Gedichte aus dem Nachlass - Franz Werfel

Franz Werfel

Gedichte aus dem Nachlaß

 


Inhalt

Aus dem Kreis >Der Weltfreund<

 
Aus dem Kreis >Wir sind< 
 
Aus dem Kreis >Einander< 
 
Aus dem Kreis >Der Gerichtstag< 
 
Aus dem Kreis >Beschwörungen<
 
(Sinngedichte):
 
Aus dem Kreis >Neue Gedichte<
Tod
 
Aus dem Kreis >Schlaf und Erwachen<
 
Aus dem Kreis >Gedichte 1938<
 
(Sinngedichte):
 
Aus dem Kreis >Kunde vom irdischen Leben<
 
(Sinngedichte):
 

Aus dem Kreis
>Der Weltfreund<

 

Eisgang

Noch dröhnt es dumpf wie ein schwerfälliges Fuhrwerk
Auf dieser Brücke mit den Schutzpatronen,
Den Heiligen mit Glorien und Kronen . . .
Doch horch! Nun schwillt's wie aus gewaltigem Uhrwerk.

Das Pendel pocht in langen schweren Stößen.
Da sehe ich bei jenen weißen Wehren
Das Eis aus Rissen Wirbelflut gebären,
Und Blöcke tanzen, Balken dann von Flößen.

Urplötzlich birst mit großem Schrei die Fläche.
Wild öffnet sich's von Kratern und von Schlünden,
Von grauen Bergen und aus grauen Gründen
Tollen die Wasserfälle und die Bäche.

Der Stromgott wird zum Teufel und mit steifen
Knorriggeformten wuchtgewohnten Händen
Jagt er das Eis an starren Quaigeländen
Und wäscht sie rein mit Lehm und gelben Seifen.

Die Blöcke springen fliegend auf die Rücken
Der starkgebauten harten Wellenbrecher
Und stauen hier die abgetragnen Dächer
Und Schupfen dort und Schober, Stege, Brücken.

Aufbricht das Wasser aus dem braunen Strudel
Und läßt auf festem Nacken Manches liegen:
Ein Vogelkäfig und zwei tote Ziegen,
Ein schwarzer Hut und ein erfrorner Pudel.

Schon braust es sanfter aus den Schleusentoren
In zäher, doch geordneter Bewegung,
In voller, doch melodischer Erregung
Seh ich den Fluß sich in die Gassen bohren,

Bald wird er schmal gezügelt in Kanälen
Vorüberhüsteln an geschminkten Lampen,
Verschnupft und schimpfend in Pantoffeln schlampen
Und sich durch Küchendunst und Abfall quälen.


Die Gärten der Stadt

I
Erschlaffter Efeu schlingt sich um Fontänen,
Die lange schon des Wasserspiels entbehrten,
Es rollen noch des kurzen Regens Tränen
An Marmorhermen in versteckten Gärten.

Das sind die Gärten, jene scheu verblühten,
Die keusch sich hüllen in verschwiegne Mauern,
Wo in den leeren, herbstlichen, versprühten
Springbrunnen schlafende Tritonen kauern.

Der Abendrose, der so jäh verblaßten,
Entschwebt nun manches Blatt in solche Beete,
Die fern vom Tag, dem hastenden, verhaßten,
Der Träume Flüsterwind geheim umwehte.

Gedämpfte Wogen tiefer Abendglocken,
Ein Schauer huscht in dunkelnde Portale,
Der Wind surrt wie der Flachs am Märchenrocken,
Und schwillt zum Dröhnen mächtger Manuale.

II
Und junge Mädchen sitzen auf Balkonen
Und sticken sorgsam an zartseidnen Decken,
Die Flocken flattern bleich wie Anemonen
Und an der Mauer ranken sich die Hecken.

Und im Gestrüpp der Äste ganz verloren,
Wie Perlmutter glänzt das Eis im Teiche,
Liegt eine schlanke Gondel eingefroren,
Und auf dem Eise eine Vogelleiche.

Dort an der halb verfallenen Rotunde
Bröckeln die Glieder steifer Amoretten,
Es weht der Hauch der frühen Abendstunde
Wie die Musik von alten Menuetten.


Der Reiter

Der Reiter lenkt durch des Abends Samt
Sein Rößlein an gläsernen Hügeln.
An Bügeln und Zügeln das Mondlicht flammt
Gleich wiegenden Taubenflügeln.

Die Hufe tönen im silbernen Trab
Wie kleine, klingende Glocken
Der Weg ist ein Milchstrom, und selig bergab
Schleicht die Nacht mit seidenen Socken.

Der Sattel ist köstlich und das Geschirr
Aus Gold und Topasen gesponnen
Und in der Fäden Glitzergewirr
Kunstvoll gestickte Madonnen.

Des Reiters Kleid ist ein weißes Gewand
Sein Panzer aus syrischem Stahle
Und hebt er die spendende, blendende Hand
Ist sie eine Opferschale.

Der nächtigen Straße blühendes Ziel
Ist die Stadt mit den dunkelnden Dächern
Und es ist, als käme ein Geigenspiel
Aus stillen und tiefen Gemächern.

Die Gassen sind so vertraut und alt,
Als wären sie Träume und Lügen,
Und sind so arm und schwer von Gestalt.
Und gleichen den irdenen Krügen.

Nur bleiche Frauen wohnen darin,
Die in den Stuben beten -
Die bleichste ist ihre Königin -
Und Greise und junge Asketen.

Die Frauen stehn von Haus zu Haus
Vor Pforten und Toren und Türen
Und blicken die weißen Wege hinaus
Die in den Morgen führen.

Der silberne Reiter reitet im Schritt - - -
Die Frauen neigen und biegen
Das Haupt und das Haar und klingen mit

Der Mond steht über den Stiegen.


Der Beschützer

Trug ich nicht herrlich den weißen Bart
Und wehendes Haar um die Schläfe geschart?
Wie schlug der Mantel um Schultergewalt,
Wie faßte er mächtig die Skaldengestalt?!

Und als ich Dich weit in den Mantel schloß
An meiner Wärme kein Puls zerfloß,
In meinem schreitenden Atemlaut
Zerging Dein Hauch, verschollene Braut

Auf Städte sank zu weißem Geleit
Des Schnees langsame Unendlichkeit
Wenn Hunger uns schlug und Dein Fuß Dich nicht trug
Ich füllte Dir, bettelnd, den Napf und den Krug

Und als im tödlichen Wüstenring
Im Durst versiegend Dein Gaumen verging,
Da netzte ich Deine Stirne klar
Mit letztem Speichel Dein Lippenpaar

Wo wanderten wir und in welcher Zeit?
Es war nicht ein Traum. Denn immer noch hegt
Ein Staub noch auf mir. Nur die Göttlichkeit,
Der Mantel verschwand und Dich er umschmiegt.


(Ohne Titel)

Anheben will ich das Lied von der Erhabenheit.
Noch blauen Hochebenen, daß wir weinen müssen,
Noch weissagt das Meer, noch tönt das Land von Flüssen
Noch wandert über Alpen die Wolkenzeit

Noch sind uns Krieg und Märsche nicht versagt,
Die Sonne duftet im Wald, noch laufen feuchte Schatten,
Noch lieben wir Rauch und Herden auf Abendmatten,
Und das Zelt wo es dunkelt und dort wo es tagt.


(Ohne Titel)

Nun da sich schon der Blick ins Blau des Schlafes senkt
Umkränzt die Abendflußfahrt altes Lustgefühl
Was menschlich mich verwirrt, Ehrgeiz und Mißerfolg
Bosheit der Freunde, eigener Zwiespalt, Haß und Tat
Nicht senkt es mehr der Waage andre Schale tief.
Ich weiß zuletzt des Daseins höchster Grad ist ruhn.
Und ruhend sich bewegen: Jupiter läuft still
Und Traumfiguren gleiten urapostelgleich
Nun kreis ich in der Schöpfung wohlerschaffen wiederum
Und dreh an Brüdern mich vorüber ungetrübt.
Hinfließend ruh ich in der Kinderewigkeit.


Reiselied
(Lieder an Frl. Mitzi)

Die unerbittlichen Schienen eilen meilenweit
Und der Abend neben ihnen, schüchtern und ganz verschneit.
Bei unserem Anblick reißen die Telegraphenstangen aus
Und laufen mit Stationen, Wärterhäusern und Lichtern
                                         zu Dir nach Haus.

Warum wenn alle Bilder Vorübergehn
Muß ich bleiben und stille am Fenster stehn.
Und weinend weiß ich, daß Du zu dieser Frist
Lieblich mit den Geschwistern zu Abend ißt.


Fragment

Schönbeschwingt
Schweifen Krüge durch grüne Reifen
Gleitend am Sonnenstreifen
Der in die Grotte sinkt
In die Grotte sinkt,
Die Hermes Psychopompos mit der
                weiten Sehne verschließt.


Rätsel

Ich bin der weitgereiste Wind
Darin Häuser und Bäume wuchsen, Schatten hingen
Den Berge und Kinder fingen
Ich bin der Wind in dem alle Spuren lebendig sind.

Ich bin der Raum, in dem ich entstand
Ich halte und habe alles gehalten
Das Antlitz von Sonnen, Planetengestalten
Und Götter, die nicht mehr walten.
Die zahme Zeit schmiegt sich in meine Hand.

Ich bin das Gefühl, das alle Gefühle einschließt.
Das Heimweh von eingefangenen Zellen
Die Lust von Greisen, die sich in die Sonne stellen
Die Nahrungssorgen von Sternengesellen
Und wonach du weinst und was du genießt.

Nun sieh mich an. Die Augen wie blind und müde die
                                                              Wangen
Ich bin selbst in mir untergegangen.


(Ohne Titel)

Oft ist mir wenn ich einen getragenen Anzug weghänge
Als begrübe ich einen geliebten Kameraden.
Wie oft doch waren wir zusammen in Zimmern, im
                                            Menschengedränge,
Wie oft im Theater, wie oft zu schönen Mädchen geladen.
Nun ist der treue Alte dahingezogen
Doch den Freund seiner Tage trägt er in leichtem Entschweben
Und ein andrer Mensch steht da und fühlt sich betrogen
Und jammert um sein verstorbenes Leben.


(Ohne Titel)

Tänzerin du bist allein
Die Musik ließ längst ihr Pochen sein
Nur du schwebst noch einmal ganz verstohlen
In den Saal hinein.
Ich verstehe deine holden Sohlen,
Die Entzückung aus der Erde holen
Stets der schwarzen Mutter zugetan
Küssen leicht und innig sie die Schwere
Ach, wie ich auf ihrer leeren Bahn
Deine Füße, Tänzerin, verehre!


Alte Engländerinnen in Italien

Aus den Löchern ihrer Pension
Wo sie ihre Reisezeit verbringen
Sieht man sie schon früh gerüstet dringen
Zur Besichtigung Roms als wie zur Fron.

Ohne Gatten, Töchter oder Sohn!
Mittags dann zu Tisch mit lahmen Schwingen
Und da nennen sie beim Nudelschlingen
»Reizend« Palatin und Pantheon.

Manchmal sehn wir einen Brief sie lesen.
Ach, es rührt uns fast, daß jemand schreibt
Solchen lederhäutig welken Wesen.
Doch der Tod, der Schönheit rasch entleibt,
Wird an diesen Einsamkeitssibyllen
Nur im zähen Kampf sein Amt erfüllen.


Der alte Junggeselle spricht

Dein Gemahl auf allzu hohen Beinen
Mit dem glatt ermüdeten Gesicht -
Fürchtest du dich nicht und möchtest weinen,
Wenn er von verrohten Sachen spricht?


Der gute Hausarzt

Der gute Hausarzt tritt herein.
Das Kind liegt scharlachrot im Bette.
Da macht das Fieber sich ganz klein,
Als ob es Angst und Ehrfurcht hätte
Vor dem freundlich erdröhnenden Herrn.
Der Doktor hat lustige Luft ins Zimmer gerissen.
Das Kind zeigt sogleich die Zunge lang und beflissen.
Und auch die Mutter kommt nicht mehr verstört und
                                         verschreckt.

Des Knaben Rücken hat Respekt
Vor des Kitzelbarts horchenden Borsten.
Allein die graue Braue, wo die Scherze horsten,
Schnell ein lächelndes Vertraun erweckt.
Aber schon ist das störende Werk getan.
Und sie reden laut von vielen und anderen Sachen,
Die Anverwandten alle und selbst die Mutter sie lachen,
Und jemand läuft um den Trunk, der leise nach Anis schmeckt.

In ihrer Mitte groß er thront.
Oh, laß dich nötigen zu bleiben,
Du kannst noch ein Rezept verschreiben.
Wo du bist, ist die Welt durchwohnt.
Und er thront noch immer wie Gott kräftig und laut.
Ja, sein Bart, seine Stimme, seine bräunliche Ledertasche,
Sein Rassellachen, am Rock die Zigarrenasche ...
Wenn Gott im Zimmer lastet, dann ist alles so munter und
                                           traut.

Jetzt aber ist das Zimmer leer.
Denn selbst die Mutter ist verwichen.
Sie hat die Decke grad gestrichen
Und sagte »schlaf« und sonst nichts mehr.
Doch er, er schmilzt ganz zuletzt aus dem sterbenden Raum.
Und vergeht an der Wand mit des Lichtes schwindender
                                        Schramme.
Und nur das Fieber bleibt, die strotzende Riesenamme,
Und trägt nun tänzelnd und wiegend das Kind hin und her.


An Max Brod

Menschen rasseln in Erz und blicken verächtlich und herrschen.
Siehe, und dein Geschick fügt sich im menschlichen Wort.
Tugend heißt Streben und Kampf. Und weiß doch ein jeder:
                                                                           Ich sterbe!
Wen wohl riß dieses Wort, weinend in Liebe dahin?
Liebend bebt' ich empor. - Da wies Verachtung und Kälte,
Macht und Pflicht und Gesetz mich in den Unsinn zurück.
Ja, da griff ich die Stirn und trocken ward Zunge und Gaumen,
Doch sie schmelzend in Lust, löste die Seele sich bald.
Tränen kamen, den Lippen entrang sich in heiligem Stammeln
In die Welten hinaus, seligster Seufzer: Du bist!
Irgendwo weiß ich dich atmen, und dein gerundetes Wesen
Wirkt bei Tag und bei Nacht treulich durchs Leben mir hin.
Nicht mehr sinken die Worte unendlich, ohne zu landen;
Denn gekräuselten Munds faßt sie ein gleiches Gemüt.
Was berauscht und verlegen noch keiner dem andern gesprochen,
Seele, im zarteren Sein, fühlet der Seele es zu.
Einsam bin ich nicht mehr. Ich jauchze, daß wir uns haben.
Wunder! In gleicher Zeit und auf gleichem Gestirn!!


An Willy Haas

Verletzlichstes Gefühl! Wie soll es glücken?
Die Sprache spricht nicht so, es auszudrücken.

Was Seelen kaum geahnt in höchstem Kreise,
Stoff ist das Wort und Ton ist selbst die Weise.

Gott sagt es nicht. Er spiegelt uns im Leben
Im Meiden und im Zueinanderstreben.

Getrennter Geist, er trauert in die Weite
Vereinter Geist, er liebt auch noch im Streite.

Wenn beide abends müde sich verlassen
Geschick ist's. Nächsten Tag sich frisch zu fassen.

Und auch im höchsten Ineinanderschmiegen
Was mächtig uns beherrscht, es wird verschwiegen!

Bewegt und tief im Fühlen will ich es künden
Du kennst die Scheu. Wie soll ich es begründen?

Voll Zärtlichkeit ist es mir nicht gelungen,
Und tönt in mir und hat mich ganz durchdrungen.


Stimmen der Heimat
(Für Hugo Siebenschein)

In Westens Größe
Kaum weiß ich, wie's gekommen war -
Erschien meiner Seele Sonnenjahr
Und aus ferner Heimat
An der Trübsal Meer
Erklangen Stimmen schicksalsschwer:
Du wolltest entrinnen dem traurigen Lande
Und wolltest lösen des Blutes Bande,
Doch es schleicht in deinen Adern
Die Glut deiner Väter
Und die Seele muß stöhnen
Unterm Fluch der Verräter,
Unterm Verzweiflungslachen
Der Staubgeborenen
Und der Sonnenadlereinsamkeit
Der lichterkorenen.


Aus dem Kreis
>Wir sind<

 

(Ohne Titel)

O fühle, wenn du eines Menschen Wunde siehst,
(Mitleid, nein) fühl dein eignes Fleisch geschnitten,
Fühl Ruhe, die sich rings verheilt,
Fühl Allertiefstes dir und jedem zugeteilt,
Fühl wahres Leben, schwebend über Schmerz und List
Im Schöpfermittelpunkt:
                      In Mitten!


Zinshäuser

Dies ist die Straße der Straßen
Mit häßlichen Häusern und häßlichen Maßen
Die Straße, die unsre Heimat war.
Wenn wir in fremdesten Ländern und Städten
Wo wir niemals gewirkt und gefront,
Die gleiche, die lärmreiche Straße betreten,
Bewegt's uns, als hätten wir Jahr für Jahr
Hier unser Leben verwohnt.

Hier wurde mit Mauern und Wänden
Auf Sandgrund oder auf Lehmgeländen
Der Weltraum in Wohnraum zerteilt.
In Küchen klappert's. Die Kinder schreien.
Die alten Frauen belauern den Flur.
Rechts sind Parteien und links sind Parteien.
Und zwischen Parteien geklemmt und gekeilt
Regt sich die Menschennatur.

Das Haus ist voll Jahreszeiten,
Die Möbel und Menschen heimlich begleiten
Mit wechselndem Sonnenstand.
Im Hochparterre herrschen Novemberbeschwerden,
Doch überm Gang zieht lachend und rein
Ein März mit Puppen und Schaukelpferden,
Mit dem Geruch von geackertem Land
Und mit Kuß und Geflüster ein.

Wer könnte den Wechsel fassen?
Das Mietrecht erlischt und man ist entlassen.
Schon poltert neues Gepäck.
Doch mancher sinnt spät noch zur Lebensneige:
Wo modert wohl im jährigen Staub
Das Puppentheater, die Viertelgeige
In welchem geheimen Bodenversteck
Wie faules zaubrisches Laub?

Uns würgen tückische Mächte,
Doch töten sie nicht das Städtergeschlechte
Sein Element ist das Haus.
Zieht das Fischervolk marktwärts von seinen Fahrten,
Sind die Körbe silbrig geschwellt
Von tausend Sorten und tausend Arten.
Doch die Arten und Sorten zählt niemand aus
In unserer Tiefseewelt.

Wir ernten nicht Frucht noch Getreide.
Die Sterne über unserer Weide
Sind von frechen Lichtern verdrängt.
Die Gesichter der Männer sind starr und zerrissen,
Aus vielen keucht drosselndes Graun,
Uns aus wenigen überirdisches Wissen.
Die Blässe aber der Mädchen und Fraun
Ist von Feinheit und Sünde durchtränkt.


Hus auf dem Holz

Jetzt vor meinem Dorfe taucht der Himmel
In die Wälder und der junge Bauer
Treibt zur Tränke
Seinen langsamen Schimmel
Unser Wirt schimpft in der Schenke
Gänse Gänse sind im Teich.
An dem Kreuzweg läutet noch die alte
Glocke, die in eine Kindheit schallte,
Unterm Linden-Reich.
Nicht den Rauch zum Himmel schwärzet Trauer
Und der alten Welt ist alles gleich.

Reiter um mich! Schöne Pferde tanzen,
Panzerstrahl und Federn sich vergnügen.
Dieses Volk in durcheinander Zügen
Höre ich - o ferne Wasserstimme!
Und der nahe Pfaffe hat sein Lied.
Jetzt durch einen Überschwang von Lanzen
Wankt ein Greis, der mich als Kindlein küßte.
Wirft sein schweres Holz auf das Gerüste,
Lächelt abwärts noch in seinem Grimme
Und ich fühle in den alten Zügen,
Daß er meinem Vater ähnlich sieht.

Und das Haupt mit seinen Ketzerkronen
Wend ich auf, wo eine Schwalbenwelle
Trunken ist unter des Himmels Schnelle.
Und wie ich verfließe in Gebeten
Weiß ich doch, es kommt kein Wunder her.
Wer wie ich das Wunder angetreten,
Muß das Wunder bis zu Ende tragen,
Keine Taube wird vom Himmel tagen,
Und die Flamme wölkt sich nicht zum Wagen.
Keine Stimme dröhnt, die Tat zu lohnen
Nur der Satan flüstert mehr und mehr.
Weh! Am Kreuze zweifelte selbst Er
Gott vermochte Gott nicht mehr zu fassen,
Sprach zu sich: Was hast Du mich verlassen?

Und für jene, die sich freun und lachen
Für die Mönche, die sich näher krächzen
Für die Henker, die sich wichtig machen,
Bin ich armes letztes Ächzen
In dies schwarze Brennen aufgestellt.
Unverändert, daß sie sich vergnüge,
Speit die Welt ins Zündern meiner Züge.
Selbst das Wort, wofür man stirbt ist Lüge!
Freundin Flamme, große Rose walle,
Daß ich in die Sommer-Freude falle
Aus dem blöden Winter aller Welt.


Aus dem Kreis
>Einander<

 

Aus Dantes neuem Leben

Verstrickte Seelen, Herzen all die süßen
Laßt mich, kommt dieses vor ihr Angesicht,
O laßt mich, daß sie deuten mein Gedicht
Im Namen ihrer Herrin Liebe grüßen!

Schon war der Zeit ein Dritteil im Verfließen,
Wo mächtiger Sterne strahlen, als mir licht
Der Gott der Lieb' erschien. - Nun kann ich nicht,
Gedenk' ich sein, des Schauderns mich verschließen.

Der Geist der Liebe schien von heiterm Sinn,
Mein Herz in seiner Hand, sein Arm hielt sie,
Die Herrin, sanft von Schlaf und Tuch umflossen.

Dann weckt er sie, mein Herz ihr reichend, die
Demütig schauert - Herz draus Flammen schössen.
Sie aß davon - da schwand er weinend hin.


(Ohne Titel)

Da kommst du ja mit hübschem Band und Struppe
Verzerrte Maske, die dem Schwarm entfloh,
Und rauschest keuchend um die Gliederpuppe
Die dir's verwehrt, sich spannend im Trikot.

Dir winkt ein Tod wie ewiges Versinken
In Wuchs und Bug und eines Busens Bucht,
Dich selbst ertränkend wirst du trinken
Stürzt du von deinem Fels in ihre Schlucht.

Betrug! Schon hörst du deinen Atem schnaufen
Und zuckst vor diesem Leib, der dir erscheint,
Ein Mensch. Nein! Immer Puppe, Gliederhaufen
Indes ein Weib an deiner Brust entweint.


Aus dem Kreis
>der Gerichtstag<

 

Delphisches Orakel
(Aus Epigrammen)

Wie lang noch herrscht die Hölle hier auf Erden
Mit blindem Haß in Süd, West, Ost und Norden?
Solange bis die Juden Christen werden.
Und bis Christen Juden sind geworden.


Gnade

Eisgang des Herzens! Greifender Sturm in Zweigen.
Einsturz des Himmels. Gold aus Rissen her.
In mich geschleudert klirrt endloses Schweigen
Fiebernd der mystische Speer.

Nun bin ich höher. Mein Knie ist Knie von Harfen.
Rasende Hand durch meine Saiten reißt
In mir geht Uhrwerk rollendes mit scharfem
Tobenden Stoß. O Metronom vom fremden Geist.

Entschleierung und immer mehr entwoben!
Verwogter Kopf. O Mund entwortet, nur zu kurz gebaut.
Unendlich frei schweb ich auf und von oben
In meine Hände taucht der Dinge Kinderlaut.

O meine Schwester, nicht mehr geteilt, entrissen und
                                                  geschieden,
Von Rede zwischen uns und Urteil arm und schief!
Nun wehst du wieder klein in meiner Botschaft warmen
                                                  Frieden
Mit einem frohen Lachen und das Auge tief.


Geheimnis

Sag uns die Chiffre, die den Dichter macht.
Wir sehen tausend dieses Handwerk treiben
Und mit Talent, mit Aufwand schreiben,
Uns kitzelt kaum die Worte-Übermacht.
»Des Dichters Zeichen ist des Menschen Zeichen:
Im Anschaun andern Bilds sich selbst ausstreichen
Das Wunder wahrer Freude, wahres Leben
Heißt: Wärme haben und abgeben.
Verzerrte Narren streuen Ehrgeiz-Brocken
An ihre kalten Öfen
Werden sie keine Katzen locken.«


(Ohne Titel)

Nicht maße ich mir an,
Daß meine Stimme walte über allen.
Was ist die hohe Nacht? !
Herwallende Gemeinschaft !
Unbekannter Lichte!
Was ist des Morgens Ausbruch?
Herschreitende Mauer
östlicher Priester und Fürsten.
So möcht' ich sein!
Ein Licht entsandt geheimnisvollstem Meteor
Nun wandelnd in großer geistiger Heerschar Schlafs.
So möcht' ich sein!
Von Osten schreitend mit den Brüdern armumschlungen
Umstrahlend geistliches Erröten ohne Wissen, schön . . .


(Ohne Titel)

Siehe, mein Gott, es ist das Geheimnis der Waage, das sie
               zurückverlangt in ihren Stand.
Wie müdfunkelnde Abendtiere eilen die Schalen
     hinauf und herab in immer kürzeren Atemzügen.
Der Waage Schultern zucken in vieler List, des Gewichtes
                                                         ledig zu werden,
Zu versinken in die alte interessante Freiheit ihres
                                                         alten Schlafs.
Zu dieser Stunde ist in der Welt ein Übermaß des Tags
     Rasender Helios stürzt sich in trubelnde Röte
Die Vögel all stehen nur noch zitternder Punkt im Oben,
          letzter Brennpunkt der Vergeistigung.
Und schon vergessen, daß gestern das Menschengeschlecht
               ein Zug war auf verpesteter Straße.
Und an dem Augenweiß der Kinder, wie bei kranken Fohlen,
          die Stechfliegen, Bremsen und Mücken hingen.


Bekenntnis

Hier ein Bekenntnis, selbst noch dies voll falschem Seitenblick.
Zur Wahrheit öffne ich meinen Mund, doch Lüge fährt ans Licht.
Kein Lug blieb ungelogen mir, ich log mich nachts in Schlaf.
Ich panzerte in Lüge mich vor Gottes Strom und Strahl.
Ein Wurf des Zufalls und ein Knecht der Absicht war ich je.
Brach guter Brand aus meiner Brust, schnell ward er schal und scheel.
Aus meiner Hände gradem Drang entbannte nie sich Tat.
Sie waren nie vor Schwielen hart, doch immer krumm vor Zweck.
Ein Untertan jeglicher Lust, an Schmeichelei versklavt.
Wegträumend über manchen Mord, Fürst der Vergeßlichkeit.
Nie fiel die Grenze, niemals sprach die Welt aus meinem Mund
Sie brandelte an dickes Wachs von Wider-Willen-Ich.
Verschmutzt und filzig unterm Kleid ertrug ich mich in Qual
Nur manchmal war ich fahl vor Gram, doch ich verstand es nicht.
In meiner Kammer grüß ich süß, ein Schuft der euch betrog.
Dies ein Bekenntnis, und du, Mann, sprich meine Worte nach.


Skizze

Bruder, was reichen Dir meine Hände?
Brot des Lebens und Wein,
Die heilig geheimen Brände?
Nein!
Ich verwarf was uns einst durchsüßte.
Stein um Stein
Brach ich aus dem Steinbruch meiner Wüste
Steine schütte ich um Deine Füße.
Nimm und steinige mich und Dich
Daß unser Blut unsre Wüste durchtränke
Sein Regen sich senke
In Knorpel und Karst unsrer sündigen Erden,
Bruder, wir müssen fruchtbar werden.


Die Vaterschaft

Es tritt aus uns, es wandert immer weiter
Welteingezeugt bis an das Ziel der Zeit.
So ist der ärmste Mann ein Wegbereiter
Und ist Mitvater aller Ewigkeit.

In unserm Samen warten manche Seelen, h
Die Gott uns zu entwickeln übertrug.
Weh uns, wenn wir ihm diese Seelen stehlen,
Weh uns, wenn wir verhindern ihren Flug.

Jetzt ahne ich, wenn schlaflos ziehn die Nächte,
Warum den Hals ein Würgegriff umschlingt,
Warum bis in der Schuldangst Wurzelschächte
Das bohrende Entsetzen dringt.


Wenn zu gross werden die Worte
der Liebenden

Wenn zu groß werden die Worte der Liebenden,
Herrsche ich über die Salzwüste,
Die sie durchflattern,
Ohne ihr Nest zu finden.
Ich herrsche über die Grimasse des Weisen,
Die er nach innen wendet,
Wenn er unwissend Güte kündet.
Über die fortgeschwätzte Hoffnungslosigkeit
Herrsche ich von Müttern,
Die mißratenen Söhnen vertrauen.
Ich bin gesetzt
Über die leeren Räume
In aller Besinnung.
Ich bin das Gewicht,
Das an allen Unten hängt,
Auf daß sie nimmer
Die Reinheit erreichen.
Ich bin der Herr des kleinen Fehlers.
Der Fürst des unendlichen
Dezimalwracks.
Feind aller Auflösung.
Mein Recht ist die kleine
Spanne, die niemand
Und nichts überspringt.
Mit meinem Nacht-Besen
Kehr ich zusammen,
Was an den Drähten der Grenze sich fing.


Hymne

Nicht umsonst der Zug der Propheten
Nicht umsonst das aufgebäumte Antlitz der Dichter
zum Himmel.
Gott, vor Deinem Namen
Wir alle schon zitternd in den Festen unseres Leibes
Lieb, vor Deinen Anbruch, Hornstier,
Wir alle aufsteigend schon, edle Rosse
Die Ohren tanzen, Nüstern aufgetane
Das Haupt triumphierend abwärts.
Und jetzt auf!
Ausbrechend in unendliches Gewieher.


Ruths Worte

Wo du auch hingehst, geh ich hin
Und wo du bleibst, dort will ich bleiben
Dein Gott ist mein Gott und dein Volk mein Volk.
Und wenn du stirbst, mich selber wie ich bin
Wirst du damit entleiben.
Bis in die Grube bin ich dir Gefolg.
Der Herr tu an mir Freuden oder Leiden,
Der Tod muß uns einander scheiden.

Die Seele spricht die heiligen Worte Ruths,
Wenn sie gesandt wird, daß sie niederwehe,
Und durch Geburt sich einige einem Ich.
Liebend begibt sie sich des reinsten Guts,
Sie hört's, sie schwört's, im Schwur sie heiligt sich
Und stiftet das Geheimnis aller Ehe.
Doch Ich, der Mann, ahnt nichts von diesem Schwüre,
Schickt die Mißbrauchte auch zurück als Hure.


(Ohne Titel)

Herr, es ist Zeit!
Nicht geheilt hat uns die Arznei der Drahtverhaue,
Nicht gefeit deine Kur der Minen und Gase.

Es hüteten wohl die armen Schreiber
Mit beiden Händen zerschossenen Bauch,
Wohl verreckten die schwangeren Frauen am Pflaster,
Der Achtzehnjährige brüllend im Wasserbach.

Aber die Söhne der Wucherer funkeln
Um Marmortische den Blitz der Monocle
Vielfarbig in Sweater gewickelte Mörder
Entfahren am Morgen verschneiten Hotels.


Der Tod

O Augenblick! Wenn von den Schultern fallen
Die wiesengrünen Flügel unsrer Zeit!
O Augenblick! Wenn an uns niederwallen
Die Kleider werden aller Eitelkeit!

O Augenblick! Wenn plötzlich uns verlassen
Der Wahn der Wahl und die Gewöhnung wird,
Wenn die Glasur des Irrtums, den wir fassen,
Wenn die Verführung gläsern niederklirrt!

Wenn alle Kunst, der wir uns Meister nennen,
Der Schmuck der Jahre einschrumpft fürchterlich!
O Augenblick! Wenn wir uns selbst verbrennen
In diesem kleinen Brennpunkt werden: Ich!

O Augenblick! Wenn mit dem Rest der Blindheit
Wir keuchend fliehn aufs fernste Kap der Zeit!
O Augenblick! Wenn mit der letzten Kindheit
Die ganze Seele nach der Mutter schreit!

Wenn Gott und seine Reiterei der Scharen
Fortbraust und letzte Täuschung selbst, das Licht,
Wenn aus der Wolke unsres Schreckens fahren
Der Augenblick wird, der den Baum zerbricht!

Wenn sich die Lanzen der Vernichtung sammeln
Vor unserm Herz, dem bloßen wird zum Stoß!
O Augenblick! Wenn unser Leben stammeln
Aus stummem Mund ein Wort wird: Rettungslos

Dann wird das Wesen aus der Erdverschlacktheit
Unendlich gehen zu sich selber ein,
Dann wird der Augenblick der letzten Nacktheit
Die erste Ewigkeit des Wissens sein.


Weib
(Schlußgedicht der Elemente)

Extrakt der Elemente! Feinster Leib
Aus Feuer, Wasser, Erde, Luft, du Weib!
Der Ruhe Tochter und des Widerstreits,
Verwandelt wird in dir der Stoff zum Reiz.
Gebild des Strahls der tötet und verklärt,
Des Winds, der streichelt oder niederbläst,
Der Erde selbst, die wuchert und verwest,
Des Meers, das spielt und wüst zur Küste fährt!
Der Mann kniet vor dir und sein ganzes Leid
Ist, daß er Knecht bleibt deiner Einsamkeit,
Die nie sich ihm vereint, ihn nie entläßt
Und Wollust heißt. Will er zu Gott entfliehn,
Du bist die Mutter und du mordest ihn.
Den Säugling, Mann und Leichnam hältst du fest.
Solange dir verfallen bleibt der Keim,
Komm ich aus dir und kehre in dich heim.


Dein Tanz ist nicht
der Tanz der Erfüllten

Dein Tanz ist nicht der Tanz der Erfüllten
Nicht der Erlösten Schritt dein Schritt.
Wie sitzt du aufrecht da!
Ich fand in deinem zart-verhüllten
Leichtsein den Krampf, der mich durchlitt.

Auch du schlägst um dich ein Gewölk von Lügen
Und ruhst darin mit Herrschaft und Geschick.
Wenn magisch weht der Schein.
Wacht doch in deinen Zügen
Erstarrung, Schrecken und ein Irrsinnsblick.
So hockst auch du vor allen Kirchentüren
Und bettelst die Begegnenden um eine Gunst.
Sklavin der schlimmsten Teufel, die verführen,
Ist deine Kunst auch meine Kunst?

Den alten Zauberer wirst du nicht täuschen
Wie sich in Sälen wiegt dein Licht und birgt,
Er weiß, daß in dir hinter Schall und Räuschen
Die Gottheit leidet, die dein Lächeln würgt.


Vitalität

Ich achte sie hoch die hohen Asketen,
Die aus sich die Lüste und Laster jäten.
Doch muß, wer die Würzelchen ausgegraben,
Kaum lebensfähige Laster haben.
Ich achte sie hoch die blaßäugigen Denker,
Die Selbst-Gendarmen und Pflichtenlenker.
Die ethische Seele, die dogmatisiert
Hat's leicht. Sie wird ja nicht konfrontiert.

Die Kerze ist ehrbar zu Grunde gegangen,
Der Vorhang hat kein ewiges Feuer gefangen.
Sie stand auf dem Tischchen nicht, stand auf dem Pult,
Und das ist ihre sublimere Schuld.
Hätt' sie entzündet ein Abenteuer,
Wäre ihr Wesen gesteigert zum Feuer.

So aber wirft sie gemessen und stier
Den weißlichen Schleim auf beschmiertes Papier.
Und sie setzt sich dem Feuer zum Richter,
Nennt sich ein Licht vom Geschlecht aller Lichter,
Wird von uns allen gelobt und verehrt,
Bis sie sich selbst, das heißt Wachs, verzehrt.

Ich sehe, die keine Erkältung wagen
Schlachten mit ihrem Gewissen schlagen.
Dagegen, wer wahrhaft durchs Leben geschwommen,
Jauchzt Bravo! Schon wieder dem Zuchthaus entkommen.


Aus den Vierundvierzig Sprüchen
des Landstreichers Laurentin
XXXV. Spruch

Das Regime

Brahma hat die Welt unterjocht.
Das ist die Lehre vom Gleichmut,
Das ist die Lehre vom gelassenen Ertragen,
Das ist die Lehre von der Entweltung des Ichs!
Welche Macht hat Brahma seinen westlichen Völkern gegeben?
Die Macht des Kriegerischen und des Wissenschaftlichen.
Was ist das Kriegerische und was ist das Wissenschaftliche?
Das sind die Tugenden des entpflichteten Ichs,
Die Entpflichtung vom Wirklichen, Weltlichen, Geistlichen.
Brahma nimmt uns die Welt ab, damit wir nicht leiden.
Brahma setzt die Ordnung ein, damit wir in Gehorsam sterben.
Was tut der Krieger? Er stirbt für die Ordnung.
Was tut der Gelehrte? Er denkt für die Ordnung.
Was ist die Ordnung?
Die Scheidung der Teile.
Wodurch herrscht Brahma?
Durch Scheidung der Völker und Stände.
Wird sein Reich ewig sein?
Nein!
Welche Lehre wird es zerstören?
Die Lehre von der Verpflichtung des Ichs an die Welt.
Welche Völker werden seine Völker werden seine Völker
verwandeln?
Die waffenlosen Völker der Verpflichtung an die Welt.


Gang Traum

Zu gehn im Abendbad der Wiese, zärtlich
Fremdartige Gelenke der Kindheit
Rauschen gelabt durch die Wonne des Widerstands.
Das ausgewachte Haupt bewußtloser ruht,
Schwebt, wölbt sich
Ein riesiger zweiter Himmel, das Haupt
Über schallendes Gras
Über Geheimnis der Blumen,
Teuerer, einst benannter Sterne
Doch warum dieses andere Hallen da?
Warum diese dichte Bahn um meine Stirne?
Warum in mir ein salbendes Wort: Balsam,
Und fremden Harzes Rauch?
Auf dem Platz schon klappt die Tänzerin,
Tragen die Mönche schon in den Abend
Jungfraubild mit Kronenturm.
Flammt Toledo irr auf.
Don Cortozan geht über Stiegen
Abwärts rollt des Chorus
Jammernde Cadenz.
Auf dem Platz klappt Tänzerin.
Weingeschrei schon unter Lampen.
Reitertumult der Prinzen.
Don Cortozan geht über Treppen
Droht ernst zum Himmel, er.
Dort wehen rächende Mauren.
Burnusbausch, Funkelknauf.
Balsam hallt salbendes Wort.
Mönche tragen Eisernes.
Hohe Zeremonien wandeln um sich selbst.
Tumult der Prinzen vor den Heiligen.
Trommeln unter Toren.
Trommeln um die Sonne.
Die Bärtigen fliegen dunkel mit Allah.
Und immer das Haupt noch.
Und wie der Schmetterling in mich fliegt,
Durch mich fliegt,
Anstoßet nur leicht . . .
Und doch nicht tröstet mich Klee, Marguerite.
Gott schiebt unter die Zunge das Schmerzende.
Trommel und letzter Vogelschatten.
In mir schon wachsendes Nachtgestein.


Aus den Laurentinischen Sprüchen
Laurentins Eins-Zwei-Drei-Lied

Eins ist Gott.
Eins ist Nichts.
Eins ist das Unvergleichbare.
Eins heißt: Ohneherzschlag.
Eins heißt: Ohnmorgen-Ohngestern.
Eins heißt: das Dochnichtheute.
Eins nennt sich: Ungebürtig todlos.
Eins ist: Die Windstille des Mittelpunkts.
Eins ist: Die Säulen-Ruhe.
Eins ist: Die leichte ungebeugte Freude.
Eins tanzt nicht,
Eins blickt nicht,
Eins lacht nicht,
Eins weint nicht,
Eins scheut nicht,
Eins scheint nicht,
Eins stirbt nicht.
Warum stirbt nicht Eins?
Weil Eins sich selbst nur lebt.

Zwei ist Mensch,
Zwei ist Schmerz.
Zwei ist, was lieben muß,
Weil es nicht Eins ist.
Zwei ist, was suchen muß,
Weil's hier und dort ist.
Ein Baal bockt über zwei
Wie heißt er? Er heißt Baal-Zwie!
Wie heißt sein Baaldienst?
Zweck, Zweifel, Zwist und Zwang.
Zwei ist heut und morgen,
Zwei ist Gift und Güte,
Zwei ist süß und bitter,
Zwei ist viel Verrat!
Zwei ist, was immer tanzen muß,
Zwei trifft sich im Tanz,
Zwei löst sich im Tanz.
Zwei ist das Nicht-Rechte,
Zwei ist die Lügennot,
Zwei ist die Todesfurcht,
Zwei ist das Sterbenssehnen.
Zwei stirbt.
Warum stirbt Zwei?
Weil Zwei sich selbst nicht lebt.

Drei ist Geburt.
Drei ist Kind.
Drei ist der hohe Trost,
Drei ist Erlösungsglut.
Eins zeugt ins Zwei.
Drei springt aus Zwei.
Drei singt mit goldenem Mund.
Eins ist weiß,
Zwei ist rot,
Drei ist blau.
Drei ist der Prinz des Dreiklangs.
Drei ist der Fürst des tiefen Atems.
Drei ist des Menschen Tat
Drei ist des Menschen Sohn.
Drei, Drei durchdringt sich selbst
Mit Laub und Stern und Stab.
Geheimnisvoller Schritt
Aus allen Feuern steigt.
Drei ist Erz-Michael,
Besieger aller Zwei,
Triumph-Eins, die da kommt.
Dann heißt es: Drei ist Eins.
Drei Strophen hat dies Lied.


Der Scheideweg

Immer, immer winkt uns von einer Seite
Der schwammige Backentaschen-Baal,
Bauch-Baal, Schlauch-Götze der Rhinozerosse.
Sau-Geist und Lau-Geist der Moräste,
Der Wampen-Wal und Wanst-Bowist,
Der Rüssel-Schnüffler wohliger Jauchen-Gase.
Immer winkt er, der dreizehnte Tod,
Der Schluck-Tod, der Kot-Tod,
Der Wuchrungs-Wucherer, Rülpser-Rüppel,
Baßgeigen-Baal und Schwarzsuff.

Hieher zu mir!
Ruft euch der Gott, der eine Sehne ist.
Der Morgen-Abendgott der A-Saite.
Der Sehnen-Gott, der nie des Sehnens versiegt.
Der Gott, der nicht arm wird an Herzklopfen.
Der feurige Gott der Aufwärts-Tonleiter.
Der einfache Gott,
Der Gott des Anti-Vakuums.
Der Wellen-Tanzmeister und Wasserwandler.
Der Überwinder der Speckwaagen,
Der Ketzer der Kanzleien,
Der Ungebeugte von Hauptbüchern,
Der sich erbarmet des Rubriken-Sträflings!
Der Dreizack und Dreschflegel
Über den Gesetzen!
Die Erdölquelle,
Der Molch und Salamander in Baals Nabelloch.


Laurentin • Die Wirklichkeit

Was soll es, was gibt es, welche Anstrengung, welch ein
                                                  Keuchen und Schweiß?
Deutet die dünne Haut von Eurem Blick das Automaten-
                         zittern, den Puppenruck eurer Gesten!'
General, alter Mann, warum so schwer und hastig
                                                 besteigst du dein Pferd?
Fürchtest du Morgenlicht, Krähen der Hähne, O Gespenst?
Minister, was eilst du vorbei die Treppe mit deiner
                                                                  Aktentasche?
O Unverspieltheit! Das geschieht denn, Lenker von
                                                             törichten Träumen.
O Mörder deines Weltatems. Du gehst wie vor einem
     ungeheuren Winter dich verbergend hinter deiner
                                                 Fensterlosigkeit dahin.
O Dichter, Gespenst deine Koketterie,
Was soll dieses rührselige Entsagen zur Nachgiebigkeit,

                                               zu angenehmen Grenzen.
Buch, was ist das? Welche Abschlüsse vor dem Tod,
     welche weichen durchwässerten Täuschungen!?
Stört mich Gespenster!
Zerfurchte, platzende Karyatiden
Jeder ein Atlas von euch, zusammenbrechend
                                         unter gewaltigen Häuserlasten!
Stört mich Gespenster, hört mich!


Wintersterne
(Skizze)

Über Geweh und Gestöber welch fremde und trübe
Hoheit!
Über Erde, dröhnend gefrorene See,
Über Nähen der Nebel, Geist-Schleppen von Schnee
Über Schnee, über Schnee
Milchstraßen und Schweben von Schnee
Über Ebene, durchrollte gefrorene See
Über bebendstem Shawl von Schnee
Blicklos seht ihr, und ohne Strahl
Seht ihr Gespenster über Gespenst und Geweh und
Schnee

Kenne ich euch,
Ihr fremden und trüben Hoheiten?
Ihr gleichmütig verklärten Verachter?
Augen über meine Nacht gesetzt,
Kalt und ohne Hohn?
Erhöhte Zeichen meines verlorenen Spiels.
Der Muttermörder deutet euch wohl.


Die Winde

O du kleine, rötlich weiße Winde,
Wie bist du so unschmerzlich da?
Das ist, ich will nicht sein für den und den,
Ich bin nur ein Indiesonne-Sehn
Ich bin nur ein Amwasser-Wehn . . .
Und Deine heilig leichte Krone,
Sprich, wie gelang sie Dir, Du Kind?
Das ist, ich schwieg mich durch den Wind
Da gelang mir, was Dir nicht gelingt.


Die Oboe

Irgendwo ein Kohlenmeiler brenzelt
Plötzlich merkst du es am Zauberrauch,
Der in Streifen bricht durch Laub und Strauch
Und dich beißend und doch mild umtänzelt.

So mit würzigen Rauches langen Strähnen
Die Oboe ins Gehör sich beizt.
Sieh, des Bläsers Auge zuckt gereizt
Bis es zwinkert und beginnt zu tränen.


Die Pauke
(Skizze)

Sie ist ein beuliger Kessel,
Darein eine Hexe den Donner fing.
Der Donner, das kollernd Ding
Fiel unter Lattich und Nessel.

In ihr murrt die unterste Schicht
Des Erdbebens stumpfige Glocke
Der Gräber plumpes Gebrocke
Das kauend die Knochen zerbricht.

Doch schon eine eilige Drehung
Erhellt das Gebrumm und Gebell
Ihr gedrillter Wirbel gellt grell
Zum Appelle der Auferstehung.

Der ihr dient, sein Auge ist verhängt,
Sein Leib ein lauerndes Ducken,
Eh es zuschlägt, durchblitzt ihn ein Zucken
Jener Kraft, die den Weltbau zersprengt.


(Ohne Titel)

Landstreicher, Pierrots und bunte Mädchen scharten
Sich um den Tisch, als leise dich erklingen ließ
Die Maske, die versteckt dich mit dem Fuße stieß.
Da gab es Lustgeschrei ein Lachen aller Arten.

Doch als die Tänzer sich vergnügt zum Walzer paarten,
Hob ich dich auf aus wohlbereitetem Verlies
Und hörte, da die Hand dich nochmals klingen hieß,
Wie schluchzend, einen Dreiklang deine Würde wahrten.

So gibst du selbstversunken allen dich zu eigen.
Sie lachen nur und freuen sich im Reigen,
Doch du auch kennst sie nicht, die niemals dich erkennen.

Was ruht in dir wie Dorf, Spaziergang, Abendflur,
Du selig abgeschlossene Natur
Was sucht' ich nur mit dir und kann es niemals nennen?


Verse, geschrieben 1919

Es singen die Leichen in dieser Nacht.
Die Würmer haben uns umgebracht.
Wir kamen durch Eindringlinge, durch Maden
Durch wuchernde Parasiten zu Schaden
Uns fressen die Gäste, die wir nicht luden
Es lebe der Kaiser und haut die Juden.

Als Weltbetrachter werd ich mich hüten
Zu sagen, daß Leichen Maden ausbrüten,
Und daß selbst ein Wurm, der nur Gier und
                                                   Geduld hat
An der Verwesung verdient, doch nicht Schuld hat
Und daß eine Leiche besser das Maul hält
Die sich selbst für intakt und das Leben für faul hält.


An sämtliche Welterlöser
und andere Ideologen dieser Tage

Brüsten, Vorsichblasen, Prusten
Der Moralischen entwirrt
Wie der Mensch vom unbewußten
Zum bewußten Schwindler wird.
Doch der andre Weg ist klüger,
Wird fanatisch auf einmal
Der bewußteste Betrüger
Unbewußt im Ideal.
Mit verdrehtem Augenscheinen
Und das Mäulchen wohlgespitzt
Treibt er's süß in den Vereinen,
Wo er kalt sich überhitzt.
Sei es Moskau oder Zion
Spricht er, schmiert für die Partei,
Stößt kokett ins Horn des Hüon
Aber tanzt allein dabei.
Mare nostro, mare nostro
Der Erfolg ist unerlaubt.
Mächtig erst wird Cagliostro
Wenn er sich den Zauber glaubt.


Der Polemiker

Der Schuft ist selig, zeigst du dich als Schuft,
Denn er bleibt obenauf mit seinen Trümpfen.
Er stinkt und braucht darum die schlechte Luft,
Die Nase über den Gestank zu rümpfen.
Wie stinkt die Welt! Drum spricht er selbst sich
Gerecht und rein ist er allein
Dabei
Bleibt er ein Chauvinist der Schurken
Wird dich als Richter in der Hand zerknüllen.
Doch hilft ihm nicht Geschrei, Sophisterei
Hält er auch deines vor, es ist sein Konterfei
Und dich enthüllend, wird er sich enthüllen.


Psychologen

Ihr Erkennen ist ein Racheakt
Am Geraden, das zum Glauben ladet
Gottseidank! Auch er ist nicht intakt,
Und es stinkt zutiefst, was ihn begnadet.
Gottseidank! Es war ein falscher Schreck.
Dreck ist Dreck spricht zu sich selbst der Dreck.
Da ich Schlamm bin, ist kein Wasser rein,
Meint der Sumpf mit überlegnem Ton
Denn die Psychologen-Konjunktion
Geht: Ich bin ein Schwein, du bist ein Schwein.


Skepsis

Die neue Maske aller Lebensfeigen,
Der Deserteure und Nichtschwimmer!!
Die trägen Bett-Begattenden im Zimmer
Sie haben uns durchschaut. Kein Schimmer,
Kein Tropfen zeigt sich mehr an unsern Zweigen.
Illusion, du Himmlische bist immer
Den Liebenden Wahnwagenden zu eigen.
Todspringer, Läufer, all ihr Hochverehrten,
Durchschauer werden dich hinabentwerten.
Nie kann die Wüste Palmengärten
Olivenwälder nie imaginieren,
Sie wird dafür zum Sand uns nivellieren,
Die feigen Drübersteher sehr genau
Durchschaun sie unsrer Freuden Tölpel-Bau
Geist-Memmen hassen alle, die noch toll sind,
Sie haben keine Freuden, aber Geist
Geist, Geist, so heißt
Der Umstand gern, daß ihre Hosen voll sind.


Spruch

Wird vom Geschick ein Paria erhoben,
So hängen sich, schwebt er nach oben,
Fünfzig Freund-Parias an seinen rechten Fuß
Fünfzig Feind-Parias an seinen linken Fuß.
Die einen rufen: Trag uns! Wir gehören ja zu dir!
Die andern: Du gehörst zu uns! Doch bleib schön hier.
Die rechten rufen: Du sollst fliegen!
Die linken: Wirst du endlich unterliegen!
Er aber muß, ob sie hipp hippen, ob hepp heppen
Das ganze Hundert mit sich aufwärts schleppen.


(Ohne Titel)

Verstoßen von Erd von Himmeln
In Tod und Leben gesellig zu wimmeln,
Das ist der Straße Gebot.
Der erste weiß nichts, wird der zweite begraben.
Kredenzduft und Küchengeruch liegt im Streit.
Und dennoch wächst in all diesen Waben
Genährt von den Pollen unserer Not
Honig und Wachs unfaßlicher Künftigkeit.


Ein Tolstojaner

Was ich gegen diesen »Guten« habe?
Er trug sich täglich selbst pompös zu Grabe
Er schlug die Brust - besorgt ob's uns gefiel
Sein Pfahl im Fleische war ein Federstiel.


Gesang der neuen Hölle
Cafe der Leeren

Als ich so starrte, wachte nicht noch schlief,
Nicht Stillstand war nicht Wandel, plötzlich knurrte
Hier ein Stimme, stockte dann und lief.

Ein Nachbar Greis mit grau durchlaustem Barte
Verfiel in Rede, langsames Gelall,
Das klanglos elend - morsches Uhrwerk - schnurrte.

Es war der Worte schwacher Niederfall
Dahingeschnellt vom Wunder keiner Zunge,
Nur halbes Heulen, hohler Gaumenschall.

Ins Fliegensieden so mit ödem Schwünge
Die Rede ihrer Zunderflügel schlug,
Nur manchmal keuchte Heulen auf im Sprunge.

Die Wort' erst einzeln, dann im Sklavenzug
Wallten durchs stumpfe Tor meines Verfalles
O Muse, hier bewahr mich vor Betrug

Und bau auf meinen Lippen wahrhaft alles.
»Die Bürger, Sonntag, Wind, schön neuer Hut«
So hob es an, hohl noch zerrissenen Schalles

»Wie hat, wer liebt das liebe Leben gut
Des Abends vor dem Kinderbettchen weilend,
Vor dem er hüpft und Vaterspäße tut.

Selig, wer liebend hungert Tränen teilend,
Mit Frost am Fenster, wenn er täglich stirbt
Nie das Geliebte suchend und ereilend.

Selig wer freut, selig wer Schmerz erwirbt,
O dreimal selig, die sich tief zerfühlen,
Erzselig, wer am kleinsten Wort verdirbt.

O selig, die ihr Bett in Sorgen wühlen
Auffahrend in die Höhlung kleiner Nacht,
Das Herz nicht durch die Schlafsalinen spülen!

Selig in Traum Verstürzter und wer wacht
Ist selig, in der Nacht an seinen Beulen,
Selig selbst der Verschüttete im Schacht.

Selig verbrannte Sterbende, die heulen
Und selig, wer im Tod den Boden stampft,
Selig wer aufbrüllt unter Eisensäulen.

Sie alle leben und sind eingekrampft
Und eingehaut mit Zähnen in die Stätte,
Die ihnen eignes Blut entgegendampft.

Sie alle glauben, daß sie Gott errette,
Und nicht verlieren wollen sie, was groß
Sie an sich haken mit gewaltiger Kette.

So lieben sie im Glauben dieses Los
Und liebend gläubig keiner will verlieren,
Was ihn zerschmeißt mit abgefeimtem Stoß.

Das aber ist die Gnade! Nicht verlieren
Und nicht verlassen wollen, was uns kränkt,
Und an das Herz mit ungestilltem Gieren

Das Liebste pressen tausendfach bedrängt
Auf Knieen liebend glauben, daß es lebe,
Und wie es ist, so seiend, sich verschenkt.«


Traum von einer neuen Hölle
(Gesang aus einer neuen Hölle)

          17
Von einem Lichte bis ins Herz geblendet
Das ungeheuer auf mich niederfuhr,
Aus einer Sonne, die nicht war, verschwendet,

War ich in einer donnernden Natur.
Mein Führer aber mich berührte leise
Mit seinem lindenhaften Schatten nur,

Und führte mich zurück in meine Weise.
Und nach und nach sah ich uns beide stehn
In eines Tales unermeßnem Kreise.

Von Bergen war ein gleiches Rund zu sehn,
Die aus dem Rande dieses Tales stiegen,
Um zu der gleichen Höhe aufzugehn.

          18
Auch sah man zahllos weiße Häuser liegen
An ihrem Hang, und Turmesübermaß,
Und einen Überschwang von dumpfen Fliegen.

Die Runde blitzte wie von Fensterglas
Doch nicht, ihr Freunde, abendher und schön,
Nein, harten Mittags, der sich nicht vergaß.

Und rings umher von einem Taktgedröhn,
Das dennoch schien aus einem Punkt gespeist
Erzitterten die Häuser und die Höhn.

Und wie die Kraft an tausend Riemen reißt,
In einem Werk, und fernste Räder dreht,
Der tückisch keuchende Maschinengeist.

         19
So war ein Takt in jedes Ding geweht,

Von einem Stoß die ganze Landschaft bebend,
Und all's von bösem Lichte überkräht.

Auch nicht ein Vogel losgelöst und schwebend,
Doch tief verbunden der gesamte Kranz,
Von Schlag um Schlag, sich senkend und sich hebend.

Die ganze Runde war ein harter Tanz,
Wo jedes Ding auf seinem Platze stampfte,
Und drüber Licht, doch Sonne nicht und Glanz.

Und keine Wolken sah man, die sich dampften,
Kein Baum flog auf, nur überstrichen war
Mit grüner Farb' die Erde, die sich krampfte.

          20
Der Dichter aber wurde mein gewahr,
Und nahm zurück die ausgeschenkten Blicke
Und bot sie milde meinem Auge dar.

»Siehst du, o Kind, die waltenden Geschicke,
Die Berge, rastlos hämmernd fort und fort,
Die niemals ruhn in keinem Augenblicke?

Die Häuser zucken ewig. Keinen Ort
Kann je ein Schlaf in Klang und Fließen lösen,
Und Abend ist ein unbekanntes Wort.

Hörst du das kurze Keuchen von Getösen
Auf diesen Atem beugt sich keine Nacht,
Ihm gut den Mohn des Mondes einzuflößen.

          21
Hier ist die Welt, die ohne Ende wacht.
Die Sonne nicht vergönnt ist dieser Zone,
Sie aber schafft sich Licht aus eigner Macht.

Denn hier ist jeder Stein verdammt zum Frone,
So schafft er sich sein eignes Firmament,
Daß er zum Fluche nur darunter wohne.«

»Du, der die Straße deiner Welten kennt«,
So rief ich aus, zu jenem aufgewendet,
»Sag mir den Sinn des Lichtes, das hier brennt?«

Er aber sprach, als ich mein Wort geendet,
»Mit diesem Licht und Dröhnen, das uns schäumt,
Hat hier der Mensch den eignen Fluch vollendet.

         22
Der Fluch des Engels, der sich aufgebäumt
Das Paar vertreibend, hier ist er vollkommen!
Der Traum der Liebe ist hier ausgeträumt.

Wer hier in die Gemeinschaft aufgenommen,
Geht in den ewigen Tag der Mühe ein
Und ist verloschen, und ist ausgeglommen.

»So kann die Hölle denn vollkommen sein?«
So fragte ich. Er aber sagte leise:
»Dort wächst die Freude sich der Liebe rein,

Doch wird vollendet hier in diesem Kreise
Der eingebornen Bosheit erster Fluch,
Der Arbeit heißt und Werk in jeder Weise.

         23
Hier wird nach altem ersten Urteilsspruch
Der Mensch zerstampft auf einer nächsten Kelter,
Er aber weiß von Strafe nicht und Bruch.

Nein! Er steht fester, stolzer, aufgestellter
In seiner Mühe, die er Freiheit heißt,
Er, dennoch Sklave ohne Sklavenhalter.

Wenn er das Licht selbst aus der Weltnacht reißt,
Hat ihn die Nacht am Ende doch betrogen,
Sie rafft den Traum hinweg aus seinem Geist.

Spricht er die Wahrheit, hat er doch gelogen,
Sein scharfer Blick ist kurz und stets gehemmt,
Nie aus der Scheide seiner Selbst gezogen.

        24
Nie ist sein Herz von Sternen überschwemmt.
Und nie ein Tuch voll Früchten, aufgebunden,
Nein, ewig in den Takt des Tuns gestemmt.

Und sieh das Arbeitsdröhnen rings der Runden,
Es ist der Schmerz, sich selber unbewußt,
Das eingefrorne Lied vergessener Stunden.

Das keucht im Atem der gespannten Brust,
Und das Gefühl, geschehe, sich zu vergießen,
Hier kennt's nur einen harten Ruf: Du mußt.«

So hört' ich jenen seine Rede schließen.
Doch, da begab es sich auf unserm Gang,
Daß wir auf einen Zug von Männern stießen.

        25
Von Tritt und Tritt im Gleichmaß hart erklang
Wie von Soldaten, die Habtacht marschieren.
Und als wir grüßten, wurde uns kein Dank.

Sie zogen auf der Straße hin zu Vieren,
Und viele Alter sah ich, Mann und Greis.
Aus gleichen himmellosen Augen stieren.

Und jedes Antlitz war von gleichem Eis,
Wie ihre Kleidung von der gleichen Art war,
Ein traurig fleckenloses Sträflingsweiß.

Wie jede Reihe strengen Schritts gepaart war
Trug auf der Schulter jeder eine Last
Was keinem in dem langen Zug erspart war.

         26
Die Eisenstangen hielten sie gefaßt,
Die sie mit Kraft in ihren Nacken drückten,
Das Auge an die Erde angepaßt.

So schritten sie die schmerzlos Unbeglückten.
In einem Gleichmut, einer Ordnung hin,
Von der sie auch nicht eine Spanne rückten.

Doch plötzlich stand ich selber mittendrin
In ihrer Reihe, und zögerte nicht länger.
Und fing zu sprechen an mit raschem Sinn.

Sie aber hörten nicht auf mich und strenger
Und doppelt achtlos drängten sie mich fort.
Und nur der Letzte sagte: Müßiggänger.

          27
Den fesselte ich und hielt ihn fest am Ort,
Und ließ ihn nicht aus meinen Armen beiden,
»Du steh mir Rede nur mit einem Wort!«

Ich mußte seinen harten Blick erleiden.
Er sah mich an und fragte scharf und kalt:
»Was wagst du's, Frevler, dich zu unterscheiden?

Was stehst du hier in deinem Hinterhalt,
Und wärmst dich an dem allgemeinen Scheine,
Der dich bestrahlt du nutzlose Gestalt.

Du wirst bestrahlt, doch tust du nicht das deine,
Damit es strahlt, was du hier reich genießt,
Und schleichst dich feindlich fort aus dem Vereine.

          28
Doch bist du fremd, weil du dich mir entziehst,
Und wegschaust, meinem Auge auszuweichen,
So wisse, Fremdling, was du vor dir siehst.

Es ist dies Reich um dich von allen Reichen,
Das auserwählte, lückenlos im Recht.
Das freie Reich der Freiheit ohne gleichen.

Hier löst sich das menschliche Geschlecht,
Von allen Mächten, die es einst gebunden,
Von jenem Einfluß, der sich einst erfrecht,

Uns zu umflechten mit dem Band der Stunden,
So bauten wir uns einen ewigen Tag,
Und haben Gott zerstört und überwunden.

          29
Die Welt, die einst der Gnade unterlag,
Jetzt ist sie frei von aller Schuld gesprochen,
Weil wir sie mauern, ewig Schlag um Schlag.

Ja, wir sind frei, nicht mehr zu unterjochen,
Weil nichts auf Rechnung mehr genommen wird.
Von jener Macht, mit der wir ganz gebrochen.

Hier schwirrt kein Stern des Himmels mehr verirrt,
Was du erblickst ist ganz von uns geschaffen,
Und keine Gäste sind wir einem Wirt.

Laß ab darum in dieses Tal zu gaffen,

Und friß, Schmarotzer, nicht an unserm Licht,
Doch kannst du, Fremder, wirksam dich erraffen,


          30
So nimm auf deine Schulter das Gewicht.
Tritt ein in unsere Freiheit, die sich bindet
Zur Ordnung nur durch eines, durch die Pflicht.«

Mir war noch lang, - nachdem er schon verschwindet.
Den andern nach - das letzte Wort im Ohr.
In diesem Wort war jeder Klang erblindet,

Der wie ein Fluß zu spitzem Eis gefror
Ich aber sagte zu mir selbst in Sinnen,
>Sein Dialekt kam mir borussisch vor.<

Mein Führer winkte und es ging von hinnen.

          31
O Traum, wenn schon der Ofen rot geworden
Der eisern, glühend in der Ecke fror,
Und hoch von des Katheders Pol und Norden

Zu uns herab sich Wort an Wort verlor,
Dann stöhnte langsam über unsern Bänken
Das Gas den trüben Eumeniden-Chor!

O Traum, gewillt mich wieder zu versenken,
O Acheron des Traums, o dumpfe Flut,
Waches Vergessen, schlafendes Gedenken!

Wie, der den Blick in alte Nächte tut,
Plötzlich erwacht aus leichter Tagesreise,
Sich nicht erinnern kann und doch nicht ruht,

         32
Bis die Gestalt des Traums sich ihm erweise,
So stand ich tief in mein Gestein gebannt,
O Acheron, in fremdem Tal und Kreise.

Ich stand verlornem Traume zugewandt,
Der wieder fern durch meine Fenster wehte,
Doch kaum ergriffen aus der Hand verschwand.

Da aber küßte meine starre Stete,
Der Stern die Stirn mit lippenlosem Kuß
Und lenkte mich mit seligem Magnete!

Ich sah uns stehn an jenem schwarzen Fluß,
Der fett, verschnupft und speichelnd vor uns braute.
Sich an den Ufern juckend mit Verdruß.

          33
Doch jenseits von den andern Ufern schaute
Die Stadt auf uns, aus Quais anwachsend, da,
Die Babel her, die breit und hochgebaute.

Jetzt aber trat zu mir mein Dichter nah,
Und ließ mich folgen, wo ich morsch von Brettern,
Zerfressen eine Landungsbrücke sah.

Die Balken schaukelten in Wellenwettern,
Wir sahn die tausend Tiere springen an.
Und rastlos züngelnd an den Pforten klettern.

Die Hand vorm Mund gehöhlt, der hohe Mann,
Rief nun mit leichter Stimm ein Wort ins Leere,
Das durch den Wind sich dennoch fortgewann.

          34
Und da! Es nahte aus der Wasserschwere
Ein schwerer Ruder'schlag und Kettenton,
Aus platter Brust aufstöhnend schwamm die Fähre.

Und stieß ans Holz. Doch gleich entstieg ihr schon
Ein Mann in Uniform mit weißem Barte.
Mit überirdischem Beamtenhohn

Sah er mich an, daß mir das Herz erstarrte.
Mit Orden war die Brust ihm überhängt
Die man gewahrte durch des Bartes Scharte.

Er trug sich ruhig, nicht mehr angestrengt,
Ein Ausgedienter, der im Dienst geblieben,
Schon seinem Amte keinen Blick mehr schenkt.

          35
Und seine Kappe zeigte blankgerieben
Ein kleines Schild mit Aufschrift eingestickt.
>Charon limited< war darauf geschrieben.

Von oben hat er alle angeblickt
Uns und die andern, die sein Schiff bestiegen,
Doch gleicherzeit die Karten durchgezwickt.

Er hob sich auf, uns noch zu überfliegen,
Ob sich kein blinder Fahrgast durchgepascht.
Doch plötzlich faltig zwinkernd vor Vergnügen

Hat raschen Blicks den Dichter er erhascht
Und rief ihm bresthaft zu: »Grüß Gott, o Meister«,
Recht greisenfreundlich, würdig überrascht.

           36
»Suchst du mich wieder auf und meine Geister
In unserm alten Treiben Tag für Tag?
Und ist der Herr mit dir ein Zugereister?

Bei uns geht alle Uhr den gleichen Schlag,
Ein Wunder daß die Welt geprellt ums Neue
Noch nicht der langen Weile unterlag.

Den gleichen Walzer stöhnt der gleiche Reim
Der Leierkasten jeder Menschenbrust
Und ich ertrag's mit ausgedienter Treue.

Und schiebe schon asthmatisch ohne Lust
Carthago, ewig Rom, Paris, Mykene
Auf alter Fährte fort den alten Wust.«

Jetzt ließ er hier auf schwirren die Sirene,
Das Boot schon wankte in dem braunen Tal.
Ich aber sah mich um in dieser Szene.

          37
Leicht am Geländer, spielend mit dem Shawl
In sich verlächelnd schwank im schwanken Scheine
Viel Frauen lehnten. Doch wie im Spital

Auf Gängen, locker und gelöst die Eine
Das Haar in sinkendem Knoten trägt. Die Zweite
In gürtellosem Kleid wallt. Aber keine

Zum Tag erwacht ist, so auf jeder Seite
Die Frauen lehnten, locker hin und los
Mit blödem Lächeln wiegend in die Weite.

Und manche trug ein Kind auf ihrem Schoß
Das fieberte und trug den Kopf in Binden,
Doch um den Mund dasselbe Lächeln groß.

          38
Mir war gegeben, manch Gesicht zu finden,
Das mich ergriff aus Traum und aller Zeit,
Um niemals mehr aus meiner Nacht zu schwinden.

Ich sah Ophelia in nassem Kleid,
Gästin des Selbstmords, sitzend am Geländer
Taucht sie den Arm ins braune Wasser weit.

Ins Haar verfilzt der Krone Blum und Bänder,
Weint sie um den barmherzig breiten Baum,
Der ihrem Lied sich neigt, als die Gewänder

Gebauscht sie trugen auf des Bächleins Schaum,
Und Sonne, Weid und Schilf ihr Lied umwehten
Bis es die Tiefe zog in ihren Traum.


Finsternis
(Nach Lord Byron)

          1
Mir träumte - doch war dies alles nicht nur Traum -:
Der Sonne Feu'r war ausgestampft. Die Sterne
Schleppten sich blind in ihrem ewigen Abstand
Lichtlos und richtlos. Der vereiste Erdstern
Schwankte, ein schwarzes Aas, im mondlosen Luftreich.
Morgen kam, ging, kam, brachte nicht Tag.
Die Menschen hatten ihren Wahn vergessen
Hockend in Wüstenei - und jede Selbstsucht
Gurgelte ihr Gebet um bißchen Licht!
An Wachtfeuern war noch Leben. - Doch die Throne,
Der gesalbten Kaiser Hofburgen, Hütten,
Wohnungen all der arm hausenden Geschöpfe
Bis auf den Stumpf gebrannt, verzehrt die hämmernden Städte.
Die Menschen scharten sich um ihr rauchende Brandstatt,
Noch einmal, einmal noch einander anzustaunen!
Wohl dem, der hauste im Auge der Vulkane
Im Schein des berggespeisten Dochts!
Nur eine Hoffnung war gefährlich wach noch:
Die Wälder steckten sie an. - Doch Stunde für Stunde
Zerfunkten, zerfielen sie. - Mit Krachen starben
Die stürzenden Strünke. - Und alles blakte schwarz.

          2
Unheimlich anzusehn die Stirnen der Menschen
Bei dem verzweifelten Schein, wenn je ein Flackern,
Ein Zufallszuck auf sie fiel. Es lagen manche,
Die flennenden Augen verhüllend, manche stießen
Das Kinn in ihre Faust und lächelten.
Andre rannten mit kurz verrückten Schritten, auf, nieder,
Und fütterten die Scheiterhaufen, blickten
In lallender Angst zum Eismeerhimmel auf,
Zum Sargtuch der begrabenen Welt. - (Der Priester
Ist fort und die Kerzenträger) - dann aber schmissen
Sie sich zu Boden, heulten Flüche, malmten
Mit ihren Zähnen, brüllten! Irr schrien Raubvögel,
Und machten viel Geflatters auf dem Grunde
Und schlappten mit unnützen Schwingen. Brut des Urwalds
Kam zahm und zitterte. Die Vipern pfiffen
Und wanden sich schutzflehend durch die Menge,
Die aber schlug sie tot zu ihrer Nahrung.
Der Krieg, der kurze Weilen nicht mehr war,
Pampfte sich wieder an. Und alle Mahlzeit
Durch Blut war sie erworben. Einsam, abseits saß jeder,
Stopfte den Fraß sich in den Rachen, kaute, starrte.
Dahin war Liebe! - Und all die Erde hatte
Nur ein Gehaben mehr: - Tod!
Tod unmittelbar und ruhmlos! Die Hunger-Ratte
Fraß in den Eingeweiden. Die Menschen starben.
Ihr Fleisch und Bein stank unbestattet rings.
Der Magre ward dem Mageren ein Mahl.
Die Hunde fraßen ihre Herren; nur Einer, Einzig Einer
Beschützte treu den Leichnam seines Herrn,
Hielt Vögel, Bestien, Menschentiere fern,
Bis Hunger sie fortpeitschte, neues Aas lockte.
Sich selber suchte er nichts. Nur immer wieder, immer
Mit leisem Winseln und mit Wimmern immer,
Mit klein trostlosen Schreien leckte er
Die Hand, die nicht mehr streichelte - und starb.

          3
Und so verhungerten die Stämme. — Aber zwei
Aus zwei allmächtigen Staaten lebten noch.
Doch die war'n Feinde; und sie fanden sich
An der verglommenen Asche des Altar-Orts,
Wo heiliger Plunder zu unheiligem Brauch
Gehäuft war. Darin rafften sie und schafften
Gierschlotternd mit mit verknorrten Handskeletten,
Schwindsüchtiges Knistern bliesen sie schwindsüchtig
Zu einem kleinen Leben an, zu einem Flämmchen,
Das sie verspottete. Doch, wie's aufkicherte, sahn
Sie ihrer Augen grausame Funken, sahn
Einander, sahen, krächzten auf und starben.
Am Ekel voreinander starben sie,
Und wußten nicht einmal, daß es der Feind war,
Auf dessen Stirn die Hunger-Rune »Feind« schrieb.

          4
Steinwüste war die Welt. Die mächtige,
Die Volksgebärerin, ein Klump:
Jahrzeitlos, krautlos, baumlos, menschlos, leblos,
Ein 'Kot voll Tod, ein Chaos harten Lehms.
Die Flüsse, Seen, der Ozean standen dick,
Nichts kräuselte mehr in der starr schweigsamen Tiefe.
Die Schiffe faulten maatlos auf dem Meer,
Ohne zu schaukeln. Aber Span für Span
Morschten die Mäste ab, und wie sie kippten,
Verschluckte sie die Flut, ohne zu glucksen.
Die Wellen waren tot und tot die Flut-Zeit,
Der Mond, ihr Meister, lange schon verworfen.
Die Winde verwesten in der stehenden Luft
Mit dem Gewölk, denn nicht mehr brauchte es
Die Finsternis. Sie war das Universum.


Aus dem Kreis
>Beschwörungen<

 

An Alma

Noch umstellen mich rings
Die Teufel der Buntheit
Süß verführt mich
Von allen Seiten
Wind der Kulissen-Wüste.

Nicht kann ich in Jahren der Wende
Wissen die Schlucht des Schlusses
Die mich viel=
leicht schon verschlang.

Du bist mir das große Stromrauschen
An dessen Ufer ich
Der Stimmen kundig ward.
Du bist mir der warme Brotduft der Flächen
Der mich zum Blumenwisser erzieht.
Du bist das heilig gelbe Licht
Das weltfruchtbare gelbe Licht,
Durch das ich wachsen muß,
Um weißes Licht zu werden.

Aus allen Grüften der Zerfahrenheit
Versammelst Du mich neu in Deinen Schoß.
O gelbes Licht! Gebärerin,
Sei mehr als Mutter mir!!
Sei Wöchnerin meiner
     Wiedergeburt!


Ghasel zum 31. August

Einst war Musik der schwingenden Stimme Drang.
Stumm kriecht die Not' jetzt ins Papier verstoßen.
Der Vers war einst der Lippe Überschwang.
Krepiert starrt Wort jetzt ins Papier verstoßen.
Gold ist: Geheime Wandlung Sonnenstrahls. -
Sein letzter Staub ist längst papierverstoßen.

Gesang und Wort, des Goldes starker Klang,
Was tönt und gilt ist ins Papier verstoßen.
Wo ist der Wert, den kein Papier verschlang?
Alma, die Seele, Gottes Tag-Gesang,
Kein Tod kann je sie in Papier verstoßen.


Das Durcheinander

Drei Rhythmen gehen hier um.
Die Uhr, mein Herz, das pulsende Luftgesumm
Das skandiert lang kurz, kurz lang
Immer den gleichen Gesang,
Doch jedes im andern Takt.
Wer weiß warum
So vertrackt
(Vielleicht rein als dramatische Möglichkeit)
Das Leben die Lange Zeit
So durcheinander hackt.


Wort Welt

Das Wort hat seine eigene Erde
Die kreist in besonderem Sonnenraum.
Diese Erde trägt Berge, Flüsse und Meere
Herden, Städte, Männer und Fraun.
Und was geträumt ist, träumt selber Traum.

Durch die Straßen der Worte, Wiesen und Hage
Wandelt der Dichter atmend und dumpf.
Wird er bewußt, zerstört er die Sage
Und es verjagt ein Nu der Vernunft
Magische Lebenszusammenkunft.

Wie Verschworene führen ihn Worte
Durch hallenden Gang, durch Stube und Flur.
Er betritt die kranken und siechenden Orte,
Tiefer erwacht drängt Natur um Natur
Fremdes aus ihr, das er nie erfuhr.

Der hohe Meister wird lauschend wohnen
Unter dem Volk, das sich raunend gesellt,
Er wird bei den Spielen und Tänzen thronen
An den Feuern hocken nachts vor dem Zelt
Ewig verloren der oberen Welt.


Wesen des Lobes

Wie wir an unserem Munde hingen
Und waren sehr bestrebt
Daß uns nur gut die Worte gelingen
Mit denen Eins das Andere erhebt!
Und doch! Wenn wir uns lieb im Lob zu erinnern neigen
Sind wir zwei fremde windbewegte Schweigen.
Und keiner hat vom Anderen die Spur.
Ich weiß, daß ich wohlwollend dich betrüge,
Um zu empfangen eine gleiche Lüge
Ach, mehr Verbrüdrung gönnt uns nicht Natur.
Wir sind zwei offene Gräber, die sich sehnen
Vom Andern sich geehrt geliebt gewußt zu wähnen.
O wir Betrogene, die uns nie verständigt!
Es ruft ein Grab dem Anderen: Du lebst!
So aber wird ein Spuk nicht verlebendigt.
Hörst du es, eitler Mensch, und bebst!?


Viele Welten gibt es

Viele Welten gibt es: Dunkle Schwingen
Fühl vorüber ich am Fenster gleiten.
Vieler Welten spür ich ein Durchdringen
Ein Umschlingen, Trennen und Verbreiten,
Wesen, die sich nicht vermischen.
Kranz von unsichtbaren Schmetterlingen
Spielt um meines Haupts Laterne
Teich der Luft schwimmt voll geheimer Fische
Hinter hundert Stillen schwingt ein Singen.
Winkelschwarz des Zimmers kreist von Sternen
An der Wand ziehn purpurn schnelle Flecken
Sind es Geister, die die Toten wecken?


Meer Augenblick
(Die Hallen des Meeres)
Fragment eines epischen Gedichts

Durch fernen Urwald und durch Jahrhundert-Agaven
Müht' ich mich vor, mittäglich das Meer zu schaun.
Doch Flammen fraßen mein Auge. Ein Feuerschaum
War die heimliche Bai meiner Insel, der schlafende Hafen.
Ach, wer vermag den Mittag des Meeres zu schaun,
Wo die Sonne weidet ihre rasende Herde,
Den blitzenden Tiger, die goldene Kuh, die prasselnden Pferde.

Mich warf der Angriff des Mittags auf eine Klippe.
Da saß ich und schloß das Aug. Dahinter war Rot.
Ein Rot, wie noch nie. Ich webte in purpurnem Tod.
Nur vom Schrei durchblitzt der flitzenden Möwensippe,
O Rot wie noch nie! O neues unnennbares Rot!
Die Brandungen brachen sich unten und brüllten und schnalzten,
Dynamische Muscheln, die meine Lippen salzten.

Nicht erhob ich den Blick, solange noch wütend
Windstill die Stille tanzte, Wasserhose von Licht.
Von dem inneren Purpur wandte ich brütend
Meine versunkenen Sinne nicht.
Wer schlief jemals in solch einem Licht.
Wie ich auf der Klippe über dem heimlichen Hafen,
Schlief hinter rotem Vorhang ein magisches Schlafen.

Plötzlich fuhr ich empor. Da war es schon milder.
Purpurner Tod entfloh und verflog sich im Blau.
Karg troff geschmolznes Metall um die irdischen Bilder.
Und das Tyrrhenische Meer erlaubte die Schau.
Aber im Hafen spielte ein Ankertau,
Eine Barke, das Segel gegeit auf dem wankenden Mäste
Schaukelte, wie die Welle sie ließ oder faßte.

Nie in der Insel verborgenen Buchten und Golfen
Lag eine Fischerschaluppe, nie ein Canoe
Nie hat ein Leuchtturm hier in der Seenot geholfen.
Ringsum zaubrisch schließt meine Insel sich zu.
Und nur ich bin auf Du und Du
Mit den Lianen, dem ewigen Kaktus, den Palmenfächern,
Mit dem Mangrovenstrand, den felsigen Wellenbrechern.

Die Barke, die vorher nicht war, und dennoch jetzt dalag
Tauchte und tanzte auf tausend-spitzmäuliger Flut.
Das Segel, das aufgezogene dicht an der Raa lag
Fiel knatternd hinab. Ein Mann zog den schwarzen Hut,
Daß gleich seine grauen Haare im Wind-Reich sich fingen,
Und winkte mir knapp, auf seinen Kutter zu springen.

Ich kannte und kannte ihn nicht, der an Bord hantierte.
Kurbelnd setzte er jetzt das Gangspill in Gang,
Stieß die Stange ins Wasser und manövrierte
Das schmiegsame Fahrzeug an meine Klippenbank.
Ich weiß nicht warum, doch ich sprang
Ich sprang auf die Planken, daß erschüttert die Schiffsflanken
Nach Seebord und Backbord sich bogen in trunkenem Schwanken.


Fünf Uhr Nachmittags Traurigkeit

Der Regen vor dem Fenster hängt.
Die Luft ist ganz vom Tod durchtränkt.

Ich selber bin vom Tod durchtränkt
Und alles, was mein Denken denkt.

Der Regen an die Scheiben stürzt.
Die Dämmerung ist leidgewürzt.

Ein Gram in ihr wie Salz gelöst,
Wird meinem Atem eingeflößt.

Ich lausche meinem Herzenswehr.
Wann kommt die letzte Welle her?

Wieviele Tage bleib ich noch?
Wieviele Worte schreib ich noch?

Wie oft noch küßt mein armer Mund?
Gott weiß die Zahl. Die Zahl ist kund.

Die Dämmrung qualmt wie Kohlenschwall.
Fünf Uhr, fünf Uhr wird überall.

Der Atemraum ist ganz durchtränkt
Von Dingen, die kein Denken denkt
.


Eurhythmie des Schneefalls

Die tanzenden Völker haben den Tag überwunden
Sie verharrschen die Lecke des Lichts, die Lücke der Stunden.
Der männliche Berg, der in Mittag den Säbel gezückt
Kniet wie ein Heiliger verwischt nun und geistlich entrückt.
Weiße und wankende Nacht webt weich vor den Scheiben,
Schlaftrunkene Allheit taumelt in schleierndem Treiben
Befohlene Heere rücken und schwinden im Blick
Wesen um Wesen beginnt und vollendet Geschick.
In der verwobenen Höhe hängt die fast lautlose Schelle
Hinter hundert Mauern aufdampft das nahe Hundegebelle
Und wie vor dem Fenster ein All um das andere vergeht
Fühl ich im Metrum mich selber geweht und gedreht.
Aber im Spiegel dahinten die Augen des Todes nisten
Und aus dem langsamen Qualm von Lärchenholz fühl ich
                                                                                es listen.
Während mich Chaos und Schlaf mit weißen Masten umspielt
Nach dem Herzen ein Geist und giftiger Weihrauch zielt.


Gestirn

Riesig sank die Sonne in den Rauch.
Wie der Farbstaub eines Schmetterlings
Liegt die Röte, heimgegangen längst,
Allen Menschen auf der blassen Hand.
Schattenbang und leer wird jeder Blick.
Wasser klimpert schwärzlich. Bin das ich?


Dreifache Tiefe des Worts

Mein Wort
Es welkt euch davon
Und dorrt
Wollt ihr Bilder, Ton
Licht
Traum, Gestalten
Fassen und behalten
Ein wenig wirr Verwestes
Doch mein Wort bleibt euch nicht.

Wort - Fraun
Nachtwandeln im Morgengraun.
Jede trägt ein Licht
Ihr könnt ins Gesicht
Den Tanzenden schaun.
Sie haben tote Augen,
Die eurem Blick nicht taugen
Ihr Gedicht
Das sich blind gesellt
Ist eine fremde Tanzwelt
Ihr erkennt sie nicht.

Schließt eurer Sinne Sinn!
Gebt euch dem tiefsten Atem hin!
Das Wort, das über mich gebietet,
Und sich geheim vor mir vernietet,
Soll uns entführen.
Daß wir, was nicht mit Aug und Geist zu lesen,
Ein zitternd überirdisches Wesen
Ein Leuchten, ungebucht,
Entzückt und schaudernd in uns spüren. *
Wird es euch nicht anrühren
Bin ich verflucht.


Die Menschen

Wir gehen im Dumpfen um.
Ins Schwarz bleckt erschöpftes Wetterleuchten
Die Lebenshummel ist stumm.

Aus dem Wald, in Morgen der Alm
Brechen wir plötzlich. Es lodern
Blumenlohen im Sonnenqualm.

Wir surren mit dem Insekt
Saugend des Sternes wilde Gerüche,
Sind wir zur Welt erweckt

Doch nur ein Augenblick ist uns geschenkt
Antrabt die finstere Eberherde,
Die uns jagt und ins Moor abdrängt.


Das Verlorene

Ein verwirkter Kuß, ein totes Liebeswerben
     Kann im abgesperrten Haus
          Fern von hier nicht sterben.

Ich dachte dran, als nachts im Blättersaus
     Ums Herz so wehe war uns allen.
          Bitte, sieh hinaus.

Ob nicht ein junger Vogel aus dem Nest gefallen.


Bibliothek

Wie mich die Millionen-Nächte
All dieser Letternschächte
Mit körperlosen Flügeln schlagen!
Die Bücher stehen dumpf in Reihen.
Doch rings die Windesbraut von Schreien
Wächst an, nicht zu ertragen.
Verzückung der Gedanken,
Ins Herz getroffen von Erkenntnis wanken
Die Weisen hier und stöhnen.
Blicklos im Peplon ziehn vorbei die Schönen.
Und soviel Blut und Tod um Tod.
Mit starr verzerrten Masken bäumen
Sich Helden, brüllen rot.
Odysseus ringt mit Brandungsschäumen.
In einer Hängematte fern
Wiegt sich im Palmenwald Jules Verne.
Ich steh umbildert und umfunkt
Von unermess'nem Kontrapunkt,
Aus Wort ist zweite Welt erbaut,
Die würgend mich umstaut,
Daß mir der Sinn, der Atem mir vergeht.

Groß ist das Alphabet!

Jetzt vor dem Fenster hat ein Hund gebellt,
Und ein Betrunkener grunzt.
Zerbrochen ist die zweite Welt,
Die Tat- und Bilderfeuersbrunst,
Das Meer von Widerstreiten,
Der Schrei von allen Seiten.
Shakespeare, das Feuer floh ins Loch.
An seiner Stelle brenzelt's noch.
Verwinselt längst ringsum sind Lied und Lehre.
Buddha und Plato nur Chimäre!
Die Götter alle eines Kranken Traum,
Und Gott ein Lettern-Spuk!
Leer bleibt und klein genug
Der übervölkert ungeheure Raum.
Zuletzt hab ich die Lampe abgedreht.

Tot ist das Alphabet!


Arithmetik

Hab ich mit meinem guten Freund gesprochen
Entfern ich mich verkleinert und gebrochen.
Ich bin nur mehr ein Quotient samt Rest,
Der sich nicht aufhebt und nicht lösen läßt.
Der Freund jedoch bleibt Nenner stolz und Zähler
All meiner Sünden, Schwankungen und Fehler,
Und setzt am Ende mild und gnadenreich
Mich seiner eigenen Dezimalzahl gleich.
Steh ich in Gleichung seinem Minderwerte,
Meint er, daß er mich übermäßig ehrte.
Und so erkenn ich jedesmal:
Ein Bruch glaubt nicht an eine ganze Zahl.


Im Stadtpark
an Arnold Rosé

Solang wir denken können, schwebt dein Ton
Ein Strahl des Jenseits über dunkeln Wogen.
Durchwirkt hat uns dein benedeiter Bogen
Mit ewiger Sternenfäden Million

Die Zeit grinst leer. Das Hohe ward zum Hohn.
Die Worte alle haben uns betrogen.
Der Himmel nur, den du herabgezogen
Verklärt uns nicht. Dein Ton ist nicht entflohn.

Im Untergang das Leben schwillt und glost.
Gilt noch Musik, wo Haßgesänge gelten
Und Bestien sich umlauern, unversöhnt?

Arnold Rosé! Du bist ein großer Trost.
Denn unzerstörbar gelten beßre Welten,
Solang das Solo deines Herzens tönt.


Der Arrivierte

So hab ich denn in eigenwilliger
Und zäher Gier Kunst, Ruhm und Weib erreicht.
Ich zahlte bar. Nun spielt man mir den Streich.
Nachdem ich's habe, wird die Ware billiger.


(Ohne Titel)

Wenn gegen Abend die würgende Stunde schlägt
Sitze ich lauschend neben der eigenen Trauer.
Ja, selbst wenn der Schlaf mich zum untersten Grunde trägt
Bin ich das Bild und bin der Beschauer.

So trägt kein Rausch, den der irdische Wein gezeugt.


(Ohne Titel)

Wenn der Brunnen sich schließt und die Tiefe stumm wird
Dein Hirn klug pulst und dein Leben stumm wird
Dann fühlst du im innersten Träumen liegen
Die Seele als unbegrabene Leiche
Die Wesen fliehn dich, der Geister Reiche
Und auf dir sitzen die geistigen Fliegen.


(Ohne Titel)

Welch Angebinde
Und höchstes Geschenk
Hab ich vom Herrn?
Daß im Staubkorn und Stern
Ich ihn stündlich empfinde
Und täglich erdenk!

Wie ich gesündigt,
Vermessen, verfressen
Mit gierigem Mund;
Er hat nicht gekündigt,
Noch im Gottes-Vergessen
Gibt er sich kund.


(Ohne Titel)

Meer bei Flut
Wirft zarte Brut
Auf den Sand mit Schaum.
Zwölf Stunden kaum
Und die Zier zerscholl zum Traum.

Ich, Du, Wir
Herzklopfen hier
Sind wenig dicht,
Wie du's auch nennst,
Leib und Gesicht:
Nur Gespenst.


Skizze

Die Hunde haben's gewußt
Sie sahen ihre Frau wie sie schlief
Mit ruhiger Brust
Da heulten die Hunde und zitterten so,
Daß der Herr sie rief
Und jagte vors Haus.
Leis jammerten sie in die Nacht hinaus.
Sie haben's gewußt.
Die Träumende schlief und schlief
Mit ruhiger Brust.

Und als schon leise die Nacht zerbrach,
Fuhr die Schläferin auf und wurde wach
Die Hunde hatten's vor ihr gesehn.
Da sah sie selbst, was kein Herz aushält
Im Zimmer sein, in der Stube stehn,
Schrie auf, sank hin, und ward gefällt.
Die Hunde hatten es längst gesehn.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Das Totenhaus ist voll Leuten
Die schwatzen und weinen und deuten.
Die Hunde haben's gewußt.
Und während wir Gründe ersinnen
Zittern und ahnen und wissen's wir innen.


Sinngedichte

Wie sind die Juden arm!
Im Dunkel ihrer Leistung krümmt sich Harm.
Sie werden leichter, wenn sie sich in Werk und Schriften
Von allem feigen Kränkungskeim entgiften.

Wollt ihr mein Grundgeheimnis .
Mein tiefstes Bild verstehn,
Müßt ihr mit Augen denken
Und mit Gedanken sehn!

Und wenn einst die Gräber ihr Gut dem Schöpfer erstatten, .
Ruft er vergebens den Helden. Von ihm fehlt der Schatten.

Was uns auch immer droht, .
Zwei Gnaden sind dem Menschen mitgegeben:
Solang wir leben, wissend, daß wir leben,
Sind wir des Todes unbewußt, im Tod.


O Mensch, du Tor, du stürzt in eitler Kraft .
Altar und Mal der Toten frevelhaft,
Indes dein eigen Grab am Wege klafft.


Kaffeehaus

Was? wieder im Rauchdunst das Wort zu empören,
Sitzen Bleichgesichter, die sich schwätzend verschwören.
Da haben wir ihnen nichts übriggelassen!
O ja! Eins! Uns zu hassen.


(Ohne Titel)

In der Seele des Schwächlings freilich ist
Nur eins, das den Haß heiß wahrt
Nur eines, das ganz unverzeihlich ist:
Höhere Art!


Aus dem Kreis
>Neue Gedichte<

 

Der Irrtum

Wir haben die Jahre verbastelt, verspielt
Und spielend der Zeit entgegengezielt
Bis die Stunde uns schlägt
Zu türmen den Bau, zu spannen die Bögen.
So haben wir, künftigen Wahns bewegt,
Unwissend die kleine Armut geprägt,
Darüber wir höher nichts mehr vermögen.


Die Toten eines Krieges an einen Lebenden

Im Schollenschmutz ein Knochenstumpf,
Zehn Schädel irgendwo im Sumpf,
Ein Haarschopf im Granatenloch,
Das unverschüttet blieb annoch, ,
Im Busch ein rostiger Drahtverhau,
Zwölf Steine vom Kavernenbau,
Mit unserm Hirn und Blut bedreckt,
Ein Schrei, der jetzt die Sterne schreckt,
Des Stöhnens unverschollner Ton,
All unsrer Reste Million,
- Die Erde kracht - Wir sind mit Schwung
Längst auf dem Marsch, auf Vorrückung.
Weißt du es nicht? Du weißt es gut!
Die Welt ist rot von unsrer Wut.

»Ich, bauchschußtot im Nezok-Wald!«
»Mich hat's bei Zborow hingeknallt!«
»Volltreffer ich, am Chemin des dames!«
»Verschluckt, ich, vom Masurenschlamm!«
»Ich am Piavefluß vergast!«
»Und ich, dem Meere eingeaast! . . .«
Doch du, wo ist dein Lebensrecht,
Du, unser Jahrgang und Geschlecht!?
Was füllst du träge dein Gehör
Mit Schwelgerklängen, Deserteur?
Was drückst du dich bei Fraß und Glück,
Und kommst vom Urlaub nicht zurück?
Abtrünniger des Todes, sag,
Was lungerst du im lichten Tag?!


Versunkenheit

Wenn ich vergesse was mich peinigt,
(Daß sich mein Sein nicht rein genug bescheinigt,)
Und still mein Aug, im Laub verloren, mustert,
Den gelben Pirol der sich putzt und plustert,
Den greisen Baum, der froh nach seinem Sommer
Dem Tod sich hingibt als ein Gläubig-Frommer.
Wie nun die eifernd strebenden Gedanken
Sich selbst verlieren und wie Boote schwanken,
Und eine Melodie, dem Ich entstiegen,
Die Flügel probt und auf beginnt zu fliegen,
Wenn weinend dann vom schmachtenden Gebete
Das ganze Wesen aufreißt seine Nähte,
Dann weiß ich, schwankend auf dem Weltenspiel,
Nur das was ziellos ist, hat Gott zum Ziel.


Um Heimzukehren

Ich ging ja fort um heimzukehren.
Drum immer schneller schreit ich aus.
Schon seh ich durch die Haferähren
Die buschige Senkung und das Haus.

Die Dinge meines Zimmers werfen
Die alten Schatten starr am Ort.
Da flüstert es in meinen Nerven
Und jagt mich wieder wieder fort.

Ich fürchte mich auf einer Straße,
Bewußtlos ging ich Stück für Stück.
Aufklagt mein Schritt. Und Übermaße
Des Heimwehs reißen mich zurück.

Lenkt diese Unrast wie ein Gurt uns,
An dem wir hängen durchs Gebot,
Das von Geburt uns zu Geburt uns
Nach Hause schickt von Tod zu Tod?!


Tod

Menschen grüßen dich mit Kindergreinen,
Denn ihr Leben war Versteckenspielen.
Und der ganze große Lärm der Erde -
- Eisenhammer, Börsen, Krieg und Tanzen -
Wird gelärmt, um dich zu überlärmen.

Doch ich kenne dich aus allen Stunden,
Hab dich angeschaut mit meinen Augen
Und mein Ohr gelegt an deine Pforte.
Ja, ich hab dich schlürfend ausgekostet,
Wenn mein Herzschlag matter ward und schlechter.

Und so grüß ich dein vertrautes Kommen,
Denn in jedem Pulsschlag pocht dein Schritt mir,
Gottes Kind bin ich. Und Gott ist ewig.
Was ich war, es ist mit Recht mißlungen.
Jetzt nur lieb ich, was ich bin, mein Wesen.
Gottes Kind ist, wie er selber, ewig unverwindbar.


Fieberlied

Nun ist es, wie ehmals es war,
Ich liege als Kern im Gehäuse,
So windstill im zarten Gesäuse
Wohlwollend murmelnder Welt.

Die Liebe nun wurde sie wahr.
Es schweigt der zweifelnde Späher.
Das blonde Haupt schwebt mir näher,
Wie Wolkenschatten der Angst.

Atmen ist stolzer Beruf.
Haben Pflanzen andere Pflichten?
Viel Reiher die Flügel richten,
Manche lassen sich langsam herab.

Am Gestade der Orgelmusik
Steht mein Bett. Fern kochen die Wellen,
Die mir zu Füßen zerschellen
Mit Muscheln und Tang des Gesangs.


Er ist da

Ein schwarzer Flügelschlag!
Vor dem Fenster singen die Fichten.
Ich springe auf in der Nacht.
Mit mir erhebt sich horchend das Zimmer,
Bett und Bücher und Tisch.
Ich fürchte mich nicht.
Herzklopfen bin ich, wild wie der Tod,
Ein Jauchzen in Tränen,
Wie ein Pferd bebt witternd das Haus.
Ein Donner von Licht schlägt ans Tor.
Weit und grell springt es auf.


Ehespruch

Jeder Mensch ist eine Melodie.
Lieben heißt: sie innehaben.
Ich bin für dich, du bist für mich ein Lied.
Geschlossenen Auges sing ich dich,
In meiner Seele mich an dir zu laben.

Doch wehe, wenn wir uns vergessen,
Fehlt Ton um Ton des Lieds, umsonst gesucht,
Dann ist die Liebe ohne Zucht,
Ein Zwang, der ichbesessen
Zwei Einsamkeiten ineinanderflucht.


Die Zeit der Riesen kommt

Die Riesen kommen! Ihre Zeit ist fällig!
Vom Meer gebeizt, den Nacken durchgestrafft
Naht ihre Schar und macht die Städte stellig
Mit spielender und unbewußter Kraft.

In unsre Straßen tauchen sie die Glieder.
Sie reden kaum. Ihr Aug blaut angelweit.
Unüberwindlich klingt wie Siegeslieder
Ihr kehliges »Go on« und ihr »All right«.

Sie wissen nichts von Glut und nichts vom Ursprung,
Nichts von dem Gott, in den wir uns vergafft.
Sie üben Diskus, Speerwurf, Weitsprung, Schnursprung,
Auf kurzen Rasen schwebend engelhaft.

Sie gehen nackt. Die Melodie der Sehnen
Begrüßt das Licht. Sie tragen keinen Schurz,
Denn ihre Scham ist haarlos, und sie wähnen
Und wissen nichts von Schuld und Sündensturz.

(Auch ihre Frauen gehn nackt, mit schmalen Becken,
Mit starkem Schritt und einem Hauch von Brust.
Spät nur und selten kann der Mann erwecken
Den Rausch der Männin, eine kurze Lust.)

Sie werden unsre Städte niederrennen,
Die Welt von Marmor, Traum und Mottenfraß.
Schon blitzen ihre zierlichen Antennen,
Schon ihre Bauten aus Beton und Glas.

Die Riesen kommen. Wie auf glitschigen Tischen
In einem Hafenort die Flossenbrut
Von Meergewürm, Polypen, Aalen, Fischen, -
So liegen wir in unserm Schleim und Blut.

Sie aber steigen nieder, um zu jäten,
Sie achten nicht des alten Turmgeläuts,
Und dort, wo sie ein Kruzifix betreten,
Reißen sie den Gekreuzigten vom Kreuz.

Und werfen ihn auf unsern matten Haufen,
Der tote Augen auf zum Abend schlägt,
Bis er sich ausgetropft aus roten Tropfen
Und Wind und Nacht vom Tisch uns fegt.


Skizze

Die ihr in Mitternächten kehrt spät in eure Betten ein,
Wenn ihr im Dickicht euch verbergt,
Im Forst des Schlafs, ihr seid bemerkt.
Wie tief der Traum auch niederfuhr,
Der Atem eilt, es pulst die Uhr,
Und weiter wuchert Schuld und werkt.
Von Bett zu Bett mit seiner Lampe Kraft
Ein Engel geht,
Der mit dem Licht euch übers Auge weht
Und fordert ewig Rechenschaft.


Der Tod des Paulus
(Ein Epilog)

Auf seinem schwarzen Koffer, wie ihn Soldaten haben,
Hockt Rabbi Schaul, der Alte und schweigt vor sich her,
Doch die Andern, den Kopf im Tallis vergraben,
Nicken und beten, alte Juden, wie er.

Ihren Kerker durchsickern Romas Aborte.
Selbst der Krug und das Brot sind scheußlich befleckt.
Immer noch nichts! Sie warten auf die Kohorte,
Welche das Todesurteil Casars vollstreckt.

Schaul weiß nichts mehr von den durchmessenen Reichen,
Nichts von Damaskus, dem Anschrei des Feuerscheins,
Nichts von Verfolgung, von Schiffbruch, von Rutenstreichen,
Von den fünfmal Vierzig weniger eins.

Nur noch Straßen, grelle, rennen und drängen
Ihm vor den Augen, Straßen steinig und schlecht,
Straßen sieht er am Himmel des Kerkers hängen,
Seine Straßen, ein blendendes Blitzgeflecht.

Nun sich die anderen Stimmen steigern und paaren
Zu dem Segen, wie er geboten steht,
Wenn man auszieht, um heim nach Zion zu fahren,
Singt und nickt auch der Rabbi das heilge Gebet.

Und er sieht nach der Sonne, die hoch schon geklommen,
Wie ein Reisender ausschaut nach seinem Schiff,
Ungeduldig nach Hause, nach Haus zu kommen,
Heim zu Messias, zu Israels Inbegriff.


Der Sabbath der Tiere

In der kalten Stunde des Zwielichts,
Wenn die Schatten unsichtbarer Wesen
Flügelschlagend eilends dahinziehn
Über die Lichtung des hohen Waldes,
Verschrumpft das Moos und erlischt das Gras.

In der kalten Stunde des Zwielichts
Umhuschen die Tiere die graue Lichtung,
Hasen mit niedrig gesteckten Läufen
Rehe paarweis und zierlich tretend,
Kriechen Scheues und Pelzvermummtes,
Schimmernden Auges im Finstern ein Fuchs.

Sie suchen in kalter Stunde des Zwielichts
Ehe die Nacht kommt das graue Geheimnis.
Sie fürchten die Jagd nicht, sie suchen die Lichtung,
Sie bleiben lautlos, sie sprechen kein Wort aus;
In ihrem Schleichen, Kriechen und Huschen,
In ihrem wechselnden Hin und Wieder
Bebt, ich seh's, ein gebannntes Gebet.


Der Hymnus an den Leib

Springt aus dem Bette!
Ein Tag der Jugend bricht an.
Junges Weib, junger Mann!
Werft ab das Leinen!
Die Mütter haben euch aufgezogen,
Sie hegten euch bis zu diesem Tag.
Doch habt ihr noch Milch gesogen,
Euch nährten heimlich hundert Ammen:
Bäume, Sonnenwiesen, Schlaf und Ofenflammen.
Nun seid ihr wie ein Werk getan.
Zieht euch noch nicht an,
Bleibet bloß!
Und seht eure Arme, Schenkel, Brüste, euren weichen Schoß,
Seht den Schwung der Beine, Fesseln und Gelenke!
Selbst verliebt genießet euer Bild,
Und den Duft, der aus den Achselhöhlen quillt!
Wie sich euer Selbstblick auch versenke
Bleibt ihr von der Rührung ungerührt,
Die man vor Vergehendem verspürt.
Laßt euch nicht überraschen.
Rekelt euch, und tanzt im Zimmer, singt und pfeift,
Tretet dann zum Wasser, euch zu waschen!


Der heitere Meister war
nicht glücklich

Was? Der die stumpfen Toten
Zum Tränen-Glück entboten,
Der noch gemeine Skalen
Verzückte und ließ strahlen?!

Der Herr der Trunkenheiten,
Er durfte leicht nicht schreiten?
Der Banner alles Bittern,
Er saß in Furcht und Zittern
Und sein Rausch war der Zweifel?

So selig-klar gesungen,
Frucht doch von Opferungen!?
Was alle Gassen pfeifen,
Gekreuzigt darf nur reifen
Nach dem Gesetz der Gnade.


Das Wort des Meeres

Des Meeres lange Atemgänge
Sie branden schwellend her.
Die Meere atmen schwer,
Als ob ein Wachtraum ihre Brust bedränge . . .
Mich schläfert sehr.
Wie schwerer Wein berauscht der Wellen Wiederkehr.
Das Meer schläft nie. Und seine offnen Augen sehn
In sich, wenn Murmelworte auf der Fläche wehn.
Dumpf spricht das Meer.
Der tiefste Schlaf nur kann sein Wort verstehn,
Ob's Sturm heißt, Mond, ob Möwe oder Gott. . .


Auf den Tod Guiseppe Verdis
Von D'Annunzio

Drei Stirnen entsetzlich und mächtig
Neigten sich niederwärts.
Stirnen vom ewgen Gedanken trächtig,
Und schwer vom unendlichen Schmerz.
Dante, der lächelnd, die Welt in der Faust
Umfaßte und dessen Herz
Der Quell allahnenden Lebens durchbraust;
Der Wahrheit Fürst und verborgenen Welt,
Leonardo, der starr die Pupille dem Strahl
Der geheimen Sonne entgegen hält;
Buonarotti, der eisern aus all seiner Qual
Den harten Massen zu leben befahl,
All den unsterblichen Söhnen, rebellischen Heldengestalten,
Vor deren Schweigen das Schicksal zerreißt.
Umwacht von seinen drei alten
Älteren Brüdern schlief der erloschene Schöpfergeist.

Wie die Wolke, wenn die Sonne verschwendet
Hinter dem matten Gipfel verschwand
Von einem langhaftenden Blitz überblendet
Auflohet gegen die nächtige Wand,
In ihrer Form silenisch erhaben . . .
Und die Nacht kann nicht mehr das Feuer begraben.
Also die widerwilligen Gebeine
Überschwebte die Seele, anblitzend den Tod,
Durchgrellte das Dunkel mit dauerndem Scheine,
Seine weit offenen Tore bot
Das Mysterium ihr. Und das allgemeine
Geschick, über Menschen verhangen,
Verging vor dem Thron, wo die Kräfte beben
Und unten in heiligen Räumen, bereit sie zu empfangen,
Hub an die Melodie, die höchste, ihr Lied zu leben.


Amethyst und Zyklame

Auf meinem Tisch die Druse und der Strauß
Sie senden jetzt gewaltig Ströme aus.
Bergveilchenblitz, Bergveilchenduft. . .
Mein Zimmer wird geheime Felsenkluft.
Um Stein und Kelch wölkt sich ein leichtes Rauschen.
Die Druse bebt, die Blume brennt am Ort.
Und Strahl und Duft verwandelt sich in Wort,
Dem ich begnadet bin, zu lauschen.


Der Politiker

Am Rednerpult, von Bier und Schweiß begossen
Steht lässig er als wahrer Bodenstand.
Es schüttelt seine weiche Polsterhand
Ringsum die treuen, hartgegerbten Flossen.

Jetzt, leidgesättigt, seufzt er auf: »Genossen!«
Der Dialekt durchbricht die letzte Wand.
Und sachlich setzt er Saal und Wahl in Brand, -
Da bleibt kein Herz der Zukunft unerschlossen.

Doch nachher, selbst erfüllt es ihn mit Weh,
Sitzt er, - jetzt ist er Staatmann, - beim Diner.
Sein Leib liebt Lachs. Der Rauchtisch winkt ihm reichlich.

Der strengste Heilsplan wird beim Wein erweichlich.
Nur das Gewissen knurrt noch. Es erstirbt,
Wenn sich ein Graf charmant um ihn bewirbt.


Der Reiz des Künstlichen

Im Stengelglas des Gartens gelbe Rose
Entzückt mich, daß ich rufe: »Wie aus Wachs!«
Da aber werd' ich stutzig und erbose,
Betroffen von der Wucht des Mißgeschmacks:
Wie? Dem Leben zieh ich vor die Zellulose,
Dem echten Blütenschmelz das Spiel des Lacks,
Ein Opern-Duo wirklichem Gekose . . .?
Fälscht meinen Schönsinn ein perverser Knax?
Nein! In nachgeahmten Lebens Über-Reiz
Genießt der Mensch als Gott sich seinerseits.


Der Schlaf, eine Probe

Noch im Tod sei Gott der Herr gelobt!
Weil er, wenn wir uns zum Schlafe strecken,
Täglich, daß wir einst nicht sehr erschrecken,
Die Vernichtung fleißig mit uns probt!


Die unmerkliche Fortschreitung

Sehr hohe Gnade der göttlichen Leitung
Ist die unmerkliche Fortschreitung.
Die eilende Sonne steht fest wunderbar.
Wie hinterm Rücken sammelt sich Jahr zu Jahr.
Wir altern und werden's nicht gewahr.
Der Abschied der Stunde macht keinem bang.
Nur alles Ende geht in stürzendem Gang.


(Ohne Titel)

Nur wenn der Mensch, wär's noch so kurz besessen,
Für einen Augenblick sich selbst vergißt,
Dann ist von Gott er nicht vergessen,
Der dort gedenkt, wo Außer-Sich-Sein ist.

Solang die Seele, starr und überfrostet
In Tränen plötzlich steht von fremder Macht,
Hat sie den ewigen Tod noch nicht gekostet.
Sie lebt. Das Jenseits ihrer selbst erwacht.


(Ohne Titel)

Ich bin dein Gott, mein Leib, doch zieht der Trieb
Von deinem Gott dich fort zum Lüstern-Leeren.
Dann haß ich dich und möchte dich zerstören.

Doch raffst du oft mit letzter Kraft, die blieb,
Dich auf, in meinen Willen heimzukehren,
Dann leidest du und bist, mein Leib, mir lieb.


(Ohne Titel)

Ich stehe zwischen Beiden
Und kann mich nicht entscheiden
Gehaßt von allen Beiden
Die wider mich entscheiden.


Versifizierter Unsinn, der mir
geträumt hat, und der mir beim Erwachen
in Erinnerung blieb

Der Wilhelm
Der ist ein Schelm.
Er geht im Stechschritt, nicht im Schlapptritt
Am Morgen munter auf den Abtritt.
Das ist gesund für Darm und Kreuz.
Die andern kränkt's. Den Preußen freut's.


Der Tod des Diktators
(August 1927)

          1
Rings im Zimmer stehn in dunkler Bluse
Starr die alt-verrunzelten Empörer.
Dicht ums Bett weilt das Konsilium.
Doch kein Arzt bewegt sich. Streng und stumm
Lauscht der Älteste am Herzenshörer.
Immer noch das Lächeln der Meduse
Auf den Zügen, die verzuckend schlafen,
Liegt der Führer im Verwesungsfieber.
Nebenan schon warten Photographen.

          2
Dieses Leben ist ein Ball von Dunkel,
Und im Dunkel glitzert nur ein Splitter
Wie ein Diamant, ein Feuerkern.
Und der Brennpunkt rollt gleich einem Stern.
Ihn durchblitzen grelle Denkgewitter,
Ihn durchtollt ein schnelles Bildgefunkel...
Fest im Schafspelz auf gefrornen Flüssen
Stapft der Führer jetzt in Wasserstiefeln.
Wo das Eis schon birst mit Böllerschüssen.

          3
Mitten in dem Strome dehnt sich struppig,
Waldgepelzt und sumpfhaft, wie zum Jagen
Urbestimmt, ein weites Inselland.
Iljitsch trägt die Flinte in der Hand.
Sein Gesicht ist frisch von Frost beschlagen,
Doch die Insel grünt schon frühlingsüppig.
Seine Schritte schwingen. In der Tasche
Spürt er vielbekritzelte Broschüren
Neben Bauernbrot und Wasserflasche.

          4
Doch er denkt jetzt nicht an die Broschüren,
Nicht an Kautsky, Mehring und so weiter.
Fröhlich kitzelt ihn ein andrer Zorn,
Denn er wittert etwas vor dem Korn.
Jede Sehne spannt sich scharf und heiter.
Immer tiefer will ihn wildwärts führen
Alte Jagdlust, die ihn oft verzehrte.
Und er schleicht, umkrallt vom bissigen Strauchwerk,
Auf der schlauen und verschlungenen Fährte.

          5
Manchmal muß er durch die Dickung kriechen,
Manchmal düstern rings auch Vorstadtgassen,
Und er denkt, hier bin ich illegal.
Doch was hilft's? Ihm bleibt ja keine Wahl,
Will er weiter auf die Fährte passen;
Wie ein Hund kann er das Wildpret riechen,
Bis es endlich ihm gelingt, im Hellen
Einer Lichtung, nah beim Höllenschlupfe,
Einen großen alten Fuchs zu prellen.

          6
Doch das Tier duckt, ohne sich zu regen,
Seinen Kopf auf beide Vorderpfoten
Und es gleißt erstarrt den Jäger an.
Aber ähnlich gleißt und harrt der Mann,
Von des Tierblicks Einfluß überboten.
Kaum vermag er richtig anzulegen.
Ziel und Schuß! Noch steht er festgewurzelt,
Während sich der Fuchs gleich einer Scheibe
Auf dem Jahrmarkts-Schießstand überpurzelt.

          7
Rasch der Führer nähert sich dem Aase,
Denn er brächte gern den Mitverbannten
Diese goldgebuschte Beute mit.
Aber schon nach seinem dritten Schritt
Hält mit Gliedern er, mit angespannten,
Regungslos im hochgeschossenen Grase.
Denn aus Augen himmelhafter Bläue
Lächelnd mißt der tote Fuchs den Jäger,
Daß es ihn durchschauert: Ich bereue.

          8
Dies - denkt er - das Unberechenbare
Darf man nicht verlogen übertünchen,
Ohn' Erbarmen sei es integriert!
Die Gefahr ist nur, daß man's verschmiert!
Und nun sitzt in Zürich oder München
Er im Zimmer seiner frühen Jahre.
Auch der Fuchs schmiegt sich zu seinen Füßen
Als ein alter räudiger Bettvorleger.
Von den Wänden Heiligenbilder grüßen.

          9
Sind sie immer hier noch anzutreffen
All die Bilder dumpfer Wahrheitswürger?
Ist das Reich genug nicht ausgestaubt?
Weil ich krank bin, hat der Rat erlaubt
Meinen Blick zum Trotz mit Gott zu äffen.
Gott und Fuchs sind beides kleine Bürger . . .
Achtung! Auch in mir ist Übertreibung
Ein Gedanke wäre auszudenken:
»Dialektisches Gesetz der Reibung!«

          10
Reibung muß als Wärme sich entfalten,
Wärme wiederum sich umgestalten,
Jeder Schüler lernt's, in Energie.
(Bin ich krank? Ich spüre keine Knie!)
Ewig bleibt die Energie erhalten,
(Robert Mayer!) straffer oder schlaffer!
Wort ist Reibung! Also bleibt's erhalten!
Selbst der Gorki ist ein Gotterschaff er!

          11
All die kleinen Bürger und die Füchse
Sehnen sich zurück in ihre Höhle.
Höhlenhaftes bleibt unwandelbar.
Und ihr Geist, - die äußerste Gefahr -
Gleicht der rostigen Sardinenbüchse,
Welche weithin stinkt vom ranzigen öle.
Fort von hier! Beton und Eisenhallen!
Windmotoren, Dynamo, Ampere-Volt!
Langsam, langsam! Fast war' ich gefallen . . .

          12
Und des Führers Kopf ist weiß verbunden.
Seinen Kragen hat er aufgeschlagen.
Wo er nächtlich läuft, weiß er nicht mehr.
Nur das Füchslein atmet hinterher.
Ist es einer von Kerenskys Hunden?
Hunger brennt in überwachtem Magen.
Sind die Steppenberge Ausland, Inland?
Bahnhofblitz! Soldatenzüge rattern.
Sümpfe! Mücken! Irrlicht! Das ist Finnland!

          13
Finnland keineswegs! Denn ganz sibirisch
Wälzt sich eine Straße durch den Anger
Grundlos staubig, steinig wie die Welt.
Eine heisre Mittagshitze bellt
Durch die Luft, von Vogelschwärmen schwanger.
Und vom Himmel haßerfüllt-sektirisch
Plärrt die Sonne grelle Kirchenpsalmen . . .
Und man stolpert ohne Pferd und Wagen,
Schmachtend zwischen abgebrannten Halmen.

          14
Dort im Graben sieht der Führer liegen
Einen Kranken oder eine Leiche,
Einen schwärenübersäten Mann.
Und er nähert sich dem Opfer an,
Das, vom Schlangenbiß der Straßenschleiche
Hingerafft, hier fault umschwärzt von Fliegen.
Doch jetzt merkt er, den er angetroffen
Ist nicht tot, nicht wund! Es ist ein Bauer
Halbverkommen oder ganz besoffen.

          15
Nein! Ich kann ihn hier nicht liegen lassen,
Denn die Sonne wird ihn vollends morden.
Meine Lage ist jetzt klassenlos.
Mich verpflichtet dieser Erdenkloß,
Ihn zu retten von den Fliegenhorden,
Hemmt mich Ekel auch ihn anzufassen.
Über seinen Fund beugt sich der Finder.
Der Erwachte öffnet jäh die Augen,
Und der Führer sieht, es ist ein Blinder.

          16
Aus den blau erzitternden Pupillen
Sieht ein Blick den Retter himmelhaft an,
Gleich dem Gottesblick von jenem Fuchs.
Und der Mensch reckt seinen Riesenwuchs
In dem rissig vielgeflickten Kaftan,
Schwankt empor, wie ohne eignen Willen,
Wankt auf kranken bastumwundnen Sohlen ...
Und der Führer beißt sich auf die Lippen,
Wut glüht in ihm auf mit roten Kohlen.

         17
Was hilft's? Mit Püffen und Geschüttel
Wird der Trunkene vorangeschoben,
Grelle Straße saugt sich dürr und stier
An dem Paare fest wie ein Vampir.
Und auf Kopf und Rücken saust von oben
Hageldicht der Sonne Sklavenknüttel.
Iljitsch keucht, ein ausgepumpter Klepper,
Nicht nur bin ich jetzt der Blindenführer,
Nein auch ich, auch ich ein Gottesschlepper!

          18
Harren nicht Fabriken, Bataillone,
Kommissionen, daß ich inspiziere?
Mein Programm regiert mich haargenau,
Doch indessen glüht der Uberbau
Überblau, der Wissenschaft zum Hohne,
Auf die Glatze mir, und ich vertiere!
Autos warten an der Kremlmauer.
Und mich dauert ein besoffner schlauer,
Ideologisch schlauer Überbauer.

          19
Bin ich schon so bürgerlich verkränkelt,
Daß ich ihn nicht in den Graben werfe
Diesen blinden Gott voll Schnapsgestank?
(Leider bin ich noch ein wenig krank,
Und mein Hirn es bildert ohne Schärfe.)
Jetzt fühlt sich der Führer jäh umschenkelt,. . .
Haarige Hände seine Schultern packen,
Denn der Bauer hat sich aufgeschwungen
Sattelfest in des Diktators Nacken.

          20
Und er muß mit dieser Last beladen,
In der schlechten Reitspur weiter tappen,
Immer wieder brechend in die Knie
Zischt er: O du gottbesoffnes Vieh!
Während er sich müht, nach Luft zu schnappen,
Kaut der Bauer einen fetten Fladen,
Kraulend die verschwitzte Glatzenfranze
Seines Trägers, der im Zorne geifert,
Leiert er zur Antwort: »Bete! Tanze!«

           21
»Bete! Tanze!« Diese Zauberworte,
Die sich schmatzend aus dem Munde spülen,
Steigern maßlos des Beladenen Wut:
Gott und Gottchen, sei auf deiner Hut.
Morgen schick ich dich mit Strafeskorte
Allenthalben in die Kinderschulen,
Gott, du lernst das Alphabet nach Noten,
Doch, damit du nicht Professor werdest,
Bleibt dir alles Höhere verboten.

          22
Noch muß er den Blinden weiterschleppen,
Während schon am Horizont das Werkland
Großer Städte hämmert; kreischt und huppt.
Hüglig ist die Steppe nun gekuppt,
Und die Straße über steile Treppen
Steigt empor in ein verlornes Bergland.
Wieviel Arbeit schon und wie viel Zeiten
Kostet dieser angetrunkene Bauer?!
Und er läßt ihn auf den Boden gleiten.

          23
Wie sind sie auf diesen Grat geraten,
Der sich über einem wilden Schlünde
Wenig Schritt breit felsig weiter zackt?
Tief im Abgrund schwindelnd angepackt,
Sieht man weite windgekämmte Saaten . . .
»Bete, tanze« bellt's vom Bauernmunde.
Da! Ein fester Stoß! Ein Rutschen, Rollen!
Und, sich überschlagend kracht der Blinde
Abwärts, rings umstürzt von Schutt und Schollen.

          24
Doch der Gottesmund kann nicht befreien,
Denn es war ja nur ein blinder Bauer.
Und die Rundwelt schallt nun hohl und leer.
Die Alleinheit läutet ringsumher
Blechern auf den Dämmerguß der Trauer.
(Wie? »Gesellschaft« fängt erst an zu zweien!)
Und der Führer sehnt sich nach dem stieren
Blindenblick, dem Todesblick des Fuchses.
Abwärts kriecht er nun auf allen Vieren.

          25
Ja, die heilige Gesellschaftslehre
Löst das Rätsel auf die schärfste Weise,
Aber plötzlich ist der Mensch allein.
Zwar, er weiß, daß alles Erdensein
Darin wurzelt, daß es sich ernähre.
Dennoch fragt er: Bin ich selbst nicht Speise?
Die Materie ist nur die Mater.
Hat man ihre Wirtschaft auch ergründet
Lacht der Bürger-Hausherr, lacht der Vater.

          26
Angst und Losgelöstheit von den Massen
Sind der Ursprung aller Denksysteme.
Wahrheit liegt allein nur in der Tat.
Alles Denken ist ein Tatverrat.
Doch man kriecht auf Schutt und glattem Lehme
Felsgefährdet steil ab, gottverlassen,
Muschelhaft im Ohr dröhnt das Geheimnis.
Und im Klaren, völlig Durchgereimten
Klafft ein Loch auf einmal ohne Reimnis.

          27
Milchig kriecht in alle Muskeln Lähmung,
Und die Sehnsucht will die Hand entfesseln,
Abzustürzen jenem Opfer nach.
Der verkrampfte Körper streckt sich flach...
Langsam stülpt die Nacht auf ihren Kessel
Den zerbeulten Deckel der Verfemung.
Absturz! Da aus allernächstem Grunde,
Dröhnt Sirenenruf auf Menschenwogen
Und Triumphgeschrei aus dem Massenmunde.

          28
Dieser Schrei verteilt sich durch die Adern
Und er strafft des Leibs erschöpftes Segel,
Tönen voll in jedem Tropfen Blut.
Ruhig steht der Führer in der Flut,
Deren Rauscht emporklimmt an dem Pegel.
Tausend Stirnen schimmern, blanke Quadern.
Lächelnd, und die Rechte schief erhoben,
Unsichtbare Regulatur meisternd,
Dämpft und stärkt der Held das große Toben.

          29
Wortlos, ganz in seine Macht verloren,
Von den Fahnenflammen rot umschlagen,
Wie ein Dynamo verschickt er Kraft.
Schwanken die Gesichter nebelhaft,
Ist der Leib der Masse scharf beschworen.
Freunde heben jetzt ihn in den Wagen.
Wie er's immer tut, rückt er die Mütze.
Und des Autos Kiel zerschäumt die Menge.
Weither grüßen spielende Geschütze.

          30
Welche Blitzfahrt wirft an einen Strand ihn,
Und der Strand ist Moskaus Opernbühne
Für die Sitzung um und um beflaggt.
Unten brüllt der Menschenkatarakt.
Schon erbebt die hohe Ratstribüne.
Hundert Hände fassen an der Hand ihn.
Doch er tritt vom Werferlicht umbrandet
Lächelnd schnell zum Rednerpult und wartet,
Bis die Flutung letzten Lärms versandet.

          31
»Was ich, ihr Genossen, heut euch sage,
Wenn es auch die Ordnung nicht vermerkt hat,
Geht den Dingen praktisch auf den Grund.
Dank für Euren Gruß! Ich bin gesund!
Doch die Krankheit, die den Geist gestärkt hat,
Läßt mich klar durchdringen unsre Lage.
Ohne hochpolitische Verzierung
Ist mein Wort so nach wie vor dasselbe
Und es lautet: Elektrifizierung!

          32
Aber stünden zu den Bucharen
Werst für Werst die Akkumulatoren,
Wär's kein Grand noch, daß man jubiliert.
Ist der Mensch nicht elektrifiziert,
Geht das große Wagnis halb verloren,
Und verbraucht sich langsam mit den Jahren.
Um des Westens Technik abzuschildern
Haben wir den Sieg doch nicht errungen?!
Unser Krieg geht weiter . . . mit den Bildern!

          33
Nein! Ich spreche nicht von den Ikonen,
Die wir von den Kirchenwänden reißen.
Sie sind überwunden und erlegt.
Doch der Zukunftskrieg, der mich bewegt,
Gilt den Bildern, die das Hirn bewohnen,
Gilt dem dumpfen Schwärm von Traumgeschmeißen,
Gilt dem faulen, willenlosen Schweifen,
Gilt dem Zwang, im Bilderflug zu denken!
Dieser Klassenkampf ist zu ergreifen!

          34
Heut noch muß man eine Anstalt gründen
Mit der Pflicht die Bilder abzuschaffen,
Die das Wort in unser Denken schäumt.
Bild ist Feind! Denn nur der Bürger träumt.
Drum die Sprache, eine seiner Waffen,
Wollen wir, zerstörend, neu entzünden.
Unsre Wirklichkeit, auf der wir stehen,
Teilt in Leib und Formel sich. Sie fordert,
Daß wir formelndenkend, bildlos sehen!

          35
Allsogleich sind Forscher zu bestellen,
Philologen, doch auch Ingenieure!
Sie erzeugen letzten Sprachextrakt.
Jedes Wort wird einzeln ausgepackt,
Daß man seinen Bildgehalt zerstöre,
Daß man tilge seine Bürgerzellen,
Und den Geist so reinige mit Laugen . . .
Plötzlich unterbricht er. Unterm Pulte
Sieht der Fuchs ihn an mit toten Augen.

         36
Irgend etwas, ahnt er, ist im Gange,
Und tritt heimlich ab von seinem Schemel,
Zu begegnen draußen der Gefahr.
Schneegewehe! Moskau unsichtbar!
Vor dem Burgtor muß er warten lange,
Bis die Wache ihn erkennt. Vom Kreml
Läuten durchs Gestöber tief die Glocken.
Doch weil man sie längst schon eingeschmolz
Klöppelt es wie Holzgeklapper trocken.

          37
Ihm entgegen stürzt sich schon im Torgang
Von livrierten Dienern gut ein Dutzend,
Nimmt behutsam ihm den Mantel ab.
Andre wieder setzen sich in Trab.
Aber er, auch nicht ein Weilchen stutzend,
Findet selbstverständlich diesen Vorgang.
Und als sich die Flügeltüren weiten,
Schreitet er auf gläsernen Parketten
In den Prunksaal der zerstörten Zeiten.

          38
Generäle! Garden! Adjutanten!
Fürstlichkeiten! Fette Geldmagnaten!
Patriarch, das Kreuz an goldner Schnur!
Mitten inne hält der Zar die Cour.
Ihn umlauschen lächelnde Gesandten!
Damen, rauschende, in Schleppen warten!
Doch der Führer völlig unverwundert,
(Ist das ganze eine Filmaufnahme?)
Sieht dies aberwitzige Aberhundert!

          39
Jählings hat sein Blick entzweigerissen
Diese höfisch goldbewegte Masse.
Lichter und Gesichter blaken blaß,
Aber nicht vor Angst und nicht vor Haß,
Nur von unerhörtem Todeswissen.
Knieend, knixend öffnen sie die Gasse,
Und der Führer schreitet durch mit raschen
Kosmokratisch achtungslosen Schritten,
Mütze auf und Hände in den Taschen.

          40
Und er eilt durch langgedehnte Gänge,
Um sein Arbeitszimmer zu erreichen.
All das Irren macht ihn endlich matt:
- »Auf dem Schreibtisch häuft sich Blatt um Blatt
Der Gesuche hoffnungslose Menge!
Hab ich Zeit im Finstern umzuschleichen?«
Rechterhand winkt eine weiße Türe,
Und er öffnet sie im guten Glauben,
Daß sie schließlich an sein Ziel ihn führe.

          41
Eine Kammer! Bin ich denn erwartet?
Den Genossen hier sollt' ich erkennen!
Irgendwann? ... Er ist gewiß nicht fremd ...
Mein Gedächtnis dämmert nur gehemmt.
Zürich? Zimmerwald? Die Zeiten rennen!
Ist vielleicht das Ganze abgekartet?
Und er fragt mit leicht gestörten Mienen
Jetzt den Mann, der schüchtern sich erhoben:
»Womit kann ich dem Genossen dienen?«

          42
Dieser seufzt: »Ich bin noch immer Stimmer,
Denn man gibt mir keinen bessern Posten.«
Und er setzt sich nieder zum Klavier,
(Pianino), das im Schatten hier
Scheu verkommt mit Saiten, die verrosten.
Und, als wäre er allein im Zimmer,
Prüft er seine Stimmerapparate.
Doch der Führer grübelt: Diesen Mann hier
Hört ich einst!. . . Die Pathetiksonate!

          43
Zaghaft greift der Stimmer in die Tasten
Und er lauscht dabei der schwachen Gabel,
Die den Klang wie Honigfäden zieht.
Langsam steigt ein sehr bekanntes Lied,
Schwach, - als fühle es sich miserabel -
Aus dem alten Bauch des Klapperkastens.
Zwinkernd unter diesem alten Schalle,
Sucht des Führers Blick nervös die Türe,
Denn er ahnt schon: Dies ist eine Falle!

          44
Aber mählich stärken sich die Klänge.
Die Akkorde schweben stolzgeblähter.
Aus den Winkeln weht ein Orgelwind.
»Wie man Sauerstoff aus Luft gewinnt«,
Spricht der Führer, - »zieht er aus dem Äther
Dieses selbstbesoffene Gedränge.«
Um das Attentat jetzt abzulenken,
Gibt es nur ein scharfes Gegenmittel:
»Analyse! Denken, denken, denken!«

          45
Kein Gedanke rührt sich von der Stelle.
Mühsam ist der Kranke aufgesprungen.
»Das ist konterrevolutionär«,
Kreißt er auf. Und hört sich selbst nicht mehr.
Ein Verräter hat in dieser Zelle
Alle Melodien hingesungen,
Die im Kosmos schweifen ungebunden.
»Der Musiktod strömt ihm durch die Nerven.
Nein! Noch gibt er sich nicht überwunden.

          46
Schrecklich wogt die wohlige Bedrängung.
»Abstrahieren! Schlafen! Lachen! Gähnen!«
Nichts mehr hilft. Denn jetzt erbarmungslos,
Bricht, berauscht, mit einem Riesenstoß
Bis ins Innerste die Ich-Zersprengung!
Kindheit! Freundschaft! Wanderungen, Tränen!
Die Verweinung jeglicher Verneinung!
Wunsch zu streicheln! Einverstandene Güte,
Gottbewußtsein! Allerletzte Einung!

          47
Doch noch einmal fällt er in die Speichen,
Seiner Selbst, eh die Gedanken fliehen:
Das ist Schlamm und abgestandner Dreck.
Proletarier, irgendwo (?) räumt mich weg!
Denn ich selber war noch zu erweichen.
Zu der Türe schleppt er sich auf Knieen.
Und im Gang im schwärzlich aufgeklafften
Hört er seltsam seine feste Stimme:
»Mein Befehl! Lenin ist zu verhaften!«

          48
Rings die alt-verrunzelten Empörer
Starren regungslos schon manche Stunde
Auf das Lächeln, das sich noch nicht rührt,
Auf das Lächeln, das zum Sieg geführt.
Jetzt erst rinnt es ab vom Munde.
Der Professor löst den Herzenshörer
Von der Brust, denn dieses Herz verliert sich.
Hoch zum Licht hebt er den Fiebermesser
Und verkündet murmelnd: »Zweiundvierzig!«


Aus dem Kreis
>Schlaf und Erwachen<

 

(Ohne Titel)

Ich habe mir Menschen eingezogen
Wie Späne in die empfindliche Haut.
Dann haben andre wie Nesselkraut
Meine Hände mit blasigem Schorf überzogen.
Der Schlimmste hat mich verbrüht wie Lauge,
Doch was ich auch bin und was ich auch tauge,
Ich danke dir, Gott, für Nessel und Span,
Für die bitteren Freunde, die du mir beschieden:
     Ich darf nicht versinken in öligem Frieden,
          Ich darf nicht bewußtlos mich selber bejahn!


Spruch

Wir werden nie erkennen, wer wir sind,
Und das ist gut.
Doch auch der Feind erkennt uns nicht, denn blind
Haßt er in uns nur seine eigne Wut.
Der Freund er sucht einstweilen wohlgesinnt
In uns für seine Freundschaft nur Tribut.
Die Mutter selbst, ihr sind wir ewig Kind,
Das sie im Arm trägt und beschützt. Wie gut!
Und Gott vor dem das Heimlichste zerrinnt,
Verrät nichts und verlöscht uns. Es ist gut!


Milde der Zeit

Höchste Gnade der göttlichen Leitung
Ist die unmerkliche Fortschreitung.
Die eilende Sonne steht fest wunderbar.
Wir altern und werden es nicht gewahr.
Zum Ahnenkostüm wird die Mode übers Jahr.
Der Abschied der Stunde macht keinem bang.
Nur alles Ende hat einen stürzenden Gang.


Es ist Notwendig
an Wunder zu glauben

Überall Wunder!
Wir aber wissen es nicht.
Haucht nicht aus jeder Blume
Vorladender Auftrag
Tiefäugig uns an?
Ist nicht das Aug mancher Tiere
Die goldenbraune Monstranz
Übernatürlicher Botschaft?

Vielleicht wär's besser bestellt
Um die Erd' und um uns,
Vielleicht erstarrte der Haß,
Dieser geschäftige Zwischenhändler,
Ahnten wir einmal,
Daß die heilige Grenze
Zwischen Diesseits und Jenseits
Mitten durch UNS geht!


Das kosmische Werk

Wir sind die Boten von Scheinbefehlen.
Der Auftrag ist versiegelt und der Brief.
Auftrag? Ja, unser Schicksal! Brief? Ja, unsre Seelen
Nur, daß wir ganz vergaßen, was uns einberief.

Wir prüfen manchmal durchs Couvert die Chiffern
Des Briefes heimlich gegens Licht.
Und wenn wir von der Schrift kein Wort entziffern,
Dann schwören wir, die Sprache gibt es nicht.


Lied

Ich ging in einer Landschaft oder Schlaf.
Nicht weiß ich, wo sie liegt.
So sicher war ich eingeschmiegt
Und liebte ungestraft,
Die fest mich hielt, des Führers Hand.
Rings sangen Bienen durch das Land.
     Dies weiß ich noch.
Der Himmel wogte tiefer dort und glüher.
War's in der Kindheit oder früher, früher?

Ging unsre Straße durch ein leeres Tor?
War's Waldweg oder Wiesenrain?
Schritten wir heimwärts oder vor?
Ich weiß es nicht. Ich war nicht mein.
Um mich sang eines Friedens goldne Luft,
Die ich vergaß wie einen alten Duft.
     Dies weiß ich noch.


April

Hör ich nicht das Herz der Birke,
Das ihr bis zum Halse pocht?
Welche Lieb im Lichtbezirke
Hat sie plötzlich übermocht?

Gestern starrte öd gegittert
Ihr Geäst als toter Strauch.
Heute wölkt sie sich und zittert
Geistig grün empor wie Rauch.


Elegie im April 1935

Woher nehm ich die Kraft, noch einmal zu leben,
Woher die Kraft, dieses Frühlings würdig zu sein?

Krokus entjubelt der Erde.
Die Knospen des Flieders
Zittern vor Ehrgeiz und Müh.
Die Bäume wie wachsende Bauten
Sind voll geschäftigen Werks.
Alles bekräftigt sich selbst.
Auch der frische Schnabel der Amsel
Trägt ein bejahendes Gelb.

Da erhebt sich der Wind, ein säbelschleppender Wächter,
Und durch die Seele zuckt ein Wort mir: Verbot.

Viel des Zugemuteten trug ich.
Und die Freude blieb stark. Doch dies,
Daß ich geschieden bin von der Erde,
Daß jeder Fußbreit Frühlings
Mir versagt ist, daß Heimat,
Daß Geburtsort und Todort
Mir nur wie durch Unrecht gehört,
Wie ertrag ich's . . .?

Plötzlich fühl ich von damals den Blick in meinen
                                                verschüchterten Augen,
Als mich die heimischen Knaben stießen aus ihrem Spiel.


Winterlied

Winter, Zeit der Kinder, Kinderzeit!
Glich ich einst nicht jenem kleinen Jungen,
Der dort vorwärts scharrt vom Frost durchdrungen,
Auf dem Parkweg, gläsern und verschneit?

Damals ging ich treu an treuer Hand,
Einem großen Winter anverloren,
Wieder fühl ich brennen meine Ohren,
Wieder meine Wangen scharfgespannt.

Deutlich noch im fernen Widerhall
Seh ich einer Amsel Atem rauchen,
Sehe Schollen rot den Schnee durchtauchen,
Seh am Teich den starren Wasserfall . . .

Und wie ich, dem Fenster zugekehrt,
Eine fremde Welt vor mir gewahre,
Hüllt mich Wärme ein, die einzig wahre
Wärme, als wir damals heimgekehrt.

Und ich, von der treuen Hand gefeit,
Dämmervoll durchahndete die Dinge,
Tiefer als ich's nun zu Worte bringe:
Winter, Zeit der Kinder, Kinderzeit!


Abendliches Reiselied

Über Brück und Weichen grollt die Fahrt
Und sie donnert auf an Fels und Mauern.
Menschenhäuser schwinden, nachtgeschart.
Nur das Licht der Fenster fühl ich dauern.

Wenn das Menschlich-Rührende verlischt,
Steigt ein Waldgezack auf Berges-Stufe,
Und drei Sterne winken, ganz verwischt,
Mir wie Ohnmacht ungehörter Rufe.

Bald, ich weiß es, hab ich sie nicht mehr,
Wald nicht, Stern nicht, und die aufgebauten
Häuser laufen dann nicht kindlich her
Zum Gesang des Zugs, zum altvertrauten.

Tief erwacht mein innrer Todessinn,
Da wir nun durch Felsenengen schnauben.
Doch ein Weinen reißt mich plötzlich hin
Der Gewißheit und ein Hauch von Glauben.


Sprachnot

Alles was ich mühsam sage
Hält der Wahrheit nicht die Waage,
Denn das Wissen, das ich trage
Bleibt unsagbar, wenn ich's sage
Wie ich auch die Sprache schlage
Sie zu schweißen nicht verzage
Wendet sich zum Hohn die Plage.
Jede Antwort wird zur Frage,
Jeder Laut zur Niederlage.
Manchmal nur mit einem Schlage
Tritt der Gott im Wort zu Tage
Doch er achtet nicht der Klage
Harrt erst, daß es ihm behage
Läßt es blitzen jäh und vage.
Will ich's halten, ist es Blague.
Brandgeruch wird zum Ertrage . . .
Gott im Wort ist nicht erjagbar.
Was unsagbar, bleibt unsagbar!


Schiwug Panim al Panim
Begegnung von Angesicht zu Angesicht
(Kabbalah)

Nicht weil Er Er ist, brennst du zusammen,
Eh ihn noch ein gnädiger Lidschlag verdeckt.
Nein, weil Du Du bist, beschwert und befleckt,
Rollst du wie ein Blatt dich in schmerzhaften Flammen.

Die kleinste Schönheit hat Macht, zu verdammen,
Weil sie die Qual unsrer Häßlichkeit weckt.
In der Güte ist Licht, das uns tödlich erschreckt,
Ach, sie zeigt, was wir sind und woher wir stammen.

Unerträglich ist's nicht, das Vollkommne zu schaun;
Doch sich selber zu schaun, unerträgliches Graun,
Im reinsten Spiegel, o brennender Gram!

Wer Gott sieht, der stirbt. Wer stirbt, sieht ihn auch
Und erstickt an sich selbst, wie an beißendem Rauch,
Denn der Tod ist ein Scheiterhaufen der Scham.


Schimusch Achorajin
Schauung des Rückens
(Kabbalah)

Als Gott die Geschöpfe weltwärts gesendet
Und vom Einen sich löste die Kreatur,
Da währte es einen Atemzug nur
Und das schauende Leben verzundert geblendet.

Da hat der Schöpfer den Adam gewendet,
Daß ungeblendet er nieder fuhr.
Nun wähnt sich vorwärts gewandte Natur
Der Mensch, dessen Leben der Abkehr verpfändet.

Die Sinne äugeln und wittern nach Zielen,
Nur der Rücken, der Blinde, ein Riese der Trauer
Krümmt bettelhaft seinen erloschenen Schwung.

Doch oft überrieselt ihn zittriges Spielen,
Ein heimliches Fluten, ein eisiger Schauer,
Die Narbe der ersten Erinnerung.


Wiesenblüten geistig erschaut

Es ist ein Strauß von losen Wiesenblüten,
Der mich mit jähem Herzschreck überfällt,
Die seelenhaftesten der Gottesgüten
Zum erstenmal dem Geist vors Auge stellt.

Nur Glöckchen, Flügelsterne, Stempel, Stengel
Und Staubgefäße, sehnlich ausgestreckt;
Nicht Erdgeschöpfe, farbenjubelnde Engel,
Zum Lobgesang des Herrn im Gras erweckt!

Wie ihr Geheimnis sie vor mir entfalten,
Fühl Wonnen ich durch mich wie Wolken ziehn.
Die Schöpfung Gottes ist nicht auszuhalten.
Man müßte stündlich, nein, sekündlich knien!


Weltaugenblick Portofino

Barken! Yachten! Fischerhafen!
Sonnenplatz! Kaffeeterrassen!
Häuser zwinkern! Menschenmassen!
Händler! Tändler! Photographen!

Pinien! Holzrauch! öl! Agaven!
Beine, Hüte aller Klassen!
Lachen! Winken! Schlendern! Passen!
Katzen blinzeln! Bettler schlafen!

Und zu Wesen und zu Leuten,
Die unwirklich sich bedeuten,
Eine schluchzend jähe Neigung,
Daß wir bunt uns hier gefunden
Wandelbildhaft, unverbunden,
An der Küste der Verschweigung.


San Vitale zu Ravenna

Aus Raum ist dieser Raum gehauen,
Aus Weltenraum herausgestemmt.
Und Gottes Gold und grünes Blauen
Macht ihn so stählern sternenfremd.

Der Christus dort ist jung. Er reitet
Im Sattel seines Himmelsthrons.
Das Dienst-Gefolg, das ihn geleitet,
Ehrt die Cäsarenschaft des Sohns.

Die leeren Sarkophage grüßen
Im Garten draußen, lichtbetreut,
Wie taube Nüsse, uns zu Füßen
Vom Herbst der Zeiten hergestreut.


Morgenausfahrt nach Chioggia

Es hüpft die Lagune mit schäumigen Lämmern,
Ein Blendwerk von Blitzen seh die Stadt ich verschweben,
Wie das Schiff unterm Wasser mit mächtigen Hämmern
Durchhämmert mein Herz dieses morgende Leben.
Fern schieiert der Alpen amethystenes Dämmern.
Ich bin nur mehr Schrei, der nicht ausbricht. Die Weihe
Des Überalls trägt meiner Göttin Gesicht
Und wie ich die springenden Herden durchgleite
Erwürgt meine Kehle triumphierendes Licht.


Ein Tagesbericht

Ich bin am Morgen lässig aufgebrochen
Und ging, vom Blau berauscht, hinab zum Meer,
Dort hat mich eine Dame angesprochen:
»Sind Sie vielleicht Herr W., ich bitte sehr?«
Ich blickte höflich auf ihr Goldgebiß.

Dann fuhr ich dumpf mit Fischern, Mönchen, Bauern

Im Autobus bis Ruta-Dorf empor.
Den Kulm erkeucht' ich, sah den immer blauern
Ligurischen Golf im Streichelatem schauern.
Wie Gottes Winterhauch zog fern der Flor
Von Gletschern, reinster Rauch am Rand des Sterns.


Lied von der Sucht

Die Herrin Sucht in Rausch und Trunk
Rückt unersättlich uns zu Leibe,
Den sie kutschiert mit Schick und Schwung.

Und wo ich bleibe, wie ich's treibe,
Sie duldet nicht Ernüchterung,
Das Aug wird zur beschlagnen Scheibe.

Sie kennt nicht Arbeitsrast und Feier.
Kaum daß der Schlaf den Kitzel stillt.
Sie hüllt die Welt, das Wahngebild,
Frech in den eignen Lügenschleier.


Im Wartesaal

Wir warten alle allzumal
In einem kalten Wartesaal
Auf den Personenzug des Todes.
Seht ihr draußen die bunten Lampen lohn?
     Die Engel schweben mit Sternen
     Die Schaffner mit Laternen
Im Nieselregen auf der Station.
Bald hören wir im Wartesaal
Auf schrillen plötzlich das Signal.

Im Eisenofen kohlt kein Brand.
Das Licht starrt dumpf und feucht die Wand.
Ein Wartesaal ist keine Wohnung.
Auf harten Bänken hockend ringsherum
     Mit Lippen zugepreßten
     Und haßgeschärften Gesten
Bewachen alle ihr Gepäck. Warum?

Im Regen vor dem Wartesaal
Vermehrt sich der Laternen Zahl.

Der Ein' sein Bündel arm umkrallt.
Des Andern Schnappsack ist uralt.
Suitcase und Pelz und Plaid gehört dem Dritten.
Doch alle bitter hüten ihren Schatz,
     Bereit, schon vorzupfeilen
     Mit Stößen, Püffen, Keilen,
Als fand' nicht jedermann im Zuge Platz.
Im Regen vor dem Wartesaal
Erwacht ein Läuten, fern und fahl.

So hebt die Augen doch und schaut,
Reicht, Leute einen Blick euch traut,
Geholt aus der Gemeinschaft Tiefen.
Denn mehr als das, was trennend an euch zehrt,
     Seid ihr durch Warte-Stunden
     Geheim in Gott verbunden.
Und ist dies nicht ein Liebeslächeln wert?
Die Türe knarrt im Wartesaal,
Einströmt die Nacht und das Signal -


Glaube, Hoffnung, Liebe

Der Glaube wird dir nicht gegeben
Du mußt zu ihm dich hoch erheben.
Gott ist in Dir noch nicht gelungen
Eh nicht dein Wille ihn erschwungen.

Drum halte dich zuerst ans Hoffen
Steht nicht dem Geist die Hoffnung offen
Daß nicht das Nichts in erster Stunde
Dem All könnt' liegen je zu Grunde.

Auf dieser Hoffnung starken Spuren
Nah dich dem Aug' der Kreaturen
In Blicken, die traumlächelnd schweifen
Wird dich der Blitz des Weltsinns streifen.

Von diesem Blitze tief getroffen
Ward zur Gewißheit dann dein Hoffen,
Bis du, unfaßbar fortgetrieben,
Zusammenschrickst im ersten Lieben.

Die Liebe hast du nun als Waffe
Daß sie den Glauben dir erraffe
Den Glauben, der als wahr gewahrte,
Als offenbar das Offenbarte.


Entrückung Monicas und
Augustins zu Ostia

»Was ist dir Mutter, hast du Fieber?«
»Mir war noch nie so leicht, mein Sohn.«
Der Abend brennt. Der gelbe Tiber
Trägt seinen Kranz von rotem Mohn.

Am Fenster Hand in Hand sie bleiben.
Im Gärtchen eine Taube gurrt.
Fern blaut der Rauch. Das Wolkentreiben
Zerreißt und öffnet eine Furt.

Sie flüstert: »O die Herrlichkeiten
Des Sommers, Gottes Liebespracht!«
Er träumt: »Ich fühl das Weltschiff gleiten
Voll Uferahnung in die Nacht.«

Hier ist die Lust uns mildre Trauer.
Hier ist nur Mischung, Reinheit dort,
Hier ist Vergängnis, dort die Dauer.
Hier nur Gerede, dort das Wort.

Und wie mit leichten Gottgedanken
Das Dunkelwerden ihn umwallt,
Fühlt er die Mutter plötzlich schwanken
Und ihre Hand wird klein und kalt.

Er sucht sie fest an sich zu drücken,
Doch jäh auch überfällt es ihn
Das allerlöschende Entzücken,
Er möchte schreien, sterben, knien.

Wie lange blieben sie versunken
Wann kehrte sie zurück hierher?
Im Garten tanzen tausend Funken,
Das Sternenlicht wächst mehr und mehr.

Er zieht die Mutter voller Sorgen
Ins Helle, daß ihr Aug er schaut,
Doch dieses Aug ist wie verborgen
Von einer Perlmutterhaut.

Durchs Fenster summt jetzt eine Biene
Im Umkreis ihres Augenlichts.
Sie haucht wie fragend: »Augustine?«
Und dann noch ein verlorenes: »Nichts.«

Vom Pont ist Lärm emporgekrochen,
Man hört die Rasselketten ziehn,
Der Schiffsbauch kracht, die Hämmer pochen
Zum Tanztumult der Osterien.

Der Sohn: »Sie rüsten unsern Kutter
Und heimwärts, Mutter, reisen wir.«
»Ich brauch kein Heim mehr«, sagt die Mutter,
Und »Lieber Sohn, begrab mich hier.«


Die Tödliche Kleinstadt

In diesem Örtchen wird fleißig gestorben.
Man sieht keine Frau ohne Schleier und Flor.
Beizeiten hat jeder den Grabplatz erworben.
Der Tod tritt, als Hausgast empfangen, ins Tor.

Das ist das Städtchen der Witwen und Waisen,
Versteift wie ein schwarzgerandetes Blatt.
Das Leben darf hier nur auf Fußspitzen kreisen
Bergauf und bergab in der buckligen Stadt.

Mit Kränzen beladen die Trambahnen schlingern,
Die Glöckchen jammern in schrecklicher Terz,
Beim Blumenstand öffnet mit zitternden Fingern
Eine Alte den Beutel, als war' es ihr Herz.

Das Stadt-Aug, das salzige, blutig geriebene
Starrt ewig beileidend aufs Totentuch.
Selbst im Kino sitzen nur Hinterbliebene,
Vermummt in Schnupfen und Tränengeruch.


Der Theurg

Ich stürze dich wie einen Block
In diese Zeit, die dich nicht will,
In der dein Name schon als Choc
Die Stillsten schreckt gehässig schrill.

In der dein eigner Lehrer stand,
Dich kläglich leer macht fern und spät,
In der die Priester deinen Brand
Ersticken mit Altargerät.

Ich aber stürz dich nah und nackt
In diese Zeit vom Lärme stumm,
Nun stehe Felsen, scharfgezackt,
Und furchtbar wie aus Radium.

Nun kann kein Geist mehr mit Geschrei
Dich harten Felsen übersehen.
Und will er doch an dir vorbei
So muß er dich, o Gott, umgehen.


Der greise Diener
des Schwurgerichts

Sein graues Antlitz ist wie Mond
So ausgebrannt und unbewohnt.

Aus seinen Rillen, Runzeln, Ringen
Sieht man kein eignes Leben dringen.

Mit morschem Ton, der längst erfror,
Ruft die Partein er auf und vor.

Er lenkt mit kurzem Wink die Zeugen
Zur Barre, daß sie sich verbeugen.

Wird einem schlecht vor Angst und Leid,
Ein Wasserglas hält er bereit.

Mag, wer da will, sich schwach gehaben,
Er wird ihn unerbittlich laben.

Verläßlich übt er seine Pflicht.
Blank strahlen Kruzifix und Licht.

Er stellt sie auf den Tisch am Morgen,
Um sie am Abend zu versorgen.

So bleibt als Letzter er am Ort
Voll Dämmerung, Mord und Urteilswort.

Er rückt noch einmal an den Bänken,
Die mehr wie er des Grams sich kränken.

Dann schlurft er aus dem leeren Kreis,
Sein Schädel schwankt, ein Mond aus Eis,
Der alles kennt und nichts mehr weiß.


Strassenaugenblick

Es stockt ein Gaul dort vor seiner Last,
Er senkt das Haupt und will nicht mehr ziehn.
Der Kutscher schreit und reißt an dem Strang,
Der Gaul erbebt und kann nicht mehr ziehn.
Vielleicht ist's der letzte Gaul dieser Welt.

Ich schau dem Kutscher starr in das Aug.
Er flucht mich an, doch sein Arm wird feig.
Des Pferdes schmerzverdunkeltes Aug
Denkt: Soll ich sterben jetzt, soll ich ziehn?
O du mein Gaul, du mein eigenes Leben.

Drei junge Weiber schwingen vorbei
Mit Schritt und Farbe. Ein Motor fern plärrt.
Der Himmel hängt steif im Mimosenbaum.
Wo bin ich jetzt schon? O du mein Gaul!
Mein Leben, mein Gaul ist vergessen.


Wahnsinn der Zeit
oder
der Narr mit der Uhr

Täglich schlurft er durch die Mittaggassen
An des Wärters Arm dieselbe Tour.
Seine Hand greift, ohne aufzupassen,
Immer wieder nach der Taschenuhr.

Eine Bank im Park ist freigelassen.
Schwankend sitzt er vor der Rosenschnur.
Doch sein Glotzaug stiert, - er kann nichts fassen -
Auf der Uhr nach einer Rettungsspur.

Hinter seiner Stirn getürmten Quadern
Eitern die Sekunden in den Adern.
Er »hat Zeit« wie einer Schwindsucht hat.

Dieser Krankheit lange Weilen werkeln,
Mehren sich im Uhrwerk wie Tuberkeln,
Fressen und bekommen ihn nicht satt.


Der todgeweihte Park

Du Altertum der Erde, verlorenes Allein
Du Park, so stark, daß man dich hat vergessen!
Ich dringe ein in dich, als sei's vermessen,

Daß meine Zeit betritt dein Ewigsein.

Versammelt hast du deine Ehrenschar
Von wipfelhehren Palatingestalten,
Du liebst mit Ulm und Eiche Hof zu halten,
Wojwod des Dunkels, Schattengospodar!

Hiesiges Jenseits und jenseitiges Hier,
Wie lähmt mich schon die Bannung deiner Meile,
Wenn ich den Schritt durch frischen Wildwuchs keile.
Das Laub von hundert Herbsten unter mir.

Von oben peitschend ins Gesicht mir greift
Der Überhang von Rauten, Rispen, Schoten,
Die deiner Hoheit dienstbeflißne Boten
Dem Fremden wehren, der das Haus durchstreift.

Wie Tritonsmuscheln auf dem Grund der See
Mich riesige Weinbergschnecken überraschen.
Die Stämme alle tragen Moosgamaschen
Als ihrer Herrschaft Farbe und Livree.

Gibt's Bären hier. Vielleicht ein einziger noch
Den du verbirgst, um den du leidest bitter,
Auch hat das schnelle kleinere Gewitter
Bei dir, wie einst sein altes Heimatloch.

Ich bin beim Teich. So suppig grün und dick
Starrt er in seinem eignen Schlamm verkrochen
Vom Großmaul nur der Frösche oft durchbrochen,
Die menschenhaft bestöhnen ihr Geschick.

Die Kaulquappen sammeln sich zu Heer,
Gespensterfische schnappen in den Lücken,
Das Wasser kocht. - Da spüre ich im Rücken
Ein Näherkommen und erschrecke sehr.

Ein Herr geht mürrisch in genauem Schritt
Und läßt in seiner Hand ein Meßband schleifen.

Die Palatine rücken auseinander
Und plötzlich vor gepflanztem Oleander
Steht weiß und kleinlich eine Ruhebank

Und wie um mich der alte Urfürst schrumpft,
Verwandeln sich die hellen Rasenstellen
Zu einem Schachbrett zauniger Parzellen,
Zu hundert Schrebergärten der Vernunft.


Die Wandlung

Das Wort ist Fleisch geworden. Fleisch allein? o mehr!
In jedem Halm und Blatt ist's Fleisch geworden ringsumhi
Der Felsen ist sein steingewordenes Raunen,
Des Wassers starres Bild die stummen Silben schwätzt,
O dies Geflüster! Wer es hört und übersetzt,
Erringt sich's nur durch ungeheures Erstaunen.
Doch plötzlich trifft ein Schlag, ein Überschwang
Des Hörers Geist, ihn selig hinzumorden.
Er ahnt: Das Wort ist tausendfältig Fleisch geworden,
Doch eh es Wort geworden, war's Gesang.


(Ohne Titel)

Warum denn immer mehr als dies:
Im orgelgoldnen Nach-Mittag
An meiner Hand die Sonne lag,
Und eine leichte Träumerei
Auf meine Stirn sich niederließ
Voll Segelblitz und Lichtgeschrei . . .
Warum denn immer mehr als dies.

Warum denn wirklich mehr als dies:
Ein Atem sich in meinem barg
Und Weibes Fremdheit, grenzenstark,
Umschwoll mich wie ein Element.
Noch eh uns Schlaf entgleiten ließ,
Hat weich er unsern Kuß getrennt.
Warum denn wirklich mehr als dies?

Warum denn immer mehr als dies:
Ich rief die Melodie hervor.
Die liebe, die ich oft beschwor.
Sie fällt mich an wie Wind den Baum
Doch unten klampert an den Kies
Des leisen Meers gelaßner Schaum.
Warum denn wirklich mehr als dies?


(Ohne Titel)

Rechtes Wort ist wie Handauflegen
Tiefes Wort streicht den Schmerz fort.
Läßt blühen den Winterbaum
Und tanzen die gebändigten Schlangen.
Am Anfang der Welt
Brachen mächtige Zauberer
Das Wort, Wort für Wort,
Aus dem marmornen Lobgesang
Der Himmlischen
Und holten nieder den Raub.

Drum glüht noch immer
Im Innern des Worts
Das Magma der Göttlichkeit,
Noch immer liegt
Auf der Kruste des Worts
Ein leiser Reif aus dem Sternenraum.

Nachts,
Wenn der Pöbel schläft
Und die schnatternde Mitteilung,
Schwebt das Wort empor,
Rettung suchend, Ausgang und Heimkehr.
Und darum ist die Welt
Schon am nächsten Tag
Schwatzhafter wieder und sprachloser.

Laßt uns warten, Freunde,
In Glauben gehüllt,
Mit klopfender Brust,
Bis neue Zauberer kommen
Bis es wieder
Priester wird geben und Laien.


Skizze

O Sommer der Schöpfung! Es stehen im Staat
Die glühenden Wiesen, durchstickt und durchsternt.
Nur einzeln erklingt erst, wie stumpf, wie entfernt
Das Sensengedengel der nahenden Mahd.
Noch wachsen die Tage.

O Sommer der Schöpfung! Das geflügelte Kraut
Des Enzians trägt keinen blauen Kristall
Und beerenlos ist nur als wachsender Wall
Der Heidelbusch um die Wurzeln gebaut.
Noch wachsen die Tage.

O Sommer der Schöpfung! Was feiern sie heut
Mit schwirrendem Taumel, Propellergedröhn?
Was bedeutet der rings anbrausende Föhn
Aus ungeheurem Insektengeläut?
Noch wachsen die Tage.

O Sommer der Schöpfung! Gleichgültig der Wind
Biegt die Birken leicht und durchblättert den Haag.
Und des Kuckucksvogels fraglicher Schlag
Zählt unaufhörlich und wohlgesinnt.
Noch wachsen die Tage.

O Sommer der Schöpfung! Vom Brombeerstrauch
Wo die Schlangenhalde wildwüchsig klafft,
Steigt unsichtbarer Rauch von kochendem Saft
Und von siedendem Samen ein brenzlicher Hauch.
Noch wachsen die Tage.

O Sommer der Schöpfung! Es ist alles benannt!
Der Moß höher flitzt, die Tollkirsche reift.
Der Haselbusch harrt und geheimnisvoll greift
Ein Wesen ins andre. Auch meine Hand
Liegt schwer auf sich krümmenden Wurzeln.


(Ohne Titel)

Ich weiß, wodurch ich auf den Hund gekommen,
Der Bürger stöhnt's in seiner Kassenqual.
Ich habe dem Proleten Gott genommen,
Nun nimmt er meinen mir, das Kapital.


(Ohne Titel)

Hornbrille und Schlagring, dies gräßliche Paar,
Kann heute nicht mehr überraschen.
Der Nietzsche kocht über, der Neo-Barbar,
Im intellektuellen Apachen.


Politische Hymne
einer neuen Jugend

Du sollst dich deinem Blute fügen,
So gellt durchs Land das Haßgebot,
Der Bodenstand muß dir genügen,
Das Fremdgeborene schlage tot.


Wir aber lachen der Verwandtschaft.
Die Stammgemeinde macht gemein,
Wir stürmen aus der eignen Landschaft
Begeistert in die Fremde ein.

Wir fressen nicht die alte Speise,
Weil wir sie schon als Kind gekannt,
Wir spannen unsre Lebenskreise
Bis an des Gegensatzes Rand.

Wir werden feig nicht unterschliefen
Als Schreier unsrer Ich-Partei
Denn dieses Ich in seinen Tiefen
Wird erst durch Überwindung frei.

Das Dumpfgebundene zu loben
Wie leicht, wie schwunglos und wie alt!
Dort erst, wo er sich aufgehoben
Kam Gott im Menschen zur Gestalt.

Im Frühjahr dehnt sich jede Zelle,
Bis sie das Außersichsein sprengt,
Euch hat man in das Korporelle
Des Insichbleibens eingezwängt.

Und kann man an der Hand uns zählen,
Noch herrscht das arme Rudeltier -
Und wird man unser keinen wählen
Die Weltenzukunft wählen wir!


Der Widersprecher

Erst muß das erste Wort sich schöpferisch entfalten,
Dann kann der Widersprecher das letzte Wort behalten.

Ein Spiegel ist er. Spiegel, das sind Leeren,
Die was in ihrem Raum verkehrt, verkehren.

Er schreit: Ich bin der Welt gewichtigster Gegner!
Und ist doch nur ihr nichtigster Entgegner.

Laßt ihn dabei, Licht sei sein Widerschein.
Nimmt man sein Nein ihm, nimmt man ihm sein Sein.


Der Knabenmarschall

Nicht nur nenn ich den Tod, den Natur uns bereitet,
Des Alltags Sterben, das ewig geschieht und geschah,
Singen nun will ich den Tod, den der Mensch sich erstreitet,
Den Glühwein des Todes, den Marschall des Knaben Ma.
Und wenn einst die Gräber ihr Gut dem Schöpfer erstatten,
Ruft er vergebens den Helden. Von ihm fehlt der Schatten.


Bei beginnendem Rausch

Ich kam aus dir, o Mutter mein,
Ich werde wieder in dir sein.

Wenn ich mich übel überhob,
Mit frechen Künsten Lüge wob,

Ich kam aus dir, o Mutter mein,
Ich werde wieder in dir sein.

Im roten Wein, der mich durchwärmt,
Sind Reuetränen eingehärmt.

Ich komm aus dir, o Mutter mein,
Ich werde wieder in dir sein.


Aus dem Kreis
>Gedichte 1938<

 

Zwei Grabschriften

                                I

Wo und wann ich gelebt? Gleichviel! Denn bleib ich am Leben,
Lebt im Buch mit mir fort Wo und Wann ich gelebt.

                               II

          (Nach Vergils Grabschrift)
Prag gebar mich, Wien zog mich an sich. Wo immer ich liege
Werd ich es wissen? Ich sang Menschengeschicke und Gott.


Nach dem Abschied

Wie ich dich lieb hab, hätt' ich's doch gewußt,
Bevor uns überfiel dies rasche Scheiden!
Ich bin ganz blutarm von so viel Erleiden.
Warum wird man bewußt erst durch Verlust?

Was gestern du berührtest, starrt nun leer.
Die Dinge sind wie tiefgekränkte Tiere.

Mein Leben nicht, das deine war das ihre,
Und darum haben sie kein Leben mehr.

Ich geh herum, zusammgefaßt und scheu
Aus Angst vor meines Herzens Überschwellen.
Im Haus versuche ich mich blind zu stellen.
Denn Zeit ist treulos, aber Raum ist treu.

Im Raum hier nebenan dein Leben schwang.
Hier atmetest du, singend, lachend, sprechend.
Und ich, und ich - wie ist das herzzerbrechend,
Nahms an, nahms hin, und war nicht einmal bang.


Die Kinderkrankheit

Als Bub bin ich oft krank gelegen.
O leichten Fiebers Dämmersegen!
Wie dehnt ich schauernd mich und stumm.
Die Großen saßen ringsherum.

Ich lauschte Jedem, hörte Jede.
In einer Laube aus Gerede,
Von dem kein Wörtlein ich verstand,
Lag ich verwandt und doch entwandt.

Bis heute ist das so geblieben.
Als wie vom Fieber umgetrieben
In Wirtshaus oft und Bahnhofsaal
Such ich das Treiben ohne Wahl.

Dort hock ich wie in einer Höhle
Aus Murmellaut und Stimmgegröle,
Von dem mein Sinn fast nichts begreift,
Als wär' er nicht genug gereift,

Um aus Erfahrung zu erfassen,
Worauf Erwachsne gierig passen . . .
Verwandt zugleich und doch entwandt
Geht mich nichts an, was tief mich bannt.


Elliptisch dich umkreisend

Wenn ich klage Gott, daß Du Dich mir entfernst,
Ist es Täuschung; so auch, wenn ich sage,
Daß Du nah mir bist im seligen Ernst.
Denn nicht Du
entfernst und nahst Dich meiner Lage.

Du brennst standhaft,
Du glühst regungslos,
Während ich, elliptisch Dich umkreisend,
Manchmal bin versengt vom Strahlenstoß,
Manchmal an der Ferne bin vereisend.


Nicht einmal Zweifel

     Vergib mir, Herr, daß trotz der Kraft,
Die mir Dein Nachsehn täglich schafft,
Ich manchen Schwachen, wie Du weißt,
Mit schwächster Tröstung abgespeist.

     Du sahst es ja, als mich im Tor
Ein Obdachloser bleich beschwor,
Wie ich vor ihm nicht seitwärts trat,
Statt Herberg bietend kühlen Rat.

     Vergib, daß ich, - als Überschwang
Des Jammers mir ins Leben drang
Aus Höllenschmerz und Pestgefahr,
Daß ich selbst dann Dein' sicher war.


Die Seele hat kein Alter

Nun, da sich schon mein Tag beginnt zu senken
Und alle Schatten werden langsam lang,
Verhalt ich meinen Schritt im Übergang
Mich auszufühlen und mich durchzudenken.

Wohl spür ich manchmal in den Kniegelenken
Ein wenig Müdigkeit, doch wogt Gesang
Unstillbar durch die Brust, wie auch der Drang
Nach Überraschungen und Lustgeschenken.

Trotz Wiederholung des Unendlich-Gleichen
Bekommt die Kraft, wie immer ich sie nenne
Das Spiel nicht satt in Tagen ohne Zahl.

Zeigt mein Gesicht auch schon geschärfte Zeichen,
An jedem Morgen, da ich neu entbrenne,
Erwach ich wie als Kind zum erstenmal.


(Ohne Titel)

Ich weiß, daß unsre Fünfsinnlichkeit
Nichts kann von Gott und seiner Welt erhellen.
Woher? Wohin? Warum? wird jederzeit
Vergebens auf zum eisigen Himmel gellen.
Wie wir's auch nennen, was sich trennt und reiht,
Elektron, Proton, Ströme, Felder, Wellen,
Schon sind die neuen Nennungen bereit,
An denen diese Namen bald zerschellen.
Die Frage schwebt ob dem Gedankenstreit,
Ein Gletscherhaupt im Unberührten, grellen,
Und doch: Die Größe unsrer Sterblichkeit,
Die einzige bleibt, daß wir sie stellen,
Daß wir die antwortlose Frage ewig stellen.


Der Ruhm

Die Erde ist ein lauer Ball im Leeren,
Seit Millionen Jahren schon erkaltend.
Sehr langsam wuchs der Pelz ihr, drin gestaltend
Das Leben tollt mit seinen Wesensheeren.

Spät unter ihnen, die sich wild verzehren,
Stand auf der Mensch, sich mühsam nur entfaltend,
Bis eines Tags, den Körper aufrecht haltend,
Er sich begann als Ebenbild zu ehren.

Warum? Die wir der Schöpfung Gaben nahmen,
Wir dankten ihr, indem wir Namen gaben,
Und so aus uns das All noch einmal schufen.

Darum kann unsre Sehnsucht nie erlahmen
Nach höchstem Ruhm. Denn einen Namen haben,
Heißt aus dem Tode sein zum Sein berufen.


Alle Versuchung ist geistig

Der Versuchung Schauplatz ist der Geist.
Nicht in unsern fleischlichen Organen
Wirkt die Sucht mit Kitzeln, Prickeln, Mahnen,
Die uns Schritt für Schritt zur Hölle weist.

Ist der Geist noch so vernunftgeeist
Und bereit zu lustbefreitem Planen,
Wirft der Satan, ohne daß wir's ahnen,
Jäh ein Bildchen ein. Das Bildchen kreist . . .

Kreisend wächst und wächst es, die bewegte
Innenwelt mit Zwang zum Rahmen füllend,
Bis ihn endlich sprengt ein Flammenschwall . . .

Die Organe drängen sich im Stall,
Schuldlos blökend in den Qualm und brüllend.
Weil ans Haus der Erbfeind Feuer legte.


Credo des Unsagbaren
(Skizze)

»Wir sind geschaffen von Gott, dem Geist.«
          Buchstaben
     Die keinen Inhalt haben
Ehe ihr Blitz unsre Blindheit zerreißt.

Manchmal im Halbschlaf ahne ich Alles
     Nicht nur das Enge Meine,
Auch die Kosmen, die rollen,
     Nichtig verschollen
Wie das Gerücht eines Tropfenfalles
     Auf heißen Steinen.

     Aller Welten Bezirk
Ein dämmernder Einfall nur in Seinen Sinnen,
Wie vorsintflutliche Mücken und Spinnen
     Eingesprengt im Granitgebirg
          Er, Er, Er um uns her
Wie um die Muschel das Meer.

     Oft geh ich mir verloren
Wie ein lange getragener Hut.
Fremdsprachig singt das Blut
Und weltenfern in meinen Ohren.
Die liebsten Menschen dunkel mir verstauben.
Das ist, Er will mich hoch entraffen,
     Mit der Kraft Seines Geheißes . . .

»Wir sind von Gott, dem Geist geschaffen.«
In solcher Stunde muß ich's nicht mehr glauben.
          Ich weiß es!


Einsamkeit, du zugefrorner See

Einsamkeit, du zugefrorner See
Irr ich wieder nur an deiner Küste?
Dort im Dunst, den ich durchdringen müßte
Liegt die Wahrheit wärmer selbst im Schnee.
Nur ein Schritt! Denn Pfade führen still
Heimlich über deinen Spalt und Schründe
Aber wehe mir und meiner Sünde,
Wenn ich mir den Rückweg sichern will.


Lied der Widersprüche

Mir ist's, als sei ich schwer gebeugt von Jahren.
Mir ist's, als hätt' ich gar noch nichts erfahren.

Ich glaub, Gott hat mir keinen Schmerz gestundet,
Ich bin trotz aller Wunden unverwundet.

Ich habe, was ich habe, ausgegeben
Ich fühl mich immer noch wie vor dem Leben.


Ein Lied

Gute Nacht, liebe Mutter, ich geh schlafen.
Ob der Morgen kommt,
Ob ich wieder wach sein werde, weiß ich nicht.

Gute Nacht, liebe Frau, ich gehe schlafen.
Allzuheiß war dieser Tag.
Doch nun weht es kühl vom Fluß herauf.

Gute Nacht, gut Nacht! Ich bin zufrieden.
Nächtlich die Kastanien rauschen
Und mir ist auf einmal licht und gut.


Gedichte

Ich brech mit seltsamem Geschicke
Aus meiner Zeit mir Augenblicke
Und forme mir mit rascher Schrift
Im Schiffbruch, der mich täglich trifft.

Dann schleudr' ich meine Flaschenposten
Die Spante bricht, die Planke kracht,
In die zerwühlte Zeitenmacht.

Nichts kann vom Untergang mich retten
Doch wird die Woge einst sich glätten,
Vielleicht spült sie von meiner Hand
Den Hilferuf an fernsten Strand.


Mahnung

Wiege dich zur Ruh,
Bis du nichts mehr willst.
Laß das Fragen du,
Wie du wirkst und giltst.

Als du dich noch jung
Durch den Tag getrollt,
Brach des Gottes Schwung
Aus dir ungewollt.

Sieh, der Seelenstrahl,
Der uns göttlich ehrt,
Trifft die Gnadenwahl,
Wo ihn keine Qual
Und kein Wunsch begehrt.


Künstler und Leben

Muß ich nicht zwei Leben fristen
Voll von Arbeitsmüh und Listen?
Eins, wie's alle Menschen matt macht
Und ein zweites, das nie satt macht?


Künstler und Tod

Kennt man die fremde Stadt durch ihren fremden Lärm sich pressend,
Und nicht vom höchsten Punkt den Horizont ermessend?
Erst muß der Horizont des Tods dich fest umschlossen halten,
Eh deinen wahren Umfang du vielleicht einst kannst entfalten.


(Ohne Titel)

Oh, wie ist's doch
In manchen Stunden so seltsam,
Ein Geheimnis zu sein
In aller Geheimnisse Mitte.

Es erblaut schon der sinkende Tag
Und eingeatmet ist alles
Von eisenfarbenen Räumen.
Dem strengen Berg vorm Fenster
Bin ich verbunden.
Die Schritte der eilenden Menschen
Die unten im Regen schallen
Ich trag sie in mir
Sie verhallen in meinem sinnenden Körper.

Feierlich
Feierlich steigt's in die Kehle,
Was kein Wort sagt,
Kaum halt ich's fest.


Die Sünde

Im Morgendämmer schwebt sie aus dem Flur
Bis an mein Bett und flüstert leise leis:
Was fürchtest du? - Ich lieg in der Natur.

Schwach und verwirrt rück ich mich rasch zurseit.
Sie aber haucht, - ihr Leib bedrängt mich heiß:
Wir sind geschaffen für einander Beid'.

Was ist geschehn? Ich fahre aus dem Schlaf.
Stumpf greif ich nach den Kleidern, schwanke auf
Und weiß schon ungenau nur was mich traf.

Matt schleicht und öde dieser Tageslauf.
Die Welt in mir und ich in ihr sind leer.
Ich liebe nicht! Mein Herz nimmt nichts in Kauf.

Und starre ich spät abends auf das Meer,
Verschwimmt das Blinklicht dort und schmilzt davon.
Gott stellt sein Winken ein und warnt nicht mehr . . .

          Und nur die Zeit erbraust mit Donnerton.


(Ohne Titel)
(Fragment)

Oft blick ich wie in eine Schlucht
In mich hinab mit Grauen.
Durchs Wurzelwerk der bösen Sucht
Kann ich den Sinn nicht schauen.

Ich stehe und starre, mancher lacht
- - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - -
Ich weiß nicht wie ich heiße.

Ein Wasserfall dröhnt mitten drin
In mir auf Felsgesteinen,
Dann bin ich nicht mehr, der ich bin
Für mich und für die Meinen.

Und wag ich mich in meine Kluft
Ernst, ohne zu erlahmen,
Vielleicht geschieht's, daß Gott mich ruft
Bei meinem wahren Namen.


Nächtliche Windstösse
(Skizze)

          I.
Mein Nam' ist Aufbegehren, Aufbegehren!
Ich knicke knicke Äste, decke ab das Dach,
Vom Berg bin ich geschickt.
Ich bringe Mischung, Frischung, Wirbel, Bruch und Sturz . . .
Das welke Laub hat mich erstickt.
Ich mußt' es rund im Kreise kehren.
O weh, ich war zu schwach.
Ich bin zu kurz . . .

         II.
Meine Faust in allen Türen!
Sie springen auf ins Dunkel.
Träumer fahren aus dem Schlaf: »Wer ist hier?« -
Ich bin hier! »Gott! Was war das?«
Nichts!

        III.
Ich bin der Hirte, der das Fell der Erde kraut.
Du gutes Tier, du gutes Tier, so lob ich sie nicht laut.
Sie hört es, knurrt verliebt und streckt sich wohlig aus,
Ich laß sie liegen links
Und tanz die Wendeltreppe hoch im Sternenhaus.


Die Traumstadt

Dies ist die Stadt, die oft im Traum mich faßt.
Ein breiter Platz verschluckt die wirren Schritte.
Ich starr' erstaunt aus meiner müden Mitte
Auf Glockentürme, Kirche und Palast.

Durchbrochnes Maßwerk steigt hoch in den Glast
Der grünen Nacht nach unbekannter Sitte.
Statt Glocken dröhnen Gongs die dumpfe Bitte.
Ein Felstor ist dem Dome eingepaßt.

Nun saugt's mich ein mit der vermummten Menge,
Die scheu sich drängt zu einer fremden Mette
Durch Stollen eines Bergwerks, feucht und nackt.

Nur manchmal schimmern seitlich aus der Enge
In Gold und Purpur Heiligenskelette
Und prüfen mich aus Augen von Smaragd.


Dezemberabend in Wien 1936

O winterliche Fünf-Uhr-Stunde!
Der Himmel überm Kahlenberg
Vertropft die blasse Seitenwunde
Ins aufgebauschte Wolkenwerg.

In Grinzing und in Heiligenstadt
Entspringt das Licht in langen Zeilen.
Mondhoch bewacht ein Ziffernblatt
Den Park, wo frierend Menschen eilen.

Mein Blick geht den Vermummten nach,
Die mühsam sich durchs Dunkel treiben.
Ein schweres Omen stäubt vom Dach
Drei Würfe Schnee an meine Scheiben.


Phantastische Stanze

Wir haben manches Pfiffige erfunden,
Tonfilm und Radio und Grammophon.
Was längst dem Leib entlaufen und entschwunden,
Wir holen's aus der Todes-Pension.
Der tote Filmheld muß sich neu bekunden,
Der tote Sänger schmettert Ton um Ton.
So schuf der Schlaubold dieses Sterngestades
Sich prometheisch einen eignen Hades.

Doch reicht die Schlauheit kaum zu dem Verdachte,
Daß alles, was der Mensch ins Leben rief,
Nicht mehr ist als das Ewig-Nachgemachte.
Es gibt vielleicht ein göttliches Archiv,
In dem das Je-Getane, Je-Gedachte
Genau verwaltet wird als Negativ.
Ja, die Chronik von allem, was verschollen,
Muß stets bereit sein, wieder abzurollen.

Da legt man deine Spule in die Scheibe.
Die Nadel knirscht. Schon krächzt die Schweinerei.
Wie niedrig geil benimmst du dich zum Weibe.
Du mordest so, daß nichts zu merken sei.
Der Unrat kriecht aus unterstem Verbleibe
Und wird auf der geheimen Leinwand frei.
Du kannst nicht mehr ins Meisterwerk dir pfuschen.
Zu spät ist es für Schnitte und Retouchen.

Doch die Gedanken auch und die Gefühle
Sind unerbittlich mitsynchronisiert,
So wie das Schicksal aller Moleküle,
Die gaukelnd deinen Lebensweg geziert.
O Wahnsinnsvision der Gottesmühle,
In der sich das Geborne neu-gebiert!
Wer weiß, vielleicht läuft jetzt im Sonnenstrahle
Der ganze Weltfilm schon zum zweitenmale.


Auf- und Ab-Ballade
(Skizze)

. . . Aus formlos grauer Masse aufzutauchen,
Nicht mehr in leerer Arbeit sich verbrauchen,
Nicht mehr mit hohler Brust und schlaffem Rücken
Sich durch den Subway-Strom des Lebens drücken,
Nein, endlich, endlich in die Säle treten,
Wo Göttergleiche zu einander beten,
Wo Mächte strahlen in verzückten Hallen,
Selbst eine Macht zu sein und aufzufallen,
Als Eisigster im Kreis der Eisig-Kalten
Sich selber hoch, die andern niedrig halten,
Aus dem Bewegten werden ein Beweger,
Aus neidzerfreßnem Nichts ein Neiderreger,
Und dann, und dann, wenn jedes Ziel genossen,
Nicht trunken sein, doch sonderbar verdrossen,
Anstatt zu staunen, daß der Sieg errungen,
Den Ekel fühlen aller Sättigungen,
Und gähnend fremd Sich-Selbst mit allen Schätzen
Im Spiel auf eine einzige Karte setzen;
Der Rechen rafft, der Einsatz ist verloren,
Hinauszutreten aus verwöhnten Toren,
Zu träg zum Kummer und zu müd zum Hasse,
Zu enden, wo's begann, in grauer Masse . . .


Pazifistenlied 1938
Kein Recht vorbehalten. Nachdruck und Übersetzung
erwünscht, selbst die schlechteste.

Uns wächst die Pest im Bauche,
Das braune Carcenom.
Bald sind wir nichts als Jauche
Trotz Morphium und Brom.
Doch Morphium ist besser
Als das Chirurgenmesser.
     Sieg Heil, Sieg Heil!
     Im Gegenteil
Viel lieber noch der stinkende Mist,
Als daß uns holt der böse, der böse Bolschewist.

Wir haben zum Begeistern
Nicht Wort, nicht Laut, nicht Lärm.
Wir flehen, statt ihn zu meistern,
Den Krebs an im Gedärm.
Nur kaltes Blut und warme Ruhe!
Macht mit der Freiheit kein Getue.
     Sieg Heil, Sieg Heil.
     Im Gegenteil!

Wir hatten den Krebs in Fleisch und Bein.
Wir hatten ihn, nun hat er uns. Es mußte sein.
Als Österreich sie entsetzten,
Wir haben zugesehn,
Als sie den Schwachen hetzten,
Wir ließen es geschehn.
Doch allerschlimmsten Falles
Verlieren wir nicht alles.
     Sieg Heil, Sieg Heil,
     Im Gegenteil
Der Sieg erlaubt uns zum Ersatz
Des Selbstgefühls auch hierzuland die Judenhatz.


Sinngedichte

 

Prinzip

Dies allein ist echt gedichtet,
Was sich aus dem Wort aufrichtet
Unter höchstem Druck allein
Wie die Druse im Gestein.

Reine Flächen, harte Kanten,
Feuersprühend diamanten,
Allen Deutungen geweiht
Nüchtern klarer Trunkenheit.

 

Unser Werk

Wir glaubten, dies alles sei halbbeherzt
Nur zusammengebastelt, zusammengescherzt.
Und es kommt noch die Zeit,
Da bauen wir erst und spannen die Bögen.
So haben wir künftigen Wahns bewegt,
Unwissend die kleine Armut geprägt,
Darüber wir höher nichts mehr vermögen.

 

Am Nachmittag dieses
entsetzlichen Tages

 

Dem Blinden ist die Welt erblindet,
Dem Tauben ist die Welt ertaubt.
So auch an keinen Glauben glaubt,
Wer in sich selbst nicht Glauben findet.

 

Zeit

 

Wenn nackt Sekund' an Sekunde sich reiht,
Wie fühl ich da plötzlich der Schöpfung Gebot:
Tod ist nichts als erfrorene Zeit,
Und Zeit ist nichts als geschmolzener Tod.

 

Kehr um, es ist ein falscher Weg
oder
Drei Warnungen

(Skizze zu einem Gedicht)

 

Erste Strophe: In der Jugend. Nach durchbummelter Nacht. Auf
dem Boden des dreckigen Hurenlokals liegen Glasscherben, Ziga-
rettenstummel im Staube der Sinnlosigkeit. Müde zwischen zer-
brochenem Weiberlachen meldet sich die Stimme der Seele: Kehr
um, es ist ein falscher Weg!


Zweite Strophe: In späteren Jahren. Wieder ein herangewachter
Morgen im trüben Fensterrahmen. Bücher und vollgekritzelte Hefte
in wüster Unordnung. Die Luft ist abgestanden von vergeblichen
Gedanken. Staub der Sinnlosigkeit überall. Ein erschöpfter Blick
in die grüne Dämmerung. Da meldete sich in der Totenstille der
Frühe die Stimme des Geistes: Kehr um, es ist ein falscher Weg!


Dritte Strophe: Im fünfzigsten Jahr. Gegen Morgen aus dem Schlaf
fahren. Das Herz flattert. Der Puls stößt arhythmisch. Die Last auf
der Brust erstickt den Atem. Eine Stimme hämmert im Innern der
schwer arbeitenden Organe. Es ist endlich die Stimme des Körpers:
Kehr um, wenn du noch kannst. Es war ein falscher Weg.


Aus dem Kreis
>Kunde vom irdischen Leben<

 

An Alma

Wir leben schön zusammen,
Weil wir noch immer flammen,
So heut wie in der fernen Nacht.
Was wir aus unsern Tagen
Geschürft, geschlürft, geschlagen,
Macht unsre Seelen schwer von goldner Fracht.


Pause

Warten muß ich warten,
Bis du mich berührst
Und mir mit der harten
Hand die Kehle schnürst.

Dann erst kann's gelingen,
Daß mein Eis mir taut.
Aus der Brust darf dringen
Der geformte Laut.

Ohne dein Beginnen
Mein Beginn ist weit.
Durch die Finger rinnen
Laß ich tote Zeit.


Streng persönlich

Ein Lebenstag ist wieder abgetan,
Wie mehr als neunzehntausend andre.
Ich zieh zerknirscht mein Schlafgewand mir an,
In dem ich zwecklos durch das Zimmer wandre.

Anstatt daß ich mit letztem wachen Geiz,
Was in mir wahr ist, suchte auszureifen,
Ergab ich mich dem süßen Sinnenreiz,
Der mich verführt, als Hund umherzuschweifen.

Was blieb zurück von diesem ganzen Tag,
Den ich für ewig aus den Augen wasche?
Geschwätzes Spinngeweb und Staubbelag
Und der Versäumnis Zigarettenasche.

Was bleibt zurück, wenn ich mit Barbitur
Und Brom den Sprung beschleunige ins Leere?
Das kleine Ticken meiner Taschenuhr,
Der Brandung großer Glockenschlag vom Meere.


(Ohne Titel)

Ich hab mich oft wie einen Becher
Dem Ewigen zugetrunken.
Die großen Stunden sind versunken.
Die Hand ist worden schwächer.
Ich bin nicht mehr so jung.
Mein Glas hat einen tiefen Sprung.

Doch wird der Trank Dich loben
Bis zu dem letzten Tropfen meiner Stimme.
Und wenn ich kalt schon in der Nacht verschwimme,
Noch einmal siehst Du mich dir hochgeschoben.
Dann klirrt zum letztenmal
Mein Ich, der stürzende Pokal.


Lebenswende

Mein Selbst, du alter Gaul, der mich getragen
Mit festem Trab in diese Finsternis,
Beginnst du, nun die Not kommt, auszuschlagen
Und bockst und steigst und schnaubest ins Gebiß?

Ja, es ist wahr. Ich streute dir statt Haber
Oft schlimmes Futter, bot dir nasse Streu,
Der Wartung dacht' ich selten. Armer Traber,
Du warst mir treuer als ich dir war treu.

Und jetzt, wo's in der Ödnis Fuß zu fassen,
Im Leeren gilt, kippst du mich fast zurseit. -
Ich hab mich blind bisher auf dich verlassen.
Vorwärts! Trab - Marsch! Es ist noch nicht soweit.


Siziliane eines Kranken
im Morgengrauen

Altjüngferlich und schäbig abgewetzt
Die Albe steht im Vorhang-Schlitz geronnen.
Sie ist nicht purpurn und nicht goldbenetzt,
Sie ist aus Armeleutelicht gesponnen.
Ich fühle mich verwundert unverletzt,
Indes der kaum erhoffte Tag begonnen.
Um zwölf Uhr schlief ich ein. Sechs ist es jetzt;
So bin ich noch einmal dem Nichts entronnen.
Mich-Selbst hab ich im Schlafe eingesetzt
Und im Erwachen bar zurückgewonnen.


(Ohne Titel)

Und plötzlich hast du dich völlig abgefunden,
Als hätte man dir schon das Kinn hinaufgebunden.
Du lächelst fern, begrüßend und fremd
Und fühlst dein blaugestreiftes Hemd als Totenhemd.
Und dennoch, glaub mir, es ist betrügerisch.
In dir kreiselt weiter der gierige Irrwisch.
Zeigt man ihm auch den Strick, ihn dran zu henken,
Das Leben kann sich selbst nur lebend denken.


Geheimnis

Daß diese Erd ein Not- und Strafort sei,
- Wie oft hab ich's gedacht,
Stieß mir ins Herz des Lebens Todesschrei.

In seinem Sonnenzustand nur als Licht
- Ich ahn es mehr und mehr,
Ist unser Lebensstoff erst selig-eigentlich.

Doch hier ist alles Fall. Das Licht, es fiel,
- Tief fühlt' ich's jüngst bei Nacht;
Selbst das Atom des Wasserstoffs muß ins Exil.

Was fiel, erstarrt. Was Gottes Spiele trieb,
- Ich hab's erkannt im Geist,
Das treibt ein dunkles Urteil durch des Todes Sieb.

Was will der Wille, der dies Urteil spricht?
- O hoher Trost! Er will,
Daß, was einst Licht war, werde heiliger Licht!


Jacob an Michel
Zur Weihnacht 1943

Du hast gedacht, mich aus der Welt zu spotten,
Und killtest meiner Kinder Millionen!
Doch sieh, ich werde fürder sein und wohnen,
Wenn sich im Dreck verkriechen deine Rotten!

Von dir vergast in Kammern und gesotten,
Ward ich doch nicht befreit, dem Werk zu fronen,
Das mich lebendig hält schon seit Äonen . . .
So zwang mein Gott dich, neu ihn zu vergotten!

Nun ist mein
Schicksal deines: »Hund, mach Mores.«
An Wänden schleichend und in Schatten hausend,
Dein blauer Stolz wird grau und geht kapores.

Ich frage leis und nicht in Haß aufbrausend:
»Wem tatest du, was du getan hast, Tor, es?!«
Und Antwort wirst du geben dem Jahrtausend.


Maria und die Frauen

Die schönen Frauen, wandelnd selbstverloren,
Sie sind gemacht aus feinerer Substanz
Als die, in der wir Männer sind geboren,
Mit Muskeln, äffisch und voll Haarbestands.
Dem Frauenfleisch ist heimlich zugegoren
Der Schmelz der Blüte und des Mondsteins Glanz.
Bestürzt uns ihrer Schönheit selige Ruh
Jungfrau Marie, das bist in ihnen DU!

Ja, wir sind schüchtern, die Marie verehren.
Für uns mißt fast nicht menschlich ihr Geschlecht.
Wir wundern uns, wenn Frauen aufbegehren
Und niedrig sind und zänkisch ungerecht.
Und dennoch wird's kein Mangel uns erschweren
Zu schaudern vor der Schönheit, tief und echt,
Nie hoffend, daß sie uns zu schaun geruh . . .
Jungfrau, warum? Das bist in ihnen DU!

In dich des Geistes Geist ist eingegangen
Aus dir die Gottheit trat ins Haus der Zeit.
Von ihnen wird der Stumpfsinn nur empfangen
Und tritt ans Licht die Todverlorenheit
Und doch aus ihren Augen, Leib und Wangen
Ein Abschein strahlt verklärter Stofflichkeit.
Wenn scheu wir ihrem Schein uns wenden zu,
Jungfrau Marie, das bist in ihnen DU!


Ein besonderer Wind

Das ist ein Wind. Er stapft gleich einem Posten
Zuerst das Haus entlang von West nach Osten.
Dann wie ein Gauner, spähend hin und her,
Preßt er sich an in steter Wiederkehr.
Ja, dieser Wind hat einen breiten Nacken.
Er lockt das Holz. Im Haus die Kästen knacken.
Wenn er vorüber an den Läden scharrt,
Sind Schloß und Schnallen ganz in ihn vernarrt.
Eins der Verliebten hat ihn eingelassen.
Er füllt den Raum mit seinen Körpermassen
Aus Meerluft, Frischung, Öl- und Rauchgeruch.
Des Schläfers Brust wird weit von dem Besuch.


Ballade vom Herbstnebel

Der Nebel ist wie Ofenrauch,
Der Augen mir und Odem beizt.
Der Herbst hat schlampig eingeheizt.
Der Qualm kriecht über Baum und Strauch.

Der Herbst war stets, wohin ich kam.
Mit einem Bein ein Veteran:
Er stapft' und stelzte schlapp heran.
War Karl Gubsch nicht einst sein Nam?

Gubsch brach mit einer Last Papiers
In meinen Frühtraum voll Gezerr.
»Heut druckt die Luft aufs Dach, gnä' Herr . . .«
Ich flehte: »Gubsch, dann lassen wir's.«

Doch kniend vor dem Ofenloch
Blies Gubsch und blies mit schwacher Lung
Aus hoffnungsloser Feuerung
Nur Rauch, der grau durchs Zimmer kroch.

Das altverstopfte Abzugsrohr,
Wie macht's dem Invaliden Müh!
Auch heut der tote Gubsch bläst früh
Den Qualm ins Land wie oft zuvor.


Der Tänzer Nijinski,
seit Jahren wahnsinnig

Was fängt er mit den schmiegsamen Knochenröhren,
Was mit dem schwebesüchtigen Leibe an,
Der Vogel, Schlang und Fisch ist, Weib und Mann,
Ohne zur Mensch-, zur Tierheit zu gehören?

Im Zellenwinkel lauscht er fernen Chören,
Ein an den Strand gespülter Engel. - Bann
Und Angst duckt ihn. Mit beiden Armen kann
Er einen wilden Aufschwung kaum beschwören.

Gott, der die dunkeln Engel kettet an die Schwere,
Entkettet diesen schrecklich. All sein Brüten
Gilt der Balance, um die er ist verkürzt.

In ihm brüllt Lockung. Außer ihm dröhnt Leere.
Er muß die Schwerkraft wie ein Stemmer hüten,
Daß er nicht plötzlich in die Höhe stürzt.


Tod eines Industriellen

Was? Ich soll sterben? Hab ich Zeit dazu?
Die Post von heut ist noch nicht unterschrieben!
Drei Konferenzen zwischen Fünf und Sieben!
Nachher gab ich dem Anwalt Rendezvous.

Ist das der Fernruf? Wo sind Frack und Schuh?
Wohl ist mir das Bankett im Sinn geblieben.
Um zehn Uhr nachts werd ich zum Flugplatz stieben.
Dann hab ich in der Luft drei Stunden Ruh.

Mein Kopf ist klar. Wie auch die Bilder jagen,
Ich rechne eisern. Eine Klingel schellt
Von meines Vaters Tür aus Kindertagen.

Ein neuerdachtes Inserat verstellt
Mit Neonlicht den Blick von Welt zu Welt.
Man müßte noch . . . Mein Herz hört auf zu schlagen . . .


Traum vom verhinderten
Kostümtausch

Nachts war ich bei zwei Damen eingeladen,
Morphe, die Form, und Hyle, die Gestalt:
»Er spielt kein Bridge und ist schon Fünfzig alt«,
Entsetzten sich die runzligen Mänaden.

An ihren Wänden lief in allen Graden,
Auf Bügeln leuchtend, dicht zusammgeschnallt.
Von Menschenbälgen eine Tausendfalt,
Der Raum glich des Kostümverleihers Laden.

Ein weißer Mädchenleib ins Aug mir gleißt . . .
Schon sprang ich auf, in dies Kostüm zu schlüpfen.
Doch der Mesdames jede widerstritt:

»Sie opfern«, klagten beide, »Glied und Geist,
Um als ein Girl dumpf herumzuhüpfen,
Beraubt sogar um Ihren Lust-Profit.«


Sinngedichte

 

Lux und Crux

Et luceat eis perpetua lux.
Wie reimte von jeher darauf sich Crux!
Noch lange bevor in der Weltgeschicht'
Die Gottheit hatte ihr Kreuz erricht'!

 

Entrada drüben

 

Woran mißt du, ob das Leben lohnte,
Ob du wußtest, wo Gott wirklich wohnte?
An der Grenze, wo das Zollhaus ragt,
Gelten keine Werke, die gelungen,
Gilt nicht einmal, was du kühn gewagt.
Nur nach einem Paß wird dort gefragt:
Nach der Leuchtkraft der Erinnerungen!

 

Fragment

 

     Aus dem Nichts ward die Welt geschaffen.
Das ist es.
Durch die feinsten Blutgefäße der Schöpfung
Müht und martert das Nichts sich
Wie ein lösendes zersetzendes Öl
Heim zum Ursprung,
Heim zu sich selbst...

     Gott ist nur selig,
Weil er nicht erschaffen ist.
Doch in allem Geborenen pocht und prickelt
Ungeduld, die Stiefschwester der Zeit . . .

 

(Ohne Titel)

 

Das Köstlichste, das Größte,
Es lag mir auf den Lippen.
Fast hätt' ich's sagen dürfen.
Nun nehm ich es ins Grab.

 

(Ohne Titel)

 

Willst du die Spender des Beifalls betrachten
Den du nach jahrelangem Lauern
Endlich, so scheint's dir, errungen?
Ein Teil davon applaudiert nur gezwungen,
Den andern Teil wirst du ewig verachten
Und den dritten ewig bedauern.
Und so frag dich, ob du zur Herzensweide
Und Probe des Sieges bist vorgedrungen:
Ob der, den du hochstellst im Neid, an dir leide!

 

(Ohne Titel)

 

Wo hat's dich getroffen?
Dort, wo ich war offen.
Worin hat sich's angekündigt?
In der Lust, mit der ich gesündigt.


Ghasel vom kommerziellen Künstler

Ein Frauengruß kann für den ganzen Tag
Ein Herz, das schon verzichtet, blühen machen.
Ein wahres Wort kann schlimmer als ein Schlag
Der Scham erloschne Höllen glühen machen.
Doch reines Streben, das dem Geld erlag,
Kann nichts auf Erden neu sich mühen machen.


Der Tiger
(Nach William Blake)

Tiger! Tiger! gelber Brand
In den Forst der Nacht gebannt
Welch Gottesaug und -hand verlieh
Dir tödlich deine Symmetrie?

In welches Himmels Abgrund fern
Brannt' deiner Augen Doppelstern?
Die Hand, wie mußt' sie tollkühn sein,
Die Feuer dir zu setzen ein?

Welch richtige Kunst hat es vermocht,
Die deines Herzens Muskel flocht,
Daß es den bösen Lauf antrat,
Welch Webertritt und Spinnertat?

Welch Werkzeug formte Stoß für Stoß,
Dein Hirn als Schmelzflut schlackenlos?
Auf welchem Amboß ward gestanzt
Der Schreck, mit dem du Opfer bannst?

Wenn Sterne schnellen Speer um Speer
Und Himmel wird zum Tränenmeer,
Lobt Er sein Werk dann schöpferlich?
Er schuf das Lamm. Schuf er auch dich?

Tiger! Tiger! Gelber Brand,
In den Forst der Nacht gebannt,
Welch Gottesaug - und Hand verlieh
Dir tödlich deine Symmetrie?


Gebet eines Fliegers
(Nach dem Gedicht von Sergeant
Hugh Brodie
von der Australian Air Force
missing in action)

Allgegenwärtige Macht der Mächte,
Erhör mich. Mein Gebet ist kurz.
Ich bete nicht, daß im Gefechte
Du mich bewahrst vom Feuersturz.

Nicht bet ich, daß Gesetz und Pfade,
Von denen nie ein Sternlauf weicht,
Du ändern sollst durch eine Gnade,
Damit kein Sprengstück mich erreicht.

Ich bete nicht: Laß mich gewinnen!
Den Feind zerschmettere Dein Hieb!
Ich haß den Feind! Doch weiß ich innen:
Auch er ist Mensch und ist Dir lieb.

Nur eins laß mein Gebet erwerben,
Tobt rings die Luft, von Toden voll.
Du auch, mein Gott, hast müssen sterben:
Lehr Du mich, wie ich sterben soll.


Übersetzung von zwei Gedichten von
Robert de Witt
(Aus dem Holländischen)

I

Weihnacht 1939

Keine weiße Weihnacht in diesem Jahr.
Nur Regen und Wege, schlammig weich.

Und was bringen sie dar,
Auf der düsteren Bahr
Die Hirten dort am Altar
Eine Leich!

Dem Kind in der Kripp' ist so bang zumut,
Daß es seine Augen fest schließen tut.

Und Josef auch, der Vater klar,
Unruhigen Blicks, und bleich,
Vergräbt seine Hände tief in das Haar.

Denkt er seines seligen Todes vielleicht?

Marie winkt dem Zuge, daß er entweich.
Doch wohin, Gott, wohin, wohin soll die Leich . . .


II

Jahresabschluss 1939

Nicht also Herre,
Wirst du's erreichen,-
Daß unsre Seelen durchbrechen die Sperre
Und dich liebend wieder suchen.

Jesus, katholischer Jud,
Willst du am Ende vom Jahr,
Einen Saldo zu deinen Gunsten buchen,

Dann gönne weniger Mut
Dem Tode und weniger Leichen.
S' ist Notzeit, Herr. Drum spar !


 

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