Gedichte 1933

Gedichte

1933

Alle Zeitangaben zu den Gedichten geben das Datum an, dem der Text zugeordnet werden konnte.
Bezug hierzu sind die Angaben aus der Sammlung der 1987 von Klaus Völker herausgegebenen Gedichte.


Inhalt

Die Rose für den Dichter

Wie lange war kein Himmel über mir!

Wohin ist alle Blütenpracht gekommen?

Abenteuer ohne Spesen

Berliner Speisehaus gegen vier Uhr nachmittags

Der Nachtzug durchfährt eine grausige Landschaft

Wirtshaustisch

Erlebnis eines Knaben

Zürichhorn

Haussegen für London, 83,Duke Street

zurück zu Max Herrmann-Neisse - Gedichte 1924 - 1941

zurück zu den Gedichten von Max Herrmann-Neiße


 

16. 01. 1933

Die Rose für den Dichter

Sie wagte durch den ganzen Saal zu schreiten,
sie dachte: Alle blicken auf mich hin
und sehn, wie töricht ich errötet bin -
was ahnen sie von meinen Seligkeiten!

Sie legte linkisch eine Rose nieder
neben die Kerze auf den leeren Tisch
und fand auf ihren Platz nachtwandlerisch
und saß, als wäre nichts geschehn, schon wieder.

Und alles schwieg. Nun stand der Dichter oben
und fing zu sprechen an, daß die Musik
klingender Verse wie ein Springbrunn stieg,
im Silberstrahl zum Himmel aufgehoben.

Er stand in ihrem Glanze, sie verschönten
sein aufgetanes Alltags-Angesicht.
Er sah den Saal und seine Menschen nicht
im Rausch der Strophen, die ihn groß umtönten.

Sie tönten noch, als er von seinem Blatte
aufblickte und der Beifall ihn umfing.
Er wußte nicht, als er vom Podium ging,
daß er in seiner Hand die Rose hatte.

Erst nachts in seinem heimatlosen Zimmer
hat er das göttliche Geschenk erkannt.
Und immer auf dem Tisch die Rose stand
in unverwelklichem, weltfremdem Schimmer.


 

23. 01. 1933

Wie lange war kein Himmel über mir!

Ich wollte wieder Seine Stimme hören,
so lang war über mir kein Himmel mehr.
Vielleicht vermag mein Wunsch Ihn zu beschwören
zu einer gnadenreichen Wiederkehr.

Ich wollte gern mich Ihm entgegenheben,
da hielt mich ein Gewicht am Grunde fest:
alles, was nichtig war in meinem Leben,
und auch von fremdem Tod ein dunkler Rest.

Ich wollte wieder Seine Hilfe finden,
den Trost, daß Er in meiner Nähe blieb.
Er schwieg. Er war nicht in den Winterwinden
und nicht im Schnee, der um die Dächer trieb.

Er war nicht in den Händen, die mich heilten,
nicht in der Stille um das Nachtgebet.
Er schwieg, so wie wir stumm vorübereilten,
der Frau, die bettelnd an der Straße steht.

Ich wollte gegen Seine Art mich wehren,
daß Er mich ganz aufgab und sich entzog;
ich war im Unerforschlichen und Leeren,
in Öden, die kein Adler mehr erflog.

Ich wollte Ihn gewaltsam mir erjagen:
ich lästerte, damit Er strafend kam.
Ich drohte Ihm, mich selbst ans Kreuz zu schlagen,
daß Er mich Toten in die Arme nahm.

Ich wollte mich und Ihn zugleich vernichten,
dann träfe ich zuletzt doch Seine Spur.
Er ließ von mir sich nicht einmal mehr dichten
und machte meine Welt zur Unnatur.

Ich bin am Ende. Demut, kein Empören.
Ich will nur noch von fern geduldet sein.
Darf ich, ganz leis nur, Seine Stimme hören,
schlaf ich getrost im Todesschlummer ein.


 

25. 01. 1933

Wohin ist alle Blütenpracht gekommen?

Enttäuschung, Bilder aus vergangnen Tagen:
die Mädchenhafte ist heut welk und breit,
ein Trauertrampel hinterm Kinderwagen.
Liegst du so weit schon, meine Jugendzeit?

Das Bühnenfräulein, einst begehrt von allen,
hat einen Bart und hockt der Anmut bar
in der Kaschemme schlampig und verfallen,
und niemand glaubt, daß dies einst Grazie war.

Und auch ich selber, blick' ich in den Spiegel, -
umschimmerte dies Antlitz einst Apoll? -
so seh ich heut nur einen Schweineigel,
der faul ist und, vor Torschluß, weibertoll.

Wohin ist alle Blütenpracht gekommen,
die damals immer mit und in uns blieb ?
Allmählich ward mir dies und das genommen,
und schließlich ist mir nichts mehr wert und nichts
mehr lieb.

Und jetzt? Ein träger Geist, ein kranker Magen,
ein Wrack, zu jeder Schäbigkeit bereit.
Die Bilder spotten aus vergangnen Tagen,
es schmerzt Erinnrung an die Jugendzeit.


 

27. 01. 1933

Abenteuer ohne Spesen

Ich liebe nicht das Schiff und nicht den Wagen;
ich liebe, lang am gleichen Tisch zu bleiben,
im gleichen Stuhl mit seßhaftem Behagen,
und Reisen mehr, wenn andre sie beschreiben.

Gern les' ich sie zu Haus dann im Pyjama,
vor Seekrankheit gefeit und Klima-Nöten,
erlebe wohlverwahrt das wüste Drama,
wenn sich Schiffbrüchige im Irrsinn töten.

Im Ofen brennt ein gutes Feuer,
es schnurrt die Katze und der Grog dampft heiß,
und ich bin mitten drin im Abenteuer
hilflos Verlorener im Nordpol-Eis.

Ich steh nicht gern auf hohem Aussichtsturme,
denn schwindlig wird mir schon im Fahrstuhlgleiten.
Nun aber sause ich bei stärkstem Sturme
im Flugzeugmärchen mutig durch die Weiten.

Die fernsten Länder kann ich leicht erreichen,
mit meines Traumes gut geborgner Lüge,
und grusle mich platonisch bei den Leichen
gesunkner Dampfer und entgleister Züge.

Auch Liebeslust genieß ich ohne Spesen,
bin in Gedanken schon galant zu Gast
bei unnahbaren Göttinnen gewesen,
gefahrlos siegreich: Lyriker, Phantast.


 

28. 01. 1933

Berliner Speisehaus gegen vier Uhr nachmittags

Das Mustersöhnchen hält im Elternschwatze
still wie ein Hund, der artig Pfötchen gibt.
Ein Glatzkopf spreizt sich lächerlich verliebt
und schmatzt an einer fetten Frauenpratze.

Den Dicken dort sieht Austern man genießen,
ein Brillenweib äugt ungepflegt und -wirsch.
Drei Rotgesichter sind bereits beim Kirsch,
mit dem sie sachlich ein Geschäft begießen.

Es überrascht der Kellner sich beim Gähnen;
der Boy verkauft bereits das Abendblatt.
Der Mann mit Mappe fühlt sich endlich satt
und stochert sehr ausführlich in den Zähnen.

Bei einer Rechnung gibt es Streitigkeiten,
die zugehörige Dame tut neutral.
Ein Lama zankt sich laut mit dem Gemahl,
um den noch Frechen geistern schon die Pleiten.

Ein Zugereister wagt es auszuschweifen,
indem er eine schwere Upman pafft,
wobei er emsig schnüffelnd um sich gafft
und hofft, an einen Kinostar zu streifen.

Es lächelt die Geschiedene verwegen.
Verspätet schlingt nervös der Journalist.
Den Raum, der plötzlich leergefressen ist,
beginnen derbe Besen rein zu fegen.


 

02. 02. 1933

Der Nachtzug durchfährt eine grausige Landschaft

Ringsum nur Wüste, öd und leer,
feindlich versperrt mit Stacheldrähten.
Das Schlachtfeld. Und ein Nebelmeer
lastet auf den Dahingemähten.

Da blüht kein Stern. Da wacht kein Hund.
Da spukt kein Toter mitternächtig,
ist Himmel fern und Höllengrund,
kein guter Geist, kein böser mächtig.

Ein Reich, das niemals wirklich war.
Und werden wir es heil durchfahren,
droht unserm Zuge hier Gefahr,
die Angst aus meinen Jugendtagen?

Allmählich lichtet sich der Dunst.
Es formt sich aus dem Ungewissen
die Ahnung einer Feuersbrunst,
umrahmt von rauchenden Kulissen.

In gnadenlose Wolken glüht
ein aufgetürmter Hügel Schlacken.
Die Morgendämmrung naht verfrüht
dem dumpfen Schlummer der Baracken.


 

10. 02. 1933

Wirtshaustisch

Zahnstocher. Aschenbecher. Pfeffer, Salz.
Der Brötchenkorb und die Bieruntersätze.
Ein Fußsackbart. Ein nackter Frauenhals.
Der Wasserfall unnötiger Geschwätze.

Nervös am Tischtuch krallend eine Hand
grad über jenem grellen Rotweinflecke.
Die andre übers weiße Linnenland
zieht schleimig ihren Weg wie eine Schnecke.

Vergessen liegt ein Brillenfutteral
bei Zeitungen und ein paar Ansichtskarten
mit angefangnem Text. Ein welkes Mahl
muß lang auf seinen säumigen Esser warten.

Daneben ist der Platz schon abgedeckt:
es scheppert auf dem Holz der Würfelbecher.
Ein Ring am roten Würstchenfinger steckt,
und unterm Stuhl der Fuß wird frech und frecher.

Statt daß er langsam an den schmalen glitt,
war er zu hastig mit verfehltem Stoße:
den Hund, der harmlos schlief, trifft grob ein Tritt;
Salz liegt und Senf in einem Frauenschoße.


 

Anfang 07. 1933

Erlebnis eines Knaben

Als längst der Knabe sich nicht mehr erhofft,
Erfüllung würde, was er gern und oft
sich träumte, spürt in schwüler Sommernacht
er Schritte nahn, behutsam leis und sacht
und wie er leis des Bettes Decke lüpft
und schmiegsam weich an seine Seite schlüpft,
ganz weich und warm an seiner Hüfte ruht,
mit kundger Hand ihm sachlich Gutes tut,
bis ihn ein Hügel Nacktheit überblüht
und flüssige Glut an seinen Gluten glüht,
und jäh fühlt er sich völlig einverleibt
und wie er schmelzend auf und nieder treibt,
mit weichen Windungen ihn feucht umschraubt
und ihm in Seufzern die Besinnung raubt.
Die Busenknospe zuckt in seinem Mund,
und als er, aufgewühlt bis in den Grund,
ohnmächtig sich verliert in Raum und Zeit,
sein letzter Hauch noch dankbar: »Mutter!« schreit.


 

Anfang 07. 1933

Zürichhorn

Ein Vollbart prangt am Bänkerund
als pensionierter Tell.
Ein Promenadenmischungshund
kläfft ärgerlich Gebell.

Darauf beginnt ein Kind zu schrein,
das brav im Wagen lag.
Im Wirtshausgarten macht beim Wein
ein Pärchen Feiertag.

Ein Jüngling stellt sich malerisch
im Boot zur Schau halbnackt.
Auf den gedeckten Kaffeetisch hat
sanft ein Spatz gekackt.

Am Landungssteg ein Angler steht
und lauert auf den Fang.
Ein Sommerlüftchen leis durchweht
den Vollbart auf der Bank.


 

25. 09. 1933

Haussegen für London, 85, Duke Street

Neues Obdach, laß dich segnen!
Zuversichtlich ziehn wir ein:
draußen wird es herbstlich regnen,
wird ein fremder Winter sein,
draußen lockt das Unbekannte
oder wird uns bald zur Last.
Hier genießt der weit Verbannte,
was du ihm bescheret hast.
Stelle schützend deine Hände
vor der Straßen Lärm und Streit,
halte treue Vaterhände
über unsre Einsamkeit,
eine kleine Insel baue,
wo das Herz sich selber hört,
der ich gern mich anvertraue,
weil kein Feind die Stunde stört!
Tröste uns mit Weihnachtsliedern,
wie sie nur die Heimat hat,
gib den müden Flüchtlingsgliedern
eine sanfte Ruhestatt!
Wird der Wahn die Welt befallen,
führe ihn an uns vorbei,
daß dies Obdach dann uns allen
die gelobte Insel sei!


 

zurück zu Max Herrmann-Neisse - Gedichte 1924 - 1941

zurück zu den Gedichten von Max Herrmann-Neiße