Die Unterwelt 1919 - Iwan Goll

Iwan Goll
 

Die Unterwelt

Gedichte


 

S. Fischer Verlag
Berlin
1919


Inhalt

Der Styx

Die Kloaken

Der Möbelwagen

Die Kanarienvögel

Das Kälbchen

Reise ins Elend

Der Mann an der Barriere

Die Schläfer

Die Betjungfern

Die Einsamen

Maternité

Möblierte Zimmer

Nachtwandlerinnen

Du weißt es nicht

Sterben

Trauermarsch

Die Ahornallee

Die Quelle

Der Birnbaum

Der Variete-Neger

Welle und Wolke

Die Frager vor dem Ozean I, II

Karawane der Sehnsucht

Bäume, meine Brüder

Herbst-Seele

Samstagabend

Gesang aus einer Zelle

Säuglinge

Und alles glaubt noch tief an Gott

Der Laternenmann

Die Reue

Verbrecher

Die Kokotte

Die Kindsmörderin

Die tote Bürgerin

Der Passant

Das Fenster

Demonstration

Die Säufer

Schwof

Die Betteljuden

Der Kanal

Der Tröster

Der Weichensteller

Vision des toten Vaters

Der ewige Schiffbruch

Die Katze

Gebet an einen Hund

Die Steine

An den Hügel

Die Heilige in der Unterwelt I, II

Der Dichter und die Leserin

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Claire Studer zu eigen

Der Styx

Du aller Städte Styx!Verfemtes Wasser, das mit faulen Fischen an den Himmel
   atmet!
Zu dir, zu dir hin sinken die Bettler des grauen Tags,
Zu dir hin alle Verwanderten der Welt!
Sie winken wie die Schatten an den Ufern, fast wie die
   Antiken, pathetisch,
Doch sind sie noch viel toter als die Toten! Noch viel müder!
Es braucht kein Charonkahn mit Trauersegeln aufzusteigen!
Sie stürzen hin, o nur den Kopf zur Erde legen:
Ein Pflock genügt, ein Grasbusch, sieben Halme,
Der Erde nackte Schulter nur und eine Stunde ohne Polizei.
Das Wasser fließt vergessen. Mütterliches Wiegen und
   Gedulden.
Und fern, fern hinter Dämmen, Türmen, Schlafgewölb der
Menschen:
Steigt eine eiserne Brücke, leis und tanzend aus der Erde,
Ein schwarzer Regenbogen, eine unendliche Hoffnung, in
   die mondgoldene Wolke!


Die Kloaken

Trostlose Häuser bleichende Gebeine, Fenster Wimpern
   ohne Brauen,
Am Himmel angehängt wie Wäsche schmutzig, und in nassen
   Gassen schleifend,
Tief in den Hinterbuden flattern die Petroleummotten um
   die Maggi- und die Seifenhügel.
Treppen klettern, morsche Seufzer, von den keifenden
   Türen herab,
Dahinter ungekämmte Mütter ihre feindliche Brut verzanken.
   (Aber ein Mädchen im Hausflur
   Küßt in einem roten Bonbon
   Den großen Gott Orion.
   Traum um ihre Zöpfe flattert Frühling,
   Dunkle Quellen rauschen ihre Augen,
   Darinnen die Monde
   Wie Eimer auf und nieder geh'n)
Kohlewagen schleifen auf der Straße immerzu den Dreck
   des grauen Herbstes.
Von dem Bock der Lastautos bleckt der Verbrecher
   bröckelndes Relief.
Türen schnarren auf und zu. Ein Mord schielt in verschlos-
   sener Hinterbude.
Trostlose Häuser bleichende Gebeine. In den dumpfen
   Schlafgemächern
Zuckt das rote Blut der Menschen und zerreißt den Abend
   grausam.


Der Möbelwagen

Ins elende Jahrhundert stiegen die enormen Pferde,
Mit qualzerstochnen Augen, brüllende Empörer, stampfend
   auf der Pflastererde,
Am Möbelwagen angeseilt, rauchende Regenrücken.
Gott ritt auf ihrem Lederrist. Sie wuchteten wie schwere
   Brücken.
Doch der verbrannte Rotbart schrie. Vom Himmel nieder-
   blitzten seine Hiebe.
Aus Branntweinaugen troff des Menschen Erdenliebe.
Mit roten Schloten drohte rings die tackende Chaussee:
Zum Himmel wieherte ihr namenloses Weh! -
Da barst ein Rad. Der Möbelwagen stürzte donnernd in den
   Dreck der Gossen.
Der Mensch empörte sich. Die Pferde aber standen rauchend,
   gnadeüberflossen.


Die Kanarienvögel

Die Traurigsten des Sonntagnachmittags, die Kanarienvögel,
Schaukeln ihres Käfigs Geäste
Im blauverblichenen Walde der Tapeten.
O selbst die kleine Witwe, ihre alte Schwester,
Ließ sie allein: sie trug ihren Sommerhut
Behutsam in die Lindenstraße hinaus,
Mit all der Sehnsucht ihres schüchternen Herzens!
Auf seiner Photographie funkelt noch immer der Kavallerist,
Um die Lampe stürzen Wasserfälle der Sonne,
Die gelben Stimmehen aber verlangen zu fliegen, zu fliegen
Fern, fern ins Meer entglühender Wolken,
Schaukeln die eisernen, klirrenden Äste des Käfigs,
Die Traurigsten des Sonntagnachmittags, die einsamen
   Vögel.


Das Kälbchen

Du zarte Mahnung, Morgenwolke Über dem zeitlosen Jahr,
Wie küßt du das erglühte Gras und die blauen Kronen,
Die dir dein Wiesen-Lethe blüht!
Erstaunte Gänseblumen, deinem milden Maul
Mit Angst und Glück dahingeschmolzen,
Wie Mädchen im Ballsaal, welche wird es treffen?
Und klirrendem Kristall,
Den tausend Himmeln des getropften Taus
Entschwebend fühlst du dich getragen!

So bist du ach befreit und merkst es nicht,
Wenn morgen dich ein schwarzer Sturm, ein Metzgerwagen
Hoch über Wiesen und Bäume und Brücken entführt,
Und dich umgibt noch immer göttlicher Frühling,
Du trittst in veilchenschäumende Wiesen noch,
Wenn Bürger schon die goldene Kalbshaxe schmatzen.


Reise ins Elend

Wie aber schmerzt die Menscheneinsamkeit,
Wenn Landschaften mit gleichem Leid wie du sich von dir
   wenden
Und in sich selbst versinken, dir so fremd!
Wenn klein ein Bahnhof dich in kalten Regen stößt,
Ein Güterwagen leer und ohne Zukunft dich anbettelt.
Da kriecht ein fahler Gaul auf dunklem Acker,
O, wenn der wüßte, daß du existierst
Und du ihn liebst, ihm würden Flügel blau zum Himmel
   wachsen.
Manchmal schaut Wasser auf zu dir mit großen Augen,
Und weil es nicht dein Lächeln sah,
Fällt freudlos es und schal in sich zurück.
So läßt du alles dort allein. Es reißt dein Schicksal dich
   dahin.
Die alte Bucklige am Damm wird ewig nach dir blicken,
Untröstlich steht das schreiende Plakat am schiefen Giebel.
So läßt du alles dort allein in unerfüllter Liebesdemut
Und weißt es doch, daß, Einsamer, dich eine Stadt erwartet,
In der du weinen wirst die lange Nacht im billigen Hotel.


Der Mann an der Barriere

Jener Mann an der Barriere stand, ach so verlassen!
Tief geduldig unter seinem Himmel,
Und die Strassen hinter ihm, der ganze Mittag:
Alles mußte warten, bis mein Zug vorbei, der Zug der
   Sehnsucht!
Ach als war die ganze Welt, nur mir zu dienen, mir in
   Demut aufzuwarten,
Als ob ich der Kaiser war, ein Sturm, ein Schicksal,
Wagte keiner, nur zu lächeln! nur zu lächeln!
Aber jener Mann, (er trug ein rotes Ding in Händen),
Sah mich schwinden hin in tiefe Horizonte, hin unendlich,
Ewig unbekannter Freund! Und war es nicht, als höbe er
   die Hand
Und würfe mir sein rotes Herz schnell nach?


Die Schläfer

O Qual, die in den tiefgegrabenen Zimmern auferwacht,
Mit seinem Haupt zerstößt der Mensch die purpurnen
   Baldachine,
Und mit der blutigen Hand erstickt er die träumenden
   Engel der Nacht.
Es war umsonst. Es war umsonst. Der Alltag kratzt sich
   grau vor der Gardine.
Es war umsonst, was sie mit aufgekerbtem Munde aus-
   geschrien,
Es war umsonst, daß sie die Erde aufgewühlt mit müden
   Knien,
Wie Kandelaber brannten sie, verbrannten in ihren Finster-
   nissen.
Und hätten sie die Sterne auch mit sich ins Chaos hin-
   gerissen:
Es war umsonst! Da steht mit seinem grauen Aug' der
   angezogne Tag
Und bricht das rosige Fenster ein und donnert plötzlich
   schweren Schlag.
Die Menschen stampfen und marschieren. Dampfwalzen
   stanzen.
Die Sonne überwölbt die Erdenhölle schon mit schmerz-
   geglühten Lanzen.


Die Betjungfern

Wenn die silbernen Glöcklein aus frühen Kapellen springen,
Huschen wir mit wehenden Schleifen hinaus in den wer-
   denden Morgen
Und halten ans trockene Herz die Asche der langen Nacht
   geborgen,
Die uns so schwer auf die Augen fiel, und werden sie zum
   Opfer bringen.
Auch ist soviel Erinnerung ins ausgeküßte Betbuch
   gedrückt,
Ein Veilchen, dünn und blaß wie Papier, einst in grandiosem
   Frühling gepflückt.
Wie Kerzen und Kelche heiß aus kalten Kirchen stechen,
Fühlen wir ums morsche Kinn und die spitzen Augen
   Rosenschein brechen.
Was wissen die Schläfer in ihren Häusern von Tag und
   Gotteslust:
Um Sieben, wenn sie erwachen, sind wir schon soviel
   Lebens bewußt!
Immer flattern wir mit den ersten Schwalben auf und wehen
Zum Einsamen und Allsamen, der nichts vergessen läßt
   und nichts vergehen.


Die Einsamen

Sie wandern täglich zum Boulevard und kehren täglich
   einsamer heim,
Sie blicken in jedes braune Aug' und möchten so gern einmal
   Bruder sein,
Hingeben sich einem lächelnden Mund, o an ein fremdes
   Leid hinsinken!
Sie sind von denen, die immer im hochgeschlagenen Mantel
   frieren
Und vor den Kinos stehen bleiben und den großen Hotels,
   die im Abend blinken,
Sie träumen selig Kinderland vor Konditorein und
   Juwelieren,
Ach sie möchten sich so an den liebenden Bruder verlieren!
Sie haben so eine Seele voll von dunklem Glück und Dank,
Die schaukelt wie ein offener Kelch im schattigen Dorn-
   gerank,
Draus Tränen und Tau träufelten viel, kam' nur ein leiser
   Wind vorbei,
O käme nur Einer, ein wildfremder Mensch, und hörte
   ihren stummen Schrei.


Maternité

Die Stille sickert mild in den geliebten Schwesternstimmen,
Fern ist der regnerische Alltag, der noch draußen fiebert.
Hier aber liegen sie in einer Wolke: um die magre Schläfe
Das unwirsch glatte Haar und großer Augen abgebrannte Dochte.

Oft quält sie dumpfer Mannesruf,
Doch Schwestern singen drein ihr Gotteswort,
Und Türen flattern auf, und Schreie wie erschreckte
   Dohlenschwärme,
Da zuckt ein Leib, und Lilien brechen steil aus ihrer Qual -
Noch kommt kein Tag, noch ist kein Fenster rosig angepudert,
Was aber steigt und steigt so rund und rot und warm
Wie eine Kugel schäumend aus der irren Nacht?
Die Mutter wirft sich wie ein Meer, und eine Muschel am
   Gestade blinkt:

O Mensch, ein neugeborner Sohn.


Möblierte Zimmer

Wir Götter, immer auf der Wanderung,
Enorme Berge Illusion im kargen Koffer,
Pochende Landschaften erregter Reise toll,
Von ungeduldigen Menschen und verbrauchten Städten
   schwer:
Nun ist ein neuer Himmel schon gemietet,
Ein Diwan seufzend unter unsrem Schlaf, der unter tausend
   andern seufzte schon,
Und eine huldvoll aufgebauschte Wirtin,
Blechernes Teetablett und die versüßten Abendgrüße.
Und fremde Freundinnen, am Fenster lehnend,
Die soviel Götter schon zu Menschen machten,
Auch uns, den Bettlern, ist ihr Herz gehörig
Nebst einer lächelnden Photographie.


Nachtwandlerinnen

Wie Wellen braunen Stromes wandeln wir längs am Asphalt,
Wie Wellen voll Ergebung, alle gleich an Schicksal und
   Gestalt.
Vielleicht, daß Vögel uns zu Häupten zwitschern: aber keiner
   darf sie hören!
Der Schminke Schnee deckt dunkle warme Sehnsucht, ohne
    die wir wohl zutode frören!
Es ist viel Rot auf unserem Mund, und doch ist unser Wort
   so blaß,
Die Männeraugen stechen goldne Dorne tief in unser Heisch
   wie Haß!
Als Louisdors umgaukeln Bogenlampen leuchtend unser
   Schreiten
Und streun ihr Licht wie Schaum um uns: das lassen wir
   wie Trost an uns vergleiten.
O ihr in euren Häusern steif, ihr Schwestern lässig überm
   Boulevard,
Ihr alle seid in unsrer Wanderung mit eurem Blut, mit
   eurem Blick, mit eurem Haar:
Nausikaa und Madame Bovary und Kaiserinnen und
   Madonnen,
Ihr Schämigen seid alle da und kommt aus tiefer Nacht
   geronnen -
Ihr aber wandert nur im Traum, und wir sind wach an
   unsrem Leid:
Wir sind ja alle Dirnen nur, bis Einer kommt, der uns
   zu uns befreit!


Du weißt es nicht

Du weißt es nicht, wie viele fahle Kinder für dein Gaslicht
   frieren,
Und wieviel Nächte bleich in die Gardinen eingewirkt.
Du weißt nicht, wieviel Bitterkeit in Plauderzimmern
   zischen kann,
Wieviel verborgene Liebe auf den Tischen lachender
   Menschen trocknet.
Du siehst die Häuser, alle steil mit Regenfalten ums
   verhängte Fenster -
Doch weißt du von der Leidenschaft, die in den schwülen
   Alkoven brodelt?
Familien sind mit wehen Kindern, die immerzu mit dem
   Herrgott ränkeln,
Du weißt nicht, wieviel Schwere noch an einer Liebesgeste
   klebt,
Und kennst des Ärmsten Abgrund nicht, der dir den blauen
   Scheck signiert.
Du weißt es nicht, wieviel ein Mensch
An Demut tragen muß, um Mensch zu sein.


Sterben

Die Pest durchsintert die Tapetenwände,
Auf denen regelmäßig drei Vergißmeinnicht im Schnabel
   einer Schwalbe -
Drei Vergißmeinnicht - o große Nacht!
Der Leib der Greise morscht zum Sargbett,
Karaffen platzen apothekegrün:
Die Stunde kommt der blechernen Krähen,
Und Knaben verlöschen in den heimlichen Türen.
Sehnsucht wandauf wandab wie Mäusegezirp:
Landschaften: Fieberfliederwolken -
Da ordnen Glocken sich schon zum Begängnis!
Ein letzter offner Mund aus Nebenzimmern: das ist die
   Liebe!
Draußen, über die Felder schweift der Himmel wie eine
   Wölfin.


Trauermarsch

Was bin ich immer in den Leichenzügen,
Von Regen hingepeitscht, von Rabenflügen
Umweht, und schaue alte irre Witwen tanzen,
Und Nonnen beten still, und Knaben halten lachend die
   Monstranzen.
Was bin ich immer bei den Zweifelhaften,
Bei Toten und Verwünschten, die am Krame haften,
Im kalten Regenwind der Einsamkeiten!
Was hör' ich immer dumpfe Särge in die Erde gleiten,
Kirchtürme rasen wie gegeißelt um den Himmel immer,
In jeder Gasse hockt ein bettelndes Gewimmer:
Mein Leben ist ein Regnen und ein Klagen,
Ein langes Sterben von Novembertagen.


Die Ahornallee

Deine Ahornseele, seufzende Allee,
Und die meine sind so leise Schwestern!
Du und Ich von einer Ewigkeit!

Unsre städtischen Laternen werden brennen,
Und die Bürger werden abendwandeln.
Hinter Büschen schämt sich schon die Nacht.

Ahornseele oder Menschenseele!
Unsre Pflicht ist's, über Brunnen schluchzen.
Höre doch den blauen Schutzmann schnupfen!


Die Quelle

Die Quelle weint, weil sie mich liebt.
Ich aber kann ja gar nicht Flöte spielen!
Nicht einmal Okarina!
Ich bin ja leider nicht sentimental.

Und dennoch gibt es Quellen, die sich nächtelang zerschlagen
Und langsam, langsam sich zu Grabe tragen,
Weil ich an ihrem Rande stand!

Quell-Liebchen, sieh, ich habe einen Frack an!
Bin kein Narziß und dufte nach Pomade!
Weshalb ich deiner Flut mein Bildnis schenkte?
Warum ich Sehnsucht dir gestand? Ich untreu?

Die Quelle weint, weil sie mich liebt.
Doch heute Abend, leider, muß ich in die Oper!


Der Birnbaum

Hier schluchzten Abende,
Hier lagen Engel in der Morgenmulde.
Wie floß der Hügel nymphenschwebend dir zu Füßen,
Du Gott der Hur! Und nun:
O Birnbaum der Verzweiflung! Buckelgreis!
Dein hungerndes Gefleh, dein schlaffer Bettelarm
Zerkratzt die müde Sonne!
Hier hockt des Nachts das Klageweib und höhnt den
   Herbst.
Und nachmittags, da zirpen Gassenjungen dir. Ein Kinder-
   wagen
Lehnt im imaginären Schatten deines Laubwerks.
Hilfloser, stummer Schrei der Erde bist du,
Gekränkter, kranker Baum,
Im Tal des Ziegelschutts und der Konservenbüchsen!

Und nur der Herbstwind, dein vertriebner Bruder,
Regnet manchmal auf deine wunde Seele
Und bringt dir Meeresatem, Sternerinnerungen.


Der Variete-Neger

Schluchze dich aus an Europa!
Leg dein Haupt auf die Moschushügel der Ladnerinnen!
Manolizigaretten schlummern so blau!
Süß ist das Leben, mein Bruder!

Doch ich weiß, wenn das Klavier aufrülpst,
Und Mandolinen dein Herz zerkratzen,
Regt sich dein Urwald.
Braune Büffel wandern alt am steinigen Flußlauf,
Sonne zerstampft deine goldenen Sommer.

Dann: unendlich groß wird deine Sehnsucht!
Tränen tröpfeln in das Tipperary.
Kellner schweben aus Feuerbüschen wie einst der Gott,
Und das Nilpferd deines Herzens brüllt durch die Welt!


Welle und Wolke

Bist du Welle schon, bist du noch Wolke?
Noch verhaltnes Lächeln, Jungfrau der Winde,
Heimverlangen zum Himmel?
Oder schon heimliches Wandern
Hin zur Niederung, hin zum Sturz,
Seele der Wasser?
Schicksal, das sich nicht entscheiden will,
Schwebende Frage zwischen den Himmeln,
Wolke halb und halb schon Welle,
Seele noch und doch schon Schwere?

Ach, ich reiße dich, Irdische,
Hin in meine menschlichen Wirbel,
Weibliches Meer!
Sklavin seist du der Welt, dienende Magd,
Unserer Unterwelt geboren,
Mußt du gebärend die Schluchten durchschrein!
Du gefallene Engelswolke,
Kreischendes Regenweib der kranken Städte,
Klagende Hure der mondleeren Gassen,
Ewige Verbrecherin!

Aber schuldlos lächelst du,
Lächelst aus meiner Kloake noch,
Leuchtest und glänzest und glühst
Tief aus der Nacht der Verfluchung,
Welle mit goldenen Fischen und Sternen im Grund!
Nebel umpurpurn deine Scham,
Irdisch-himmlische Geliebte,
Schwebst aus meiner Umarmung, wächsest, entblühst mir,
Junge Palme, schäumend Gezweig und silberner Vögel
Meergesang auf der Lippe!
Sag, was flatterst du,
Schwelgst und schwebst,
Seele des Wassers,
Neues Rätsel zwischen den Himmeln, wirbelndes Weib,
Mutter und Tochter in Einem:
Bist du Wolke schon, bist du noch Welle?


Die Frager vor dem Ozean

I

Bist du der Geist,
Der Schöpfer, Hundertstimmige,
Der zeugend aus dem eignen Schöße bricht,
In sich vereinigt Nacht und Licht?
Der Geist,
In tausend Wellen auseinanderfallend,
Und doch mit jeder ganz die Welt umkrallend?
Sowohl im Tropfen als im Ozean
Machst du der Sonne Lauf dir Untertan,
Du Stürmischer, du Mürrischer,
Du hundertäugiger Bison,
Immer an des Himmels offnes Tor anrennend,
Kranich, an des eignen Huges Glut verbrennend.
Bist du der Geist,
Der Salzige, Selbstherrliche,
Der alles ätzt und alles löst,
Die Erde um und um zerstößt,
Der alles aufreißt, aufschreit und vernichtet,
Und dennoch Kraft an Kraft und Well an Welle schichtet,
Der Geist, der alles weiß
Und doch so unwirsch, jünglingheiß
Sich martert, anklagt und sich schlägt,
Das Meer, sich zu befrein, bewegt,
Der zwischen Erd und Himmel schwebt,
Doch auch im Trinkglas seinen Sturm erlebt -
Der Geist, der allem Sein die Wage hält,
Und doch der Freieste der Welt?

II

Oder bist du die Seele? Das Weib,
Das Süchtige, das Bangende,
Das jeden Mannesfels umbuhlt und gleich auch flieht,
In jeder Stärke Feind und Sieger sieht,
Das seine Scham verbirgt, daß sie noch höher schwelle,
Und gibt und nimmt mit jeder Welle?
Bist du die Seele,
Die Langende, Ergebene,
Die Hingesunkene,
Die jedem Ufer, tausendfach sich gibt
Und doch nur Eines immer wirklich liebt?
Die Trunkene, Getrunkene,
Die immer flattert, tanzt und lügt, sich zu enteilen,
Und niemals kann im Wirklichen verweilen?
Bist du die Stolze und die Schüchterne,
Die Leidende um letzte Seligkeit,
Suchend in jeder Stunde Ewigkeit:
O Menschenseele, Wasserseele
Die wild das All umbuhlt, umarmt, umstellt -
Und doch die Einsamste der Welt!


Karawane der Sehnsucht

Unsrer Sehnsucht lange Karawane
Findet nie die Oase der Schatten und Nymphen!
Liebe versengt uns, Vögel des Schmerzes
Fressen immerzu unser Herz aus.
Ach wir wissen von kühlen Wassern und Winden:
Überall könnte Elysium sein!
Aber wir wandern, wir wandern immer in Sehnsucht!
Irgendwo springt ein Mensch aus dem Fenster,
Einen Stern zu haschen, und stirbt dafür,
Irgendeiner sucht im Panoptikum
Seinen wächsernen Traum und liebt ihn -
Aber ein Feuerland brennt uns allen im lechzenden Herzen,
Ach, und flössen Nil und Niagara
Über uns hin, wir schrien nur durstiger auf!


Bäume, meine Brüder

Bäume, meine Brüder,
Ihr voll Sehnsuchtsleid und heimlicher Schwalbennester,
Überm tausendköpfigen Garten
Seid ihr die Einsamen, seid ihr die Einfalt.
Habt auch ihr der Blätter Tausendlippe
Und die vielfach umarmenden Äste,
Alles zu umfangen in schattiger Güte:
Ihr Gelassenen, ach, wie verlassen seid ihr,
Fern der Gemeinschaft!
Straßen dürsten, wandern fern vorbei,
Wagen entrollen, Vögel entlodern, alles ist frei,
Aber ihr Treuen, ihr einsamen Männer,
Überragende, göttliche Beter,
Die ihr nichts zu fliehen, nichts zu erreichen mehr habt,
Sündlos Vollkommene ihr,
Welche Sehnsucht zieht auch eure Körper
Noch zu Herbsten, zu Kniefall und Sterben hinab?


Herbst-Seele

Voll welker Äste, toter Vögel bin ich.
Hinschmolz der Himmel, meiner Seele Spiegel.
Die kranken Bäume rauchen wie Kamine
Schwarzer Vorstadt.

Und Nacht liegt um die Welt: zementne Mauer.
Wo sind die Märchen: Waldsaphir! Profile
Erschrockner Engel! Gestern noch die Rosen!
Ach, und heute!

Nichts blieb am Leben. Nur am schmalen Bäumchen
Der Sehnsucht blasse, tropfende Zitronen,
So bittrer Schmerz, daß noch der ferne Frühling
Bitter sein wird.


Samstagabend

O Samstagabendvolk, tagmüder Heizer, tändelnder
   Kommis,
O ich bin unter euch und will den großen Abendstern euch
   schenken,
Den billigen Brillanten euch in die Krawatte senken.
Seht in den Spiegeln der Confiserie,
Hier leuchten Träume, die euch aus dem Alltag heben,
Erstaunt! Ihr sollt mit mir bis an den Rand des Überflusses
   schweben.
Der rote Seelachs und Ägyptens Datteln sind euch vor-
   bestimmt!
Dies ist die Zeit, wo jeder Mensch sein Glück aus tiefer
   Westentasche nimmt
Und sich vergeudet an die Welt. Denn morgen Sonntag
   seid ihr euch Genossen,
Da kommt aus Bruderaugen tief die Güte über euch
   geflossen.


Gesang aus einer Zelle

Durch steinerne Nacht
Tast' ich nach des Himmels goldener Brust:
Stäubt rosa Lächeln um die morgenden Straßen,
Geburt der Schwalben, und das Plätschern
Von Kinderstimmen im warmen Strom der Mütter.

Was nie geahnt ward, weiß ich heute:
Daß die brennenden Kohlenwagen
Lichtlasten, Diamanten aufwärts tragen,
Daß alle müden Gäule meine weinende Seele haben,
Und daß kein Himmel ist ohne dich, Erde!

Nur so versteh, o Herr, meinen Hinsturz,
O daß du den Gefangenen so stumm verständest,
Wenn er von rauschenden Sonnen träumt,
Daß du ihm täglich dein jauchzendes Ja
In den zerschütteten Turm der Erde sändest!


Säuglinge

Oft unterm Schilf des Schlafes sintert Gesang
Von müden Müttern, und daneben tröpfelt
Ein dünnes rosa Rinnsal: Säuglinge weinen!
Die Fäustchen, wie verkrochne Rosen,
Stemmen sie immer gegen den Himmel, sie wälzen
Des Wiegen-Sarges Deckel von ihrem Haupte.
Auch rascheln ihre jungen Frühlingsstimmen
Wie welkes Laub schon, wie papierener Wind
Und klopfen an die feindliche Mauer der Nacht -
So trieft der Gesang, so triefen die Tränen
Aller armseligen Menschen zum dämmernden Leben.


Und alles glaubt noch tief an Gott

O die ihr nie auf Gipfeln auferwacht,
Ihr nachtgezeugten Menschen könnt die Erde liebend nie
   umschlingen!
Ihr müßt euch täglich neu aus dumpfen Nebelträumen
   ringen!
O die ihr Straßen schottert und Kanäle schürft:
Die Erde muß geebnet sein für euren nachtbeschwerten
   Gang,
Dampfwalzen stanzen und die Erdarbeiter müssen stampfen
   tagelang.
Neubauten krallen mit Gestöhn und mit Geramm
Sich langsam in den Makadam,
Und so sind Häuser hingestülpt und kleben an dem
   Erdenrand,
Schwarz angelaufene Kadaver, nie berührt von einer himm-
   lischen Hand.
Die Kinder zetern und die Mütter seufzen und die Kranken
   sterben immer -
Und alles glaubt noch tief an Gott trotz Fluch und Elend
   und Gewimmer.


Der Laternenmann

Knie auf zu mir, du dumpfe Stadt!
Ich bin dein Sohn, dein hochgeborner Sohn:
Ich kenne deine Mütter, die auf eklen Laken schreiende
   Menschen gebären,
Ich kenne deine Kranken, die ein Stückchen Abendfenster
   scheu ans Herz sich reißen,
Ich weiß, was eine Schwalbe dem Gefangenen im
   Zuchthaus wäre,
Und gönnte gern dem Kohlenschipper seinen Rausch
   Absynth -
O Elende!

O du, aus deinem Chaos steig'! Ich will barmherzig sein
   mit dir!
Vielleicht nur so: Ich träte tief in deine Straßen
Und würde dein Laternenmann, mit einem Stern auf seiner
   Stange,
Und könnte dir dein Herz anzünden,
All meine Abendliebe dir verschenken!


Die Reue

Wie schlepp ich schwer an allen Bettelaugen,
Die an mir hingen, bleiern an mir rissen,
Stieg ich im Reisemantel, lachend aus dem Zug der Welt,
Noch Gipfelflug ums Haupt und Ackergüte:
Dreizehn Hotelportiers erwarteten seit Jahren meine
   Ankunft,
Und Kutscher hatten nächtelang den kranken Gaul
   gestreichelt,
Daß er mich im Triumph und schnaubend aufwärts trüge -
(Sie grinsten trauernd meinen gelben Stiefeln nach)!
Und Blumenfrau'n, die klein wie Veilchen knieten
Im Menschendickicht, tief versteckt das goldene Herz!
Doch ich zertrat mit meinem Fuß die ganze hingehaltene
   Liebe -
Ich küßte kleine Tanten des Geizes, streichelte Pelze, lachte
   dem Hund:
Die Menschen sah ich nicht, die mich verfluchten
Und mit den Bettelaugen mich verfolgten.


Verbrecher

Selbst ihr mit dem schiefen Blick unter tropfender
   Gaslaterne,
Schwärende Nebel ums braune Aug' wie um die tiefsten
   Himmelssterne,
Selbst ihr, ganz aufgeschwemmt nächtlicher Schlechtigkeit,
Um deren herbe Faust fiebernder Finger des Traum-
   mädchens greift:
Stumme Pflastertreter, wie Toreros bleckend die rote
   Krawatt',
Schutzmänner und Nachtsybillen verfolgen euch durch die
   schnarchende Stadt.
Doch kommt auch ihr vor granitenem Dom zu stehn
Und hört eine tolle Orgel von den Türmen gehn -
Da steht ihr und erbleicht, zu feig für diese Nacht,
Selbst eurem Marderherzen ist mild ein Gott erwacht.


Die Kokotte

Du allbarmherzige Märtyrerin
Am Kreuzweg aller Asphaltstädte:
Du lächelst aus den Nischen der versteinten Nächte
Wie die Madonnen, die entschwunden sind.
Die goldenen zwanzig Mark sind deine einzigen Sterne,
Und wenn ein Mann dir flucht: das hörst du gerne.
War aber keiner noch, der dich als Schwester auf sein
   Zimmer lud
Und dich anbetete mit seinem Menschenblut?
Ach jede Nacht wirst du zur Jungfrau und erhebst dich groß,
Und vor dir kniet ein Engel oder ein Matros,
Am Morgen aber mußt du wie die Bettelfrauen,
Allein im Hausgang, scheu, dich nach Portier und Hund
   umschauen


Die Kindsmörderin

Sie hatte schnell noch die Teller gewaschen,
Da dachte sie dran, wie jemand sich umsieht, der etwas
   verlegt,
Ein schwarzer Hut schwankte im Fenster vorbei.
Sie lief in ihre Kammer hinauf, wo der Regen ans Herz
   pocht,
Und als der brennende Engel erschien, erschrak sie wie ein
   Kind,
Die Ärmchen vorgestreckt, die ganz erloschen sind.
Schon rollte das Laken rot unterm Bett hervor,
Und wie das kam, daß ein Bauernhaus im Morgen träumte,
Ein weißer Hund um Brombeerbüsche bellte,
Und daß die Brücke wie Wellen unter ihrem Schritte
   nachgab,
Über den Himmel fuhr der graue Gefängniswagen,
Und wie das kam, daß der Frühling blaßrosa an den Ufern
   hing,
Und sie nicht wußte, daß sie selber schwer,
Schwerer als das Laken hinplätscherte,
Hinlächelte in gütiges Wasser, mild und ohne Zorn.


Die tote Bürgerin

Die tote Bürgerin hat Mond wie wir alle!
Nur welkt die Amsel und blaue Aster in ihrem Arm,
Uns tropft der Rinnstein in Schuhe und Seele hinein.

Die tote Bürgerin mit ihren rosa Wölkchen!
Noch gestern sprach sie am Ladentisch vom Regen,
Hatte soviel Liebe für eine samtne Mantille,
Es war eine Geranie rot in ihr Herz geschnitten!

Wie traurig müssen die Gardinen im Hof sein!
Sie haben Mond wie der steile Buchs um ihr Grab,
Und hier wie dort bröckeln Platanen im Herbst!

Die arme Bürgerin! nun ist ihre Schmachtwange blaß,
Die dicken Fingerchen tragen Glühwurmringe.
Es haucht die ganze Welt im Abend aus:
Die Bürgerin hat Mond wie wir alle!


Der Passant

O schlag den Blick nicht zu, entschuldige dich nicht, daß
   auch du lebst,
Mit schwerem Schritt die Erde trittst und büßend deine
   steifen Glieder hebst.
Sind deine Schuh zertreten, ist dein Herz auch morsch: du
   kannst ja nichts dafür!
Wir beide klopfen doch zuletzt zur selben Tür!
Sieh alle, die durch Gassen zu dem abendlichen Himmel
   schreiten,
Die Radler, die vom Bahnhof eilen, und die Dunklen, die
   ins Dunkel gleiten,
Sieh' dieses Pferd, uns brüderlich ergeben, und vom
   Kutscher aufgepeitscht zum Spott,
Dies Pferd, das Lumpen schleppt und altes Eisen, ist ein
   Gott!
O diese Magd, die in dem kalten Hausflur nach den
   Kindern schreit,
Ist tiefgeboren in die Ewigkeit!
Und jener Jüngling, der Gedichte spricht:
Sie alle wandern zu demselben Licht,
Und ob du bettelst, der verleumdet, und ich traumhaft
   nicht mehr bin:
Wir alle tragen nicht die Schuld: wir sind der Erde Antlitz,
   nicht ihr Sinn.


Das Fenster

Du heller Funke im Nachtgebüsch, rötliche Frucht im
   Baum der Welt,
Unsicheres Licht, das ein Schicksal über die Erde hält,
Vielleicht ein Stern, von dem Millionen Menschen nach
   neuen Himmeln schmachten,
Ein fernes Chaos, an die Nacht vergeudend seine unsagbaren
   Prachten!
Oder bist du jenes Mansardenglück mit täglichem Tand
Aus Blech und Porzellan und Ansichtskarten an der Wand,
Und papiernes Schicksal kunstvoll um den Spiegel
   gewunden?
Sitzen zwei Menschen darin, die über sich hinaus gefunden?
Ach die qualmende Lampe über dem Tischrund so engelhaft,
Und das Segelboot des Bettes hat die weißen Spitzen gerafft!
Und nun schwebt des Vorhangs doppelgeflügelter
   Schmetterling,
Schwebt und stößt sich am Fensterkreuz und verdeckt den
   Weltenring.
Kleine Welt, du großer Kosmos, traumfern über dem
   Straßenschacht,
Irdischer Stern, von meinem Fenster grüß ich dich in tiefer
   Nacht.


Demonstration

O da trugen sie heilig im roten Lampion,
Wippend auf einer Knabenstange, das atmende und
   leuchtende Herz des Volks,
Ein Meer rauschte dem steigenden Lichte nach.
Fackeln gössen auf die schwarzen Menschen ein salbend Öl,
Daß jeder aussah wie der erste Befreier.
Stolze Worte wurden durch die Stadt getragen,
Die schwebten in einer Blutwolke vor allen her,
Männliche Musik kollerte von kupfernen Gebirgen herab.
In den Squares ballten sich die Menschen wie Fäuste
   zusammen,
Feurig im Wasser der Nacht zischte der Menge Geschrei.
Aber die glühende Schlange bohrte sich im Tunnel des
   Boulevards hinfort,
Alle Häuser waren mit hellen Fenstern beflaggt,
Stiegen dem trunkenen Strome nach,
Hinaus, hinaus, wo der Redner stand, ein Mann mit einem
   Mund,
Der wie ein Säer mit ruhiger Geste
Goldne Worte der Freiheit in die harrenden Furchen
Dunkler Menschheit streute.


Die Säufer

Verschwenderische, ihr!
An die Abende der ganzen Welt ergeben,
In den Köcher eures Herzens
Alle Straßen der Erde spießt ihr.
Lachend, tanzend, bruderhaft,
Schwebt ihr um die offenen Menschentore,
Unbewußt der tiefen Nachtschlucht
Und des Mords, der hinter allem lauert.
Engel der Asyle und der Bahnhofswarteräume,
Hell um eure Lumpenhosen
Rattern eure goldenen Hügel,
O wer könnte noch wie ihr aus tiefster Menschenseele
   schluchzen,
Wer mit solchem Übermaß
Die liebende Erde an sich reißen!


Schwof

O ihr Schweren, o ihr Feinde Gottes,
Immer hadernd unterm Haß der Uhr,
Immer hastend über den Asphalt:
O ihr Armen in der Illusion!
Öffnet euch und schwingt und schwebet endlich eure
   Prozession!
Schon bereitet sich das Cello, rührt ans tiefe Glück der
   Welt,
Der Friseur, auf seinem Rockschoß trägt um seine runde
   Erde
Die erschrocknen Plätterinnen.
Träum', Soldat, von einer Mutter! Kellner, laß die
   Limonaden springen!
Vögel zwitschern in befreiten Herzen,
Und die Blumen auf den Broschen
Sind mit blauen Augen aufgegangen.
Öffnet euch und schwillt, ihr schweren Menschen,
Tanzt und stürzt euch himmlisch in Musik!


Die Betteljuden

In ihren eignen Tempeln fremd, vor ihrem eignen Gott
   geduckt in die Talare:
Sie warten immer auf das Wunderbare!
Der Augen Ampel fahl nach Osten hingedreht,
Ihr Zwirbelbart der Sehnsucht zittert zögernd im Gebet.
Sie sind enterbte Patriarchen, erdgewordene Traumgestalten,
Die durch den Vorstadtmorgen immer noch nach Engeln
   Ausschau halten,
Und krönen sich die Stirn mit schwarzen Riemenbändem.
Täglich berechnen sie die Feste im Kalender,
Wo sie erbetteln werden ihre Gottesrente,
Und über sie herniederstürzen dunkle Sternenfirmamente.


Der Kanal

Der glatte, lange, langsame Kanal
Fließt unentwegt von Tal zu Stadt und Stadt zu Tal.
Sein Atem ist verhalten. Seine Wellen schlagen matt und
   schal.
Hat er denn keine Leidenschaften, die sich in ihm streiten,
Und keine Freunde? Pappeln nicht, die ihn hinausgeleiten?
So flieht er stumm zu ungeahnten Einsamkeiten,
Das Auge ohne Stern und tot wie ein Opal -

Doch weiß ich, glatter, langer, langsamer Kanal,
Von deinen Nächten, Tanz in bunten Häfen, glühendem
   Fanal,
Von deinen Brücken voller unerforschter Dunkelheiten,
Und Menschen, die dich brauchten in der Qual:
Lieblose klagten dir am Abend ihre Unzulänglichkeiten,
Selbstmörder schwanden müd in dein geheimes Gleiten.
Du Duldender, wie brannte doch dein Herz, geheimer
   Strahl!
Du Menschenbruder, glatter, langer, langsamer Kanal.


Der Tröster

Einer in der Kathedrale,
Der war so aufgeworfen und stampfte mit tretenden Füßen
Und tobte mit irren Armen, als wollte er die Kuppeln
   stürzen!
Einer da oben, der kämpfte gewaltig mit seinem stummen
   Gott
Und tastete sich mit blinden Augen tief in den Himmel.
Einer droben bei der Orgel, über ihnen allen,
Der riß die Tausend empor, die an der Diele hockten,
Die in die Bänke sich drückten und die Säulen umschlangen,
Den ganzen Alltag der hergelaufenen Menschen riß er an
   sich:
Die bittere Jungfer, die ängstlich nach dem Hausschlüssel
   im Röckchen langte,
Den Arbeiter, der plötzlich den Metallklang der Schmiede
   wiedererkannte,
Mädchen, die allen Trost für die kranke Schwester zuhause
   sammelten,
Einer da oben,
Der kämpfende, der stampfende Mensch war allen so
   hingegeben,
Daß er der tiefsten Erde ihre Klage entlockte,
Daß alle einen Augenblick ruhten von ihrem Schmerz,
Und daß der Dom sich öffnete und Gottes Stimme
   hereinrollte.


Der Weichensteller

All die kleinen, schmutzigen Tage beginnen wieder.
Jeder wandert trostlos in sein Schicksal zurück.
Vorortzüge tragen aus polternder Nacht
Augenlose Gestalten, schiefe Hüte
Und plombiertes Lachen in die gläsernen Städte.
Steif wie auf Photographien
Hocken Dame und Herr an der Portiere.
Pflückte er ihr den Kornblumenstrauß
Aus dem wogenden goldenen Mondfeld?
Ach, am Bahnhof wird schon alles welk!
Und der Weichensteller in seiner blauen Bluse
(Wie ein Engel mit lieblicher Trompete)
Teilt mit kurzen Zeichen die Wege der Menschen:
Er vielleicht allein weiß doch, wohin, wohin ...


Vision des toten Vaters

Wenn die braunen Abende über uns niedergehn,
Mitten unter den Menschen, sah ich dich oft in der Straße
   stehn,
Lächelnd dem fremden Passanten winken,
Schon bereit, in Liebe hinzusinken.
Aber ich war weit und schrie so laut über die Erde,
Verloren ging im All deine süße Gebärde.
Und da entfuhrst du schon im purpurnen Wagen,
Fuhrst, von hohen Rossen in den Abend getragen;
Blühende Estraden
Neigten Akazien auf Promenaden,
Mitten unter den Menschen sah ich dir staunend nach,
Neuer Stern, der lodernd den Himmeln entbrach,
Aber mild verziehn mir deine braunen Augen,
Da ich neu erfuhr: Ich habe einen Glauben.


Der ewige Schiffbruch

Ihr Nächte, tragt uns weit, ihr Purpurschiffe,
Mit samtnem Segel-Hügel
Entführt uns an den weichen Golf des Glückes.
Wir glauben Sindbad gern, dem Freund und Träumekönig,
Und wollen seinen Geigen schluchzen.

Ach, ein Gestade ist, dort dürfen wir nicht landen:
Steinerner Tag und nebeldichte Sonne.
Dort steht die Sehnsucht tot am Kreuz der Häuser -
Ihr Nächte, ihr geschweiften Segel-Betten,
Bleibt auf dem guten Meer des Schlafs!

Da lockt der Hafen schon, die Morgenglocke,
Ein bittres Salz brennt auf der Lippe: Tag!
Wir schlagen mit den Wimpern schwer um uns.
Blau winkt Odol vom trüben Waschtisch.
Pantoffelsymphonien. Der Milchkaffee. O Mensch!


Die Katze

Am schwarzen Golde deiner Traueraugen
Entzünden sich die unermeßlichen Nächte.
Wenn du nicht kämest über die Mauern,
Uns bliebe vielleicht der ewige Tag,
Die blaue Dolde an die Wimper geheftet.

Du aber mußt aus den Verstecken steigen,
Geheimnis glühender Gedanken
Uns belauern:
Du Finsternis voll Sterne, die nicht sind,
Du schaust uns an, und siehst uns nicht!

Das macht, du Sphinx, unwirkliches Symbol:
Wir fürchten nicht die Nacht und nicht die Schatten
Und nicht den Tod versinkender Sterne,
Wir fürchten nur das Dunkel,
Das aus uns bricht.


Gebet an einen Hund

Oft, in der Stadt Versteinerung,
Aus dunklem Hausflur stiegst du unerwartet
Und sahst mich an in meiner ewigsten Stunde.

Wie tief erschrak mein einsames Herz:
Dein Bellen war Zerknirschung aller irdischen Stimme,
Und zottig und verwundet sankst du zu meinen Schuhn.

Doch da erkannt ich deine Demutaugen.
Du warst voll Opfer, voll Schmerz und Tränen,
Tief aus dir litt das stumme Geschlecht.

Warmäugiger Freund, du aller Bruder, Hund!
Da war es, daß auch ich zu lieben lernte,
Aus deinem Bellen Gottes Ruf vernahm.


Die Steine

Schweigende, ihr an den schweigenden Wassern,
Ohne Frühling, ohne des Schattens blaue Oase,
Eingekerkert in eure Armut,
Wer denn sagte, Stein sei seelenlos,
Stein sei nur Stein?

Als der Mensch kam, mit erlösendem Wort,
Glühte aus ihnen ein tausendjähriger Mai,
Liebe schenkte der Liebende allein.
Einen Stern im Herzen trug jeder Kiesel.
Das erstarrte Wasser der Kristalle
Kühlte sich kaum in den formenden Händen.
Und versteinerte Augen von toten Knaben
Schlugen auf in Thymian und Taube.
Laut aus aufgeschütteter Felsenwolke
Zuckte der Bäche befreites Blitzen,
Ach, und armes Gebüsch ergrünte
In dem greisen Zerfall der Mauern.

Plötzlich aber, schon ganz alt vor Liebe,
Tief im verlorenen, zeitlosen Sande
Fand sich eine Koralle,
Eines Gottes, eines Vorgängers
Hingetropftes, ewiges Blut.


An den Hügel

Mit grünem Hügel der Platane schwebend,
Begnadeter, erhöhe mich zu dir!
Du läßt die Tulpen dir zu Knien leben,
Du schenkst Erfüllung Quelle, Busch und Tier,
Warum nicht mir! Warum nicht mir!

Mich schlägt der Wind. Mit spitzen Steinen stößt
Die Straße fremde Ebenen entlang -
O fühlst du nicht den Drang,
Mein Herz, noch unerlöst, so unerlöst?

Erhobener, du heb mich auf!
Du weißt von meinem Leid, von meinen Nächten:
Du Gott, wenn du nicht sinkst, wenn du nicht niederfällst
Und mich erhebst und mich erhöhst:
Entflügelter, so spott ich dein!
So bist du irdischer als ich, verfelst,
Nur Stolz und Stein -
Ich aber flieh zu dunklen Ebenen allein!


Die Heilige in der Unterwelt

I

O du an alle Tiefgebeugten Hingeschenkte:
Die Engel sind in deinem Gang
Und die Sklaven,
Jeder Mitmensch deinem Herzen nah.

Mit deines Haares roter Glorie
Entzünde die dunklen Straßen der Menschen:
Denn alle gütigen Feuer der Erde
Brennst du unendlich zurück, Liebende du!

Täglich zerrst du ein Stückchen Himmel
Tiefer hinab in die Stadt;
Täglich seliger schluchzt die Welt an dich hin.
Alle Engel sind in deinem Gang
Und die Sklaven,
Was von beiden aber ist der Geliebte dir?

II

O daß ich dir so nahe war wie die Passanten,
An die du alle deine Liebe streust:
Die Antlitze der tausend Straßenmenschen, alle
Leben der Stadt, die dich umlodern,
Die schiefen Windgesichter schneller Advokaten,
Die Bettler frömmelnd und die stillen Mädchenkerzen,
Und noch die ängstlich aufgeflatterten Witwen.
Denn jeder steigt aus deinen blauen Spiegeln reiner
Und weiß von einer Liebe, die unsagbar ist.


Der Dichter und die Leserin

Der Dichter:
Was aus meinen Nächten schrie, war Zweifel und
Zerwürfnis.
Bosheit nur des Leids und Klage
Gegen die Wende des Schicksals!
Und so wisse, Träumerin:
Erde bin ich siebenmal mehr als du,
Siebensündiges Fleisch flucht meiner Geburt.
Meine Sendung war dir nicht Erlösung!

Die Leserin:
Du zerbrachst dich, und wir zerbrachen an dir!
Zwangst du nicht die Kniee hin zum Stein
Und die Hände empor zu Gott?
Du, Erleuchteter, warst unsre Inbrunst!

Der Dichter:
Ach, kein pythischer Wind
Hob mich über Gassen und Schlucht auf!
Meine Schuld ist groß: der Unterwelt
Bracht' ich nur die Unterwelt.
Blumen pflückte ich nicht auf den klaren Gletschern,
Sterne fand ich nicht auf den Hügeln!

Die Leserin:
Heiliger ist der Mensch denn Gott!
Deinen Wein hast du in unsrem Weinberg gekeltert,
Und den Segen der Verzeihung
Durftest du dem eignen Verbrechen erzwingen!

Der Dichter:
Meine Schuld ist aber nicht gesühnt:
Ist der Hunger still, der Mond begraben?
O mit Fackeln zerschlug ich eure Nächte,
Brüllte in die Schlafmansarden,
Trat in die Schenken des abgestandenen Rauchs!
Aber seid ihr gütiger geworden?
Könnt ihr tanzen? Seid ihr leichteren Himmels?
Ach, und ich: käme die Mutter jetzt, die verlachte,
Käme der Feind, der vom Thron fiel durch mich,
Hin zu ihren Füßen müßt' ich wieder stürzen.

Die Leserin:
Also bist du schicksalstreu geblieben!
Leidend in unser Leid zu sinken,
Pythisch nicht, doch menschlichen Gewissens
Alle Qual bis an den Tod zu trinken!

Der Dichter:
Nein, noch darfst du mich nicht lieben!
Schicksal bracht ich, nicht Gesang,
Der die Sehnsucht erst befreit!
Weiter muß ich noch als Bettler zu euch treten,
Bis wir alle beten,
Bis um unsre Schultern das himmlische Vlies
Unterwelt verwandelt in Paradies.


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