Ilse Weber

 

 

 

In deinen Mauern wohnt das Leid
Bleicher Verlag - Gerlingen
1991

Inhalt

Das ist der Weg nach Theresienstadt
Hamburger Kaserne
Ein Koffer spricht
Kleines Bild
Abendlied
Das Abendgebet des kleinen Tommy
Kleines Wiegenlied
Vor dem Einschlafen
Der Abend kommt
Im Morgengrauen
Ein Kartothekblatt
Ein Stückchen Freiheit
Musica prohibita
Am Transport verschieden
Familienleben
Nach Hause
Brief an mein Kind
Alterstransport
Abschied von der Mutter
Mutter
Tor der Magdeburger Kaserne
Theresienstadt, Theresienstadt
Gespräch am Gang
Seid gut zueinander
Der Punkteschein
Die Prominenten
In der Hamburger Kaserne
Kerkerzelle
Blick in die Freiheit
Der Abend
Eine Wiese auf der Bastei
Wiegala
Blaue Stunde im Kinderkrankenzimmer
Und der Regen rinnt
Keuchhustenkinder
Theresienstädter Schlummerlied
Eine vom O. D
Menageausgabe im Kasernenhof
Die Hungernden
Die Kartoffelschälerin
Geniekaserne
Ein Schuppen
Theresienstädter Kinderreim
Begräbnis
Polentransport
Morgen gehn fünftausend fort
Wiegenlied vom Polentransport
Die Schafe von Liditz
Die Sieben
Ich wandre durch Theresienstadt
Fünf Jahre
Das ist dir doch schon einmal geschehen
Ade, Kamerad!
Abschied
Emigrantenlied
Bekenntnis


 

 

Das ist der Weg nach Theresienstadt

Das ist der Weg nach Theresienstadt,
den Tausende mühsam beschritten.
Und jeder von all den Tausenden hat
das gleiche Unrecht erlitten.

Sie gingen ihn mit gesenktem Haupt,
den Davidstern über dem Herzen,
die müden Füße wund und bestaubt,
die Seelen zerquält von Schmerzen.

Von schwerer Bürde zerschunden die Hand,
getrieben von rauhen Befehlen
O endloser Weg im Sonnenbrand,
mit durstgepeinigten Kehlen.

Das ist der Weg nach Theresienstadt,
der unser Herzblut getrunken,
wo sterbend auf den steinigen Pfad
manch müder Greis gesunken.

Es ist ein Weg voller Elend und Grauen,
wo Ströme von Tränen geflossen,
die klagende Kinder und stöhnende Frauen
in hilflosem Jammer vergossen.

Hier wankten Greise mit irrem Blick
im ergebenen Trott der Herde.
Wieviele gehn nie mehr den Weg zurück,
denn gnädig umschließt sie die Erde.

Das ist auch der Weg, den hinab mit Hast
laut dröhnend rollten die Wagen,
die unablässig die ächzende Last,
die Todgeweihten, getragen.

Das ist der Weg nach Theresienstadt,
voll Leiden ungemessen,
und wer ihn einmal gesehen hat,
der wird ihn nie mehr vergessen.

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Hamburger Kaserne

 

Das braune Rechteck, sichtbar schon von ferne,
Heim und Gefängnis, Hamburger Kaserne,
mit der Fassade kühl und ordentlich.
Die dicken Mauern, die uns alle einen,
umgeben einen Frauenstaat im Kleinen,
umschließen eine kleine Welt für sich.

Einst waren hier Soldaten. Und erst später
bezogen wir die siebzig Zentimeter,
uns zugedacht als unsern Lebensraum.
Tausend Soldaten einst. Die Zeit ist ferne.
Fünftausend sind wir jetzt in der Kaserne.
Und für uns alle grünt ein einz'ger Baum.

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Ein Koffer spricht

Ich bin ein kleiner Koffer aus Frankfurt am Main,
und ich such meinen Herrn, wo mag der nur sein?
Er trug einen Stern und war alt und blind
und er hielt mich gut, als war ich sein Kind.
Seinen Reisekameraden hat er mich oft genannt,
ich fühle noch seine behutsame Hand.
Ich bin aus echtem Vulkanfiber, man kann's noch lesen,
und bin früher blank und sauber gewesen.
Ich hab meinen Herrn begleitet jahraus, jahrein.
Auch diesmal ging ich mit ihm. Jetzt ist er allein.
Er war alt und blind. Wohin ist er gekommen?
Und weshalb hat man mich ihm fortgenommen?
Warum bin ich auf dem Kasernenhof geblieben?
Sein Name steht doch auf meinem Kleid geschrieben.
Nun bin ich schmutzig, mein Schloß hält nicht mehr.
Man hat mich geplündert, ich bin fast leer.
Nur ein Tuch ist noch da, ein Becherl dabei
und seine kleine Blindentafel aus Blei.
Sonst ist alles fort, die Arzneien, das Brot.
Er sucht mich gewiß! Vielleicht leidet er Not?
Es muß recht schwer sein für einen Blinden,
mich in dem Stapel von Koffern zu finden.
Ich kann es auch so schwer verstehen,
weshalb wir hier nutzlos zugrunde gehen.
Ich bin ein kleiner Koffer aus Frankfurt am Main,
ich möcht' zu meinem Herrn, er ist so allein.

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Kleines Bild

Dem schwarzen Totenwagen
sehn viele Leute nach.
Vier Silbersäulen tragen
das reichverzierte Dach.

Es trägt nicht stille Tote,
das düstere Gefährt -
wohl hundert braune Brote
es durch die Gassen fährt.

Der Schnee zerweicht die Erde,
der Wind saust übers Land,
dem Wagen sind nicht Pferde,
nein, Kinder vorgespannt.

Sie zieh'n die Deichselstange
und schreiten nebenher.
Schweiß steht auf Stirn und Wang -
ist wohl die Last so schwer?

Und kindlich ernst die Miene,
die Wangen kälterot.
Sie müssen schwer verdienen
ihr karges, schwarzes Brot.

Der Titel zu dem Bilde?
Es trägt ihn selbst, oh, seht,
groß auf dem Wagenschilde
»Jugendfürsorge« steht.

 

Abendlied

 

Goldner Mond und goldne Sterne
stehen über der Kaserne.
Von der ganzen großen Welt
blieb uns nur das Himmelszelt.

Goldner Mond und goldne Sterne.
Die ich liebte, sie sind ferne.
Wenn die Sehnsucht mich befällt,
ist zu klein das Himmelszelt.

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Das Abendgebet des kleinen Tommy

 

Lieber Gott, mach mich fromm,
gib, daß ich Schafblattern bekomm
und auf der Marodka bleiben kann!
Rechne mir nicht meine Sünden an,
und mach mich fröhlich jeden Tag
und nimm mich weg vom Notbelag!
Leg mich irgendwo anders hin,
wo ich nicht allen im Wege bin.
Doch, da ein Bett schwer aufzutreiben,
laß mich auf der Marodka bleiben!
Ich bin noch klein, mein Herz ist rein,
es müssen nicht grade Schafblattern sein...
Aber Mumps und Masern hatte ich schon,
und mit Scharlach müßt' ich auf die Infektion!
Schick mir eine Krankheit, die weh nicht tut,
die Schwester Mizzi ist schrecklich gut,
und die Schwester Emma kocht gute Sachen.
Hier kann man auch fröhlich sein und lachen...
All mein Unrecht mir vergib,
unser Herr Doktor ist sehr lieb.
Ich liege in einem wirklichen Bett...
Wie wär's, wenn ich die Gelbsucht hätt?
Ach, lieber Herrgott, gib doch bitte,
daß mir morgen schlecht wird bei der Visite.
Dann macht der Herr Doktor ein ernstes Gesicht
und sagt: »Der Junge gefällt mir nicht,
wir lassen ihn noch zur Beobachtung da.«
Und gib, daß am Abend das Fieber steigt, ja?
Sei nicht bös, daß ich so viel verlange,
aber mir ist vor dem Zimmer so bange,
weil dort so schrecklich viel Leute sind.
Und mach aus mir ein gutes Kind!
Aber schick mir morgen kein Magenweh,
denn zu Mittag gibt es Leberhaschee.
Haschee mit Kartoffeln schmeckt mir so gut!
Nimm meine Mutti in deine Hut
und den Vati in der Sudetenkaserne,
und alle, die ich noch hab gerne:
die Dame, von der wir heut Zucker bekamen,
und die Schwestern und den Herrn Doktor. Amen.

 

Kleines Wiegenlied

 

Die Nacht schleicht durchs Ghetto
so schwarz und stumm.
Schlaf, Kind, vergiß alles ringsherum.
Schmieg fest dein Köpfchen in meinen Arm.
Bei Mutter ist es gut und warm.

Schlaf, über Nacht kann vieles geschehn.
Über Nacht kann aller Kummer vergehn...
Mein Kind, du sollst sehn:
einst, wenn du erwacht,
ist der Friede gekommen - über Nacht.

 

Vor dem Einschlafen

 

Schlaf, mein kleiner Struwwelpeter,
fünfundsiebzig Zentimeter
Platz teil ich mit dir.
Über unserer Kaserne
stehen längst schon Mond und Sterne
denn die gibt's noch hier.

Stoß mich nicht mit deinen Beinchen,
träume von daheim, mein Kleinchen,
träum von deinem Bett.
Weiß war es, mit grünem Gitter,
und es hatte keine Splitter
wie das Kavallett.

Wo du jetzt wohl weilst im Traume?
Dreißig sind wir hier im Raume.
Das ist bißchen viel.
Über uns die Betten krachen,
unten die zwei Mädel lachen
und die Luft ist schwül.

Gute Nacht! Und rück ein bißchen,
so, jetzt kriegst du noch ein Küßchen,
kleiner Übermut!
Dunkle Nacht wird bald vergehen,
Sonne hell am Himmel stehen,
dann wird alles gut.

 

Der Abend kommt

Der Abend kommt, schon füllt sich das Zimmer
mit lärmendem Streit und Gelächter, wie immer.
Ein kleiner Junge öffnet die Tür
und lugt hinein: »Ist Mutter schon hier?«

Ach ja, da sitzt sie, schon grüßt ihn ihr Blick
und umfängt ihn mit innigem Mutterglück.
»Mutti«, er glüht vor Eifer und Stolz,
»ich bringe dir Kohlen und schönes Holz.

Da kannst du morgen ein Feuer machen
und Suppe kochen!« Sie herzt ihn mit Lachen.
»Das ist aber schön, wo hast du's bekommen?«
Er flüstert: »Das hab ich am Hof genommen.

Geschleust - was machst du für ein Gesicht?
Bist du böse, Mutti, freust du dich nicht?«
Sie schaut in die Augen, so arglos und groß,
und hebt das Kind auf ihren Schoß.

»Mein Liebling, sieh mich einmal an!
Du hast mir eben sehr weh getan.
Ich hab ja nur dich, nur dich allein
und kann nicht immer bei dir sein.

Was ich dir jetzt sage, darfst du niemals vergessen,
sonst wäre mein Herzeleid ungemessen.
Halt fremdes Eigentum immer wert,
rühr nie etwas an, was dir nicht gehört,

und wär's ein Stückchen trockenes Brot
und hättest du selbst die bitterste Not.
Schleusen heißt stehlen, und wer stiehlt, ist ein Dieb,
und wärst du nicht ehrlich, hätt' ich dich nicht mehr lieb.«

»Aber Mutti, die anderen...« - »Die kümmern uns nicht!«
Sie nimmt in die Hände das kleine Gesicht.
»Halt du nur deine Seele rein,
dann kannst du nie ganz elend sein!

Wir tragen zurück jetzt Holz und Kohlen,
ich will nicht haben, was du gestohlen.
Und dann waschen wir deine Hände geschwind,
und du bist wieder mein gutes Kind.«

Der Kleine schaut sie ernsthaft an.
»Ich wußte nicht, daß ich etwas Böses getan.
Doch jetzt«, und sie hört sein Herzchen schlagen,
»jetzt will ich es auch den andern sagen.«

 

Im Morgengrauen

 

Der Arzt ist eben schweigend fortgegangen.
Was er erkannt - längst habe ich's gewußt.
Denn Todesschatten liegt auf deinen Wangen,
und keuchend atmet deine zarte Brust.

Ich halte deine kleine Hand umschlossen
und fühle deines Pulses raschen Schlag.
Die Uhr vor mir tickt laut und unverdrossen,
und durch die Fensterritzen lugt der Tag.

Bald wird die Sonne strahlen, hell am Himmel stehn,
sie hüllt in ihren Glanz die Erde ein.
Du, kleines Mädchen, wirst sie nicht mehr sehn,
für dich wird alles dann zu Ende sein.

Um dich war noch ein Hauch von Wald und Bäumen.
So lieblich warst du wie ein kleines Reh.
Ach, warum durftest du nicht weiter träumen?
Warum nur tut das Leben dir so weh?

Vorbei der Kindheit Glück, die frohen Spiele.
Für unser großes Leid warst du zu klein.
Ein Stündchen noch - und dann bist du am Ziele.
Und deine Eltern bleiben ganz allein.

Dein Puls setzt aus - dein Atem ist vergangen.
Die Augen öffnen dunkel sich und weit.
Der Tod küßt deine blassen Kinderwangen,
und führt dich liebreich in die Ewigkeit.

 

Ein Kartothekblatt

 

Mein Vater ist deutscher Frontsoldat.
Weshalb sandte man uns nach Theresienstadt?
Die Mutti starb auf dem Weg hierher,
nun hab ich keine Eltern mehr.

Die Juden kannte ich früher kaum,
ans Christkind glaubt' ich, den Weihnachtsbaum.
Mit christlichen Kindern hab ich gespielt
und immer mich ihresgleichen gefühlt.

Ob Vati wohl weiß, was mit uns geschehn?
Vielleicht werde ich ihn nie wiedersehn.
Wenn er zurückkommt, dann hat er's schwer,
dann findet er Mutti und mich nicht mehr.

Ich gehe auch nie mehr nach Deutschland, o nein.
Jetzt bin ich Jüdin, drum will ich's auch sein!
Das viele Unrecht, das man uns getan -
ob das ein Mensch je vergessen kann?

Ich fand viele neue Freunde hier,
die hab ich lieb, die sind gut zu mir.
Die lassen mich später auch nicht allein,
und ihre Heimat wird meine sein.

 

Ein Stückchen Freiheit

 

Dort, wo der Gendarm auf Wache steht,
vor der Wiesen grünem Gelände,
wo nach Bauschowitz hin die Straße geht,
dort ist das Ghetto zu Ende.

Dort schließt sich der steinerne Ring der Bastei'n,
und der Weg zu den Menschen liegt offen.
Man möchte so gerne bei ihnen sein,
mit ihnen atmen und hoffen.

Doch der Ring umschließt uns, und der Gendarm
steht schweigend auf der Brücke.
Wir gehen wie Bettler, betrübt und arm,
mit hungrig verlangendem Blicke.

Wir wissen genau: von jener Welt
gehört nichts mehr unserem Leben,
Nur noch ein unkrautüberwuchertes Feld
hat man uns gnädig freigegeben.

Dort sind wir endlich erlöst und frei
und brauchen nicht Heim mehr noch Habe.
Dorthin läßt selbst der Gendarm uns vorbei -
wenn still man uns trägt zu Grabe.

 

Musica prohibita

Ich wandere durch Theresienstadt,
vorbei an dem strengen Gendarmen,
die Laute, die man mir geliehen hat,
wie ein Kind verpackt in den Armen.

Mein Herz schlägt schneller, die Wange brennt
in des Gefürchteten Nähe.
Es wäre geschehen um das Instrument
wenn er es bei mir sähe...

Wir sind ja verurteilt an diesem Ort
zu tiefster Verzweiflung und Schande,
und die Instrumente nahm man uns fort
als gefährliche Konterbande.

Wir dulden Hunger und Freiheitsraub
und alles, womit sie uns quälen,
doch richten sich immer empor aus dem Staub
die niedergetretenen Seelen.

Wir dürfen, umgeben von Tod und von Grauen,
den Glauben an uns nicht verlieren.
Wir müssen der Freude Altäre bauen
in den düsteren Massenquartieren.

Mit Dichterwort und ein wenig Musik
wollen wir dem Elend entfliehen.
Aus schlichten Liedern soll bißchen Glück
und gütiges Vergessen erblühen.

Und wenn wieder einige sich gestehen,
die nahe schon am Verzagen:
»Es ist auf der Welt doch auch manchmal schön,
nun können wir's wieder ertragen« -

dann fühlt man um sich so reiches Glück,
daß man geholfen hat den Armen,
und trägt furchtlos die Laute wieder zurück
unter dem Blick des Gendarmen.

 

Am Transport verschieden

 

Ich kenne dich nicht, toter Mann,
der Zufall führt mich an deine Bahre,
Ich seh dein stilles Antlitz an
unter dem dünnen, weißen Haare.

Dein Name ist mir unbekannt,
nur die Transportnummer weiß ich.
Sie hängt noch jetzt an einem Band
um deinen Hals - »830«

Man nahm dir deinen Namen fort,
wie man die Heimat dir genommen,
dein Leib kam her, dein Herz blieb dort,
und tot bist du hierher gekommen.

Und plötzlich zwingt es mich mit Macht,
nach deiner schlaffen Hand zu greifen,
mit meinen Fingern zart und sacht
die kalte Stirn zu streicheln.

In deiner letzten, schweren Not
hat man vom Haus dich fortgetrieben.
Einsam und bitter war dein Tod,
so fern von allen deinen Lieben.

Wo sie wohl sind? Die Welt ist groß.
Vielleicht wärst du daheim genesen.
Schlaf, toter Bruder Namenlos,
der Tod ist dir ein Freund gewesen.

Zwar ist dein Sterben schmerzlich hart
für die, die irgendwo dein warten,
doch dir bleibt manche Qual erspart
in deinem stillen Totengarten.

Noch einmal rühr ich sanft dich an,
wie gut, dich kann schon keiner kränken.
Ruh sanft, du fremder, toter Mann!
Ich werde oft noch an dich denken.

 

Familienleben

 

Er ist in der Sudetenkaserne
und ich in der Hamburger hier.
Das eine Kind in der Ferne,
auch das andere nicht bei mir.

Von vielen Menschen umgeben,
die fremd und gleichgültig sind,
führt jeder sein eigenes Leben -
der Mann, die Frau und das Kind.

Das Kind hat längst vergessen,
was es heißt, zu Hause sein.
Es holt sich selbst sein Essen
und wäscht die Essschale rein.

Es kommt nicht zu mir, um zu weinen.
Es macht sich allein sein Bett.
Es will mir manchmal scheinen,
als ob ich kein Kind mehr hätt.

Kommt's einmal in die Kaserne,
dann schielt es nach meinem Brot.
Ich geb's ihm, und tu es so gerne.
Es tat ihm viel mehr ja noch not.

Ich treffe an manchen Tagen
auf der Straße auch meinen Mann.
Er zieht den Leichenwagen
und lächelt stumm mich an.

Er kommt für zwei kurze Stunden.
Am Abend um acht ist Schluß.
Und geht, eh' wir Zeit gefunden
zu einem flüchtigen Kuss.

Dann senkt sich die Nacht hernieder.
Ich gehe im Dunkeln zu Bett.
Ich wollt, daß ich endlich wieder
meinen Mann und die Kinder hätt!

 

Nach Hause

»Ich will nach Hause!« - zum ersten Mal
hört' ich diesen Ausruf voll Jammer und Qual
im Messegebäude vor der Abfahrt von Prag.
Es war im Winter. Der Schnee, er lag
so hoch noch draußen auf Haus und Baum,
und schmutzig zerfließend im Messeraum.
Kein Ofen gab Wärme, die Tür ging nicht zu,
und kältezitternd legt' man sich zur Ruh
auf nassen Dielen, verhüllt und vermummt,
und schon war das Getriebe verstummt.
Da klang es jammernd mit einem Mal
aus einer entfernten Ecke im Saal -
es drückte so klar unser Elend aus -
aus schuldlosem Kindermund: »Ich will nach Haus!«

Ein Jahr ist vergangen, ein Jahr voller Pein.
Des Ghettos unsichtbare Wand schließt uns ein.
Die Tage sind eine Kette voll Leid,
stets Neues ersinnen Mißgeschick und Neid.
Gequält und hungrig, verfolgt und gehetzt,
von tausend Leiden zuinnerst verletzt,
Geplündert, erniedrigt, des Liebsten beraubt,
in Staub getreten, woran wir geglaubt -
oft scheint uns alles so furchtbar schwer,
wir glauben, nun tragen wir es nicht mehr.
Und wie ein Gebet in all dem Graus
entringt sich's dem Herzen: »Ich möchte nach Haus!«

 

 

Brief an mein Kind

Mein lieber Junge, heute vor drei Jahren
bist ganz allein du in die Welt gefahren.
Noch seh ich dich am Bahnhof dort in Prag,
wie du aus dem Abteil verweint und zag
den braunen Lockenkopf neigst hin zu mir
und wie du bettelst: laß mich doch bei dir!
Daß wir dich ziehen ließen, schien dir hart -
acht Jahre warst du erst und klein und zart,
Und als wir ohne dich nach Hause gingen,
da meinte ich, das Herz müßt mir zerspringen.
Gar oft hab ich geweint, das glaube mir,
und trotzdem bin ich froh, du bist nicht hier.

Die fremde Frau, die sich deiner angenommen,
die wird einst sicher in den Himmel kommen.
Ich segne sie mit jedem Atemzug -
wie du sie liebst, es ist doch nie genug.

Es ist so trüb geworden um uns her,
man nahm uns alles fort, nichts blieb uns mehr.
Das Haus, die Heimat, nicht ein Winkel blieb,
und nicht ein Stückchen, das uns wert und lieb.
Sogar die Spielzeugbahn, die dir gehört
und deines Bruders kleines Schaukelpferd...
Nicht mal den Namen hat man uns gelassen:
Wie Vieh gezeichnet gehn wir durch die Gassen,
mit Nummern um den Hals. Das macht' nichts aus
war ich mit Vater nur im gleichen Haus!
Und auch der Kleine darf nicht bei mir sein...
Im Leben war noch nie ich so allein.
Du bist noch klein, und drum verstehst du's kaum...
So viele sind gedrängt in einem Raum.
Leib liegt an Leib, du trägst des andern Leid
und fühlst voll Schmerz die eigne Einsamkeit.

Mein Bub, bist du gesund und lernst du brav?
Jetzt singt dich niemand wohl mehr in den Schlaf.
Manchmal des Nachts, da will es scheinen mir,
als fühlte ich dich wieder neben mir.
Denk nur, wenn wir uns einmal wiedersehen,
dann werden wir einander nicht verstehen.
Du hast dein Deutsch schon längst verlernt in Schweden,
und ich, ich kann doch gar nicht schwedisch reden!
Wird das nicht komisch sein? Ach, wär's so weit doch schon,
dann hab ich plötzlich einen großen Sohn . . . .

Spielst du mit Bleisoldaten noch so gerne?
Ich wohn' in einer richtigen Kaserne,
mit dunklen Mauern und mit düst'ren Räumen.
Von Sonne ahnt man nichts, von Laub und Bäumen.
Ich bin hier Krankenschwester bei den Kindern,
und es ist schön, zu helfen und zu lindern.
Nachts wache ich bei ihnen manches Mal,
die kleine Lampe hellt nur schwach den Saal.
Ich sitze da und hüte ihre Ruh,
und jedes Kind ist mir ein Stückchen »Du«.
Mancher Gedanke fliegt dann hin zu dir -
und trotzdem bin ich froh, du bist nicht hier.

Das Leben hat viel Schönes mir genommen,
um wieviel Glück bin ich bei dir gekommen...
Doch ich trag's gern, ist es auch manchmal hart,
viel Häßliches blieb dir dadurch erspart.
Und gerne litt' ich tausendfache Qualen,
könnt ich dein Kinderglück damit bezahlen...

Jetzt ist es spät, und ich will schlafen gehn.
Könnt ich dich einen Augenblick nur sehn!
So aber kann ich nichts als Briefe schreiben,
die voller Sehnsucht sind - und liegen bleiben...

 

Alterstransport

 

Durch die Stadt zieht ein Zug von müden Alten,
schwerbeladene, gebeugte Gestalten,
zur Bahnstation.

Mit Augen, die vor Tränen nicht sehen,
mit Füßen, die nur mit Schmerzen gehen,
so gehn sie dahin.

Von den Kindern gerissen, aufs Neu' vertrieben,
des Letzten beraubt, was ihnen geblieben,
so schreiten sie stumm.

In ihren Herzen, zermürbt vor Grauen,
klingt verzweifelt auf des Allmächtigen Namen,
ein klagend WARUM?

So ziehn sie dahin in den herbstlichen Morgen,
und hinter verschlossenen Fenstern verborgen
folgt ihnen der Blick.

Ach, ihnen noch etwas Liebes zu sagen,
die schwere Last noch ein Stück Wegs zu tragen,
welch trauriges Glück.

Doch nein, wir dürfen den Arm nicht stützen,
der immer bereit war, uns zärtlich zu schützen
vor Sorgen und Leid.

Wir dürfen die Alten nicht liebend umfassen,
wir müssen allein sie ziehen lassen
in die Einsamkeit.

 

Abschied von der Mutter

Ich hab dich immer lieb gehabt,
schon in den Kinderjahren,
und fühl es heute mehr denn je,
daß wir stets Freunde waren.
Und ich ließ dich heute gehen,
ohne dir die Hand zu geben.
Ließ dich in deiner Not allein,
zum erstenmal im Leben.

Ich seh dich aus der großen Schar,
das Bündel auf dem Rücken,
erstaunt und unruhvoll empor
nach meinem Fenster blicken.
Ich wußte wohl, du suchtest mich,
und bin doch nicht gekommen,
und hab mit keinem einz'gen Wort
Abschied von dir genommen.

 


Mit meinen Blicken hab ich dich
von Ferne scheu umfangen,
und bin doch feig zurückgebebt
und nicht zu dir gegangen.
Ich sah dich durchs Kasernentor
davonziehn mit den andern,
gequält und heimatlos wie sie
ins Ungewisse wandern.
Ich hab dir nicht Lebwohl gesagt,
vielleicht wirst du's nicht fassen.
Und doch warst du mir nie so nah,
als da ich dich verlassen.

 

Mutter

 

Wenn ich durch die Gassen geh,
begegne ich oft alten Frauen.
Sie sind so müde, so allein,
und ihres Daseins tiefste Pein
erfüllt mein Herz mit Angst und Grauen.

So geht wohl meine Mutter auch
durch eines fremden Ghettos Gassen,
gebeugt vom Alter und vom Leid,
die Augen voller Einsamkeit,
von allen, die sie liebt, verlassen.

 

Tor der Magdeburger Kaserne

 

Es gibt ein Märchen aus uralter Zeit
von einer Prinzessin, die Mühsal und Leid
und seltsames Schicksal erlitten.
Die sprach mit ihres Rosses Haupt,
sooft sie arm und vom Wege bestaubt
das dunkle Tor durchschritten:
»O Fallada, da du hangest.«

Wie die arme Prinzessin komm ich mir vor,
durchschreite ich müde das alte Tor
der Magdeburger Kaserne.
Dort hängt ein verwittertes Pferdehaupt,
und geh ich vorbei, aller Freude beraubt,
dann scheint mir, als hört' ich von Ferne:
»O Jungfrau, da du gangest.«

Du altes Tor in Theresienstadt,
wie bin ich vom Wege so krank und matt,
den meine Füße gingen.
Ich schlug mich wund an manchem Stein,
es blutet mein Herz und zuckt voller Pein.
Und oft, ach so oft hört ich's klingen:
»Wenn das deine Mutter wüßt,
das Herz im Leib müßt ihr zerspringen.«

 

Theresienstadt, Theresienstadt

 

Theresienstadt, Theresienstadt,
wie bin ich deiner müd und satt,
könnt ich dich doch verlassen!
In deinen Mauern wohnt das Leid,
und grenzenloses Elend schreit
aus deinen Gassen.

Schon zweimal zog der Lenz ins Land -
du hältst uns immer noch gebannt,
von Hunger müd und Sehnen.
Wann kommt der Tag, den wir erflehn,
da frei wir in die Heimat gehn,
in Freude sich verwandeln unsre Tränen?

 

Gespräch am Gang

 

Mein Fenster mündet auf einen Gang.
Da stehen die Frauen oft stundenlang,
um miteinander zu plauschen.
Das gleiche Thema, fast wird es zur Qual,
das Märchen der Großen: Es war einmal...
Ach, sie erzählen so gerne.
Es beginnt in Tagen voll Reichtum und Glück,
bis ins Kindesalter geht es zurück
und endet in einer Kaserne.
Und heller stets wird die Vergangenheit,
und schwerer drückt der Gegenwart Leid.
Man hatte doch Rang und Ehren.
Man fabrizierte. Verkaufte en gros.
Jetzt schält man Kartoffeln, wartet vorm Klo,
oder muß Stiegen kehren.
Frau Doktor, Frau Rat, Frau Ingenieurin -
es ist zum Lachen und zum Weinen.
Der Titel, wie manches andere Glück,
blieb er nicht längst in der Schleuse zurück?
Hier interessiert es doch keinen.
Auch verflossene Autos sind hier ohne Wert,
und die Villa mit Park, die uns nicht mehr gehört,
und der Schmuck, den wir einstmals besessen.
Gefangne sind wir, jeder nur Zahl,
verurteilt zu gleicher Müh und Qual -
was vorher war, ist vergessen.
Doch was jeder von uns einst wirklich war,
im Gemeinschaftsleben wird's offenbar,
wenn allen Prunks wir entkleidet.
Da blendet kein Reichtum und auch kein Rang,
und Name und Titel sind leerer Klang,
der innere Wert nur entscheidet.
Und hatte jemand ein mitfühlend Herz
für fremden Kummer, für Tränen und Schmerz,
das hat er mitgenommen.
Auch tapferer Sinn und gläubiger Mut
sind solch ein unverwüstliches Gut
und sicher mitgekommen.
Wer's aber nicht hat, der tut mir nicht leid,
mag schwelgen er in der Vergangenheit
und verlorene Güter beklagen.
Denn wer sich nicht hier auf sich selbst besinnt,
nie mehr des Daseins Wert gewinnt
und das Glück an kommenden Tagen.

 

Seid gut zueinander

 

Seid gut zueinander! Ist's denn so schwer,
dem andren ein liebes Wort zu sagen,
ein wenig seine Bürde mitzutragen -
ist in euren Herzen es schon so leer?

Wir sind in unsrem Elend alle gleich,
wenn wir erst einmal dieses Tal durchwandern,
und der allein ist glücklich noch und reich,
dem Güte blüht und Liebe für den andern,

der gern von seinem Brot ein Stückchen bricht,
wenn seines Nachbarn Augen darum flehen,
und der die Stütze ihm verweigert nicht,
wenn er zu müde ist, allein zu gehen.

Seid zueinander gut in Wort und Tat!
Sonst schlägt uns diese Zeit zu tiefe Wunden.
Und jeder sei euch Freund und Kamerad,
durch gleiches Schicksal uns verbunden.

 

Der Punkteschein

 

Ich hab einen Punkteschein mir verdient
und darf nun Ware holen,
die von Leuten stammt, die gestorben sind
oder denen man sie gestohlen.

Die Sachen sind gezeichnet fein
mit Namen und Adresse.
Ich laß sie dran, was kann schon sein,
und ich studier sie mit Interesse.

Aus Hamburg stammt das Hemdchen hier,
das Höschen aus Frankfurt am Main.
Das warme Kleid - wie steht es mir?
Es kommt aus Neuwied am Rhein.

Die Schuhe, schon lang mein erstrebtes Ziel,
denn meine sind ohne Sohlen,
die wurden einer Dame aus Kiel
bei ihrer Ankunft gestohlen.

Der Nähbeutel aber stammt aus Wien.
Grau ist er mit rosa Futter.
Und krame manchmal ich darin,
denk ich an meine Mutter.

Der Punkteschein ist ein wahrer Schatz.
Im Lebensmittelladen
kauft man Suppenwürfel und Eierersatz,
die keinem sonderlich schaden.

Die schöne Thermosflasche hier, w
oher mag sie nur kommen?
Als Konterbande wurde mir
die eigne fortgenommen.

So braucht man in Theresienstadt
nicht alle Kultur zu missen,
wenn man nur einen Bezugschein hat
und ein robustes Gewissen.

 

Die Prominenten

 

Es gibt Leute, die tragen noch hier einen Hut,
und andere, die mit Messer und Gabel essen,
und Menschen sind hier, die sind nicht mehr gut
die haben ihr Herz zu Hause vergessen.

Es gibt auch Leute, die sind »prominent«,
die dünken zu gut sich für unser Erleben.
Was jeder von uns als Schicksal erkennt,
darüber wollen sie sich erheben.

Die Massenquartiere, der drückende Traum,
die Menschen, die auf dem Boden liegen,
was kümmert es sie, für sie schafft man Raum,
sie werden schon ihre Betten kriegen.

Und was uns weh tut und was uns brennt,
was unsere Lieben und uns bedrohte,
sie sind gefeit, sie sind prominent
und für sie gelten andre Gebote.

Wie hätte ihr Beispiel uns Segen gebracht,
wenn stolz sie und still unser Los getragen.
Hätten sie sich uns doch gleich gemacht
und uns gelehrt, nicht gleich zu verzagen!

So aber säen sie Haß und Neid
und haben Mauern hier aufgerichtet,
sie haben für die eigne Bequemlichkeit
den Glauben an die Gemeinschaft vernichtet.

 

In der Hamburger Kaserne


In der Hamburger Kaserne
gibt es Mädels ohne Zahl,
eine davon hab ich gerne
und die seh ich manches Mal.
Valerie, valera, denn ich bin von der AK.
Schatz, mein Schatz, du weißt es ja.

Ihre Augen sind wie Sterne,
und ich seh so gern hinein,
denn sie füllen die Kaserne
mit dem hellen Sonnenschein.
Valerie, valera, denn ich bin von der AK.
Schatz, mein Schatz, du weißt es ja.

Glückt es mir, mit ihr zu kosen,
wenn es der Gendarm nicht sieht,
ist's, als wären tausend Rosen
auf den Mauern rings erblüht.
Valerie, valera, denn ich bin von der AK.
Schatz, mein Schatz, du weißt es ja.

Öffnet sich einmal die Festung,
heißt's, Ade Theresienstadt!,
bring ich heim das Allerbeste,
was der ganze Erdball hat.
Valerie, valera, denn ich bin von der AK.
Schatz, mein Schatz, du weißt es ja.

 

Kerkerzelle

Im Gewirr der Ambulanzen,
   im Gemäuer fast versteckt,
hab ich jüngst aus purem Zufall
   ein Arrestlokal entdeckt.
Als die schwere Eichentüre
   knarrend hinter mir fiel zu,
war's, als sei die Welt versunken,
   und um mich war Grabesruh.

Durch die Luke an der Decke
   sah die Tagessonne kaum,
schmutziggraue Mauern schlossen
   ein den schmalen Kerkerraum.
Halblaut las ich an den Wänden
   Zeilen aus verschollner Zeit,
las von Reue, Trotz und Willkür,
   von der Qual der Einsamkeit.

Von der Sehnsucht nach Gefährten,
   nach der Welt, die draußen lebt,
nach dem Pulsschlag heißen Lebens,
   das durch die Kasernen bebt.
Ach, da draußen lärmt der Alltag,
   in der Zelle ist es stumm. -
Eh ich mich zum Gehen wandte,
   sah ich mich noch einmal um.

Was in seiner Kerkerzelle
   einst der Sträfling hat entbehrt -
in die Brandung der Kaserne
   bin ich längst zurückgekehrt.
Doch im Trubel meiner Tage
   und in manchem flücht'gen Traum
suche oft ich in Gedanken
   den verlaß'nen Kerkerraum.

Niemals kann ich ihn vergessen,
   und in sehnsuchtsvoller Pein
fühl ich brennend das Verlangen -
   einen Tag lang dort zu sein.

 

 

 
Jetzt haben sich die Tore aufgetan, 
und wie die Kinder stürmen wir ins Freie. 
Da blüht der Linden dunkelgrüne Reihe 
und alles ist mit ihrem Duft durchzogen. 
Die Sonne steht am blauen Himmelsbogen, 
und überall sieht uns der Sommer an.
 
Die Beeren reifen, es ist Rosenzeit, 
der Ernte bebt entgegen schon die Erde. 
Gemächlich folgt der Schäfer seiner Herde, 
die Gänse kommen schnatternd aus den Ställen 
und weiden auf den grünen Festungswällen, 
und alles ist voll stiller Heiterkeit.
 
Schmerzlich verwundert sehen wir uns um. 
In dumpfen Wänden saßen wir gefangen, 
als Winter war. Nun ist der Lenz vergangen 
und Sommer ist's. Wie lang wird es noch dauern? 
Uns halten eisern die verhaßten Mauern 
und wehren jedem Sommerstrahl. Warum?
 
Sehnsüchtig schweift ins Weite unser Blick. 
Warum denn nur verdarb man unser Leben? 
Uns allen ward die Erde ja gegeben. 
Tust du dich uns noch auf, du blaue Ferne? -
Jetzt schließen sich die Tore der Kaserne, 
und ins Gefängnis gehn wir still zurück.
 
 

Der Abend

Wenn wir am Abend von der Arbeit gehn,
lockt uns kein Heim mit buntem Lampenschimmer.
Wir bleiben zögernd auf den Gängen stehn,
weil es uns graut vor unsrem dunklen Zimmer.

Man nahm uns jetzt zur Strafe noch das Licht,
denn irgendwer hat irgendwas verbrochen.
Was eigentlich, erfährt das Lager nicht.
Nun hausen wir im Dunklen schon seit Wochen.

So steht man denn in dem Arkadengang
und schaut zum Himmel auf in all die Sterne.
Die Abende sind jetzt so schön und lang,
und voller Stimmen ist noch die Kaserne.

Es ist, als lernten wir erst jetzt verstehn,
wie wunderbar die gold'nen Sterne scheinen.
Und überhaupt, man sollte schlafen gehn,
dann müßte man nicht jeden Abend weinen.

 

Eine Wiese auf der Bastei

 

Ein schöner, warmer Abend ist's,
der Himmel blau, die Berge grüßen ferne.
Ich sitz' auf einer Wiese der Bastei
am flachen Dach der Grenzjägerkaserne.

Wie wunderlich sieht es hier oben aus,
nie sah ich einen Rasen noch wie diesen.
Mai bleibt zwar Mai, aber bei uns zu Haus
wuchsen nicht Schlote auf den grünen Wiesen.

Bei uns zu Haus - es fällt uns immer ein.
Könnten wir eine Weile bloß vergessen,
dann würden wir auch einmal glücklich sein.
Denn hier ist's schön, trotz all der grauen Essen.

Schön ist doch der Kastanien grüne Wand,
aus der die tausend weißen Kerzen blühn.
Und schön des Rotdorn dunkler Purpurbrand,
auf dem die Sonne weilet im Verglühn.

Ein leiser Windhauch streift mich sanft und kühl.
Hat nicht die Rathausuhr halb acht geschlagen?
Ich gehe heim und habe das Gefühl,
jetzt kann ich's wieder eine Weile tragen.

 

Wiegala

 

Wiegala, wiegala, weier,
Der Wind spielt auf der Leier.
Er spielt so süß im grünen Ried,
die Nachtigall, die singt ihr Lied.
Wiegala, wiegala, weier,
der Wind spielt auf der Leier.

Wiegala, wiegala werne,
Der Mond ist die Laterne,
er steht am dunklen Himmelszelt
und schaut hernieder auf die Welt.
Wiegala, wiegala, werne,
der Mond ist die Laterne.

Wiegala, wiegala, wille,
wie ist die Welt so stille.
Es stört kein Laut die süße Ruh
schlaf, mein Kindchen, schlaf auch du
Wiegala, wiegala, wille,
wie ist die Welt so stille.

 

Blaue Stunde im Kinderkrankenzimmer

 

Im Westen erlischt des Tages Schimmer -
die Dämmerung huscht ins Krankenzimmer,
kommt bis an die Krankenbetten gegangen
und liegt auf fiebergeröteten Wangen.
Es ist die blaue Märchenstunde,
und es wispert und flüstert in der Runde.

»Ich war«, sagt ein Kleiner mit Kopfverband,
»im Traum heut im Schlaraffenland.
Ich bin unter einem Baum gesessen
und durfte fortwährend essen und essen...«
»Was hast du gegessen?« will ein Mädel wissen,
das großäugig liegt in den grellbunten Kissen.
»Nun, Kuchen, Wurst und allerhand -
halt, was man so ißt im Schlaraffenland.«
»Ach, Kuchen«, murrt der mit dem Ikterus,
der schon seit Tagen hungern muß.
»Ich wollt, ich hätte Kartoffelbrei!«
»Und ich«, schrillt ein Stimmchen,
»ich wünsch mir ein Ei!«
Ein vielstimmig Echo klingt durch den Saal:
»Ein Ei, das möchten wir alle einmal!
Wir haben zehn Monate keins gegessen,
und, wie es schmeckt, schon lange vergessen.«
Eine heisere Stimme erhebt sich im Raum:
»Wir hatten daheim einen Apfelbaum.
Wenn ich von dem einen Apfel hier hätt...«
Aus der Ecke im Zimmer, aus dem Bett,
wo der Heinzi liegt mit der TBC,
mit Wangen so durchsichtig weiß wie Schnee,
kommt seine Stimme: »Hätt ich nur dies,
was ich daheim immer stehen ließ...
Ich mochte nicht Suppe, nicht Fleisch und nicht Brei,
bei jedem Essen gab's ein Geschrei.
Jetzt ist Mutter krank und der Vater tot,
und ich habe Sehnsucht nach trockenem Brot.«
»Mir hat einmal«, prahlt Evi und lacht,
»mein Onkel ein Marzipan-Schweinchen gebracht!«
Peterle sieht ganz verträumt in die Ferne:
»Ich mochte Schokolade zu gerne...«
»Ach was, Schokolade und Marzipan!«
fährt ihn förmlich erbost sein Nachbar an:
»Einmal Linsen essen, gelbe Erbsen und Bohnen,
in richtigen, großen Portionen...«
»Ja«, unterbricht eifrig die kleine Liese,
»und wieder einmal recht viel Gemüse,
Spinat und Kraut, Kohlrabi und Möhren,
die möchte ich gerne auch roh verzehren...«

Ich lausch' dem Geplapper, und das Herz tut mir weh,
denn zum Abendbrot gibt es schwarzen Kaffee.
Ich drehe am Schalter. Hell flammen die Lichter
und beleuchten die mageren Kindergesichter,
gezeichnet vom Hunger und der Entbehrung,
dem harten Griffel der Unterernährung.

Ihr schuldlosen Opfer einer blinden Gewalt,
hoffentlich kommt euch die Hilfe bald
und reißt euch aus diesem Pfuhl der Verwesung,
um euch Rettung zu bringen und volle Genesung!
Ach, möchtet ihr bald wieder Kinder sein,
mit dem Recht auf Liebe und Sonnenschein,
auf ungetrübtes Kinderglück,
auf runde Wangen und hellen Blick.
Dann eßt euch nach Herzenslust wieder satt,
ihr armen Kinder von Theresienstadt...

 

 

 

Und der Regen rinnt

 

Und der Regen rinnt, und der Regen rinnt. . .
Ich denk im Dunkeln an dich, mein Kind.
Hoch sind die Berge und tief ist das Meer,
mein Herz ist müd' und sehnsuchtsschwer.
Und der Regen rinnt, und der Regen rinnt. . .
Warum bist du so fern, mein Kind?

Und der Regen rinnt, und der Regen rinnt. . .
Gott selbst hat uns getrennt, mein Kind.
Du sollst nicht Leid und Elend sehn,
sollst nicht auf steinigen Gassen gehn.
Und der Regen rinnt, und der Regen rinnt. . .
Hast du mich nicht vergessen, Kind?

 

Keuchhustenkinder

Dreißig Kinder dürfen täglich
auf die große Wiese wandern -
neidvoll, sehnsüchtig und kläglich
schauen ihnen nach die andern.

Dreißig freuen sich an Bäumen,
halten Blumen in den Händen,
sind entronnen dumpfen Räumen,
düsteren Kasernenwänden.

Weiches Gras kann lind empfangen
ihre Körperchen, die müden,
und die Sonne küßt die Wangen,
denen sonst kein Strahl beschieden.

Ziehn sie morgens auf die Wiese,
wünschen sehnsüchtig die andern,
doch so krank zu sein wie diese,
um ins Grüne auch zu wandern.

 

Theresienstädter Schlummerlied

 

Eiapopeia, ihr Kinder schlaft ein,
du Junge aus Böhmen, du Mädel vom Rhein.
Einander fremd kamt ihr hierher,
habt beide keine Heimat mehr.
Nun schlaft ihr friedlich im gleichen Raum
und lächelt im wonnigen Kindertraum,
fern unsrem Leid und fern unsrer Pein.
Eiapopeia, ihr Kinder schlaft ein.

Was sinnst du mit wachem Blick vor dich hin,
Du ernsthafter kleiner Junge aus Wien?
Dein Vater ist tot. Er starb im KZ.
Er saß wohl gerne an deinem Bett...
Du mußt vergessen! Du bist ja noch klein.
Wir wollen alle recht gut zu dir sein.
Wir helfen dir tragen, dann ist's nicht so schwer.
Schlaf jetzt, mein Junge, und grüble nicht mehr.

Schlaft alle, ihr Kleinen, blond oder braun,
aus Böhmen, aus Mähren, aus Deutschlands Gau'n
wie wir aus der Bahn gerissen, entgleist,
verlassen, hungrig, krank und verwaist.
Ihr teilt unser Elend, ihr teilt unser Los,
wenn Gott will, werdet ihr trotzdem groß.
Jetzt wanken wir alle, überbürdet mit Not,
doch jeder Nacht folgt ein Morgenrot!

Eiapopeia, es bleibt nicht nur Traum,
bald hat die Welt für uns wieder Raum.
Die Ketten fallen und wir sind frei,
und alles Schwere ist vorbei!
Die Wunde schließt sich und vernarbt,
bald habt ihr vergessen, wir ihr gedarbt.
Und Hand in Hand stürmt ihr hinaus
und erkämpft euch Heimat und Vaterhaus.

 

Eine vom O.D.

 

Ich lache nie, ich lehne an der Mauer,
an meinem Arm die Binde des O.D.
Mein Dienst ist leicht und nur von kurzer Dauer
und läßt mir reichlich Muße für mein Weh.

Seh ich am Abend einmal in den Spiegel,
zeigt er das Antlitz einer jungen Frau.
Die Augen ernst, die Lippen schließt das Siegel
bittersten Leides, das Haar ist grau.

Ich spreche nie von dem, was ich erlitten.
Ich suche keinen Freund und bleib allein.
Sind viele hier den gleichen Weg geschritten,
und viele tragen an der gleichen Pein.

Hart und verbittert mag ich manchen scheinen,
weil nie ich Tränen gönne meinem Leid.
Jedoch ich weiß es wohl, würd' ich jetzt weinen,
hört' ich nicht auf in alle Ewigkeit.

 

Menageausgabe im Kasernenhof

 

Zu Hunderten sind sie gekommen
   auf morastigen, schlechten Wegen,
und warten jetzt lang und geduldig
   vor den Köchen und ihren Trögen.

Hinfällige Greise und Kranke
   stehen gequält unter ihnen,
Gier, Abscheu, Scham und Verlangen
   in den verhärmten Mienen.

Sie halten mit zitternden Händen
   wie Bettler hin ihre Schalen,
gepeinigt von des Hungers
   nie gestillten Qualen.

Sie suchen verfaulte Kartoffeln
   hervor aus schmutzigen Pfützen.
So alt sind sie und müde,
   und keiner ist da, sie zu stützen!

Auf die verlassenen Tröge
   stürzen sie gierig wie Tiere,
und gehn dann hungrig wieder
   in ihre Elendsquartiere.

 

 

Die Hungernden

 

Sie gehen ihres Wegs mit müdem Schritt,
der Hunger, der Hunger, der Hunger geht mit.
Er wühlt im Leib und zehrt am Gebein
und gräbt sich tief in das Antlitz hinein.

Und was den Menschen adelt und ehrt'
der Hunger, der Hunger, der Hunger zerstört.
Man bricht die Treu, verletzt das Gebot
und verkauft sein Gewissen für trockenes Brot.

Und was nicht Willkür noch Macht vollbringt,
der Hunger, der Hunger, der Hunger erzwingt.
Unbeugsamer Stolz, hochfahrender Sinn,
sie schmelzen wie Schnee in der Sonne dahin.

Es wuchert die Mißgunst, es wächst der Neid,
blind wird man und hart für des anderen Leid.
Was gilt es noch, was der Nächste fühlt,
wenn der Hunger im eigenen Leibe wühlt?

Schwer ist es, an ihnen vorüberzugehn,
wenn bettelnd sie am Wege stehn.
Doch Schmach über den, der die Ärmsten verfemt
und sich der eigenen Sattheit nicht schämt.

 

Die Kartoffelschälerin

 

Ich schäle Kartoffeln den ganzen Tag
mit hundert anderen Frauen.
Ich sitze in dem dumpfen Verschlag
vom frühen Morgengrauen.

Ich sitze da und höre kein Wort
von dem, was die Frauen erzählen.
Meine Gedanken sind so weit fort,
wenn meine Hände schälen.

Meine Gedanken sind voller Pein
bei der Tochter, verschollen in Polen.
Die anderen können noch fröhlich sein
und scherzen und lachen verstohlen.

Die braunen Knollen rollen davon
und häufen sich in den Körben.
Nach Dachau brachte man meinen Sohn.
Warum ließ Gott ihn sterben?

Und Stunde um Stunde langsam verrinnt,
wund sind und hart meine Hände.
Im Typhusspital starb mein Enkelkind.
Wann nimmt mein Leben ein Ende?

Kartoffeln, Kartoffeln, tagaus, tagein,
nur schälen, immerzu schälen.
Sie schleichen in meine Träume sich ein,
um nachts mich noch zu quälen.

Die Schalen beleben und ringeln sich
und werden zu zischenden Schlangen.
Sie verfolgen und umwinden mich,
bis gnadenlos sie mich gefangen.

Und wieder kommt ein neuer Tag
und ich sitze im Morgengrauen
kartoffelschälend im dumpfen Verschlag
mit hundert anderen Frauen -

 

Geniekaserne

Vor der Geniekaserne
liegt große Traurigkeit.
Da träumen uralte Menschen
von der Vergangenheit.

Sie liegen auf hölzernen Pritschen
mit weitabgewandtem Blick
und sehn mit Erinnerungsaugen
ihr einstiges Leben zurück.

Der Traumgott holt geschäftig
die schönsten Bilder herbei,
auf daß den alten Schläfern
das Scheiden leichter sei.

Er zaubert Heimat und Kinder
und was sie beglückt einmal;
vergessen sind Schmerzen und Krankheit,
versunken der Gegenwart Qual.

Durch die Geniekaserne
geht mit unhörbarem Schritt
der Tod, und nimmt voll Erbarmen
die alten Schläfer mit.

 

Ein Schuppen

 

Ein Schuppen: Männer, Frauen, Kinder, Greise,
Namen und Zahlen, liegen reihenweise.
Ein Bahrtuch deckt sie. Denen, die gekommen,
preist einer Gott, der gab und der genommen.

Die Menge schauert, wenn mit roh'n Gebärden
des Todes Frachten schnell verladen werden,
und wenn die Kisten aufeinanderpoltern,
zuckt sie und duckt gequält sich unter Foltern.

Manchmal - als drängt's die Toten, noch vom Wagen
die Schuld zum letzten Male anzuklagen -
klaffen die Deckel, und es liegen offen
die dürren Glieder in den rauhen Stoffen.

Die Pferde ziehen, und mit schwerem Schritt
gehn die Verblieb'nen bis zum Posten mit.
Dann heben ächzend sich der Knechtschaft Schranken
und Särge werden Sehnsucht und Gedanken.

 

Theresienstädter Kinderreim

 

Rira, rirarutsch,
wir fahren in der Leichenkutsch,
rira, rirarutsch,
wir fahren in der Kutsch.
Wir stehen hier und stehen dort
und fahren flink die Leichen fort,
rirarutsch,
wir fahren in der Kutsch.

Rira, rirarutsch,
was einst wir hatten, ist jetzt futsch,
rira, rirarutsch,
ist längst schon alles futsch.
Die Freude aus, die Heimat weg,
den letzten Koffer fährt, o Schreck,
rirarutsch,
jetzt fort die Leichenkutsch.

Rira, rirarutsch,
man spannt uns vor die Leichenkutsch.
Rira, rirarutsch,
man spannt uns vor die Kutsch.
Hätt sie geladen unser Leid,
wir kämen nicht drei Schritte weit,
rirarutsch,
zu schwer wär dann die Kutsch.

 

Begräbnis

 

Auf dem Rasen stehen dreißig Särge,
  die ein Massengrab bald wird vereinen.
Vor dem obersten der langen Reihe
   stehe ich und sehne mich zu weinen.

Im Vorübergehn von einem Baume
   pflückt' ich heimlich einen Zweig von Blättern,
und die liegen jetzt als einz'ge Zierde
   auf den derb gefügten weißen Brettern.

Oben steht dein Name, und ich muß
  ihn mechanisch immer wieder lesen,
als wäre er mir fremd, und nicht
   vertrauter Klang gewesen.

In Gedanken suche ich dein Bild,
   sag mir vor, was ich an dir verloren,
doch ich bleibe still und tränenlos,
   und die Brust ist mir wie zugefroren.

»Wenn wir fort sind, hüte uns die Mutter«,
   hör im Geist ich deine Kinder bitten,
sie sind fort und ahnen nicht im Traum,
   wieviel Schweres du indes erlitten.

Dreißig Särge stehen auf dem Rasen
   und noch dreißig warten auf dem Wagen,
so todmüde sind die Leichenträger,
   die tagaus, tagein die Leichen tragen.

Müde sind auch wir schon vom Entbehren,
   müde von dem Anblick vieler Leiden,
und wir sehen nur mit stumpfem Grauen
   Kranke hilflos wie Getier verscheiden.

Nein, vor gar nichts hab ich dich behütet,
   nicht vor Elend, Hunger und Verderben,
und die Krankheit fand dich schwach und hilflos.
   Wie Erlösung schien es dir, zu sterben.

Jetzt wird auch dein Sarg davongetragen,
   Schmerz ersehne ich und fühle keinen.
Alles Fühlen ist in mir erstorben,
   und ich habe es verlernt zu weinen.

 

Polentransport

 

Ein Polentransport wird ausgetragen -
wie Alpdruck liegt es über dem Haus.
Die Gruppenältesten hasten und jagen
und sehen erkünstelt gleichmütig aus.

Man streift sie mit scheuen und angstvollen Blicken
und denkt erschauernd: »Gilt es heute auch dir?«
Man möchte so weit wie möglich entrücken
dem schicksalhaften Streifen Papier.

Es ist, als ginge auf lautlosen Sohlen
das Unheil in der Kaserne um.
Wir haben so furchtbare Angst vor Polen
und wissen selbst nicht recht, warum.

Ob Leid dort harret oder Verderben,
es trägt uns keiner die Kunde zu.
Doch nach Polen gehn ist schlimmer als sterben,
denn wenn man tot ist, hat man Ruh.

Morgen bist du es, trifft's heut auch den andern.
Wir alle sind schutzlos und ohne Recht
und müssen friedlos weiter wandern,
als Ahasvers armes, gequältes Geschlecht.

 

Morgen gehn fünftausend fort

 

Morgen gehn fünftausend fort
in einem gigantischen Polentransport.
Fünftausend Menschen, Freunde, Gefährten,
die mit uns litten, mit uns entbehrten.
Wir sagen »Leb wohl!« und wünschen dabei,
die ganze Qual wäre endlich vorbei.

Es ist kein gutes Gefühl zu bleiben,
wenn andre ins Ungewisse treiben.
Sie packen die Bündel mit verschlossenen Mienen,
schon klafft ein Abgrund zwischen uns und ihnen.
Es ist nur ein Zufall, daß wir blieben,
werden wir morgen weitergetrieben?

Was hält uns hier fest, daß wir klagen und jammern?
Ist es die Heimat, an die wir uns klammern?
Die Fremde ist feindselig, kalt und voll Grauen.
Wir können dem Freunde ins Auge nicht schauen.
Ob er es wohl verzeiht und versteht,
daß man hier bleiben mag, wenn er geht?

Dann geht er davon, in der anderen Reih'n,
und man bleibt zurück, beschämt und klein.
Nein, wir sind nicht edel, wir sind nicht groß,
wir kommen vom irdischen Kram nicht los.
Und der Zug der Scheidenden ist noch nicht weit,
da sind wir schon zu vergessen bereit.

 

Wiegenlied vom Polentransport

 

Schlaf, kleiner Freund, du bist ja so müd!
Es singt der Zug sein eintönig Lied,
die Nacht kommt auf leisen Sohlen.
Du bist noch klein und findest noch Ruh,
mach deine lieben Augen zu:
Es geht jetzt fort - nach Polen.

Schlaf, Kindchen, wir sind schon so weit!
Ach, längst versank in der Dunkelheit
die Heimat, die man uns gestohlen.
Wir hatten sie lieb, man nahm sie uns fort.
Nun sitzen wir schweigend und finden kein Wort
und fahren weit - nach Polen.

Schlaf, kleiner Freund, ich sehe dir zu,
ich will aus deiner süßen Ruh
mir Trost und Stärkung holen.
Die Sterne leuchten hell und rein,
ich will nicht länger traurig sein -
Gott gibt es auch in Polen!

 

Die Schafe von Liditz

 

Flockige, gelbweiße Schafe
trotten die Straße entlang.
Zwei Hirtinnen folgen der Herde,
durch die Dämmerung tönt ihr Gesang.

Es ist ein Bild voller Friede
und doch bleibst du, Eilender, stehn,
als fühltest du Hauch allen Todes
grausig vorübergehn.

Flockige, gelbweiße Schafe,
sie sind der Heimat so fern,
verbrannt sind ihre Ställe,
getötet sind ihre Herrn.

Ach, alle Männer des Dorfes,
sie starben den gleichen Tod.
Ein kleines Dorf in Böhmen,
und soviel Unglück und Not.

Verschleppt die fleißigen Frauen,
die sorgsam die Herde betreut,
verschollen die fröhlichen Kinder,
die sich an den Lämmern gefreut.

Zerstört die kleinen Häuser,
in denen der Friede gewohnt.
Ein ganzes Dorf vernichtet -
das Vieh nur gnädig verschont.

Das sind die Schafe von Liditz
und trefflich am Platze hier,
in der Stadt der Heimatlosen
das heimatlose Getier.

Umschlossen von einer Mauer,
durch grausamen Zufall gesellt,
das gequälteste Volk der Erde
und die traurigste Herde der Welt.

Die Sonne ist untergegangen,
der letzte Strahl versinkt.
Und irgendwo bei den Kasernen
ein jüdisches Lied erklingt.

 

Die Sieben

Düstre Wolke überm Land.
Sieben wandern Hand in Hand.
Ob der Herr es sieht?
Gendarme schultern Bajonette.
Keiner ist, der Mitleid hätte.
Einer singt ein Lied.

Und er singt der Welt, der weiten
Freunden, die zum Tode schreiten,
schmettert Rebellion.
Singt sein Lied am Rand des Grabes,
an der Neige finstren Tages.
Der Wind weht es davon.

Brüder, laßt das Haupt nicht sinken!
Einst muß doch die Freiheit winken,
trotzend aller Not!
Laßt das Jammern, laßt das Klagen,
laßt uns stolz das Schicksal tragen.
Es geht zum frühen Tod.

Brechen sie uns auch die Knochen,
hört, sie bleibt nicht ungerochen,
ihre Missetat!
Werden unterm Fluche stöhnen,
und es sprießt ein Meer von Tränen
aus der Drachensaat.

Sieben Kerzen für die Toten.
Finster ist's in der Kaserne.
Sieben Lichter für die Toten.
Sieben goldne Davidsterne
leuchten in die Nacht voll Grauen.
Sieben in die Lichter schauen...

Oh, sie starren in die Lichter -
Herr, vertilge das Gelichter,
diese ekle Brut!
Wann wirst du uns, Herr, erlösen
von der Zeitenlast, der bösen,
rächen schuldlos Blut?

Unser Volk darf nicht vergehen.
Wieder wird am Himmel stehen
Davids goldner Stern.
Ja, du wirst auf eh'rnen Schwingen
uns die Freiheit wiederbringen,
sei sie noch so fern.

 

Ich wandre durch Theresienstadt

 

Ich wandre durch Theresienstadt,
das Herz so schwer wie Blei,
bis jäh mein Weg ein Ende hat,
dort knapp an der Bastei.

Dort bleib ich auf der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus.
Ich möcht so gerne weitergehn,
ich möcht so gern - nach Haus!

»Nach Haus!« - du wunderbares Wort,
du machst das Herz mir schwer.
Man nahm mir mein Zuhause fort.
Ich habe keines mehr.

Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei.
Theresienstadt, Theresienstadt,
wann wohl das Leid ein Ende hat -
wann sind wir wieder frei?

 

Fünf Jahre

 

Manchmal, wenn ich durch die Straßen gehe,
entronnen dem Getriebe der Kaserne,
fällt es mir ein, wenn ich hier Kinder sehe -
auch du hast Kinder, Kinder in der Ferne.

Hier weckt so schmerzlich-süß Erinnerungen
mir eines fremden Mädchens heller Blick.
Der Wildfang dort, wie gleicht er meinem Jungen
ich bleibe stehn und sehe lang zurück.

Fünf Jahre sind's, seitdem sie fortgezogen,
zu fremden Menschen in ein fremdes Land.
Wir blieben hier, um unser Glück betrogen,
wir blieben hier, in Leid und Not gebannt.

Fünf Jahre schon - ich kann es kaum begreifen.
Die Trennung machte müde mich und grau.
Sie ließ zum Jüngling wohl den Knaben reifen,
das kleine Mädchen zur erblühten Frau.

Seh ich die beiden wohl noch einmal wieder?
Mein Leben ist ein Warten auf dies Glück.
Inzwischen werd' ich trauriger und müder,
denn nichts gibt die fünf Jahre mir zurück.

 

Das ist dir doch schon einmal geschehen...

 

Das ist dir doch schon einmal geschehen,
das hast du doch schon einmal erfahren,
daß Menschen, die deine Freunde waren,
plötzlich an dir vorübergehen
und fremd nach der anderen Seite sehen.

Das war ja schon da und schmerzte sehr,
aber ist auch vorübergegangen.
Man kann von den Leuten auch nicht verlang
daß sie für dein exaltiertes Gefühl
die eigene Sicherheit setzen aufs Spiel.

Nein, so weit reicht ihre Freundschaft nicht.
Man muß verschwenden, wenn man liebt.
Drum magst du gern dich ganz verschenken,
du darfst nur eines nicht: dran denken,
daß man dir etwas wiedergibt...

 

Ade, Kamerad!

 

Ade, Kamerad,
hier teilt sich der Pfad,
denn morgen muß ich fort.
Ich scheide von dir,
man treibt mich von hier -
ich geh mit dem Polentransport.

Du gabst mir oft Mut.
Treu warst du und gut,
zum Helfen immer bereit.
Ein Druck deiner Hand
hat die Sorgen gebannt.
Wir trugen gemeinsam das Leid.

Ade, Kamerad,
um dich ist es schad.
Der Abschied wird mir schwer.
Verlier nicht den Mut -
ich war dir so gut.
Jetzt sehn wir uns nimmermehr.

 

Abschied

 

Eines Tages ist alles zu Ende,
jeder Kummer und jedes Weh.
Dann reichen wir uns die Hände
und sagen einander Ade.

Dann öffnet sich uns die Pforte,
wir gehen ins Leben zurück,
wir scheiden ohne Worte
und tauchen nur Blick in Blick.

Wir sind nicht länger gefangen,
und freundlicher winkt das Geschick.
Doch mit dem Leid, das vergangen,
vergeht unsrer Freundschaft Glück.

Ich kann deine Hand nicht mehr fassen,
die Mut mir oft gab und Ruh,
denn auf verschiedenen Gassen
gehn wir der Zukunft zu.

Beim letzten Druck der Hände
versagt mir jedes Wort.
Ja, jedes Leid ist zu Ende -
aber du, aber du bist fort.

 

Emigrantenlied

 

Schluck runter die Tränen, verbeiß deinen Schmerz,
hör nicht auf das Schimpfen und Schmähen!
Dein Wille jedoch sei hart wie das Erz,
die Not zu überstehen.

   Denn alles wird gut, denn alles wird gut,
   ertrag geduldig das Warten.
   Vertraue der Zukunft, verlier nicht den Mut,
   die Welt wird wieder zum Garten!

Dann endet die Zwietracht, der Haß und die Gier,
und alles Leid hat ein Ende.
Dann sagt dein Feind »Bruder Mensch« zu dir
und reicht beschämt dir die Hände.

   Denn alles wird gut, denn alles wird gut,
   ertrag geduldig das Warten.
   Vertraue der Zukunft, verlier nicht den Mut,
   die Welt wird wieder zum Garten!

Und du brauchst nicht länger mehr ferne zu stehn,
wenn andre sich freuen und lachen.
Für dich auch wird die Sonne aufgehn,
für dich das Vöglein erwachen!

   Denn alles wird gut, denn alles wird gut,
   ertrag geduldig das Warten.
   Vertraue der Zukunft, verlier nicht den Mut,
   die Welt wird wieder zum Garten!

Für dich strahlt die Sonne, für dich grünt der Baum,
du hast wieder Heimat und Brüder.
Das Böse vergeht wie ein schwerer Traum,
das Leben beseligt dich wieder.

   Denn alles wird gut, denn alles wird gut,
   ertrag geduldig das Warten,
   vertraue der Zukunft, verlier nicht den Mut,
   die Welt wird wieder zum Garten!

 

Bekenntnis

 

So weit mir mein Erinnern reicht,
seit meinen frühen Kindertagen,
hab nie mein Judentum ich leicht,
hab nie ich's unbewußt getragen.

Es war die Wolke grau und bang
auf jeder sonnbestrahlten Stunde,
der Wermut in des Lebens Trank,
die nie vernarbte, offne Wunde.

Und fand ich einmal bißchen Glück,
war einmal Freude mir beschieden,
dann riß es grausam mich zurück
und raubte Ruhe mir und Frieden.

Erst setzte ich mich noch zur Wehr,
dann hatte ich mich müd gestritten.
Es wurde ja auch immer mehr,
was ich erduldet und erlitten.

Was meinem Herzen teuer war,
hat nach und nach es mir entrissen,
und doch wird es mir heute klar:
Ich möcht mein Judentum nicht missen.

Ich bin in Worten nicht gewandt,
und kann es nicht mit Worten nennen,
was ich wie einen Feuerbrand
fühl für mein Volk im Herzen brennen.

Und stellte man mich vor die Wahl,
ich dächte nicht an Leid und Reue.
Ich wählte wieder neue Qual
und hielte meinem Volk die Treue.

 

Anmerkungen: Die hier gezeigten Bilder sind alle von Bedrich Fritta (eigentlich Fritz Taussig) und wurden im Lager Theresienstadt gemalt. Bedrich Fritta war der Leiter des "Zeichenbüros" im lager und hatte so Zugang zu Papier und Tinte.