Auswahl von Erich Mühsam - Gedichte
mit Videorezitationen
gleich zu Erich Mühsam - die Gedichte
Ich bin ein Pilger. . .
Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt;
der Feuer sieht und weiß nicht, wo es brennt;
vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.
Ich bin ein Träumer, den ein Lichtschein narrt;
der in dem Sonnenstrahl nach Golde scharrt;
der das Erwachen flieht, auf das er harrt.
Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt;
der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt;
der einst in fahle Ewigkeiten fällt.
Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt;
das tauentströmt in Wolken sich ergießt;
das küßt und fortschwemmt - weint und froh genießt.
Wo ist, der meines Wesens Namen nennt?
Der meine Welt von meiner Sehnsucht trennt?
Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.
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Endlos gereckt
Endlos gereckt, von Lampen bleich bewacht,
Die gilbenden gepfählten Schädeln gleichen,
Wächst einsam eine Straße in die Nacht.
Es stelzen Schatten. Meine Angst sieht Leichen,
Wie sie geräuschlos von den Dächern schrecken
Und hinter Riesenbäuchen sich verstecken,
Aus Hausfassaden wächsern aufgebläht.
Das Licht spritzt auf den Asphalt weiße Lachen.
Der Himmel gähnt mit bleiern grauem Rachen,
Aus dem ein Zahn bedrohlich niederspäht...
Die Füße fliehen ihrem eigenen Stampfen
Das Haar steigt auf. Die kalten Augen dampfen
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Der Gefangene
Ich hab's mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen: Sich fügen heißt lügen!
Ich soll? Ich muß? - Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen beßre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen. Sich fügen heißt lügen!
Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen. Sich fügen heißt lügen!
Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann's euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen. Sich fügen heißt lügen!
Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen – Tyrannei!
Dann ruf ich's in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen! Sich fügen heißt lügen!
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