.

Da stieg Orpheus in die Katakomben der Stadt: wurde im
Globus-Kino die zweite Geige.

Oben flatterte die graue Leinwand der Zeit. Die Menschen
glaubten an nichts mehr als an die Realität. Jeder, ein neuer
Kopernikus, ließ die Erde um den eigenen Kopf sich drehn.

Sie erkannten sich tief in dieser Nacht. Das »Ah!« dieser
Erkenntnis machte sie erst zu Brüdern.

Dort in ihren Leidenschaften: dort war jeder König, Verbre-
cher, Liebender. O es gab nichts als die Realität.

Und sie überhörten Orpheus Musik. Orpheus, aus dem
Schacht des Orchesters, stieg vergebens groß ins Publikum.

Vergebens schwoll die Sehnsucht Butterflys. Vergebens
schlugen die Wiener Walzer ihre blauen Wellen.

Die Menschen im schwarzen Tunnel des Kinos hörten ihn
nicht. Der Ventilator summte wie eine tolle Riege darüber.

Immerzu kratzte der Operateur hinten die grelle Wirk-
lichkeit auf. Das Leben der Menschen floß schwarz über die
graue Leinwand ihres Erdenhimmels dahin.


V

Café

Aber Orpheus war berühmt geworden. Das Grand-Cafe bot
ihm ein festes Engagement an.

Europa erkannte ihn an, schrie in grellen Plakaten laut seinen
Namen. Alle Boulevards wallfahrteten vor seiner Litfaßsäule.

Die Starren, die Grauen des Alltags hatte er nicht befreit.
Hier im Paradies der Menschheit wollte Orpheus singen.

Diesen Advokaten aus dem Strafrecht befreien. Dieser
Kokotte Liebe auf die Schminke küssen. Diesem Beamten
die Güte verkünden.

Sie hatten ihm eine Estrade gebaut. Orpheus, der fahrende
Gott, stand im schwarzen Frack über ihnen.

Ringsum schnarrten die Schakalkellner. Rote Ungarn bleck-
ten um ihn: die Bratsche, die Flöte, der Flügel, das Cello.

Um die Tische hockten die Masken: Augen spießten Haß.
Munde schnarchten Dummheit. Kinne gierten Geiz.

O diese aus sich selbst befreien! Den Bankier aus seinem
Goldkerker. Den Muttermörder aus der Zange seines Bluts.

Sie hatten noch alle den staubigen Himmel der Straße in den
Augen, die roten Höllen der Nächte im Herzen. Er brauchte
viel Macht.

Einst war aus hartem Gebirg der blaue Ruß Gottes ge-
rauscht. In seinem Grunde hatten die roten Korallen der
Liebe geschimmert. In seinem Spiegel die goldenen Sterne
der Wahrheit gefunkelt.

Aber heute gehorchte Orpheus Geige nicht mehr. Kein Tango
floß aus seinen Armen. Seine Geste war Verzweiflung. Sein
Lied war ein Schrei.

»Menschen, ihr könnt ja nicht knien. Brüder, ihr wißt ja
nicht zu schluchzen. Ich werde euch niemals befreien.

Ich werde euch nicht befreien. Solange eure Schuld in der
Welt besteht. Solange noch Schuld in eurem Herzen brennt.
Solange Einer noch unter euch die Schuld trägt.

Und Einer von euch hat die Schuld der ganzen Welt.

Einer von euch hat seine Mutter verlacht.

Einer von euch ließ den Bruder in den Krieg und hielt ihn nicht.

Einer von euch hat seinen Hund nicht winseln hören.

Einer hat um Geld betrogen.

Einer hat des Schaffners Schamlächeln nicht erwidert.

Einer hat den Vater ermordet.

Einer von euch trägt die Schuld der ganzen Welt. Der Eine,
wo ist der Eine?«

Orpheus schrie.

Aber die tonlose Glocke der Schuld baumelte über dem Raum.
Keiner drehte sich um. Keiner sah nach dem andern hin.

Keiner wagte den Mutterschänder zu sehn. Keiner den Mör-
der, den Herzlosen, den Bankrottier. Keiner sah nach der Schuld.

Denn jeder fühlte die Schuld in seinem Fleisch. Jedem war
das Blut in Scham erstarrt. Sie saßen nackt voreinander.

Von den Augen klirrten die Zwicker. Die Schminke blätterte
ab von den Totenschläfen. Die Gebisse fielen aus den faulen
Munden. Buckel holzten unter dem Smoking hervor. Syphilis
pockte an narbigen Nacken.

Jeder erschrak in seiner Schuld. Jeder war schuld.

Und ehe sie knieten, war Orpheus entflohn.


VI

Wildnis

Orpheus kehrte in seine Landschaft zurück.

Wie ein Gärtner, nach dem Donner zwischen seinen Rosen:
aus nassem Gebüsch huscht Vogelstimme; Schnecken
suchen neue Wege in den Gewächsen.

So wanden sich Blindschleichen um seinen Arm. Die Wölfe
wandelten treu in seiner Spur.

Dornwald öffnete Rosentore. Schlucht spielte Echo mit sei-
nem Gesang. Berg lächelte Tal. Die Sterne weinten Ame-
thysten.

Doch umsonst: Orpheus war dunkel geworden. Klage war
sein Klang. Sehnsucht seine Seele.

Das Gebirge war kein Freund. Die Quelle keine Schwester
mehr! Nur das Menschliche war des Menschen wert. Ein
Auge der Qual war tiefer als ein Himmel in Blitzen.

Orpheus war Mensch geworden. In Einsamkeit faulte sein
Herz. Gott langweilte ihn.

Nach dem Schmerz sehnte er sich. Nach dem Elend schmach-
tete der Freie. Brüder, nach eurem Brudertum schluchzte der
Mensch.

Weiter in den Städten heulte die Schuld.

In Spelunken schielten Petroleumlampen weiter auf Mord
und Liebe. In den Büros höhlte Eifersucht die Herzen.

Weiter pochte die Zirkuspauke: die Zuschauer aber hörten
nicht, daß es die Stimme des Gerichtes war für irgendeinen.
Weiter stotterte das Pianola: die Tänzer merkten nicht, daß
sie den Tod umarmten.

Kinos kalte Kohlenstollen. Das surrende Auge der Welt war
geplatzt. Die Kassiererin schmunzelte Syphilis.

Wußten die Menschen nun die eigene Schuld? Sie wollten
knien, sie wollten schluchzen. Aber Keiner war erlöst.

Orpheus war zu tief in sie gestiegen. Er hatte sie zu schnell
befreien wollen. Er hatte sich zu sehr nach der Geliebten
umgeblickt.

Eurydike war in der Unterwelt zur Törin geworden. Sie war
in der Nacht zur Hure geworden. Aber was konnte sie dafür
im Elend, in Krankheit, im Krieg der Erde? Schuld! Wer war
schuld?

Und Orpheus schlug sich weinend die Brust. Was nützte ihm
das hüpfende Nashorn und das singende Lamm; Orpheus
war tief einsam geblieben.

Er hatte der Menschen Leid nicht verstanden. Er hatte sich
zu sehr nach ihrer Liebe umgeblickt. Er hatte ihr schwarzes
Antlitz gesehn, und nicht ihr rotes Herz.

Er hatte nicht verziehn. Der Göttliche hatte dem Irdischen
nicht verziehn. Sein war die Schuld. Sein? Sie zog ihn zurück
in die Unterwelt.


VII

Absolution

Im dritten Jahrtausend kehrte Orpheus wieder.

Eine Kathedrale war ihm gebaut. Am roten Altar brannte
das Herz der Menschheit. Aus den knieenden Dielen blühten
Tulpen. Von der Erde quälten sich liebende Pfeiler los.

Feuerengel stürzten durch die gemalten Fenster. Asche schlug
mit glühenden Flügeln empor. Mensch schrie aus humpeln-
dem Elend auf.

Die Menschen hatten Jahrhunderte gewartet. Orpheus Kunst
war ihr Glaube geworden. Sie hatten sich geschlagen. Sie
hatten beten gelernt.

O nun riß sich jeder vom Alltag los. Orpheus brauchte nicht
mehr hinabzusteigen. Orpheus brauchte sich nicht mehr
umzublicken.

Alle, alle folgten seinem Gesang.

Die alte Dame, spitze Nase, das Ledertäschchen sorgsam
umfaßt in zerrissenen Handschuhn.

Der russische Sprachlehrer, noch an einem Stückchen Schoko-
lade vom Abendessen kauend.

Der Kommis, geflüchtet vom roten Plüschsofa einer Dirne:
von der Kreuzigung an die irdische Liebe.

Studenten aus den Lesesälen, wo sie die Zeit aus der Zeitung
gierig gefressen.

Kleine Mädchen fielen wie Veilchenbuketts in die Menge.

Arbeiter, in dicken Nagelschuhn, wuchsen aus den Säulen
stark.

Eine Witwe stahl sich vom Bett des kranken Knaben los und
flatterte irr im Wind der Menschen.

Der blonde Friseur hatte die schönste Krawatte an. Ein
Liftboy, in grüner Livree, stand am Tor, als öffnete er den
Schlag zur Himmelsarche.

Schuster hinkte herein. In seiner schwarzen Brille loderte der
ganze goldene Dom auf.

Die Kassiererin des Warenhauses hatte sich mit kleinem rosi-
gem Parfüm betüpfelt.

Zylinder in weißen Gamaschen monokelten herein.

Noch eine alte Dame. Die Schulknaben. Ein rothaariger
Zollbeamter.

Alle, alle. Aus den kalten Mansarden. Aus den rauchigen
Speisehallen. Aus den Werkstätten, Büros, Eßzimmern. Von
der Straße, vom Bahnhof, aus den Wartesälen.

Sie kamen alle. Sie drängten sich zu spät herein, gingen auf
den Fußspitzen.

Da ging ein Ton über die Welt.

Aus der Asche der Menschenbrust stieg ein Phönix durch
die Kathedrale.

Dieser Ton: ein tiefgoldenes Schluchzen: Ein Gewölbe tut sich
auf. Eine Geige setzt sich auf die Schultern des Bettlers. Eine
Hand lächelt dem Kranken. Eine weiße Taube zeigt sich dem
Blinden.

Der Ton fiel aus der Kuppel des Himmels: ein ferner Stern,
der zwei Hügel bekam und um die Erde flatterte wie der
königliche Saturn.

Dieser Ton war der Atem der Erde. Das ewige Geräusch in
den Menschen.

Das machte, daß alle Brüder und Schwestern waren, denn
sie stammten von demselben Ton ab.

Nie wieder konnten sie ihn vergessen. Derselbe Ton, der aus
schüchternen Klavieren im Sommer auf die Straße fällt - den
im Winter die Kinder zu Weihnacht stammeln.

Dieser Ton, Stimme der Narzissen, wenn Sonnenaufgang
über die Hügel tastet. Und abends die Klage des blutigen
Mohns über den verlassenen Äckern.

Dieser Ton - der ein Schrei war und ein Stöhnen. Die
Geburt und der Tod. Dieser Ton der Offenbarung.

Orpheus sang.

Die Menschen hatten sich alle geöffnet. Die Kathedrale
schimmerte von fließendem Blut. Durch Kleid und Hemd
zeigte ein jeder seines Herzens leuchtenden Gral.

Allen Geknechteten klirrten die Ketten. Alle Gottlosen hör-
ten den Himmel rauschen. Alle glaubten, glaubten, glaubten.

Die Schuld war von ihnen gefallen wie Schlaf am Morgen
von den Augen. Den Alltag hatte draußen Regen wegge-
schwemmt. Ewiges Fest bereitete sich vor.

Keiner war mehr allein. Nie wieder allein. Die Völker aufer-
standen in diesem kristallenen Dom. Der Himmel war nie-
dergekommen. Die Menschen küßten sich.

Fern in Nacht und Geschichte lag die tägliche Unterwelt.
Orpheus der Befreier sang. Er führte die Menschheit hinaus
zur Absolution.


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