Franz Werfel - Beschwörungen

Franz Werfel - Beschwörungen



Kurt Wolff Verlag
München
1923


Inhalt

Das Offenbare und Geheime
 
Mensch und Tier
 
Das Geheime und Offenbare 
 
Nachtrag
 

Widmung

Im schweren Wald verzweifelnd sah ich einen Stern,
Der rein mir aus dem Unerbittlich-Schwarzen taute.
Da graute mir nicht mehr, als ich ihn schaute,
Und zitternd folgt' ich solchem zarten Herrn.

Was erst ein Stern war, nun wuchs es zum Tor,
Das aus dem Wald brach. Atmend schritt ich vor,
Im Raum zu stehn, im Wogengang der Mächte.
Hell trat ich auf die Kuppe aller Nächte,
Bereit zum Absprung, reif zum Schwung Empor.

Du bist der
Stern, als ich verirrt allein ging,
Verkrampft wie Wurzelwuchs in Trug und Pein.
Du bist das Tor, aus dem ich floh, durch das ich einging
Mitten im Haus der Welt zu sein.

 

Das Offenbare und Geheime

Hymnen Bilder Sänge

 

Tag und Nacht Hymnus

Wenn ich in den Mannes Triumph des Tages,
In den Morgen brech aus dem Wald wie ein Wild,
Aus der Schwärze des Forstes, dem Grauen des Hages
Mich find im Sonnenwind des Gefilds:
Dann wird mir zu Geist meines Atems Schreiten,
Und zu Herzschlag und Atem und Schritt wird mein Geist.
Das Atem-Getümmel der wimmelnden Weiten,
Das Geborne wird Geist, was da sprießt, kriecht und kreist.

          Ich erkenne den Sinn
               Der fallenden Tropfen
     Die gemessen in Höhlen zu Boden klopfen.
         Ich erkenne den Sinn
              Der steigenden Buchen,
     Der Tannen, die ihr Heil in der Höhe suchen.
         Ich erkenne den Sinn
              Der dröhnenden Hummeln,
     Der taumelnden Flügel, die in Strahlen sich tummeln.
          Ich erkenne den Sinn
               Der sich hebenden Häher,
     Und das Wort in der Seele der Sperber: Höher!
          Ich erkenne den Sinn
              Der aufwachsenden Gräser,
     Die unerschöpften Gedanken der Blüten,
     Den Sinn der verwesenden Maulwurfsäser
     Auf denen die grünen Schmeißfliegen brüten:
Wir werden aus uns gesaugt und gehoben,
Und alle Gestalt ist: Verdunsten nach oben.
     Und wenn ich jetzt in mächtiger Gier
Zu Wurzeln mich werfe ans faulende Dumpfe,
Dann, dann im ungeheuren Triumphe
Entleb ich, verschweb ich, Vater, Vater zu Dir!

Am Abend aber hängt ein armes Tier
Zwischen den Bäumen, jenseits der trüben Gewässer.
Ich sehe vier schwarze Männer, sie heben ihr Messer,
Und schlachten das Böcklein, das klagende Tier.
Es fließt sein Blut im Westen,
Und tropft von wehmütigen Ästen.
Ich weiß was die Dämmerung ist:
Ein Stoff aus dem Stöhnen der Toten gewoben.
Und nun hat ein Köhlerknecht zur Frist
Den Nebel aus dem weinenden Teich gehoben
In einen Zuber von rostigem Blech, — und frech
Irrt durch den Raum sein Gelächter,
Und trifft das Gelächter der Schlächter.
     Wie ist dies geflochten,
     Woraus ist die Nacht gemacht?
Aus dem erwürgten Schrei der Unterjochten!
          Wer wacht
Mit lidlosem Aug unter all diesen Scherben,
Bereit für die Scherben zu sterben?

   Ach, wenn vom Walde klagt das verendende Tier,
Und die Erde sich wirft in tödlichem Schweiße,
Dann reißt mich der Vater nicht mehr ins begeisterte Weiße,
Dann duck ich mich, Mutter, du Dunkle zu Dir!


Barkarole der Finsternis

Ich ging durch den Tag. Wie war ich verloren
In der Fremde der Wesen, darein ich geboren!
Viele Namen zu nennen wurde mir gelehrt,
Und an Namen zu kennen Sinn, Sitte und Wert.
Doch am tiefsten hört' ich das Blut in meinen Ohren,
     Und taumelte hin
Zwischen Scherben von Tönen und Farben-Ruin.
         Aber
Es kommt immer die Nacht und an ihrer Küste steht
Umspült jedes Haus, wenn die Flut geht.
Klatschen erwacht und rieselnder Tropfenregen
Von unzählig unsichtbaren Ruderschlägen.
     Die Boote fahren aus.
     Maatspfeife streift mein Haus.
Rudertakt unten unendlich und dumpfes Matrosensingen,
Ums Haus zieht ewig die Fahrt, und das Wasser steigt,
     Flatternd im offenen Fenster zeigt
     Eine Möwe die schwarzen Schwingen.
Ich habe den Tag nicht verstanden.
Wie wankte ich unverbunden.
Doch war ich leicht und geflügelt, drum ward ich zuschanden
Meine Küsse wurden zu Wunden.
Wunde wurde mein Kuß auf dem geliebtesten Munde.
Und ich sank aufs Knie und rang meine Hände,
Daß mir helfe die himmlische Huld,
Und den Fluch von mir wende, -
Denn was ich wirkte, wurde Schuld.
          Aber
Es kommt immer die Nacht und an ihrer Küste steht
Umspült jedes Haus, wenn die Flut geht.
Klatschen erwacht und rieselnder Tropfenregen
Von unzählig unsichtbaren Ruderschlägen.
     Die Boote fahren aus.
     Maatspfeife streift mein Haus.
Rudertakt unten unendlich und dumpfes Matrosensingen,
Ums Haus zieht ewig die Fahrt, und das Wasser steigt,
    Flatternd im offenen Fenster zeigt
    Eine Möwe ihre schwarzen Schwingen.

Sie hielten mich leise, die Tag-Gestalten.
Ich liebte schwach und habe nichts gehalten.
Mich riß unirdisch mein Schwung,
Wo verzehrend gefährlich Musiken schallten.
Nun aber ist Dämmerung.
Ich sah in den Spiegel. Ein wilder Schrei
Sprang mir entgegen. Jetzt bin ich zwei,
Und muß auf der Erde liegen. -
Libellen zittern und fliegen
Um mein Haupt. Mir ist schon, als war' es vorbei.
          Und
Es kommt die Nacht! An ihrer Küste steht
Umspült dieses Haus und die Flut geht.
Klatschen erwacht und rieselnder Tropfenregen
Von unzählig unsichtbaren Ruderschlägen.
     Die Boote fahren aus.
     Maatspfeife streift mein Haus.
Rudertakt unten unendlich und dumpfes Matrosensingen,
Ums Haus zieht ewig die Fahrt. Das Wasser steigt.
     Flatternd im offenen Fenster zeigt
     Die Möwe ihre mächtigen Schwingen.


Romanze der Schwermut

Es steht eine Sägemühle im Wald.
Ich bin als Kind vorübergefahren.
War das vor hundert Jahren?
Jetzt bin ich nicht jung und nicht alt.
Doch ich weiß in der Straßen Lärmgefahren:
Ein Wasser schellt schallt,
Und wirft mit straffen mit blauen Haaren,
Übers Rad seine heiige Gewalt.

Heut ist der Holunderbaum schon abgeblüht,
Und knarrte erst gestern in Frost und Schnee!
Wer rechnet das aus? Ich habe Heimweh,
Während ich doch in der Heimat steh,
Ich sprang ja kaum aus dem Bett, und bin schon müd.
Knaben rennen und wälzen sich wild durchs Gras.
Sie halten unter die alte Pumpe ihr brennendes Gesicht
Das sind nicht meine Kameraden, ich kenne sie nicht,
Und doch ist mein Mund vom Trunk noch tropfennaß.

Ich bin ein Same hierher verweht
Aus einer fremden Welt.
Dies ist nicht mein Planet.
Doch hab ich meinen Halm in die Sonne gestellt,
Und manchmal faßt ihn solcher Wonne Gewalt,
Als neigten sich durch einen Spalt
Seine wahren Brüder und Eltern vom Zelt.
          Tau fällt,
Aber in einem alten Wald
Heiliges Wasser schallt schellt.

Nun steh ich vor dem Gehöft der Nacht.
Der Wächter fragt: Was hast du tagsüber gemacht?
Ich habe mit meinen Küssen versengt,
Die mir am meisten Liebe geschenkt.
Der Wächter fragt: Was trägst du in der Hand?
Einer Lerche Asche, die sich im Morgenfeuer verbrannt.
Der Wächter fragt: Was weißt du zu berichten,
Undeutliche Gestalt?
Dies blieb mir von allen Geschichten und Gesichten:
Eine Sägemühle steht im Wald.


Todes Cavatine

Und so war es. Mir griff
Der Tod an das Herz.
Und ein Windstoß pfiff
In das offene Buch.
Die Seiten flatterten fensterwärts.

Nun fällt mir das Kinn
Hinab auf die Brust.
Doch der Wald wandelt hin
In des Abends Gehöft
Mit sausendem Gras und dem Wolkenwust.

Und ein Vorhang weht auf,
Es zittert mein Haar.
Ich weiß, was einst war:
Lachen und Lauf
Fremd in der raschen Mitschülerschar.

War es wirklich, - o nein -
Wodurch ich gehetzt,
Was erfreut und verletzt
Dies Aus und dies Ein?
Was ich nimmer gewußt, klar wird es jetzt!

Ja ich hab euch geliebt.
Und ich rührte euch an.
Doch seid ihr gesiebt
Vom Dämmerungs-Bann.
Mein Leben war Wanken durch magischen Tann.

Und du, deren Kuß
Meine Tiefe berief,
Verzeih meinen Tod,
Den im Leben ich schlief.
Jetzt ist meine Lampe ein Glas voll von Ruß.

Sind drei Tage vorbei
So liege ich lang.
Rauch, Gras und der Schwang
Eines Vogels steigt frei.
Und ich lausche stumm,
Der nicht Wort kennt und Lug,
   Dem Muttergesang.


Weib am Tod

Woher komm ich, und du,
Wo tratst du hervor,
Die unwissend mein Bann
Aus der Weltnacht beschwor?

Durch den regnenden Raum
Befahl uns ein Muß,
Daß wir strahlend heran
Uns kreuzten im Kuß.

Wie im Keim des Akkords
Sich das Lied schon verbirgt,
So war in dem Kuß
Unsre Welt vorgewirkt.

Was hab ich getan,
Und blieb ich nicht wert,
Daß die schreckliche Blässe
Dein Antlitz verheert?

Daß so mühsam und schwer
Du bewegst deinen Schein,
Und die Nacht in dem Haus
Durchatmest allein?

Und fielen wir ab,
- Ich bleibe ja frei -
Warum trifft es nur dich,
Zu büßen für zwei?


Reue

Du bist ein ferner höherer Stern!
Wie soll ich, schwarzer Köhler,
Deiner Sphäre Wandelmusik verstehn?
Du gibst aus vollen Händen dich aus
Unaufhaltsam, verschwenderisch.
Beschämt sitz ich, zerlumpter Bettler . . .
Durch meine umfassenden Finger rollt
Deiner Vergeudung Gold mir hinab.

Dein Herz, Glocke gewaltigen Doms
Übertönt meinen kleinen Kirchturm.

Ich kehre heim von dir in meine Nacht.
Tränen klopfen nieder auf diesen Tisch.
Mit welchem Danke hab ich dir vergolten?
     Meine leichte Tat,
     Mein ungenügend Wort,
Sie machten bluten deine Seele, deinen Leib,
Die Gott mir gab in gnädiger Grausamkeit,

Daß ich einst jammere um dies vergossene Blut,
Um deine blonde mächtige Vollkommenheit,
Die zu besitzen ich so unvollkommen war.


Kinderbild der Geliebten

O du Gesicht, wie in den Schatten großen Parks geschmiegt,
In Duft und Ruhe niederfällt dein Haar!
Und süß und klar
Auf deinen Lippen liegt
Eines Kinder-Schlafengehns geheimer Seim.
Du bist daheim.
In deinen großen Augen siehst du nicht
Die Frau, die mit allen Toden spricht
Und die mit jeder Lust die Hand genetzt,
Sie, die alle Schauder dieses Sternes trug
     Und jetzt
Aufschrickt vielleicht und sagt: Es ist genug.

In meiner Stube stirbt ein viel zu früher Schmetterling.
Wer kennt seines kleinen Tods Gewicht?
Schnee umdrängt das Haus in unendlichem Ring:
     Und alles flicht
Sich selbst zu unverständlichem Geflecht.
Da knackt ein Ast, Hund bellt, ein Rab ratscht recht.
Ich hör den Stern seine Bahn wehn,
Und nur vor mir das heilige Kindgesicht
Schaut still, als könnte es verstehn.


Omen

Ein böser Vogel ratschte vor dem Fenster ohne Rast.
Als müßte er Ruck um Ruck den Lebenswald absägen.
O Frau, wir sind in uns gelegen. -
Sterngranden mantelluftig meisterten die Nacht.
Auf Deinem Thymian - Sommer fühlte ich die Last
Von Tod, - und konnte Dir nicht sagen,
Daß ich in Deinem Blut eine Uhr hörte schlagen.
Goldenes Rasselwerk durchschrak mich mit feinem Stoß.
Da fühlte ich auf uns hocken schweres Los,
Und wußte: Böser Vogel sägt geheim auf unsre Bäume los
Und nur ein Geist liebreichen Sterns kann ihn verjagen.


Bannung des verborgenen Vogels
(Nacht des siebenten Juli)

Gräßlicher Vogel hat dreimal gequarrt,
In der Nacht versteckt. Mein Leben erstarrt.
Einst schon hab ich den Nachtruf vernommen,
Am Morgen ist Blut über uns gekommen.
Nun fahren die Laute, die schwarz geschnarrten
Wieder hart und scharf durch den Garten.

     Wart! Ich ermanne mich,
     Vogel und nenne dich,
     Nennend verbrenn ich dich,
     Böser, und banne dich!

Mein Wort hat Macht, die ich nicht weiß.
Ich zieh um dich den starken Nennungskreis.
Die Silben, die dich sagen,
Werden, Falken und Dohlen,
Dich fremden Krächzer niederholen,
Oder aus meinem Garten jagen.
Worte, fliegt aus, die mein Wachschlaf gewann:
In den Bann mit dir, in den Bann, in den Bann!!

Die Lampe, bei der die Chiffern sich schreiben,
Mit Krampf und Gewimmer erlischt.
Vogel, ich lasse mich nicht vertreiben,
Wenn auch Streich- um Streichholz verzischt.

Dies Blatt mit zwiesinnigen Lettern und Zeichen,
Ich lasse es flattern, es wird dich erreichen
In dem Garten voll Sturm und Mond-Gischt.

Denn ich ziehe die Strahlen der Sterne an:
In den Bann mit dir, in den Bann, in den Bann!

Ruf schweigt und Sturm! Und nur Mond-Brüten!
     Ist mir jetzt schon Leides geschehn,
     Werde ich morgen Entsetzen sehn,
Wird der starke Zauber uns Liebende hüten?!?


Weib-Hymnus

O meine Mutter!
         Nicht sind uns irdische Mütter Mutter.
    Du hieltest die Hand mir,
    Da ich im Fieber lag.
Als ich rittlings saß auf dem Berggrat,
    Aufschrie deines Lebens Leben.
          Du weintest,
Wenn ich im Morgengraun heim von den Huren kehrte.
          Und dennoch
      Ein Schattenreich zwischen uns.
      Ein Zwischenreich schattet uns.
   In deinem Alltag, - aber du weißt es nicht -,
   Aufhebst du, rücksinkend, die Arme beide
Fern, dem für Ewig Entbundenen nach.
   Nicht irdische Mütter sind Mutter uns.

          O mein Weib!
Nicht sind uns irdische Weiber Weib.
     Du erkanntest mein Ja und mein Nein.
         Und ich ward dir ganz Ja,
Daß du zum Herren mich setztest der Welt.
     Unzählig sind die Vermählungen,
          Die wir täglich und nächtlich
          Mit Herzen, Händen, Gliedern
    Und mit der Vielfalt der Küsse feiern.
    Innig gehen wir durch die Städte . . .
         Aber in jeder Vermählung lauert
        Die ihr gesetzte Trennung
Und oft oft sehe ich dich, starrblickend, in Dämmrung
   gekauert,
         Wie du mich,
     Diese andere, schweifende Seele,
         Lösen willst und enträtseln.
Oh, nicht sind irdische Weiber uns Weib.

          Aber wo bist du,
          Ruhende Riesin,
     Ungeheurer Todin du,
     Nach der wir von Schoß zu Schoß
     Dumpfen Bergknappen gleich
     Mit unserer Grubenlampe uns hinmühn?
         Wo bist du, aus deren Lächeln
Die Leben taumeln wie Fledermäuse am Abend,
         Wie die Träume eines leicht Trunkenen?
        O alte Göttin,
        Stern des Meeres,
    Himmelskönigin, du benedeite!
    Des Menschen Wesen bäumt sich,
    Riesiger Phallus, dir zu!
Berührung, Entsetzens Lust, Ausbruch!! -
    Deine unalternden atmenden Brüste
    Wölben sich über das Kind,
Und es quillet die dunkle Milch ihm,
    Die schwarze Muttermilch des Endes.


Bildnis der Duse

Die allzusehr geliebt hat fröstelt viel.
Wie soll sie denn auch warm werden?
Es wärmt ja kein Umarmtwerden.
Man kann die liebste Seele nicht genießen,
Nicht essen diese süße Nuß.
Blut kann und Blut nicht ineinanderfließen,
Zum Wort zum Wort verblüht der Kuß.
Nun schaut sie groß und immer auf die Uhr
Mit blicklos langem Blick.
Sie wartet nur, sie wartet nur
Aufs End-Geschick,
Aufbruchbereit mit ihrer armen Habe.
Indes stolziert der immer junge Knabe
Zum alten Wahn und Hahnenkampf der Männer.


Mond

Ich bin erwacht
Aus unbekanntem Sehnen.
Kälte hat mich um den Traum gebracht.
Auf meinem Rücken dehnen
Sich Gletscher und Moränen.
Ist es ein Nord-Geist,
Der im Mai meinen Nacken vereist?
Nein! Es war der Mond, der böse Greis
Mit diesem Licht von falscher Güte,
Das eisig meinen Rücken überglühte.
Eine Tür fiel zu,
Als der Traum floh mit schleichendem Schuh.
Ich spür einer Träne Salz im Munde.
Es ist bald früh . . .
Und immer noch knisternd dies tote Geglüh.
Der Wind trommelt ans Fenster die Drei-Uhr-Stunde.


Quelle

Über die aufgeschmolzne Straße ging ich im Wind.
Da kam mir ein Donner entgegen.
Hinter der Biegung, wo die beiden Birnbäume sind,
Nahte der Wirrwarr von Peitschen Gelächtern Huf schlag
Rasseln Rollen von Holz und Erz:
Die Bauernhochzeit fährt in den März.
Geschirr und Deichsel mit Blitzen beschlagen
Rast der bebänderte Leiterwagen.
Die jagenden Krampen stampfen,
Gerütteltes Weibsvolk schreit. Meilenweit
Hört man Trab und Krisch und's Gemisch von Singen
   und Klampfen.
Aber der Donner kommt nicht von der Stelle,
Und jetzt seh ich die Quelle,
Die von der Schmelze der tanzenden Berge geschwellt
Sich schmeißt in die rings auftauende Welt.
Frohmut! Held! Schnelle! Gischten! Schweben!
Unband! Triumphendes Drängen!
Und mein Leben
Find ich nicht mehr in dem rasenden Knäul von Gesängen.


Herbstzeitlosen

Auf Weg und Wiesen äugende Lacken.
Wolkengewalten mit blitzenden Zacken
Ziehn im Getümpel und glosen.
Auf der Straße vor mir liegen Herbstzeitlosen.
Kinder, die hier vorübersprangen
Haben den Strauß verloren.
Nun winden sich still verendende Schlangen,
Schlangen, schnell und eitel geboren,
Milchig mit lila züngelndem Rachen.
Wie die Schön-Gefährlichen sterben,
Ist ihnen Macht verliehn. Es färben
Die Wolken sich lila und lila giftig die Lachen.


Nebel

Windstiller Nebel langsames Gefieder.
Kein Ding mag jetzt mehr hoch sein, keins mehr nieder,

     All ins gleichgültig Ziehende geschmiegt.

Braun eingeregnet stehn die alten Schober.
Dumpf starrt im blöde stumpfenden Oktober

     Die Kuh, die hin und her das Horn-Haupt wiegt.

Sie starrt und weidet nicht an ihrer Stelle,
Nur manchmal löst ein Klang sich von der Schelle,

     Der tot hinauf zur toten Wölbung fliegt.

Und eine Hexe mit zwei Euter-Geisen
Hinkt lallend in Zickzack und Zauberkreisen

     Zum letzten Hof, der morsch in Dämpfen liegt.

Ein Flattern im umwandeten Gehäuse:
Zwei Meisen taumeln, werden Fledermäuse

     Im Sickerlichte, das schon dicht versiegt.

Die Erde eingewolkt ins matte Schwelen,
Knarrt lautlos ihre Bahn nach Allerseelen,

     Die dumpfe Fuhr, die nie vom Wege biegt.

Die Straße fährt ihr einsam nach ins Weite.
Nur ein Hausierer, der den Paß erstieg,
Gibt ihr noch eine Weile das Geleite.

     Dann fällt er ab und schwankt ins Talgebreite.


Lied

Es sinkt der Tag, es sinkt das Jahr, es sinkt der Mann.

     Dicht drängen sich die festen
     Äpfel auf muskelkrummen Ästen.
Die Straße abwärts schaukelt ein Gespann.
     Die Pferde nicken leicht umwölkt.
     Über des Hügels Hüfte kolkt
     Ein Volk windzechender Krähn.
Das saatgeheime Grillenheer,
Des Sommers Saite, schwirrt nicht mehr.
     Ein schwerer Ruf, den keiner kennt,
Waldher schwingt auf aus heiligem Instrument.
     Durch mich auch geht, was ich nicht weiß,
     Ein wortverborgenes Trostgeheiß:
     Daß ich im Herbst begriffen in,
Wie Vogel, Baum, verschwankendes Gespann
     Atmend nicht ausgeschlossen bin.

Es sinkt der Tag, das Jahr, der Mann.


Der Slovak

Septemberwind ist ins Land gefallen.
Aber oben ruht noch das Enzianblau.
Aus des Gehöftes Stall-Verhau
Tritt mit verloren freundlichem Lallen
Der Drahtebinder, aus Trentschin der Slovak.
Die Kraxe schultert er huckepack,
Mit flimmerndem Zinn und den Lötgeräten
Seinen Morgenweg anzutreten.
Ihn treibt es von Hof zu Hof, wo Rinder schellen,
Brunnrohr schallt und ihn rasende Hunde verbellen.

Der Bauer schickt ihn nachts in die Scheuer.
Mittags gibt es Einbrennsuppe vielleicht.
Wenn die Bäuerin ihm einen Kirsch hinreicht,
Hantiert er doppelt lustig im Küchenfeuer.
Mit halbem Lied und knappem Geklopf
Flickt er Kessel und Häfen, Pfanne und Topf.
Und kriegt er noch einen Tschick, ein Stäubchen Tabak,
Salutiert der Slovak,
Steht Habtacht der alte Slovak aus Trentschin.
Höflich nimmt er ganz ohne Gier
Seinen Lohn, diesen Trug von Papier,
Schlägt ein Kreuz, um weiter zu ziehn,
Schwankend auf seinen umwickelten Füßen,
Und vergißt auch keine Seele frohmütig zu grüßen.

Wo die Lärchen unten den Weg begleiten
Seh ich den wankenden Menschen ziehn,
Den alten Janousek aus Trentschin,
Ein fremdes Wesen und nicht wie aus diesen Zeiten.
Uraltes Lied gurrt aus greiser Kehle.
     - O du des Volks licht-dumpfe Seele
     - In den riesigen Hallen
     - Verschollen verfallen!
Enzianblau. Die Winde haben
Gefährlichen Anschlag im Sinn.
Tief unten schon schaukelt der Alte dahin.
Doch ihn umfetzt ein Geschlecht von Raben.
Schwarze Zunder umtanzen Beute,
Oktobervögel, frostkündende Meute.


Die Musik auf dem Wasser geboren

Ein Rudel von sturmverschlagnen Delphinen
Irrte unter der schwarzen Stadt.
Nachtstarr steinten Paläste.
Aber die Schiffer, Meerhelden mit Feuermienen
Schwärmten zu ihrem Feste.
In Booten, Barken, Gondeln, Kuttern und Fähren
Wiegte ein Volk sich auf spitzmäuliger Fläche.
Lodernde Wimpel, Pechfackeln freche,
Lampengetümmel, Lichttrauben, Glutbeeren!
Noch konnte schnappend die Nacht sich wehren,
     Die röchelnd verendete,
     Als es näher blendete,
Und das Gott Tier wankte hervor,
Der tausendäugige Bucentor.
     Erst war's noch Zwitschern und Zischen,
     Aber jetzt fuhr der rasende Schrei
        Ja dazwischen
     Und der Sänger Atem war frei.
Möwen, die durcheinander geschreckten!
Oh, der Gesänge Dramen, die winderweckten!
        Zweihundert Serenaden
     Kreuzten sich in der Luft wie Degen.
     Die Skalen stürmten einander entgegen
        Und kamen zu Schaden.
Die reinen Strahlen der Preghieren
Zerstoben oben im nächtlich Leeren.
Die drohenden Chöre
     Rangen Brust an Brust
          In rollendem Weh.
Aber über dem Wust
Stand in den Wolken der hohen Tenöre
Hinreißendes schmerzliches B.
Die Riesenorgel auf dem Lagunengrunde
Erwachte zur großen Stunde.
In Blasen stieg ihr dumpfer Donner empor.
Der heilige Baß, schwingend aus Märchen Moor,
Trat bebend in jede Seele,
Wie Wassers Sang, das Plätschern an Plank und Pfähle.
Und jetzt überm feuerbunten
Höchst anwachsendem Glanze
Hob sich spät des Monds welkmächtige Pomeranze.
Und nur die Delphine zogen stumm unten.

In der glühenden Nacht
War, taumelnd aus seinem Bette,
Der Patriarch aufgewacht.
In Purpur, Chorhemd, des Hochamts Stolen
Betrat der Alte die goldene Gottesstätte.
Der Klerus kniete schon unbefohlen,
Die Beter mußte man auch nicht holen,
Sie harrten fiebrig der seltsamen Mitternachtsmette.
     Denn ohne Küster und Strang
Auf all den vielen windigen Kampanilen
     Zur mächtigen Stunde
Begannen ungeläutet die Glocken zu spielen:
     Schall um Hall, Schwang an Klang.
        Traum-Löwen, Geist-Hunde
            Jagten sturmlang,
Hetzten sich, wälzten sich, stürzten aus wolkiger Runde,
           Schollen bollen riefen
               Alle, die schliefen.
Nun sitzen die Schläfer in der schaukelnden Kathedrale.
Wie ein Tänzer wankt der Priester im Kerzenstrahle.
Märzscharf schneidet der Knaben Gesang
Respondierend entzwei des Kanonikus Heulen.
Es schlingern die schlangengewundenen Säulen,
     Der Juwelenbord schwankt.
In den Stimmen des Doms gehn Stürme der See um.
        Wie langer Nebelruf in Gefahr
        Tönt vom wolkigen Hochaltar
            Sanctus, Kyrie, Te deum.
        Und im Monstranzenfeuer
     Aufgereckt, schimmernd, ungeheuer
     Steht der ummurmelte Patriarche
          Stolz am Steuer.
          In der Seele das Ziel,
               Wie im Traum,
     Lenkt er die siebenkupplige Arche
          Singend durch den Raum.
Aber die fremden Fische schwimmen unter dem Kiel.

Und nur die Liebenden wußten nichts,
Die schimmernden Gesichts
In den Zimmern sich umschlangen,
Von den Stimmen nichts, die schwangen,
Von Glockenhunden nichts, wie sie sprangen.
Daß sich die Kirche vom Anker riß.
Ahnten sie nicht in der bläulichen Finsternis.
     Doch auch sie umarmte lauschwarz die Flut,
Der zärtliche Leib des ewigen Atemtaktes
Hielt umwunden ihr fröstelndes nacktes
          Todmüdes Haus, so gut.
Schmeichelnde Zungen spielten um Pfahl und Stiegen,
     Auf und nieder schwebte das Haus.
     Nun gingen die letzten Lampen aus,
Und die Lager alle wurden zu Wiegen.
     Da fühlte Weib an Mann
Und Mann in Weibes Umschmiegen,
Sich im süßen Abgrund der Mutter liegen,
Die kein Wachender wissen kann.
     In tiefen Schaukeins Genüssen,
Im mächtig wogenden Schlaf
Geschah's, daß Lippe die Lippe traf
Zu dreimal heilig geheimen Küssen.
     Und aus den Küssen schwangen
Aufwärts summende Totenkopf-Falter,
Die verschwiegenen Lieder, die keinem Alter
Und keinem Volk noch gelangen.
Die samtgoldenen Falter schwebten
Über den Schläfern, die innig erbebten,
Die noch im letzten Entfliehn,
     In fernsten Traums Raunen
Tief unten sahen Delphine ziehn
Mit starren Augen, die niemals erstaunen.


Tränen-Hymnus

Noch meistert die Wintersonne
Unbeleidigt und ungebrochen die Bahn.
Die überschwenglichen Berge
Schmiegen sich grenzenweich
Ins dunkle Firmament.
Im Schnee die tiefen Menschenstapfen
Sind bis zum Rand gefüllt mit Himmel.

           Oh!
Ein Glück bricht aus mir.
Ich halte mich fest an meinen Schrei,
Hinstürzen müßt' ich sonst.
Woher die neue reißende
Unerträgliche Freude?
Ich stehe zitternd in dichter
Hecke von Melodien.
Aber von wilden Tränen,
Ein Liebes-Ausbruch von Tränen,
Dringt immer wieder aus mir
In krampfend erneuerten Stößen.

Nicht umsonst gelebt!
Mystischen Spermas voll
Sind diese rasenden Tränen.
Schon zuckt mir der vorbestimmte Schoß.
Ein noch verborgenes, keusches, vergletschertes All
Lächelt in müder Empfängnis.


Lebens-Hymnus

Wir beten mit herrlich gesammelter Kraft,
Daß die Saite in uns nicht hinabschnurrt und schlafft,
Daß die Flammen sich heißer und weißer entfachen,
Daß wir fallen aus Wachen in tiefres Erwachen,
Daß die Augen der Wesen uns ewig aufrühren.
Daß wir heimlichste Welten im Nacken spüren.
Und zittern in immer feineren Ästen
Von fremden Freuden und fremden Gebresten,
Daß wir auf tausend wachsenden Wegen
Wanken vor wilden Erkenntnis-Schlägen,
Daß neue Organe, Poren und Scharten
Sich öffnen den schäumenden Gegenwarten,
Daß wir, und wären wir nichts als Wunde,
Durchsiebt sind von allen Salven der Stunde,
Und uns der Geist-Herr in den Winkel knallt,
Zerknüllt wie ein altes Papier,
Wenn wir undurchsichtig stolzieren, stier.
          Gehalten und kalt!!!


Mensch und Tier

Balladen und Mythen

 

Die Maus
oder
Notturno eines Demiurgen

 

Ein Herbergszimmer voll November-Nacht.
Der fremde Mann liegt schon im Bett. Es kracht.
Das Buch fällt zu. Sein Auge starrt und wacht.
Ans Fenster klatscht abgründiges Geflatter, -
Im Ofen teufelt Windgeknatter.

Die lange Kerze auf dem Nachttisch sticht
Erregt empor, allein sie spendet nicht
An das Geschatte Licht vom wahren Licht.
Auf wüsten Teppich wirft sie ihre Wolke
Von hellem Dunst, den Kreis von trüber Molke.

Auf dem verschmierten Teppich macht sich breit
Des Kerzen-Abscheins Schleim und Widrigkeit.
Der Gast schickt seinen wirren Innenstreit
- Bestarrend faden Kreises Flackerschwanken -
Zu Boden, fern unfaßliche Gedanken.

November, grauer Flegel, flucht ums Haus.
Der Fremde starrt sein Denken in den Flaus
Des Licht-Abhubs hinab. Da, - eine Maus, -
Woher die Maus? - jagt in der Kerzen-Schwade,
Und kreist rennt rast im lichtgeworfenen Rade.

Woher die Maus? Wer zweifelt länger hier?
Sie schoß aus keinem Loch ins Licht-Revier.
Und doch, sie kreist, sie ist kein Wahn! Das Tier
Ist dieses Fremden weltgewordne Schrulle.
Dem Nichts Entsprungnes rast in lichter Nulle.

Der Fremde sieht den Tanz der Maus gespannt.
Drei Pendelschläge bleibt er interessant.
Dann lacht der Mann, gähnt, dreht sich laut zur Wand,
Vergißt, - ist's List?, - die Kerze auszublasen,
Und überläßt das Tierchen seinem Rasen!


Der Hund

Horch, der böse Hund bellt!
Wie er sich die Gurgel wund bellt,
Und mit Stößen, ungefügen wilden,
Worte sich, Urklötze bilden,
Die, wenn qualvoll sie dem Maul entrollen,
Hunger, Angst und Wollust heißen sollen.
     Aus dem Lebens-Tort
     Rollt und kollert Wort.
     Horch, der Hund bellt!

Wie ich hier am Tisch bin,
Ichlos aufgelöst und träumerisch bin,
Möcht' ich leis mich mit den Dingen tauschen,
Tanne werden, Rabe, Abendrauschen.
Doch ich kann mich schaffend nicht erhellen,
Auch aus mir keucht nur ein hehres Bellen.
     Nimmer kann ich fort.
     Gebe Wünschen Wort.
     Horch, der Hund bellt!

Keucht auch er, des Hauch erhub den Urtag?
Stammelt er noch immer den Naturtag?
Sind wir alle, Stern, Mensch, Jahrzeitzierden
Nichts als Laute seiner Gottbegierden?
Du und ich und diese ganze Rundwelt
Nur hervorgebellt . . . Ha . . . (Horch, der Hund bellt!)
     Endlich ist der Ort.
     Aller Ort ist Wort.
Und weil Alles Wort ist, herrscht der Tod.


Ballade von den Begleitern

Ich gehe vergehend durch Schnee durch den Schnee.
(Gibt es Bäume und Zäune?) Ich sehe, ich seh
In der wehenden Nähe der Nacht nur Schnee.

Dumpf trott ich die träge Straße allein.
Doch bin ich allein? In dem langsamen Schnein
Fühl ich's vor mir und um mich und hinterdrein.

Wankt vor mir ein schwerer betrunkener Mann,
Der im Zickzack den Rucksack kaum schleppen kann,
Oder ist es ein kranker, ein sterbender Mann?

Und rechts und links umflinkt mich ein Paar,
Ein Doggenpaar schlüpfend und unsichtbar?
Oft streift mich's wie Sprung und wie Hundehaar.

Und hinten, ist das ein Schlittengaul,
Der vom Wagen sich losriß mit schnaubendem Maul?
Jetzt folgt er mir müde schellend und faul.

Doch bleibe ich stehn in dem langsamen Schnein,
So halten die leisen Begleiter auch ein.
Vor mir und um mich und hinterdrein.

Der Kranke preßt sein mühsames Herz,
Die Doggen ducken sich dicht seitwärts,
Heiß trifft mich die Atemwolke des Pferds.

Und hebe ich müde wieder den Schritt,
So knirscht es auch vorne, schlüpft beiderseits mit,
Und hinten läutet und trottet Viertritt.

Schneestraße! Ureinsam! Nur unser Gestapf.
Nicht darf der Kranke sich strecken zum Schlaf.
Für den Gaul kein Stall, für die Hunde kein Napf.

Diese Straße, die nie einen Morgen erschwingt,
Muß ich weiter schweifen durch Schneien und Wind,
Allein, - doch unrettbar umwest und umdingt.


Vision von der Hirschkuh

Jäger haben eine Hirschkuh erschossen,
Sie sahen's, gingen voll Scham davon,
Weil sie einer Mutter Blut vergossen . . .
Und ließen sie liegen im Wald.

Ich seh einen Hund, einen wilden großen,
- Vielleicht ist's ein Wolf, - mit lechzendem Maul
Aus dem Dickicht der Lichtung stoßen.
Die hängende Zunge zittert vor Gier.

Er setzt dem armen Aas an die Kehle,
Gelbe Eckzähne werden groß und bloß.
Doch plötzlich zuckt er, - als hätte die Seele
Angst vor dem Blut, vor dem Blut, -

Und wirft sich unter der Hirschkuh Euter,
Mit ruckender Gurgel trinkt er und trinkt,
- Sein Schweif peitscht besessen die Gräser und Kräuter,-
Er trinkt die Milch, die noch warme Milch.

Dann lagert er sich dem Haupt gegenüber
Und ich seh diesen blinzelnden seltsamen Blick.
Tiefsinnig starrt er, gleißend und trübe
Dem Weib ins aufwärts gebrochene Licht.


Polarballade

Auf des Kontinentes blauglacierten Weiten
Seh ich Schatten gleiten Schatten gleiten.

Wo den Berg die Brandungen umsprühen
Tost ein Brüllen wie von tausend Kühen,

Und im toten ausgeeisten Krater
Tut sich auf das große Tanz-Theater.

Robben-Heere, Walroß-Völkerscharen
Fanden sich zu heiligem Gebaren.

Braunpolierte Unzahl, feuchterglänzend,
Wälzt sich, watschelt, plumpst in Gottestänzen.

Tanzen um greisbärtige Leviten
In geheimen Kulten, alten Riten.

Und aus tausend Mäulern wie Posaunen
Bricht des Lebens riesiges Erstaunen.

Fern in Pose lagern manche Tiere
Sphinxen gleich und starr wie Flügelstiere.

Mütter, stille, säugen ihre Jungen,
Übers dunkle Fell kommt Milch gesprungen.

Und die Mütter, wenn die Kleinen saugen,
Haben übermenschlich tiefe Augen.

Aber ringsum steigert sich das Rasen,
Heiliges hymnen, litaneien, blasen,

Schrill von oben mischen ihre Schreie
Albatrosse und die weißen Weihe,

Die mit ungeheurem Schwingenspreiten
Um die rote Frucht der Sonne streiten.

Fern seh ich, wo Kugelblitze tauchen,
Erebus' und Terrors Tiefsinn rauchen.


Schafe

Wir kennen sie aus unserm Kinderschlafe
Die weißen Schafe und die schwarzen Schafe.
Die Schafe traf ich trabend über Stoppeln,
Der Herbst-Rauch schien die Schafe zu verdoppeln.
Die Schafe waren Wellen unsrer Erde.
Ein Mädchen trieb mit ihrem Stock die Herde.
Sie trieb die Schafe in des Herbstes Trübe.
Die Kleine sang und schälte eine Rübe.
Sie ging in Wellen weiß und schwarzen Schneees,
Inmitten des Geläutes und Gemähes.
Da ward das Kind zur Hirtin unserer Schlafe,
Zu Schlafen wurden schwarze weiße Schafe.
Der Herbst war Traum. Vom Saum des Wandelsternes
Scholl eine Schelle noch, ein Mäh, ein fernes.


Ziegen

Ich seh dort oben angepflockte Ziegen
Sich in den Wuchs des hohen Abhangs schmiegen.
Sie weiden unter scharfen Felsenschiefern
In Heidekraut und krausen Zirbelkiefern.
Und wie sie rupfen und mit lautem Malme
Die Latschen-Nadeln kauen und die Halme,
Die Kruppen schamlos mit den Haken-Schwänzen
Nach oben stoßen in das letzte Glänzen,
Trifft mich, - die dünnen Barte nicken, -
Aus fernstem Tiertraum neugierlos ihr Blicken.

     Jäh wird es Nacht. Und in den Nächten wachsen
Des Wesens Maße und der Sache Achsen.

Vorbeigewandert längst der Ziegenstelle
Seh ich in Achtelmondes Strich und Helle
Die Ziegen weiden unterm Himmelsfelsen
Am Hang der Nacht mit hingelehnten Hälsen.
Riesig ins Weltall bäumen sich die Kruppen
Am Horizont mit Graten, Rissen, Kuppen.
Die Berge grasen, heilig starre Gemsen,
Schon blau umfunkt vom Sumsen träger Bremsen.


Schwäne

Aus tiefster Kindheit singt mir ein blasses Rinnsein
     Ein mattes Wasser heran.
     Der Parkteich klingt uf eran,
     Der Wellchen werfende See
Mit falschen Fällen, Grotten, Buchten und Inseln.

Die Schwäne schweiften um künstliche Klipp und Felsen.
     Ihr Leib, verwoben dem Wasser-Sang,
     Zog langsam dahin und lang:
     Mit Schnäbeln nelkenrot
Fünf weiße Schwäne und zwei mit ganz schwarzen Hälsen.

Sie ritzten schön dem Spiegel der Weiher-Lagunen
     Schleifen, Achter und Zeichen ein.
     Im Kielwasser hinterdrein
     Schwankte rotblättriger Herbst,
Wiegten sich zart weißwolkige Flocken und Dunen.

Ein Kind belauschte die Fahrt mit sinkenden Sinnen.
     Ein anderes hat die Weißen gelockt.
     Doch sie verschmähten das Brotgebrock
     Mit herrlich hinschwebendem Hals.
Am Uferweg ratschten die Brezelhökerinnen.

Einst in nebliger Frühe zog eine Frauenleiche
     Triefend der Wächter ins morsche Boot.
     Und auf einmal war Tod,
     Graus, Geheimnis, Fischaas-Geruch
In dem selig gekräuselten, leichten, dem Kinderteiche.

Das Wasser ging trüb. Mir im Traum noch. Kein Ufergelächter.
     Die Schwäne umzogen immerfort
     In fernstem Bogen den Toten-Ort.
     Fürsten begreifen den Abgrund nicht.
Weiße Hasser der Tiefe und Todes-Verächter

     Kreisen die Reinen noch immer im Licht.


Der große Kauz

Was ruft er mir zu
Der schwebende Kauz
Mit dem suchenden U
Des klagenden Lauts?
Wie ich sein harr,
Verlischt das Gequarr,
Das Gezwitscher umher.
Er aber starr
Schwimmt durch das Abendmeer.

Das Licht schon verloht,
Es verbrandet der Brand.
Vollendet der Tod!
Aus dem Horstkranz der Wand,
Die noch brenzelt und gleißt,
Wo der Rufende wohnt,
Fuhr er auf, der nun kreist
Wie ein offenes O
Wie ein schwarz zerbrechlicher Mond.

Ich hör seines Rufs
Toddurchdringenden Schrei,
Seh des hexenden Flugs
Heran und Vorbei,
Und kann nicht verstehn
Den verkündeten Sinn.
Doch zieht's mich oft hin
Zu dem Dämmer-Fels dort,
Als wär' ich bestellt
Zu erhorchen das Wort
Überm nachtenden Abgrund der Welt.


Vogelballade

Als ich schlaflos lang vor Morgen ruhte,
Fuhr ich auf vom Grunde der Minute.

Durch des Zimmers Sphären, durch die monddurchstäubten,
Große fremde Vögel glitten mir zu Häupten.

Stolze fremde Vögel, die ich nie gesehen,
Ernst wie Eulen, schön wie Reiher, schwarz wie Krähen.

Ohne Flügelschlag sah ich die Herrscher fliegen,
Auf und nieder schweben, wenden und sich wiegen.

Da durchfuhr's mich und ich ward erhoben,
Selbst ein Herr und Lebender im Oben.

Durch der Stube neue mondgeheime Weiten
Dürft' ich Regungsloser mein Gefieder breiten.

Und ich ward Verzückung: Flügge unter Allen,
Stieg ich auf und schwebte starr und ließ mich fallen.

Einsam in dem Kreisen Gleiten Tauchen
Rührte Schwingenwind mich an wie Liebeshauchen.

Und der Seele war's im Spiel der Vogel-Mächte,
Daß sie spielend so ihr Glück und ihren Sinn vollbrächte.

Ach, da fühlt' ich fremde Winde pfeilen,
Meine stolzen Gäste durften nicht mehr weilen,

Und ich sah sie schon in einem ernsten Treiben
Lautlos lautlos dringen durch die Scheiben.

Meinen Ansturm warf das Glas zu Boden,
Und ein armer Flügelleib zuckt dort im Tode.

Lidlos kann das Aug die Riesigen gewahren,
Wie in neuem Tanz sie fern durch Mond-Dunst fahren.


Traum-Geier

Wir stehen starr am römischen Fensterbogen
Unseres hochgewölbten Gemachs.
Am nackten Himmel kommt scharf eine Wolke gezogen.

Die Wolke zerklirrt. Auf die tote Ergebung
Hypnotischer Sommerwindstille fällt
Unerbittlicher Vögel langsam riesige Schwebung.

Auf den Wiesen, im Park, auf allen harrenden Garben
Hocken die Geier, unregsam verstreut.
Metallisch funkeln ihre Gefieder-Farben.

Aussatz der Erde bis zu den Hügeln hinten,
Schimmernde Schwären mit Schnabel und Griff.
Wir sehen der Flügel grün, blau und rote Tinten.

Rief diese grausam thronenden Lichter,
Dieser Kondore scheußliche Herrlichkeit
Zu uns in das Land ein verborgener Richter?

Haben wir schlecht gelebt, und haben
Die Aasvögel heimliche Witterung? Liegt
Im Gefild unser feinerer Leichnam dort unbegraben?


Panther-Ballade

Als die greise Uhr die letzten Schläge keuchte,
Fühlt' ich nah von mir ein heimliches Geleuchte.

Auf zwei Stühlen, hingestreckt vor meinem Lager,
Lag ein Panther, atmend, flankenstark und hager.

Blaue Flamme Schrecks sprang kurz aus meinem Munde,
Doch kein Blitz fuhr auf in seinem Spiegelgrunde.

Nur die Haare bebten leicht an seinen Ohren,
Daß ich wisse: Rührst du dich, bist du verloren.

Um das Tier zu beugen meinem Willen
Warf ich hart den Blick ihm wider die Pupillen.

Aber seinen Blick vermocht' ich nicht zu fassen,
Nur das eigne Aug begann blau schon zu blassen.

Auf des Tieres Iris hellumzirkten Zonen
Funkten und erloschen träge Elektronen.

Leicht im Atem-Takt ein Schwinden und ein Schwellen
Kam und ging von grünorangenen Ätherwellen.

Und aus Flut und Ebbe dieser klaren Feuer
Trat der Kosmen Gleichmut, kalt und ungeheuer.

Letzter Kampf! Mein Mensch-Sein wurde kleiner,
Und sein Tier-Sein mächtiger und reiner,

Bis der angestarrte Mann, der regungslose,
Unterging in großer Tier-Hypnose.

Doch die Katze harrte nur, zu siegen.
Nun ich Aas war, ließ sie links mich liegen,

Sprang hinab und mit gestreckten Lenden
Strich sie lang und lautlos an den Zimmerwänden.

Ich, anheimgegeben tief dem Tiere,
Sprang ihm federnd nach auf alle Viere,

Folgte seinem schwingenden gelaßnen Wallen,
Leicht und listig setzend meine eignen Ballen.

Meine Pranken prüften, Augen wuchsen schiefer,
Leib war Weiche, Sohle nur und Kiefer.

So wie wir im Sternlicht um die Stube fuhren
Stiegen auf die untersten Naturen,

Und der vor mir schweift, der Feind, der Panther
War mir Meister nun und Anverwandter.

Da, wie ohne Last, seitab von unserm Hasten,
Setzt er langen Schwungs auf einen Kleiderkasten.

Ich auch throne schon, ein düstrer Tier-Gedanke,
Panthers Spiegelbild auf einem Gegenschranke.

Und wir starren, schön und urgestaltig
Aug in Aug uns, herrliche Heraldik.

Zwischen unsern Felsen aus dem Dschungelmoore
Schießen Riesenfarren und die Bambusrohre.


Der Vertierte

Der alte Schiffbrüchige hat Sohlen von Panzerhorn.
Er sprengt über die Insel in schrecklichen Sätzen.
Seine Nacktheit ist zerfressen von Krätzen,
Die gegerbten Lenden zerfetzen
Tausend Narben von Biß, Klipp und Dorn.
Sein Haarpelz wimmelt, die Krallen treiben.
Er muß sich oft an den roten Felsen reiben,
Oder, grunzend, den Leib an des Gummibaums Rinde wetzen.

Über die Wipfel federnd greift er ins Vogelgeschrei,
Und holt sich den Sittich, die lieblichen Leierschwänze,
Holztaube, Loris, Fasan, und schlingt sie zur Gänze,
Daß die Knöchlein knacken, Federn blutiger Brei
Ihm den Mund verschmiert und die irrenden Augen glänzen...
Oder er wirft sich in die leicht tänzelnde Bai,
Und in einem unendlichen Tauchen und Ducken,
Mit Händen frei
Fängt er die Rochen, Lampretten, Barben
Und fremde Fische von heiligen Farben,
Um sie am Ufer mit Flosse und Schuppen zu schlucken.

Urheimgekehrt! Wort hat er der Welt verkauft.
Und die Welt wiegt ihn in ihrem schaukelnden Takte.
Tageweit ahnt er die Katarakte,
Der reißenden Tiere Schnauf.
Eh sich die Horizonte umdüstern,
In seinem Blute die Trombe erdröhnt.
Und es wissen seine zitternden Nüstern,
Eh noch eine Wolke die Kegel krönt,
Daß die alten Vulkane wieder flüstern.
Er kennt seine Seemannssterne nicht,
Doch lasten sie schwer oder leicht auf seinem Leib,
Und der Mond ist ein erregendes Licht,
Das ihn lüstern zieht und verstößt wie ein Weib.

In der Grotte, wo er zum Schlaf sich streckt,
Rosten zerbrochen Kompaß, Sextant und Bussole,
Wie mit Braunkohle
Sind sie von altem verhärtetem Kot verdeckt.
Aber auf einem Vorsprung ruht aufgebahrt
Die Zündholzschachtel, die einmal die Flamme barg,
Mit immer frischen Blumen umtan, ein Sarg,
In dem er den toten Gott verehrt und bewahrt.

In seinen Träumen sieht er den Schlangen zu.
Die aus den Landseen plattköpfig und züngelnd schweifen.
Oder er jagt die Känguruh,
Die vor Entsetzen wie riesige Mäuse pfeifen.
Oder er lauert, wenn Stoß um Stoß
Das Meer atmet und sich die Tiefen heben,
Die Spiegel aber nieder sinken zum Schoß,
Um im neuen Odem wieder emporzuschweben.

Wenn's mit Muscheln und mit Medusen zu Strande speichelt,
Spürt er das Weib, das den blauen Weltwalfisch streichelt.
Niemals aber durchgrelln seinen Traum die Sirenen,
Der Taumel der Docks, der Schienen, der Schiffe und Quais.
Ihn trübt kein Gedenken und kein verschwommenes Sehnen
Nach der Wirrnis der Schenken, Bars und Hafencafés.
Nicht tritt eine Frau durch alten wohlriechenden Torgang,
Nicht Kinderort, nicht Speisengeruch und Wein,
Nicht Kaserne, nicht Abschied, nicht heiliger Vorgang,
Nicht einmal sein Verlassensein.

Aber oft in der Brise des Unterganges,
Wenn die Schatten flüchten über den Strand,
Hockt er und hält ein Ohr des Gesanges,
Die große Muschel in seiner Hand.
Und der wüstergrauende Mann
Bläst auf ihr in jammernden Intervallen,
Wie sie kein Ozean hörte erschallen
Einen Song aus >Mikado< von Sullivan.

Und wie der unfügsame Atem stößt,
Das entsetzte Lied aus der Muschel löst,
Staunt eine Träne, kalt und ohne Trauer,
Als ob in dem heulenden Töne-Wind,
In dem aufgequollenen Gassenhauer
Der alte Kreislauf, der Mensch, beginnt.


Der Vermenschte
oder
Schimpansen-Farce

In der Garderobe des herrlichen Tenors
Hockt blinzelnd der Äff dieses großen Mannes,
Ein Schimpanse, genannt Konsul Hannes,
Auf dem Diwan, hängenden Ohrs.
Der Zeiger schleicht listig an zehne.
Fern auf der Bühne wogt Lohengrins Brautnacht-Szene.
Durch die Ritzen schwillt manchmal ein Chorgeplärr.
Hanns seufzt versunken, während sein Herr
Draußen in dampfenden Armen der Primadonne
Zittert in Taktschreck und Kantilenenwonne.

Ungebührlich dehnt sich der Ritterpart.
Hanns hat lange genug in das Licht gestarrt.
Jetzt schnellt er auf von dem Ruhebette
Und pflanzt sich mit allen Vieren
Auf die gewohnte Dilemmastätte,
In den großen Standspiegel zu stieren:
Und das Glas, das schon manche donnernde Geste sog
Trinkt nun von Wimmerlauten den Affenmonolog.

     - Ich, weh, weh, gekrümmt, verdammt! -
     - Waagrecht an die Erde geklammt! -
     - Jetzt auch das kecke Klettern verloren! -
     - Täppisch! Niedrig geboren! -
     - Spitzschnauze! Schwanz! Pelzohren! -
     - O Er! — Herr Gott der singenden Vertikale! -
     - Lange Schenkel! Melodische Wade! -
     - Ich! Ohne Gnade! -
     - Meine vier Hände, Schandmale! -
     - Wer nicht aufrecht steht,
     - Prolet! Prolet! Prolet!
     - Was aus dem Maul mir krächzt und knorrt,
     - Kein Wort, nie nie ein Wort! -
     - Äff sein im Wald! Guter Verbleib! -
     - Aber Krampf Qual Hohn, Oh:
     - Mensch-Wissen im Haar-Leib,
          - Oh, Tods Depression, Oh! -

Und Konsul Hannes bellt sein Weh
In den erblindenden Spiegel. Jäh
Aus den Auggebirgen brechen Tränen.
Das weltumwandelte Sehnen,
Der heilige Drang nach Selbst-Geburt
Knurren aus ihm und krähn.
Da starrt die Stunde, das Radwerk schnurrt,
          Und es schlägt zehn!

Die Stunde erstarrt und es stutzt ihr Geist,
Denn immer bleibt ihr der Atem stehn,
Wenn ein Wesen sich aus der Bedingnis reißt.
          Der Zeiger stirbt auf zehn.

Und es bricht aus den schmierigen Wänden hervor
Von Affen ein Millionen-Chor:
Auf der Tapete Wald-Ornament,
Hinüberfletschend zu Hannsen,
Klettert ein rhythmisches Regiment
Stetig bewegter Schimpansen.
Und alle Stellen und jeden Fleck
Nimmt die unruhende Horde ein.
Kein Ort bleibt mehr rein,
Sie hangen am Schrank, sie stecken im Eck.
Rittlings selbst auf den Lampen
Recken sich träg ein paar Schlampen.

Jetzt zerstiebt das Kläffen und das Geschnarch,
Denn heraus aus dem Schatten schoß
Der ungeheure, der Koloß,
Urahn, Erzvater und Nachtpatriarch.
     Es zittert der wimmelnde Traumstamm,
     Denn der Alte schwingt seinen Baumstamm.
Im Sühnereigen, in Kindespflicht,
     Schleichen die Bleichen um ihn.
Er aber in wiegenden Zeremonien
     Hält Gericht, hält Gericht.
Er rauft seinen Bart mit wüstem Riß,
     Und grölt nickend den Bann
     Über den abtrünnigen Mann,
Über den Thron-Sohn, über den Sohn-Sohn,
         Über den Sohn.

     Hannes aber mit Blitzgebiß,
          Berstend vor Hohn,
          Bleckt ihn an!

Und mit einem Satz zum Schminktisch! Er packt
Den Helm, der bereit liegt zum letzten Akt,
Und setzt ihn aufs Haupt mit neuem Geschick.
(Der Heldenhelm gleitet ins Breitgenick.)
Dann auf das Schwert Manricos gestemmt,
Sich selber erhaben fremd,
Steht er da, steht er da,
Wie's noch niemals geschah:
     Aufrecht starr gerade
          Und fast frei!
Aus der Kehle stößt hell der erste Schrei,
         Ein schriller Kinds-Schrei,
Und im Schrei ist Wort, ist Gesang, das Gedicht
   und die Gnade!!
Das Tier schwankt wie getroffen vom Jägerschuß.
          Aber siegreich edel
Von dem rückströmend behelmten Schädel
     Weint heiliger Schweiß des Genius.

          Und der Akt ist aus.
Der Herrliche sieht den Lohengrin-Affen betroffen,
    Und läßt vor Staunen die Türe offen.

Doppelsinnig von fern rauscht blau der Applaus.


Das Geheime und Offenbare

Eurhytmien  Sprüche  Lieder

Herkunft

Wir erwachen in diesem Land,
Zu hasten oder zu rasten,
Wie uns die Klassen und Kasten
Der verborgenen Ordnung entsandt.

Der Drang, der in dir aufschrie
Nach bräutlicher Lust und Gesinnung,
Die Sehnsucht ist's nach der Innung
In der höheren Hierarchie.

Sieh in jeglichem Augenstrahl
Das unverblinzelte Zeichen,
Des Rangs in den richtigen Reichen
Paria- und Adelsmal.

Denn eh du noch wurdest gestellt
In Geburt und vergeßliche Stunden,
Warst du in der heimlichen Welt
Gezählt, gewogen, befunden.


Das Meer des zweiten Lichts

Groß ist und süß der Augenblick,
Wenn sich von einem Antlitz und Geschick,
Die nicht verfinstern und erkalten.
Die unsichtbaren Strahlen falten.

Wie rings auch alles eisern friert,
Es schwingt in uns, bebt und vibriert
Geheimer Äther unaufhörlich,
Stoff, unverwest und nicht zerstörlich.

Alles, was schwingt, wirkt Ding und Licht.
So wird, was schwingend aus uns bricht,
Strahlung, die aus den Augen stammelt,
Zum Ozean des zweiten Lichts gesammelt.

Geborgen wogt auf unermeßnem Platz
Der Seelen Lichtwerk, Flut und Glorien Schatz, -
Damit dereinst, wenn Erd und Wesen scheitern,
Sich noch die Untergänge hoch erheitern.


Tiefen

Was tat deine Seele heute zur Nacht im Halbschlaf der elften
        Stunde?
    Sie glitt durch das Lächeln des Saals, durch Musik, sie strich
        um die summende Runde.
Und wo war deine Seele, als unseren Raum die Mitternachtsuhren
        durchpochten?
    Sie ging ohne Schatten im Mond über Schnee, verloren
        und in sich verflochten.
Und als die Schwinge des Sterns heran die neue Stunde getragen?
     Sie zechte zu zweit und vergoß den Wein. Unterm Tisch
        lag der Dritte erschlagen.
Was geschah ihr zur Weile der lastenden Not, Nachtföhns
        und Schatten-Getreibes?
    Da lag sie im Keller in Ketten und roch den Leichengeruch
        ihres Leibes.
Und in der dritten, der leichten Zeit, was durchlief sie für
        Abenteuer?
     Oh, sie war Vogel und Zauberei und Herrin von Wasser
        und Feuer.
Welcher Wahn war im heiligsten Augenblick des Tief schlaf s
        ihr zugemessen?
     Sie wußte, daß sie unsterblich ist. Jetzt hat sie es wieder
        vergessen.


Überwach

Wer den Augenblick kennt,
Den die Dämonen-Welt
Blauer Blitz nennt
Und Riß in Gottes Leichenhemd,
Sein Aug ist für immer vergreift.
Sein Herzschlag läuft fremd
Neben ihm wie ein Hund.
Bis auf den Wurzelgrund
Ungeduldig muß er sein Hier-Sein zerstören,
Dem unerträglichen Nu ganz zu gehören!
Die liebe Luft ist ihm schiffzerschellende Woge,
Säbelangriff das Sonnenlicht,
Und das Brot, das er bricht,
Tödliche Droge.


Woher

Eine weiße leichte Freude steigt
Heilig prickelnd mir in meine Kehle.
Ich weine über die Nacht geneigt.
Wer besucht denn meine Seele?
Erst war ja noch alles Scherbe und wüst . . .
Jetzt aber hat die erste Sonne den Pol gegrüßt,
Oder eine Anmut sich auf fremdem Stern begeben.
Ein Kuß verschlang zwei Leben,
Hand fand sich schaudernd zu Hand,
Daß ich Fern-Verborgner nicht widerstand . . .
Ja! Ich bin ein kristallnes Haus.
Millionen Strahlen fahren,
Die geheimen und die offenbaren,
     Ein und Aus
Und eine weiße leichte heilige Freude.


Sonntag

So wird es Tag und so wird's Nacht.
Wer weiß, was das bedeutet?
In Häusern ein ums andre Licht.
Ein Fenstervorhang flattert,
Und nur der Sternenhimmel summt.

Da wacht am Sonntag-Abend
Das Kirchenfenster auf und glüht.
Und die geborenen Menschen
Ziehn knirschenden Dezemberweg,
In ihrem Auge fernen Fernenblick.

Und einer, der den Blick erlauscht,
Und sieht, wie die bekleideten Gestalten
Ein jedes still in seinem Nebel zieht,
Bleibt stehn, und hemmt nicht seine Tränen,
Und hält das Klopfen seiner Brust.

In Häusern ein ums andre Licht.
Die Kinder kommen aus dem Schlaf.
Ein Fenstervorhang flattert.
Die Kinder gehen in den Schlaf.
Und nur der Sternenhimmel summt.


Gesang

Ich raste hier auf meiner Flucht.
Soweit entkam ich schon, daß all die Sucht,
Die Gier, die Angst, wie Vögel schrill und eitel,
Dem Horst mißtrauend, ziehn um meinen Scheitel.

               Sanft bin ich leer,
          Doch wird mir Lohn.
     Aus meinen fernsten Gründen her
              Steigt Ton um Ton.
     Es wandelt leicht und ungerufen
              Gesang, Gesang
          Über flüsternde Jakobsstufen.
     Ich klinge, wie ich nie erklang.

               Steige, steige
      Wort, wohin der Auftrag dir erging.
     Du herrschest, wenn ich schweige.

Die Dämmerung, das Tier, das regungslose
Schaut starr ins Aug mir ohne Ironie.
Von meiner Stirne weicht die Lied-Narkose.
Ich bin erschöpft und müde wie noch nie.

          Über die geheime Treppe
               Schwingt sich noch ein Fuß,
          Schlüpft die letzte Schleppe.
               Hauch und Gruß
          Streift mir lau das Ohr
               Von Gesang, Gesang,
     Fern verwirrter Klang
Drängt sich rauschend durch ein dumpfes Tor.

              Falle, falle
      Wort, der Tod hat dich erreicht.
Wir finden uns in seiner grauen Halle.


Stretta der Begeisterung

Knaben vom weißen Küstenturm,
Der sich ins blaue Tiefe stampft,
Werfen mit nacktem Jubelschrei
Wild sich ins Meer.

Auf dem zerzackten Gletschergrat
Schweben die freien Tänzer hin.
Nicht hemmt den erdelosen Schritt
Trunken die Luft.

Und in den Tälern schreiten sie
Sonnenumtaumelt Paar um Paar,
Mischend im heiligen Gotteskrampf
Träne und Kuß.

Grinsen in Winkeln Leichen still,
Weil sie ins Bein die Schlange biß . . .
Wir, ach, wir sind noch dichtes Licht,
Und wo ist Tod?!


Vier Türen

Ich starre ins webende Dämmerblau,
Daß ich meinen dunkelnden Grund erschau.
     Ich muß nicht lange starren,
Denn schon steh ich in einem Kuppelbau,
In der großen schallenden Halle.
Nach Nord und Süd, Ost, West genau
Seh ich vier Türen harren.

Nur fliehn! Ich öffne die Türe rechts:
Da stöhnt ein Röcheln und Sterbegekrächz.
Ein Kranker liegt auf dem Bette.
Vier Greise stehn um die Stätte.
Der Eine umfingert den Puls und summt,
Der Zweite hält an den versiegenden Mund
Einen Spiegel. Der Dritte zeigt auf die Uhr.
Der Vierte umkrallt eine Glockenschnur.
Und abseits mit stierem Gesicht,
Steckt ein häßlicher Hurensohn
Einen riesigen Gift-Skorpion
Ins Kerzenlicht,
Daß die Flamme vor Ekel sich windet. -

Weh, wer in die Tiefe findet!

Mich retten! Ich öffne die Tür nach West:
Von braunem Licht ist die Schenke durchnäßt.
Soldaten im erdig verzundernden Rock,
Aus dem das Blut und der Kot nicht schmolz,
Schlagen Karten. Doch Einer fährt auf wie ein Stock
Und stößt bis zum Heft sein Messer ins Holz,
Die Gläser hüpfen und verschütten den Rest. -

Weh, wenn sich kein Ausweg mehr finden läßt.

Die dritte Tür ist auf getan:
Ein leises Weinen zittert heran.
Auf hohem Thron sitzt eine Schönheit weich.
In den Spiegel verloren lächelt das Weib.
Und sie schreibt mit manchem Stift
Erregende Farben in ihr Gesicht,
Und unter die Augen schwarze wissende Schrift.
Aber ein Buckliger, der bebend ihr Antlitz sog,
Weint und wäscht ihre Füße mit einem Schwamm.
Die Schöne sieht ihn nicht an.
Sie wiegt sich und eitelt ins Spiegelprangen.
Doch voll Schlamm und widrigen Wassers starrt der Trog.

Wehe! Wohin gehn wir? Wodurch schon sind wir gegangen.

Und ich reiße die letzte Türe auf:
Vor mir ist das Meer, vor mir ist das Meer.
Und mit Muscheln und Quallen zu mir hinauf
Schmelzen die Wellen zur Schwelle her. -
Ich bin gefangen vom Meer.
Aber der Atem des Ozeans
Atmet aus meinen Lungen, Stoß um Stoß,
Und die Augen werden mir schwer, -
Meerwasser-Tropfen treten aus ihnen groß.
Sturmschwalben schrillen, kreuzen, drehn,
Und wo die letzten weißen Kämme stehn
Ziehn am Horizont die geschmeidigen Schiffe heiter . . .

Wer kann unsere Welt verstehn?

Die großen Schiffe ziehn weiter, die Schiffe ziehn weiter . . .


Straße

Wir waren eine große Schar.
Licht lag auf uns und Lachen klar.
Wir wanderten den Berg hinunter.
Die große Straße war wunderbar,
Der Abend starb schon bunter.
     Blumen trug
     Der halbe Zug.
Der Wiesen heilige Innigkeiten
Schwankten weich in der Frauen Schreiten.

Die wunderbare Straße trug
Uns zu dunkelnden Stellen.
Dort unter Bäumen harrten Kapellen,
- Tür offen, Altar im Hellen -
Auf den Zug.
Im Kerzenprunk
Unterm Altare
Stand eine Bahre.
Unser viele, Einsame und Paare
Standen
     Schwanden
In das Kuttengrau der Dämmerung.

Unser Augenlid wird schwerer,
Und die Straße immer leerer.
Wenig Schritt klingt im noch Hellen.
Es warten keine Kapellen,
Tote Mühlen stehn im Düstern.
Hinter mir geht ein müdes Flüstern.
Das sind meine Schwestern.
Das Schwester-Flüstern bleibt nun auch im Weiten.
Sie müssen ruhn, sie können mich nicht begleiten.

Jetzt gehn wir allein. Ich und Du.
Ich stütze dich. Deine Augen sind zu.
Wir kommen zu einer Mond-Stelle.
Und da springt eine Quelle
Schallend ins Licht.
Doch aus der Quelle Schall wird ein Gebelle.
Ein Hündlein springt froh um unsre Beine
Hell im reinen Licht.
Und mir will's scheinen,
Es hat eines kleines Kinds Gesicht.

Tief aus dir bricht hoffnungslos ein Weinen.


Auszug und Heimkehr

Winterfrühe war es, Knabenwinter,
Als im Vorflur, als im schwarzen Gang
Ihn der unsichtbare Arm umschlang.
     - Knabenfrühe war es, ferner Winter, -
Als die Hand den kleinen Mantel knöpfte,
Leicht ihn straff zog, Staub und Falten schöpfte.
     - Winterfrühe war es, Knabenwinter, -
Kuß und Arm und Hand ließ er dahinter,
       Und er sprang
Über Treppen durch des Hauses Pforte, -
Hörte kaum, daß wie ein Sang,
Banges seinen Schrittchen nacherklang:
Dunkler Sprache Worte, einer dunklen Sprache
   Wohllaut-Worte.

War er seines Schulwegs recht gezogen,
Oder ist er früher abgebogen?
In der Menschen Schwirre, in der Gassen Wirre,
Wo ist da die Richte, wo die Irre?
Und so saß er unter Schwatz und Schwärmen,
Lärmte er, so wußte er sich lärmen,
Lachte er, so hörte er sich lachen,
Aus Erwachen fallend in Erwachen.
Fragte so, von der Geliebten gehend,
Ach wie bin, wie bin ich her geschehen?
Hatte jäh der Tod ihn freigegeben,
In ihm pochte fremd, so fremd sein Leben.
Niemals war in Spannung und in Pause
Selbst in seinen Schmerzen er zu Hause.
Nur ein Weithin-Dehnen,
Ein von Tränen nie ertränktes Sehnen,
Jagte, pulste, peitschte irr im Innern:
Ein Nochnicht-Vergessen, ein Nichtmehr-Erinnern.

Jahreszeiten oder Tageszeiten,
Was sind Kürzen, Längen, Nähen, Weiten?
Feiern seh ich Schwalben ihre Feste,
Doch schon krachen Raben durchs Geäste,
        Und die Schwärzen schwelen.
Dort die Linden, die, sich breitend, steigen,
Hier die Blumen, die sich tödlich neigen:
Alle Bilder, alle Bilder wachsen aus den Seelen.

War's der gleiche Winter, der erklang?
Kehrt er heim von seinem Schulegang?
Ja! Das Haus wuchs da auf seinem Wege.
        Und er stand nicht lang,
Als ob nichts dazwischen läge.
        Kindlich sprang,
Kindlich sprang er übers Holz der Stufen,
Hörte Stufen seine Schritte rufen,
Stand im Vorflur, stand im finstern Gang.
Da zerbrach ihn eine tiefste Nähe,
Und sein Herz zersprang in Wohl und Wehe,
Daß er still zusammensank
An der Wohnungstüre, an der Todespforte.
Und er fühlte süß ein unsichtbares Neigen,
Hörte singen singen im Entschweigen
Einer dunklen Sprache Worte, einer schwarzen Sprache
   ungeheure Worte.


Abschied

Lebt wohl! Lebt wohl! Da noch in eurer Mitte
     Mein Lächeln schwebt,
Hör ich sie schon, ganglang, die schwarzen Schritte,
     Die Türe bebt.

Lebt wohl! Ich sage nichts und bleibe sitzen,
     Den Hals umkrallt.
Seht ihr denn nicht?!? Aus meinen Mauer-Ritzen
     - (O dürft' ich schrein) - wächst Wald.

Lebt wohl! Lebt wohl! Wie? Ich soll Antwort geben?
     Fern geht mein Mund.
So helft mir doch! Von tausend Spinneweben
     Bin ich vermummt.

O meine Frau! mit deinem Fuße rührst du
     Den meinen an.
Fühlst du das feuchte Ackermeer und spürst du
     Den Schollenbann?

Es hängt, - leb wohl -, dein Blick an meinen Haaren.
     Packt dich kein Schreck?
Sind sie denn nicht verfitzt von Moor-Gefahren,
     Ein Nest für Krot und Schneck?

Leb wohl, leb wohl! Nicht greifen ohne Grauen
     An meine Hand die holde deine soll.
Ich berge unterm Tisch ja braune Klauen
     Von Schratt und Troll.

Lebt wohl! Ja, ich will sprechen, lachen, trinken,
     Wie's mich auch von euch stößt.
Ich scherze. Endlos Regenwege winken
     Wie Totes schlüpfrig aufgelöst.

Ah! öffne das Klavier! Du spielst. Ich höre . . .
     Was? Aus dem Schaum des Walzerwahns
Hör ich als Wurzel einer Riesenföhre
     Die Teufels-Balz des schwarzen Hahns.

Mein Glas voll! Schnell! Verschüttet! Hört ihr Schritte?
     Wer ruft? Nicht Blut, der Raum tappt hohl.
So schützt mich! Haltet mich, so nehmt mich in die Mitte.
     Zu spät! Stoßt an! Lebt wohl! Lebt wohl!


Angst

     Wenn ich schlafe ein
Ist mir's oft, als wärst du mir entrissen.
Hinter hundert harten Finsternissen
Spür ich nicht mehr deinen heißen Schein.

     Dann kann ich nicht schrein,
Und ich bin nicht hier in Bett und Zimmer,
Nein, auf höchstem Meere dem zerbrochnen Schwimmer
Lähmt sich Arm und Bein.

     Oder urallein
Muß ich als ein Angespuckt-Verhaßter
Auf dem autobuszerwälzten Pflaster
Einer fremden Stadt verlassen sein.

     Treib ich - (nicht mehr mein) -
Schon durch lampenleere Schlafkanäle,
Krümmt mein letztes Sein, das Kind in tiefer Seele
Weh den Mund vor mutterloser Pein.


Einsam

Es kommt der Tag in schwerer Regenkutte,
Ein strenger Mönch des Ordens Ewigkeit.
Meine Wahrheit war von holdem Lügenschutte
     Gut zugeschneit.
Er aber wühlt aus meiner Seele
Herauf den Schreckensschrei tief innen,
Der unerträglich drosselt meine Kehle.
Im Regen hör ich laut die Sanduhr rinnen.

Ich sehne mich nach Post, o Menschengrüße!
     O auf der Straße sein!
Gedenk ich deiner Frauenfüße,
Bricht Reue, Reue in mich ein.
     Nichts!
Regen - Sanduhr weit und breit!
     Oh, die mir entfielen,
Könnt' ich doch fliehn zu bittersüßen Spielen
Der nun verlornen, ewig nun verlornen Zeitlichkeit.


Langsam kommen

Langsam kommen schon die Gespenster.
Gestern sind wir noch jung gewesen,
Nichts lag hinter uns.
Leichten Tuns
Trieben wir unser Wesen.
So spät schon?! Jetzt sind wir Toten-Tänzer.
     Gestern peitschten wir die Disteln nieder,
     Heute peitschen uns die Disteln wieder.
Schatten von schweren alten Schwüren
Machen um unser Bett die Runde.
Es sind ausgetrunkene Gesichter,
Die uns das Herz abschnüren.
Der letzte Tropfen Blutes steht auf ihrem Munde.


Chaos und Form

Ich habe die Türe aufgemacht,
Eindringt mit schlammigen Wassern die Nacht.
Nicht sind ihr die Wände mehr Hemmung.
Bis zur Hüfte steigt mir die Fluß-Überschwemmung!
Große Fische mit Messingflossen
Kommen in raschen Schwärmen geschossen.
Balken und morschende Boote
Drehn sich im Wirbel durchs Zimmer.
Beim Ofen treibt im glucksenden Schimmer
Farrenbekränzt eine blondhaarige Tote.
Mit wüsten Gurgelrufen gegen den Wind
Anwatet ein riesiger Kerl. Mordgesinnt
Hebt er das Ruder, mich zu zerschmettern.
Ich bin schon blind,
In die Ohren dringt mir die Flut mit eisig einbrausenden
   Wettern.

Aber ich lächle nur:

Ein saugender Stern brennt fern in meiner Natur.
Ich lasse ein feines, kalt göttliches Wissen spielen. -
Und wie die schnaufenden Mächte mein Leben umzielen,
Spring ich im letzten rettenden Nu empor:
Sanft steht das Wasser, das ich beschwor.
Um mich in goldenem Kreis tanzt der Fische Rotte.
Balken und Boote ziehn als geordnete Flotte.
Der Flößer steht mit seiner Stange Habtacht.
Schwärmerisch ist die blonde Tote erwacht.
Jetzt schwebt sie im Weißdunst über ein Büchergerüste,
Und hebt mit Händen einen hehren Kristall
Hoch empor über ihr Gesicht.
Aus mächtigem Amethyste
Bricht webenden Violetts ein veilchenduftender Schwall,

Und auch ich bin in diesem Licht.


Das Gedicht

Was mir gelingt,
Darf nicht mir gelingen.
Ein andres Wesen will aus mir dringen,
Während mein Wachsein sinkt.
Das Fremde ist wohlgelaunt.
Es hat mich erwählt, daß es werde.
Nun grüßt es scheidend mit kalter Gebärde.
Ich starre ihm nach, müd und erstaunt.


Nachtregen

Des Regens Gleichmut! Totes Rauschen!
Je mehr du willst, je mehr du horchst,
Je weniger wirst du erlauschen.

Gespannt bist du dir unvergessen.
Sinnlos die Regenöde lallt.
Du wirst von Gott kein Wort erpressen.

Gib's auf zu gieren und zu haschen!
Dem Wartenden wird kein Gesang,
Das Große will dich überraschen.


Die Axt um Mitternacht

Wenn die Mitternacht mir ans Fenster hallt
In meine umkauerte Einsamkeit,
Hör ich Schlag um Schlag aus dem Winterwald.

Wer ist's, der im schneeigen Hinterhalt
Mit der Axt fällt Bäume und Räume und Zeit,
Daß der Uhrenschlag, der verborgene schallt?

Der Pendel, die Axt hackt weiter und frißt.
Manche Tanne knarrt wie ein Greis im Asyl,
Aber manche tönt schön wie ein Harfenriß.


Pfad

Dick steht um dich die Nacht.
Du hast des engen Pfads nicht acht.
Versunken gehst du durchs Geheg,
Dein tiefstes Wesen weiß den Weg.

Weh, wenn du plötzlich denkst,
Ob du auch recht die Schritte lenkst.
Die weisen Füße scheuen wirr,
Du keuchst ins Tod-Gestrüpp verirrt.


Die Erzherrscher

Aus roten Augen seh ich es stechen,
Aus Mäulern fährt, was nicht auszusprechen,
Und wähnt sich Wort und glaubt sich Sinn.
Kein Schrei, doch reißt es zu Schreien hin.
In den schlotternden Städten hör ich ein Kreischen,
Wenn die Hetzer und Fetzer sich irr zerfleischen.
     Menschen-Trennungen
     Mord und Verbrennungen:
Es sind die Götter hinter den Nennungen
     Die Tänzer und Lacher,
        Spiel-Widersacher,
        Sie ducken sich breit
   In die Hunnenfratze unserer Wut,
     Unser Mut ist ihr Tänzer-Kleid:
        Nur für sie Gut und Blut!

Die edeln Worte, was sie auch sagen,
Sind falsch wie der Schwatz eines Geilen.
Die rasenden Tänzer und Springer jagen
In den Gedanken und Zeilen.
Alles muß werden Beute,
Daß es diene und sie nur bedeute.
Die Herren des Neuen, die Herren des Alten,
Gewalt, gepeitscht von den wahren Gewalten,
Sie dürfen, kniebebend, Statt halten.
     Kriegs-Entbrennungen,
     Volks-Bekennungen:
Allmasken der Götter hinter den Nennungen
     Die lodernden Unsichtbaren
     Wollen aus Mäulern und Taten fahren.
        Es ist ihr Tribut,
   Den sie verschmeißen, ohne zu sparen:
     Gold, Rausch und Blut!

Und ich der Klare in der Mansarde
Ohn' Abzeichen Band und Kokarde,
Wie ich auch all meine Spitzen schärfe,
Und mich den Namen entgegenwerfe,
Sie lachen aus mir. Ich bin verloren,
Für sie nur geboren, von ihnen beschworen.
     Heilige Sendungen
     Himmels-Einrennungen:
Ballett der Götter hinter den Nennungen
   Sie tanzen! Der Bann bleibt gebunden.
   Sie rauschen unüberwunden.
Mein Hirn umlarvt die Lachenden gut.
   Ich rufe mit sterbendem Munde:
     Für sie auch mein Blut!


Der König

Laub im Wald,
Einen Winter alt,
Ist heut schon schwarz.
Bald,
Übers Jahr
Als Erd feucht starrt's.

Meer bei Flut
Wirft zarte Brut,
Glasiges Tier
Auf den Sand mit Schaum.
Zwölf Stunden kaum,
Und die Zier
Zerscholl zu Traum.

Ich, Du! Wir
Herzklopfen hier
Sind wenig dicht.
Wie du's auch nennst,
Leib und Gesicht:
Nur Gespenst.

Viel Welten wehn,
Die wir nicht sehn:
Engel-Stern
Im leichteren All,
Sphäre und Frucht
Ohne Fall.

Aber es bleibt
In allem, was leibt,
Im Atem-Geschick,
Das bindet und trennt,
Nur des Königs lodernder Blick,
Der durchs Gespinst
Der morgenrissigen Masken brennt.


Vergebens

Mein Göttliches so wild
Und zart aus mir gedrungen,
Tiefer als alles Wort,
Was war denn sein Verlangen,
Da es den Raum durchsungen?
Es wollte sein empfangen.

Mein böser Wille dreist
Kann die Geliebte beugen.
Sie sinkt dem Siegerblick.
Allein mein heiliger Geist
Wird nimmer einen Gott
Im Weibe zeugen.

Es war in alter Nacht:
Um mich in Feuer-Falten
Loderten gegenwärtig,
Die aus mir vorgetreten,
Engel-Gestalten.
Ich habe sie abgefertigt.

Und jetzt kam ich ins Zimmer.
Im Winkel unbeachtet
Verging Gewimmer.
Welk liegen hier die Toten,
Die rückgekehrten Boten
An Einsamkeit in Raumes Graus verschmachtet.


Nur Horchen

Tausendmal legt' ich das Ohr an die Erde,
Dem Huf schlag der Nächte zu lauschen.
Doch das ferne Stampfen verstand ich nicht.

Oft riefen mich Lieder an.
Bleich bebte ich schon, mein Lied da zu hören,
Aber es war nur der schwankende Sang der Wachen

Wievielmal knirschte es nahe durchs Dunkel.
Auffuhr ich den Botenschritten entgegen.
Des Nacht-Tiers Husch verwisperte im Gemäuer.

Angespannt steh ich ohn Atem und Leben:
Nur Horchen, wildsehnendes Wittern,
Daß mein Feldruf mir endlich erschalle!

Lang lebe ich schon.
Das Wort ist mir nicht geworden,
Nur das Wunder verwelkte ringsum.

Die schwärzliche Rose im Kelchglas,
Sie neigt sich vor mir tief und tiefer,
Aber ihr Aug, ihr Aug ist gebrochen. Jetzt seh ich's.


Friede

     Woher ich mich geschwungen,
Wohin ich vorgedrungen, -
Ich habe nicht ergründet,
Wovon ich wirr gesungen.
     Nun ist im Haus,
In meinem Fenster ist ein Licht entzündet,
Das greift und ruht still in die Nacht hinaus.

     Wer so emporgetaucht ist,
     Von solcher Fahrt verbraucht ist,
Er will, was er erkannt hat, nicht mehr kennen.
     Nur eine Zärtlichkeit
Fühlt er mit kühler Glorie in sich brennen.

     Gelassen
Darf ich das Fleisch der Dinge wieder fassen.
Welk um mich fallen Schatten und Grimassen.
     Das Eitle ging zur Rüste.
In meinen Ohren Baum-Gebraus
     Hock ich an dieser Küste,
Und spähe dumpf und weit in mich hinaus.


Das kleine Trübe bin ich

Herr, meine Seele ist die Dämmerung,
Die noch verbirgt die Bilder deines Tags.
Herr, meine Seele ist der Wolke Bann,
Der deinen Strahl in seine Schwärze fängt.

Doch schon erwacht zu zärtlichster Gestalt
Die Linde vor dem Haus aus Dämmerung.
Und durch die Wolke bricht, gebrochen zwar.
Doch so erträglich erst dem Aug dein Strahl.

Was bin ich? Bin ich deine Wahrheit? Nein,
Ich bin die Dämmerung, bin die Wolke nur,
Das kleine Trübe bin ich, das du brauchst,
Dich zu verkündigen, doch Verkündigung nicht.

Nichts bin ich! Denn die Dämmerung löst sich auf.
Nichts bin ich! Denn die Wolke flockt entzwei.
Doch wuchsen Baum und Fels in meinem Bann.
Und dein Strahl brach gesandt durch meinen Traum.

Verdichtung, Schatten, Trübnis, Nebelstrich
Und matte Scheibe bin ich deinem Licht.
Mir selber unverständlich schweb ich hin
Durch aller Wesen Unverständlichkeit.


Elevation

Welchen Weg bist du gegangen,
Daß du kamst hier heran?

     Keinen Weg bin ich gegangen.
     Ich sprang ich sprang von Traum zu Traum.

Und du hast dich verirrt nicht
Dort in Fels Wald Schilf Moor?

     Herr, ich nahm doch den Weiser
     Am Kreuzweg den Weiser nicht wahr.

Und es würgten den Fuß dir
Nicht viel Meilen Gestrüpps?

     Ich flog auf dem Sturm her
     Ein Weinen ein einziges Weinen lang.

Sag, was hat dich gerettet
Aus der Sandflut der Nacht?

     Mir im Haar glomm beständig
     Ein Nest ein Nest blauen Lichts.


Allelujah

Ist das Licht nicht immer Eines,
Wenn es auch durch Schwall und Schicht
Bunt sich bricht,
Kranker Abschein seines Scheines,
Uns zur dumpfen Farbenwelt
Sich zerschellt?
Licht ist Licht!

     O schweigendes Jauchzen!

Ist die Seele denn nicht Eines,
Die sich dumpf in Körpern bricht,
Und aus Auge und Gesicht
Zuckt als Abschein ihres Scheines?
Nur die Leiber
Sind wie Scheiben
Mehr und minder dicht.

     O schweigendes Jauchzen!


Nachtrag zu
"Beschwörungen"

Die Morgendämmerung
(Widmungsgedicht)

 

Wenn ich erschöpft von dem allnächtigen Werke
Im Fensterbild die erste Helle merke,
Grünenden Anhauch, matten Rosenstrich,
Friert mir durch jedes Glied ein Schauer,
Von eines Atemzuges Dauer . . .
Doch schon strömt Glück mit gold-gewaltiger Stärke,
Und neues Blut durchflutet mich.

Kein Halm des Sterns, der dies nicht müßte leiden,
Daß, wenn die beiden Mächte scharf sich schneiden,
Tag schon heranrollt, Nacht noch nicht verwich,
Daß ihn nicht dann, wenn alle Wiesen tauen,
Bevor er aufjauchzt überfällt das Grauen,
Wie's Gott, als er entzwei sich schuf, beschlich.

Da Mann und Weib wir sind, getrennt und endlich,
Beherrscht uns Glück und Grauen unabwendlich,
Die Mächte binden und entzweien sich.
Ich rühr dich an, du nachtgeheimes Wesen,
Der Dämmerung Schauder faßt mich unverständlich!
Dein Aug blaut Tag, beseligt darf ich's lesen:
Gehebte, siehe, du bist ich!


Blicke

Nichts Nackteres als die Nacktheit von Augen!
Kein Mund ist so nackt, wie Augen zu saugen
Vermag nicht der bissigste Kuß.

Und selbst in der Liebe letztem Berühren
Ist der Funke, der schlagende, nicht zu spüren,
Den der Kurzschluß von Augen zückt.

Unser Leib ist ein fast fühlloser Schatten.
Doch in nackten Blicken schmiegen und gatten
Sich Leiber von lichterem Stoff.


Nebelgeflüster

Ich habe mich schlafend gestellt,
Vor dem Fenster sitzend im Düstern.
Der seine Schwaden vorüberbauscht,
Der Nebel fühlte sich unbelauscht,
Und in dem Gewell
Begann es zu knistern, zu flüstern.

Sie glaubten wohl, daß ich schlief,
Die leise kichernden Ballen.
Ihr Stimmengewirre war silberzart,
Sie trauten noch nicht meines Schlafes Art.
Der war nicht tief . . .
Wie Gezwitscher erscholl's, wie Flöten und Lallen.

Das Weben der Nebelbrut,
Das Wirbeln, Bildern und Fluten
Sah ruhig mich atmen und schlafen ein.
Da fühlt' es sich frei und geheim und allein,
Da faßte es Mut,
Und aus dem Geflüster wuchs Rufen und Tuten.

Und es hob sich, es sank und es schwoll
Der Drang von dreihundert Städten.
Schreiten, Streiten, Geschrei und Gescharr,
Tramwaykreischen, Autogequarr,
All des war der Nebel voll,
Voll von Lärmen, von längst verwehten.

Aus dem Wirbel der Stimmen drang
Küssen und Lachen und Schmachten.
Opernauffahrt! Ein Schwarm von Applaus!
Sterbensschreie! Der Massen Gebraus!
Lispeln und Küssen erklang
Und immer dies lachende Schmachten.

Einsam wie meine Einsiedelei
Ist auf der Welt keine Stelle.
Ich springe vom Sitz. Hohnschweigend geballt
Wölkt sich der Nebel von Wald zu Wald.
Der Rausch ist vorbei,
Die Fata morgana der Schälle.


Die Freunde

Die ihr noch seid! Die wir uns nicht mehr kennen!
Ihr Freunde! Wir saßen einst beisammen.
Wir tanzten, wir sangen. Die goldenen Flammen
Der Abendbäume seh ich noch brennen
Zu Häupten der Jugend, der Schwärmerei'n.
Das Gold verbrannte. Ich bin allein.

Die ihr noch seid! Wir grüßen uns nicht mehr,
Wenn wir verschlossen vorüberrennen.
Der Männer Augenstern starrt leer.
Wir sind getrennt, uns tiefer noch zu trennen.
Ich schnitt das wirre Wort- und Festgekreisch
Aus meinem Blut, aus meinem Fleisch.

Im Mond vor meinem nächtlichen Fenster
Bebt das Baumgebein wunderbar.
Ich sehe leis lachende Jünglingsgespenster,
Ich ahne mich selbst in der schlenkernden Schar.
Die wir noch sind! Und die ihr einst wart!
Habt Dank, lebt wohl, und Glück auf die Fahrt!


Der unsichtbare Schritt

Auf der Straße schallt ein Schritt,
Manchmal ferner, manchmal näher.
Ist es noch ein später Mäher?
Tappt ein Bauer
Durch des Zwielichts letzten Schauer?
Immer näher
Auf der Straße schallt ein Schritt,
Und mein Puls schallt mit und mit.

Manchmal fern und wieder nah!
Jetzt erschallt er bei der Hecke,
Hallend biegt er um die Ecke,
Die Gefahr
Endlich wird sie offenbar.
Doch kein Mann biegt um die Ecke,
Nur der Schritt ist schallend da,
Manchmal fern und wieder nah!


zurück zu allen Gedichten von Franz Werfel