Lieder für Leni

Inhalt

1911

Konfession

Ich aber bin der Kleinsten Einer
Und der Geringste unter ihnen,
Und bin nicht wert, dir scheu zu dienen,
Denn so verscheucht, als ich, ist keiner,
Und jeder hat in seinen Mienen
Doch noch ein: Keuscher Ich und Reiner!

Ich aber bin ein Ding voll schlechten,
Verpfuschten Schatten und Gerümpel
Und jeder Wollust toter Tümpel -
Der niedrigste von deinen Knechten
Ist neben mir ein stolzer Wimpel
Und prangt als Sonne der Gerechten!

Denn ich bin so vermorscht und kleiner
Als der verlorne Wurm im Staube,
Ich bin der Rest von deinem Raube,
Ich bin der Ausgestoßnen Einer
Und hab nur dies: Ich weiß und glaube
Und liebe dich so sehr, wie Keiner! ...

12. 03. 1912

 

Ich folge deinen Füßen - - -

Ich folge deinen Füßen bis
In jede Furcht und Finsternis!

Deine Hände machen mich weinen,
Sie sind die jungen Schwestern der meinen.
Sie leuchten über meinem Pfade
Als Sterne einer großen Gnade.
Sie könnten mir meiner herben, Harten,

Verstörten Seele schweres Sterben
Glücklich machen und reich -

Ich bin so arm - ich kann nur warten!
Meine Hände sind zu greis und zu schwach
Zum Rauben und zum Erringen,
Sie sehnen sich bleich den deinen nach:
Du mußt sie ihnen bringen!
Sei weich!

Ich suche dich schon durch alle die Jahre,
Deine Füße flohen ins Wunderbare.
Deine Hände hielten sich immer verschlossen - -

Aber jetzt hab ich mein Blut vergossen,
Für dich vergossen!

Jetzt geht mein Blut dem deinen nach
In unser stillstes Brautgemach.
Du legst dich schwer auf mein Gesicht
Und hüllst mich in dein Haar.
Wie ein Taubenpaar
Flattern deine Füße an mir,
Deine Hände tun mir so Gutes.

Und eine weiche Stimme spricht:
Wir sind eines Blutes!

Dann trägt uns unsre Liebe bis
In jede Furcht und Finsternis - - -

In jede selige Finsternis.


 

März 1912

Und über meine Stirn streicht deine Hand …

Oft ist es mir, als zöge deine Hand
Mich plötzlich bettelschüchtern am Gewand.

Ich aber muß verstockt so weiter schreiten
Und meine Augen über Pöbel breiten.

Ich bin in Stuben, die voll Qual und Qualm -
Und draußen blüht dein Astwerk und dein Halm!

Und draußen öffnet sich dein Himmel weiß
Über den kühlen Dingen. - Mich drängt heiß
Und heißer Heimlichkeit auf harten Bänken
Und Lärm und Kleinlichkeit und Gift der Schenken,
Wo ich gekettet zwischen Wand und Wand -

Und über meine Stirn streicht deine Hand ...


05. 04. 1912

 

Aufschrei

Ich trage dein Joch auf meinem Nacken.
Durch Strom und Gestrüpp, über Schlangen und Schlacken
Schlepp' ich dein Kreuz in verblutender Plage.

Und ich fühle, wie deine Süchte mich packen,
'Wie dein Traumbild mich hält alle Nächte und Tage.

Dein Kreuz auf dem Nacken, dein Locken im Blute
Such' ich zerschlagen begnadende Hallen.

Aber du flohst mir verhüllter aus allen -
Und weiter treibt mich die blutende Rute ...


10. 07. 1912

 

Erich

Ihn auch will ich preisen und benedein,
Den du jetzt mehr liebst, als mich: - den Andern!

Ihn, zu dem deine Gedanken wandern,
Wenn du in meinen Armen ruhst - - -

Er muß wohl schön und gut sein,
Da du ihm so Liebes tust.

Er muß schöner sein und besser
Als ich armer Mann,
Da du mich vergessen konntest über seinen Küssen.

- Manche Mädchen lieben ja Neger und Feuerfresser,
Manche vergessen den Treusten bei Nelken und Nüssen.
Bei irgend etwas zum Naschen oder zum Schmücken,
Bei eines Papageien Buntheit oder eines Pferdes Rücken. .

Ich bin der, der dich nie vergessen kann
Und trägt in seiner Brust dein Messer!

Nur dann und wann in den Gassen,
Abends, wenn die elektrischen Lampen brennen,
Seh ich einer von den blassen Ladenmädchen
Vielleicht verliebter und zärtlicher unter den Hut
Und fühle, wie meine Zunge sich durch die Lippen drängt
Und meine Träume sie unbewußt »Geliebte« nennen.
Aber mein Herz und mein Tiefstes hängt
Immer an dir und weiß kein Trennen! -
Er muß wohl schön sein und tapfer und gut,
Blühender rauscht wohl sein junges Blut,
Als mein welkes fließt, das dich bebend umfängt …

Nun ist keine Stelle
An deinem heiligen Leibe mehr mein,
Keine gehört mir ganz allein,
Keine ist die Schwelle
Zu einem ganz seltnen und heimlichen Glücke,
Immer führt zu ihm ein Brunnen und eine Brücke.

Er muß wohl schön sein!
Seine Hände sind wohl stärker als die meinen,
Er ist einer von den Blondgelockten, Reinen,
Deren Sinn noch nicht die Brunst verwirrte,
Der noch nicht zu Dirnen sich verirrte
In verlornen Nächten, und sein Weinen
Klingt wie Kinderweinen und hell sein Lachen,
Furchtlos blickt er, wie der Ritter mit dem Drachen,
Und ein Lilienfeld blüht morgens sein Erwachen.
Wenn er bittet, kann er seine Hände falten
Wie sehr junge Mönche, aber wenn er zornig ist, so halten
Sie den Stab ganz stolz, und marmorn strahlt sein Antlitz im Erkalten.

- Was sind meine schwachen
Wehen, welken Hände, meine alten,
Welk von jeder Wollust, greis von jeder Pein. ..

Er muß wohl schön sein!
Sein Körper ist wohl wie eine Gerte,
Wie ein Florett, das sich blitzend biegt,
Wenn er an deine Hüften sich schmiegt,
Weißt du: Hier ist der sichre Gefährte,
Der Verheißene, Wunderwerte,
Der über die steilsten Stürme siegt!

Seine Augen haben noch nichts Schlimmes erblickt,
Froh und frei schauen sie in die Weite,
Kein Schluchzen hat seine Stimme erstickt,
Ihm hat keine Macht einen Fluch geschickt,
Ihm trabt kein Ekel mahnend zur Seite.

- Wie bin ich von Schuld und von Scham umstrickt! -

Keine Falte grinst weh um seinen Mund,
Er ist weiß wie Schnee und grad und gesund!

Er hat Freunde, aber er braucht sie nicht,
Er braucht auch nicht einen Hund
Oder sonst ein Tier oder Ding, mit dem er spricht,
Denn die ganze Welt steht mit ihm im Bund.
Seine Seele ist ohne Schlacken und rund
Wie ein goldner Ring, und sein Wollen
Gräbt sich lachend das Glück aus harten Ackerschollen.
Er ist wie ein Garten, der blüht,
Er ist noch sehr jung, er kann noch warten.
Er hat keine Visionen und Fratzengesichter,
Wenn er schläft, schläft er ganz ruhig wie ein Jäger
Im Waldesschatten. Er ist ein Mann!

- Aber ich bin ein zerstörter Dichter,
Ich bin der Sünder, der Kreuzesträger,
Ich bin der Matteste der Matten,
Ich bin, der dich nie vergessen kann,
Der dich trägt in seinem verdorbenen Blut,
Der alles verrät und sich selbst um deinen Kuß! -

Er ist wohl schön und rein und gut, Er muß gut sein - er muß !

Wenn er dich enttäuschen könnte oder mißhandeln,
Deine Güte geißeln oder deine Liebe verkaufen,
Mit deinen süßesten Liebkosungen durch alle Märkte wandeln
Und lügende Laster mit deinem Namen taufen,
So müßte ich ihn töten! Ich könnte es nicht ertragen, ohne zu erröten,
Daß alle stinkenden Mäuler deinen Namen sagen,
Ich könnte es nicht ertragen, daß du um ihn weinst,
Denn du stehst so hoch über uns allen,
Daß noch die kleinsten Spenden, die aus deinen Händen fallen,
Jeden edler machen müssen und vollenden, den du meinst.

Er muß schön sein, weil du ihn mit Gnade bescheinst!
Seiner weißen Kindheit Halle hängt jetzt voller Fahnen,
Auf jeder Fahne flammt dein Spruch
Mit leuchtenden Lettern ekstatisch geschrieben!

Er soll Erich heißen, wie edle Jünglinge in alten Romanen.

- Ich bin ein Fluch und eine Flucht!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Aber da du ihn liebst, muß ich ihn auch lieben - - -


 Anfang August 1912

Orgie

Wir tappen tief durch Raps und Röhricht
Und Sumpf und Säume von wilden Wiesen
Und fallen nach Faltern und tuscheln töricht
Und narrn uns mit Mohnsam und müssen niesen.

Und wühlen uns wütend in Haufen Heues
Und juchzen und johlen wie fröhliche Fohlen
Und streifen ab unser Schwaches und Scheues
Und kreisen kreischend wie wehende Dohlen.

Spinnen kriechen uns über den Mund.
Ähren kitzeln keck unsre Nasen.
Mücken zerstechen uns Hals und Nacken.

Närrisch umbellt uns der kleine Hund.
Trunken wälzen wir uns auf dem Rasen,
Prustend wie Pane mit blühenden Backen.


04. 09. 1912

 

Die Melancholie singt am Herbstabend
durch die grauen Schatten zu dir, Leni:


Alles Glück verhallt,
Das ich kaum besessen -
Auch du wirst mich bald
Ganz vergessen.

Meiner Hände Hast
Und Sichseligbreiten
Wird zum Spuk verblaßt
Dir entgleiten.

Du wirst mein Gedicht
Nimmer krönend segnen,
Nie wird mein Gesicht
Dir begegnen.

Meiner Stimme Klang
Ist für dich ertrunken,
Mein beschwingter Gang
Tot, versunken.

Jedes weiche Wort,
Das ich einst gesprochen,
Ist in dir verdorrt
Und zerbrochen.

Keine Strophe blieb,
Kein Altar im Innern,
Kein » Ich hab dich lieb!«,
Kein Erinnern.

Ich bin dir kein Traum,
Nicht ein fernes Grüßen,
Nicht der Wiesensaum
Deinen Füßen.

Welk ist jeder Kranz,
Eh ich ihn besessen -
Auch du wirst mich ganz
Vergessen - - -


23. 09. 1912

 

Das Letzte

Leg auf meine Stirn alle deine Lasten,
Breite auf mein Bett dein verstörtes Rasten.

Alle Müdigkeit, die dir andre brachten,
Laß in meinem Schoß übernachten.

Glück sind noch für mich deine Schmerzensstunden,
Wenn sie ihren Weg in mein Haus gefunden.

Deine Tränen noch, die um andre fließen,
Können einen Himmel mir erschließen.

Ruh dich aus bei mir von des Daseins Hasten,
Leg auf meine Stirn alle deine Lasten.


10. 10. 1912

 

Lied

Wir werden in Kammern liegen,
Deren Decken wie Dickicht sind,
An Wänden mit Bildern von Schwind,
In Betten wie ländliche Wiegen.

So werden wir hochzeitsreisen
Durch das herbstliche Land,
Heimatlich Hand in Hand
Über den leuchtenden Gleisen.

Am Tage der heiligen Stätten
Schimmerndes Glück und Gut,
Nachts unser singendes Blut
In den duftenden Betten!


22. 10. 1912

 

Warum müssen meine Hände welk werden - - -

Warum müssen meine Hände welk werden
Vom langen Warten!
Warum bringst du mir nicht deine Wunder
In die umflorten Dämmerstunden wieder,
Wo meine Sehnsucht hungrig hockt!
Wo blüht dein Schoßhaar weichgelockt,
Wo gibst du dich mit Heilandes Gebärden -
O zaghaft zarten! -
Und windest Wunder
Um Jünglingsglieder?

Du ließest königlich mich kosten,
Und nun vergeh ich dürstend auf den Steinen,
Und die Girlanden welken an den Pfosten,
Und ich hab nichts, was ich dir sagen kann,
Und keinen
Zauber oder Bann,
Du Licht aus Osten,
Dich wieder scheinen zu lassen über meinen Gebeten!

Denn ich bin nur ein Spielzeug deinen letzten, blassen Launen,
Ich bin der finsterste von allen Faunen
Und so zertreten,
Daß du recht tust, wenn du mich ganz vergißt!

- - - Aber ich werde an meiner Liebe sterben, Das ist gewiß.


05. 02. 1913

 

Wenn Leni von mir ging - - -

Nun bist du wieder bei den fremden Leuten,
Die dir Geschwister, Vater, Mutter sind -
Und ich bin so allein mit allen oft bereuten,
Vergangnen Irrungen und, wie in einem Labyrinth,
In meiner Angst und Schwermut ganz gefangen -
So einsam! - - Denn du bist von mir gegangen …

Nun kommt dir Liebkosung von fremden Händen.
Und deine Mutter sagt ein fernes Wort,
Und irgendwer liest was aus mir verhaßten Bänden,
Das führt dich von mir weit, weit von mir fort ...
Und mir verblühen alle Zärtlichkeiten,
Die ich nicht durfte auf dein Bett dir breiten.

Und meine Spenden durften dich nicht laben,
Und unberührt blieb mir mein Kelch zurück,
Und mir im Schoß, verschmäht, verderben alle Gaben,
Die ich dir sammelte, und alles dir bestimmte Glück. -
Und ach, dein Träumen sucht nach fremden Festen ...
Ich bin allein mit meinen Wehmutsgesten!


05. 04. 1913

 

Ich hab dir, Liebste, manches abzubitten - - -

Die abendliche Straße blüht im Blau,
Die alten Giebel lehnen wie Kulissen
An abendrotumsäumten Wolkenkissen,
Schlank steht der Rathausturm wie eine Frau.

Das neue Warenhaus protzt allzuhell
Mit lautem Licht und rauschenden Reklamen,
Vor seinen Fenstern dämmern bunte Damen,
Und Autos schießen rücksichtslos und schnell.

Doch deine Hände tragen noch den Duft
Der Apfelsinen, die du zierlich schältest -
Die Tage, da du mich so grausam quältest,
Stehn gegen mich und höhnen: Feiger Schuft!

Ich denke an den Ring, den ich dir gab,
Und daß du ihn seit Monden nicht getragen - - -
Ich möchte dir recht oft und innig sagen:
Ich fühle sehr, was ich verschuldet hab!

Ich möchte deine Hände küssen, nichts
Als: immer deine kühlen Hände küssen
Und nicht mehr diese Angst erleben müssen
Um das Entgleiten deines Angesichts.

Ich weiß, daß ich zuviel stets von dir will -
(Du bist ein Mädchen von sehr lockren Sitten ...)
Ich hab dir, Liebste, manches abzubitten -
Eins weiß ich auch: Ich liebe dich! Sei still!

Und glaube nicht, ich schmolle grausam dir -
Für seine Gesten kann kein Mensch auf Erden;
Du wirst (vielleicht) mir doch noch Gattin werden,
Eins wirst du immer sein: Die Liebste mir!

Denn deine Launen noch sind mir Gebot,
Und deine Schwächen sind mein süßes Wunder -
Aus Kellnerinnen hüpft der Hintern runder,
Und die verliebten Leutnants werden tot.

Chauffeure haben eine sichre Frau,
Ein Sekundaner kriecht auf Alimente,
Die Rätin watschelt breit wie eine Ente,
Und alle Straßen blühn unendlich blau.

Und immer werde ich in dieser Flut
Verlorner Dinge wie ein Wrack hintreiben -
Doch werd' ich stets in deinem Blute bleiben,
Und das ist gut für mich - und das ist gut!


29. 04. 1913

 

Dolcefarniente

Unter weißumblühten Bäumen
Mit der holdesten der Frauen
Faul und weich dahinzuträumen,
Sich besonnen.... still verdauen....

Allem Bittren fern und Bösen
Süß zu dämmern und zu dösen,
Hingelümmelt zwischen Beeten:
Höchstes Glück des lang Erflehten!

Züge flitzen schneidig schneller,
Wo aus Fenstern Tücher winken,
Zarte Wölkchen himmeln heller,
Vögel hüpfen, Birken blinken.

Irgendwo zu allem Schönen
Hört man leis' Musike tönen.
Falter fliehn in irren Tänzen....

Und wir glänzen - - und wir glänzen!


12. 05. 1913

 

Pfingsten

Wie diese Feiertage gräßlich kränken
Mit ihrem toten, trägen Einerlei!
Ich bin auf Brücken, Flüsse fluten frei,
Mich friert, ich wünschte sehr, mich zu ertränken!

Viel fremde Uniformen sind Besuch,
Und hin und wieder zeigt sich ein Matrose -
Ich schleiche schlapp, mich plagt die Angstneurose,
Und nichts frommt heut mir Bild, Musik und Buch.

Familienkarawanen schwanken schwer,
Verderbenbringend durch den Blütensegen,
Viel Flieder liegt zertrampelt auf den Wegen -
Ich suche dich und sehne mich so sehr!

Du schweigst - du bist in keinem, was geschieht,
Denn heut ist alles kleinlich und verloren -
Ich warte einsam an bekränzten Toren,
Aus denen Schar um Schar im Taumel zieht.

Von einem Festplatz kehrt bestaubt Gesindel,
Gewinne glotzen aus verzerrter Faust,
An weißem Staat ist mancherlei zerzaust,
Und Kinderwagen duften Milch und Windel.

Beamtenweiber glühn in rotem Fell,
In lächerlichem Putz blähn sich Vereine -
Ich geh vergrämt ... O du, Geliebte, Eine,
Wann blüht dein Fest mir wieder, groß und hell?


09. 07. 1913

 

Psalm für Leni

Deine Ohren sind Glocken, darin meine Zunge schwingt,
Blühende Lauben, in die meine Lippen schlüpfen,
Darin meine Zähne wie Vögel hüpfen,
Muscheln, in die mein Mund sich singt,
In ihnen nistet alles, was aus meinem Blut sich ringt:
Alle Klänge, die Romeos Strickleiter knüpfen,
Jeder Wind, der unsre Wege weiter winkt ---.

Dann blühn die Knospen deiner Brust in meinem Mund wie Klee,
Ich werde weit wie eine Welt und schmelze hin wie Schnee,
Und plötzlich sind wir eines Sommersüdens stiller See - - -

Du gibst mir Erde, Licht und Regen, welcher reift,
Du bist die Hand, die Früchte von den Zweigen streift,
Du bist des Schnitters Krug, des Bettlers Brot,
Des Pilgers Morgentrunk und Abendrot,
Du bist der Turm, von dem man Länder übersieht
Du bist des Heiligen Gebet, der Hure Lied,
Alles, was tröstet und in Himmel hebt,
Das Wort, in welchem Wert und Wesen lebt,
Alles, was geliebt wird und wieder liebt,
Was dem Fisch Flossen und dem Vogel Gefieder gibt,
Kinder, die nicht mehr weinen - Greise, die sicher sind,
Abende, die schön und voller Gekicher sind,
Reisen mit der Geliebten, in Hotelzimmern wonnige Nächte,
Melodie der Steppen, der Städte, der Bergwerksschächte,
Veranden am Wasser mit Lampions, schmale Raine,
Wo zwei sich küssen, Wangen erhitzt vom Weine.
Genesung in Krankensälen, der erste Gang in den Garten,
Nelken, früh ans Bett gebracht - bei einem Stelldichein
Warten, Gedichte, die man nie vergißt und leis' vor sich hinsagt im Wandeln,
Süße von Pfirsich und Erdbeer, Duft von Myrrhe und Mandeln,
Feste in Fahnen, Freudenfeuer, Böllergeknall -
Des Menschen Glück, Mutter, Schwester, Ewigkeit und All!


14. 07. 1913

Süßapfelspiel in meiner Hände Hallen …

Süßapfelspiel in meiner Hände Hallen,
Du allerlei Gelüst zur Abendzeit,
Laß dich in meinen Schoß jetzt wieder fallen
Mit deiner leichten, zieren Zärtlichkeit!

Sei du der Falke mit dem Fliederzweige,
Der holde Nacht auf falbem Fittich bringt,
Und segle wieder königlich und steige
Zur Morgensonne hell und schönbeschwingt!

Sei du der Luftpiloten leises Schweben,
Sei du der Stein, der von der Schleuder springt,
Sei du geschürzter Lippen lindes Beben,
Sei du der Stern, der durch die Himmel singt!

Sei du das weiße, weiche Niederfallen
In Kleinstadtnächten, wenn es ewig schneit!
Süßapfelspiel in meiner Hände Hallen,
Du allerlei Gelüst zur Abendzeit!


19. 07. 1913

 

Alles ist in deinem Herzen beschlossen - - -

Weil alle Dinge sich in dir verloren,
Ist alles immer neu in dir geboren:

Die Platzmusik besonnter Nachmittage,
Das Stimmgewirr der flackernden Gelage,
Auf Kleinstadtmärkten morgens ein Gedränge,
Vor hellen Bühnen traumversteckte Ränge,
Die Sterbeglocke und das Kirchgangläuten,
Die weißen Wogen, bebend an den Bräuten,
Die Lust, ganz plötzlich etwas zu erhandeln,
Krimskrams zu kaufen, mit-Paketen-Wandeln
Durch Warenhäuser, manches zu betasten,
In einer kleinen Schenke rasch zu rasten,
Vor Bücherläden ewig zu verweilen,
Im Gehn an einem neuen Liede feilen,
Rhythmusse klingen lassen, Bilder blitzen,
An einem Rosenzweig sich wenig ritzen,
Den Blutstreif spüren, Autos schnell ausweichen,
Der holden Frau verschämt den Blütenstrauß reichen,
Im Duft von Gebratenem, der aus Hotelen lockt,
Hinzuwehen; Besuche zu machen, schwarzberockt
Und sehr würdig mit Professoren zu plauschen,
Wartend auf jedes Geräusch an der Treppe zu lauschen,
Zum Diner mit der Liebsten den Tisch zu decken,
Sich zu balgen, zu jagen, hinter Portieren verstecken,
Im Fenster zu flegeln und lieblich verstohlen zu lästern;
Im Sofa zu schwärmen vom überglücklichen Gestern.
Zigaretten zu paffen, Reisepläne zu spinnen,
Von lieben Büchern aufblicken und tiefer sinnen,
Bei Gewittern nervös sich im Winkel ducken,
Bei jedem Peitschenschlag eines Kutschers getroffen zucken,
In Bodenkammern nach altem Spielzeug kramen,
Eines Schauspielers Stimme und Haltung nachahmen,
Irrsinn zu mimen, zu würfeln mit seltsamen Worten,
Im Fieber durch Höfe zu hinken und brennende Pforten,
Geheimnisvoll sein Unsagbares in sich erleben,
Einem Bettler am Wege voll Furcht ein Geldstück geben,
In Gasthäusern Zeitung lesen, Fremde zu wittern,
Vor einem Blick voller Feindschaft unbändig zu zittern,
An Wassern zu bleiben, seinen Hund zu verlieren,
Unbewußt im Takt der Soldaten marschieren,
Am Abend immer dieselbe Straße auf und nieder,
Hungernd zu hauchen: »Leni, wo glühn deine Glieder---«
Vor deinem Hause zu lärmen, wie ein Flüchtling ins Dunkel traben,
Im Bett noch Verse zu schreiben, sich keuchend in Kissen graben;

Alles mit Lust zu tun: Essen, Trinken, Baden,
An Neubauten kritteln, lungern bei den Paraden,
Wo ein Zirkuszelt wird, Zuschauer werden,
Zensuren geben, Spott verteilen in krausen Gebärden,
Langsam durch Felder schreiten, ganz hingegeben Gedanken,
Unnütz predigen, sich mit Freunden zanken,
Alte Wunden treffen, schrein, um Verzeihung bitten,
Narr sein, Litaneiensänger: »Was hab ich gelitten! --«
Briefe zerbrechen, Hüllen von Gaben reißen,
Kühles Bier schlürfen, in frisches Brot beißen,
Die Freude, neue Kleider anzuprobieren,
Arm in Arm mit dir unter Linden spazieren,
Das Grab deiner Schwester mit frischen Blumen schmücken,
Leis' die Hand gleiten lassen über deinen Rücken,
Figuren im Sande malen, die Taschen mit Beeren befrachten
Ein Kätzchen am Wege streicheln, Käfer betrachten,
Am Bahnhof Hast und Hetzen und Gehader,
Die Schneidigkeit der kreuzenden Geschwader
Auf flinken Films; der Beifall und das Zischen
Und Trost und Tod an einer Spielbank Tischen,
Das Greifen nach dem vollen Glase Bowle
Und jenes letzte, hastig, zur Pistole.

Denn alles ist in deinem Herzen beschlossen,
In dich gesät und durch dein Blut geflossen!


August 1913

 

Zweifelangst

Du: Verlorenheit an Flammenflüssen,
Blondes Blühen zwischen Taumelküssen -
Weiß ich denn, was deine Sehnsucht zittert,
Wenn mein Blut in deinem Schoß gewittert?

Tanzt sie mit den braunen Bronzegöttern,
Spielt sie sich zu den gefeiten Spöttern,
Hat sie mich, wenn ich mein ganzes Leben
Dir verließ, nicht längst schon preisgegeben?

Bebt sie mit den Bäumen, grünt in Gräsern,
Bauscht die Töne den Posaunenbläsern,
Streichelt Bettler, singt Artisten sicher,
Zaubert Hütten hell und heimatlicher?

Breitet weichen Weg den Unbeschuhten,
Weckt wohltätig, die in Welksein ruhten - -
Weiß ich denn, wenn ich in dir gebettet
Bin, wohin sich deine Sehnsucht rettet?


24. / 25. 08. 1913

 

Verspielte Nacht

Ich kehr aus Kneipen heim - ich krabble in die Kissen:
Ich schäme mich und fühle mein Gewissen.

Was ließ ich mich wieder - trunken - durch Töne betören,
Lange bei Lampen zu lottern, um Geigen zu hören? –

Mädchengesichter - flache - fielen in Wände.
Wie auf einem Klavier spielten auf dem Tisch meine Hände.

Sie spielten schale Lieder, die mich zu Tränen rührten,
Und Walzer, die - welk - mich dennoch zu inneren Tänzen verführten.

Ich summte die Melodien und rauchte immer noch eine Zigarette
Und dachte, Geliebte, an dich und dein inselstill Bette!

Rosen rankten sich aus den Geigen, Dornen drohten meinen Nerven,
Daß ich mich wieder jetzt wund, zerwittert und wüst in die Kissen muß werfen - - -

(Viel Menschen lachten dort im Licht - und ich blieb dennoch dunkel und allein -
Rot reift dein Mund als wie ein Rosenrain ...)


28. 07. 1913

 

Du hast mich also ausersehn - -

Alle Dinge, die in meinem Zimmer stehn,
Wissen immer, du hast sie einmal angesehn.
Alle sind sie etwas mehr, als ihr
Name nennt, und hängen sehr an dir.
Die Bilder, denen du oft ein Lächeln winkst,
Der Spiegel, dem unverhofft du dein Antlitz bringst;
Das Klavier, über das - wie träumend - dein Blicken glitt;
Der Teppich, auf dem sie säumend und hastig schritt.
Und, die dir inniger je und nah durften dienen,
Blühen um mich wie Klee und festlich ist ihnen:
Der Tisch, auf dem deine Hände Gäste gewesen;
Alle die Bücherbände, die du gelesen;
Die Feder, mit der du schriebst;
Das Messer; die Lampe; das Glas;
Die Vasen, die du so liebst;
Der Teller, von dem sie aß;
Das Sofa, auf dem sie ruht;
Kalender, Kerze und Krug;
Das Bett, darauf Schleier und Hut;
Die Uhr, die dir Abschied stets schlug.
Und immer in allem ich, wie einer, der Wunder durchwandelt,
Kümmerlich, königlich, ein Bettler, zum Kaiser verwandelt!
Holden Rausches, glückhaft durch mein Zimmer wehn,
Wissend immer: Du hast mich also ausersehn!


25. - 27. 09. 1913

 

Terzinen über das schmerzhafte Thema »le fiasco«
(Breslau 1913)


I
(Cafe »Palais«)

In hellen Ringen rekeln rot und heiß
Sich Papagein, die aus der Sonne prallten -
(Der Sehnsucht Wald ist weit. . ich weiß . . ich weiß ..)

Wind wippt in Bäumen. Lichter schaukeln laß
Sich in den Wänden der Cafes, der lieben -
(Ich wollte glücklich sein - und säte Haß!)

Und wo sind deine Hände mir geblieben?
O daß sie über meiner Furcht sich falten,
Denn ach mein Stolz ward welk und irrt vertrieben!

Und Pferde, welche straucheln und vor Scheiben
Bizarr verzucken wie ein Henkersspaß,
Sind seliger als mein im Bei-Dir-Bleiben.

Verstörtes Zögern und Ich-weiß-nicht-was!
Und dies allein: ich werde dich behalten
In meinem Blute und mich dir verschreiben -

Bis in den Tod! - blüht meine Worte weiß.

                       ________________

2
Als ich ein Kind war, trieb in meinen Träumen
Ein Hochzeitliches, das zu Festen führte:
Und aller Wollustwonnen Inbrunst brachte.

Und wie ein Wüstling wuchs der Unberührte
In Abenteuern, nackt und ganz voll Flammen,
Die meine Knabengier zu Schauern schürte.

Und ohne jedes Ängsten und Verdammen
War ich mit Eva so im Paradies
- Mit meiner Mutter - nackt und nackt beisammen.

Und die mir ihres Leibes Wunder wies
Und mich in heilig holden Händen hielt
Und mir ihr Haar zu Bett und Brunnen ließ -

Jetzt aber bin ich so ins Weh verspielt,
Daß meine Lust wie ausgestoßen schleicht
Und sich gehetzt unechte Perlen stiehlt.

Und einem früh verstorbnen Jüngling gleicht
Und einem Fliederstrauch, der vor der Nacht
Der blauen Blütenreife jäh verbleicht:

Denn jetzt geschieht, daß in des Lebens lichten
Und reinen Räumen meine Sucht versagt
Und meine Kindheit wie ein Alp erwacht.

Und ihre Träume mir mein Glück vernichten.

                       ________________

3

(Kabarett »Rheingold«)

O kleine Tische mit den leichten Lichtern!
O Tanz und Taumel, Lieder, Schmuck und Wein!
O süße Zuflucht den zermürbten Dichtern!

O so mit dir ganz kultiviert zu sein
Und recht entrückt verstockten Sittenrichtern,
Nicht böser Blicke Hinterlist und kein

Verstohlnes Tuscheln mehr fürchten zu müssen -
Und dennoch immer: Laß mich nicht allein!
Und: Wird dich nie ein andrer heißer küssen?

Und: Lächle nicht dies Lächeln, das mich schlägt,
Das flimmert wie ein Abglanz von Genüssen,
Zu deren Wucht mich nie mein Lieben trägt!

Und: Gib mir gütig meinen Frieden wieder
Und meinen Nerven schmerzlos Rast und schmücke
Mit frohen Farben nochmals meine Lieder!

Denn nur in dir weiß ich von einem Glücke.


29. 09. 1913

 

Herbstsonett für Leni

Nimm diese Demut von mir, die mich tötet,
Und diesen Herbst, der meinen Mut umhürdet:
Mir ist der Garten fremd, den Weinlaub rötet,
Und meine Seele steigt mit Leid bebürdet

Hinauf zur Kammer, die ihr mir erhöhtet
Zu einem Heiligtum - (die doch mich hürdet!) -
O daß ihr euch - wie einst - mir wieder bötet
Und mir zum Heiland meiner Schwermut würdet,

Ihr Farben und des Weges weicher Strich
Und Sonne, die du wundersamer scheinst
Durch holde Schleier duftig hingebreitet!

O und in allem zeigst und schenkst du dich
Und machst mich stolz und reich und reif wie einst,
Daß meine Liebe wie durch Frühling schreitet!


30. 08. 1913

 

Du voller Gnaden unsre liebe Frau - - -

Du bist der Neger, nach dieser Kleinstadt verschlagen
(Die noch in Deutschland stiere Insel ist),
Du bist das fremde Antlitz im Zirkuswagen,
Das wie verwaschen und wüst von Gewinsel ist,
Du bist der Japaner, den Gassenjungen jagen,
Du bist Elefanten und Lamas, nachts durch die Straßen gehetzt
Du bist Pferde und Hunde, zu Kunststücken kläglich geschlagen,
Und bist in dem Löwen, den Peitsche und Degen zerfetzt.

Und bist doch auch, die bunte Beete gebreitet
Um Dielen eines Dorfes, das verglüht
Im Mittagssonnenschein, wenn ein Wanderer schreitet
Geil von Gemüsen und rotem Mohne umblüht,
Du bist das Abendmahl, einem Mäher bereitet,
Der hungrig heimkehrt, und bist sein Weib und sein kärgliches Kind,
Und der Agitator, der ihn zu Streiken und Streiten verleitet,
Und in seinem Antlitz voll Kummer und Feindschaft ein schrecklicher Grind.

Denn du bist alles, was meine Strophen stählte
Und meinem Leben Lichter und Lasten gab -
Was wär ich, wenn dein Wort mich nicht erwählte,
Denn du nur bist mir Stiege, Stachel, Stab,
Du warst das Ziel, nach dem ich den Weg mir zählte,
Und nur durch dich wird sichtbar, was immer ich schau,
Wenn ich in Schöpferzweifel und Irrsein und Blindheit mich quälte,
Warst du mir immer Erlöserin,
Du voller Gnaden unsre liebe Frau!


zurück zu "Sie und die Stadt" 1914

zurück zu den Gedichten von Max Herrmann-Neiße