neue Gedichte 1938 - Franz Werfel

Franz Werfel

Gedichte
aus "Gedichte aus dreissig Jahren"


Inhalt

 
Nachtrag
 

Die Uhr des Schlaflosen

Um elf will mir das Buch entfallen.
Die Zeilen durch einander lallen.
Der Schalter knackt. Das Licht verflammt.
Mir ist so wohl. Die Bilder wallen.
Tritt an, o Schlaf, dein treues Amt.

Vor zwölf schon bin ich aufgefahren,
Weil Tote in dem Zimmer waren.
Auf mir lag's wie Libellenlast.
Mein Herz vor Toten zu bewahren,
Hab ich mich eng zusammgefaßt.

Dann bin ich seltsam klar gelegen
Bis gegen eins. Ein Tropfen-Regen
Ans Fenster trommelte die Zeit.
Ich zählte sie, damit der Segen
Des Nichtseins fände mich bereit.

Doch von Sekunde zu Sekunde
Stets seiender, lag ich im Grunde
Verruchter Wachheit unerlöst
Und harrte, daß die Zweier-Stunde
Sich endlich ab vom Ufer stößt.

Verkrümmt und hin und her geschlagen,
Im Bett versuchend viele Lagen,
Bis drei,. . . da blieb nichts unvertuscht.
Der Schädel dröhnt von hundert Fragen.
Ich fand mein Sein und Selbst verpfuscht.

Lang hat die Tagfahrt sich gezogen,
Denn immer neue Zeugen wogen
Die Schuld mir zu ... Es wurde vier.
Mensch, du hast Gott und dich betrogen:
Dies Urteil schauerte in mir.

Nicht endete der Zeugen-Reigen,
Bevor es fünf war, aufzuzeigen
Verfehlung hier, Versäumnis dort.
Ein Nichts durchsang zuletzt das Schweigen
Moskitohaft und flog nicht fort.

Da habe ich mich aufgegeben
Und nahm es an, das Höllenleben,
Als Strafe, der man nicht entgeht.
Wund ist der Mund. Die Augen kleben.
Es kommt kein Tag. Die Stunde steht.

Doch als vor sechs der erste Schimmer
Des Frühlichts tastete ins Zimmer,
Sank ich in sanfte Tiefen ein
Und wußte, was mir droht auch immer,
Die Hölle kann nicht ewig sein.


Morgenlärm

In meines Morgenschlafes Schoß
Bricht plötzlich große Arbeit los.
Im Bergwerk meiner Sinnen
Hebt an Gehämmer innen:
Spitzhackenhieb, Stemmeisenstoß.

Sie brechen mir aus dem Gestein,
Dem gütigen Bewußtlos-Sein
Gewaltig schwarze Brocken.
Im Stollen bebt erschrocken
Bereits ein weher Tagesschein.

Zum Fenster wanke ich gebannt.
Es starrt vom Lärm wie ausgebrannt.
Mit Hämmern, Hauen, Pochen
Ein Haus wird abgebrochen,
Das gestern noch nichtsahnend stand.


Ballade von der Krankheit

Nicht jeden packt mit jähem Ruck
Der Tod und läßt ihn achtlos sinken.
Den meisten gibt er Gift zu trinken
Durch Jahr und Tage, Schluck um Schluck.
Die Krankheit schlüpft in Nonnentracht
Ins Zimmer, das du zugemacht.

Sie schlurft auf Filz. Sie nickt dir zu.
Sie öffnet ihre Siebensachen.
Sie eilt, ein Doppelbett zu machen.
Denn du bist sie und sie ist du.
So fest verknüpft, so eng verschnürt
Hat noch kein Paar die Eh' geführt.

Seit jenem Morgen, da sie kam,
Läßt keinen sie an deine Seiten.
Selbst Weib und Kind sehn wie vom Weiten
Entsetzt dich an in deinem Gram.
Und wenn du klagst, die Wunden zeigst,
Dann winkt sie rauh dir ab; du schweigst . . .

Denn was dir fehlt, weiß sie allein.
Nur sie hört deine Ohrenbeichten:
Die tiefen Schmerzen und die seichten,
Die grabende, die flache Pein,
Davon hat sie Geheimbericht,
Nur sie und sonst kein Wesen nicht.

Und das ist wahr! Wenn du auch weißt,
Daß keine Ärzte mehr dich heilen,
Viel schlimmer ist: Nicht mitzuteilen
Vermagst du, was dich nachts zerreißt.
Sie nimmt dem Schmerz, der in dir leibt,
Das Wort vom Mund, das ihn beschreibt.

Doch eines Tag's, wenn du erwachst,
Da hat sie, scheint's, sich fortgeschoren.
Du aber dehnst dich, neugeboren,
Voll rosigem Mut. Du singst, du lachst . . .
Trau ja nicht diesem Jubelschlag.
Die Krankheit hat nur Ausgangstag.

Kehrt sie dann heim im Dämmergrau
Frostklappernd unter deine Decke,
Bringt sie dein kurzes Glück zur Strecke,
Und heischt als strenge Ehefrau,
Daß du, dieweil du niederfährst,
Ausschließend dich für sie bewährst.


Lehr's uns zu merken Gott

Solang du wirkst und hast zu tun
Und gehst in ungeflickten Schuhn,
Solang - merk auf, denn es ist wahr -
Wirst du, den Kopf emporgehoben,
Nicht wissen, wie die Welt gewoben.

Doch fällt erst manche Mahlzeit aus,
Umschielt dich bös und öd das Haus,
Und wird - merk auf, weil es so ist -
Dein Körper, rundlich und behäbig,
Stets dürftiger und endlich schäbig,

Dann ist die Erde ausgetauscht.
Ein andrer Tag ins Ohr dir rauscht.
Ein ander Licht - merk's, denn es droht -
Fällt in dein Zimmer, kalt und ätzend,
Ein nacktes Licht, dich niedrig schätzend.

Und wer dich aufwog' einst mit Gold,
Dem bist du plötzlich ungewollt.
Und alle Augen - merk sie klar -
Die sonst dir lächelten entgegen,
Sie schauen weg und sind verlegen.

Empfange täglich Stoß um Stoß!
Herr Furchtbeseelt, Frau Liebelos,
Die sich - dies merke ohne Haß -
Voll eitlen Trieben zugesellten,
Verzichten jetzt, dir hochzugehen.

Von morgens früh bis Mitternacht
Übst du, wie man sich selbst veracht'.
Und dies ist - merk es ganz genau -
Von allen Wunden, eiternd offen,
Die schlimmste, die dich hat betroffen.

Da mußt du lernen Stehn und Gehn
Als wie ein Kind und neues Sehn,
Damit - lehr's uns zu merken Gott -
Der Tod auf dem entlarvten Hange
Nicht würd- und seellos dich empfange.


Die Zimmer meines Lebens

     Jedesmal,
Wenn ich in ein neues Zimmer ziehe,
Spür ich eine Schwäche meiner Kniee.
     Kalt und kahl
Starrt der Raum. Ich steh in seiner Mitten
Mit dem Koffer, gar nicht wohlgelitten.

     Jedesmal,
Wenn ich solch ein Zimmer muß verlassen,
Kann ich mich vor Abschiedsfurcht nicht fassen.
     Geister ohne Zahl
Meiner Stunden, Traum und waches Treiben,
Winken matt. Ich
gehe. Doch sie bleiben.


Traumstadt eines Emigranten

Ja, ich bin recht, es ist die alte Gasse.
Hier wohn ich dreißig Jahr ohn Unterlaß .. .
Bin ich hier recht?? Mich treibt ein Irgendwas,
Das mich nicht losläßt, mit der Menschenmasse.

Da, eine Sperre starrt . . . Eh ich mich fasse,
Packt's meine Arme: »Bitte, Ihren Paß!«
Mein Paß? Wo ist mein Paß!? Von Hohn und Haß
Bin ich umzingelt, wanke und erblasse . . .

Kann soviel Angst ein Menschenmut ertragen?
Stahlruten pfeifen, die mich werden schlagen.
Ich fühl noch, daß ich in die Kniee brach . . .

Und während Unsichtbare mich bespeien:
»Ich hab ja nichts getan«, - hör ich mich schreien,
»Als daß ich eure, meine Sprache sprach.«


Morgensturm

Des Morgensturms aufbrüllende Gefahr
Macht diese Erde wieder planetar.

Mit hunderttausend Schultern rennt das Meer
Im Urwelt-Irrsinn an das Felsenwehr.

Das Zwielicht der Äonen steigt wie Dampf.
Die Bäume röcheln noch im Todeskrampf.

Der Ortschaft Häuser stehen ausgehöhlt
Wie Mumien, von Verschollenheit umgrölt.

Der Vogel weiß nicht, der darüber saust,
Was so ein Haus ist und wer drin gehaust.

Der Sturm hat längst mit seiner Hand aus Gischt
Die Menschheit von dem Erdentisch gewischt.

Sie ist in Gottes Schlaf, im Mund des Alls
Ein leiser Nachgeschmack noch bestenfalls.


Nein und Ja
Der Ungläubige spricht:

Wenn wir das Rohr auf einen Fixstern richten
In reiner Nacht, erscheint die Himmelsstelle
Im Objektiv als Fleck zerzogner Helle,
Zu dem die Feuerwelten sich verdichten.

Wohl Billionen gibt's von solchen Lichten.
Wie hoch auch der Atomenwirbel schwelle,
Ihr Stoff gleicht kaum der dünnsten Stäubchenwelle
Im Nichts, das All zwar heißt
, doch ist mitnichten.

Von dem zersprengten Staub, der sinnlos kreiste,
Ward abgesprengt ein Stäubchen, das erfroren,
Sich zugedeckt mit krankhaft grünen Schorfen.

In diesen Aussatz ward der Mensch geworfen,
Und dünkte lang zur Mitte sich erkoren
Von einem schlecht erträumten Weltengeiste.


Der Gläubige spricht:

Ja, es ist wahr. Wohin das Rohr wir richten,
Erbeutet wird aus allen Strahlenwellen,
Die von den Feuerwelten niederschnellen,
Ein Nichts von Stoff, zersprengt in leeren Schichten.

Doch können nicht die Sterne, die wir sichten,
Und deren Bahn wir rechnen auf Tabellen,
Geistkörper sein, die glühend überschwellen
Von Lobgesang und lohen Gottgedichten?

Stieß auch der Sonnenstern, der singend kreiste,
Die Erde ab, die schrumpfend und erfroren,
Sich zugedeckt mit saftig grünen Schorfen,

Wer widerlegt, daß nicht auf sie geworfen
Das Dreieck-Aug den Blick und sie erkoren,

Gerade sie, zur Rechenschaft im Geiste?!


Wahrheit und Wort

Die Wahrheit ist ein Strahl aus Überwelten,
Der plötzlich einbricht in die Selbstversenkung.
Wir schaudern vor der himmlischen Beschenkung,
Wenn sie uns trifft, unangesagt und selten.

Im Geiste ringt, dem unbewußt erhellten,
Der reine Strahl nach wörtlicher Erdenkung.
Doch leiden muß er Beugung, Brechung, Schwenkung,
Wie jedes Licht, entsandt von Sternenzelten.

Die Sprache gleicht der Erden-Atmosphäre,
Kein Wesen lebte hier, wenn sie nicht wäre;
So kann der Geist auch nie dem Wort entrinnen.

Ihn trifft der Strahl. Der Sternenhimmel schickt ihn.
Der Dunst der Sprache aber bricht und knickt ihn
Und was er kündet, läßt sich kaum gewinnen.


Ode von den leidenden Tierchen

An dem brüchigen Stein sah ich im Mittagslicht
Heute ein Echslein starr. Vor dem knarrenden Schritt
Floh's nicht davon, wo sonst im Kiese ein Rieseln
Und der leiseste Hauch es hinwegscheucht.

Über das Wesen gebeugt, merkt' ich: Der reizende Leib
Welkte sichtbar vor mir. Sein smaragdener Glanz
War ergraut. Das fiebrisch bettelnde Zünglein
Meldete Schwäche, Qual und entgleitendes Leben.

Denkend ging ich davon. Wenige Schritte weit
Fand ich vor niedriger Tür eines Kätzchens Gespenst,
Räudiger Wegwurf, zweiwöchig. Mit röhrendem Stöhnen
Flehte das Elend um baldiges Sterben.

Wieder wandt' ich mich ab. Doch mein Geist war betäubt.
Nicht mehr fühlt' ich des Tags südlichen Jubel. Das Meer
Rollte schwarz. Die rings erdröhnende Schöpfung
War ein Kehrichthaufen verschollener Leiden.

Aber ich schwor es mir zu, nicht zu vergessen euch,
Nichtige Tierchen, ihr, deren Geschick mich traf.
Wenn meine Seele einst nichts als Gedächtnis sein wird,
Will ich euch beide vor unsern Schöpfer tragen.


Dämmerung

In dieser schauenden Stunde
Wie seltsam, o wie seltsam ergreift es,
Selbst ein Geheimnis zu sein
In der Geheimnisse mitten . . .

Schon erblauet der sinkende Tag
Und angeatmet ist alles
Von eisenfarbenen Räumen.

Verbunden zu sein den Bergen,
Die streng mich umdrängen,
Und Brandung und Klippe und Möwe zu hüten
In der Bucht des Bewußtseins!

Menschenschritte im Regen
Klappern unten auf redenden Steinen.
Sie eilen in mir dahin,
Sie verhallen in meinem sinnenden Körper,
Sie sind meine Kinder alle.
O Vater ich, o Mutter ich!

Feierlich
Steigt es auf in der Kehle.
Kaum halt ich es fest, das Gefühl.


In jeder Stunde zu sagen

Die Sterbenden in dieser Stunde,
Die schon mit aufgesprengtem Munde
Und einer Stirn voll Schattenflug,
Bestehn den letzten Atemzug,
Gib, wenn im Todesschweiße sie vergleiten,
Daß sie durch ihn dein Leben sich erstreiten.

Dona eis requiem.

Die ausgekämpft und die noch kämpfen.
Steh ihnen bei, die Qual zu dämpfen,
Den letzten Krampf der Finsternis,
Der wie nichts andres ist gewiß.
Was Eingeweihte schauten im Gesichte,
Wie Kinder bade sie im Geistes-Lichte.

Et lux perpetua luceat eis.


Der Weltfreund versteht
nicht zu altern

Als Junge hab ich's so gehalten:
Begegnete ich einem Alten,
Der mich zu kennen hat geruht,
Zog ich mit tiefstem Gruß den Hut.

In diesem übertriebnen Gruße ;
Zerknirschung lag und wirre Buße.
Denn Jener ging in stolzem Rang
Und ich war nichts als dumpfer Drang,

Der sich verzehrte, zu erreichen
Der Lebenshöhe Ehrenzeichen
In einem Werke, traumerbaut,
Das ich mir selbst nicht zugetraut.

Die Jahre brachten's, die sich mehren,
Daß Andre grüßend mich beehren.
Nicht sehr erstaunt, wenn man mich kennt,
Mach ich mein kurzes Kompliment.

Und kann doch nie den Rang genießen,
Denn würd' ich nur die Augen schließen,
Stund' gleich ich buß- und grußbereit
Vor ewiger Unerreichbarkeit.


Der Verspielte

Spiel, nur Spiel! Als Kind zu spielen
Immer noch . . . Ich träumte schwer . . .
Doch die Himmel sind aprilen,
Luft und Licht voll Wiederkehr.

Mehr denn je zu hundert Zielen
Lockt und blendet die Begehr.
Rief ein Ruf? . . . Den andern Vielen
Mag er gelten um mich her.

Nein!! Der Ruf rief unaufhaltsam
Und er wühlt in mir gewaltsam
Und er wählte mich allein.
Und ich hielt es für das Fernste
Und nun tritt's mit letztem Ernste
Auf mich zu und in mich ein.


Dunst über Frankreichs Flur

Dunst über Frankreichs Flurl Der Tag war klar.
Du nimmst der Allzuklarheit die Gefahr.

In deine Arme eilt die Seine erfreut.
Gleich Spiegelscherben glänzt sie hingestreut.

Und jede Scherbe, eh ihr Auge bricht,
Ist wie von Lieb und Wohlgefallen licht.


Der gute Ort zu Wien

     Zeitungsnachricht Juni 1938: In Wien ist
     den Juden der Besuch aller öffentlichen
     Anlagen und Gärten untersagt worden.
     Ihnen bleibt demnach nur die israeliti-
     sche Abteilung des Zentralfriedhofs zur
     Erholung.

Volksgarten, Stadt- und Rathauspark,
Ihr Frühling war noch nie so stark.
Den Juden Wiens ist er verboten.
Ihr einziges Grün wächst bei den Toten.

Zur Stunde, da die Stadt erblaßt
Vor sonntäglicher Mittagslast,
Drückt es sich scheu in Straßenbahnen
Hinaus zu halbvergessenen Ahnen.

Der Totenstadt von Simmering
Sind Christ und Jud das gleiche Ding,
Verschieden nur durch Zins und Kosten ...
Die Juden wohnen gegen Osten.

Das hohe Tor steht offen halb.
Der Tag ist grell, der Jud ist falb.
Das kommt, so seltsam abgetragen,
Mit Weib und Kind und Kinderwagen.

In Väterzeiten lang verdorrt,
Da hieß der Friedhof: >Guter Ort<.
Nun ist, als Schutz vor feigen Horden,
Zum guten Ort er wieder worden.

Auf seinen Wegen und Alleen
Herrscht großes Kommen, großes Gehn,
Als würden alle, hier begraben,
In diesen Tagen Jahrzeit haben.

Man liest die Namen neu und alt,
Umdrängt der Steine Rundgestalt,
Und zu den streng erstaunten Steinen
Dringt Sorgenschwatz und Kinderweinen.

Senk deine Stimme, Israel,
Es ruft ein höherer Befehl.
Dieweil du wähnst, dich zu erholen,
Bist eigens du hierher befohlen.

Dies Erdenstück, das hier dich trägt,
Geschlechterlang von dir geprägt,
Nur solches Feld, dir zugesprochen,
Hast du bebaut und umgebrochen.

All, was hier schläft, hat treu geglaubt,
Es kommt kein Tag mehr, welcher raubt,
Und hat für Enkel erbgesessen
Sich sündig eines Heims vermessen.

Jetzt aber steigt aus Heck und Strauch
Ein zitternd unsichtbarer Rauch
Und zwischen Lebenden und Schemen
Schwebt flüsterstummes Abschiednehmen.

Nimm an, nimm auf der Toten Kraft
Als Speisung deiner Wanderschaft,
Damit zu schwer der Weg nicht werde!
Noch gibt es ungeprägte Erde.

Vergißt du immer den Befehl,
Der dich umlastet, Israel!?
Du mußt den Ländern, die dich hassen,
Als Stapfen deine Gräber lassen.

Solang noch einer Erdenflur
Nicht eingerammt ist solche Spur,
Solang wird dein Geschick gewendet,
Du wirst verworfen, wirst gesendet.

Die Menge rast, der Wutschrei braust,
Verwehrend, daß du heimst und haust,
Damit dem hochgeheimen Planen
Du dienen darfst, das wir nicht ahnen.


Die dichterische Mühe

Das Lied Betrunkner, das vorübergrölt,
Mit schartigem Stoß die Stille zu verletzen,
Hat in die Luft kein tiefres Loch gehöhlt
Als Todesschreie, die das Ohr entsetzen.

Was je geschah, es ritzte kaum der Luft
Gedächtnislosen Raum, der es umgrenzte.
Das Ungeheuer-Nichtige verpufft.
Eh es noch wirklich ward, wird's zum Gespenste.

Die Welt erträgt ihr eignes Schwinden leicht.
Sie grast, vom Vor- und Nachher fast gemieden.
Nur ich, nur ich, wenn Bild um Bild verbleicht,
Verzehre mich und geb mich nicht zufrieden.

Nicht weil es Lust bringt oder Namens Glanz,
Spann ich mich an, den feinsten Hauch zu haschen.
Mich zwingt ein Trieb, mich übermögend ganz,
Den Tod des Augenblicks zu überraschen.

Geschaffen ist die Welt, daß sie vergeh!
Doch ich, wenn ich ihr Bild in Sprache treibe,
Ich schaffe sie, verstört von ihrem Weh,
Damit im Wort sie bleibe, bleibe, bleibe . . .


Nachtrag zu
GEDICHTE 1938

 

Der größte Deutsche aller Zeiten
(nach seiner Rede im Berliner Sportpalast
September 1938)

Des Teufels Kreuz am Rocke,
Tief in der Stirn die Locke,
Das Chaplin-Bärtchen wie ein Klecks:
Das ist die Dämonie des Drecks.

Dem »Rassensumpf« entquollen
Und früh schon giftgeschwollen,
Bringt dieses trübe Irgendwas
Mit Ach und Krach zur Vierten Klass'.

Was bürgerlich mißraten,
Gerät zu Göttertaten.
Ein niedres Nichts voll Niedertracht
Sich selbst vermillionenfacht.

Er eint die deutschen Stämme
Zum Volk der Morchelschwämme.
Zum Himmel stinkt, was er geeint.
Das deutsche Wort verdorrt, versteint.

Die Stimme gellt inbrünstig.
Viel Ohren sind ihr günstig.
Und wenn sie durch den Äther bellt,
Wird sie zum Ohrenwurm der Welt.

Wir trotzen ihrem Zeichen
Als Lebende und Leichen.
Im Innern weiß es dieser Grind,
Daß wir, daß
wir die Sieger sind.

Die Welt wird Blut erbrechen.
Das Reich bezahlt die Zechen.
Dem Volk bleibt Fluch und Fron zum Lohn
Und eine Hoffnung: Davids Sohn.


 

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