neue Gedichte - Franz Werfel 1927

Franz Werfel

neue Gedichte

Paul Zsolnay Verlag
Wien
1927

erschienen als Sonderdruck
zum "deutschen Bibliophilentag"

Ende September 1928


Inhalt

 
Aus Venedig
 
 
 

Die Erweckung

Als das heilige Kind im Weinberg träumte,
Noch von seinem Geiste unerweckt,
Und im Haus die Mutter wusch und räumte
Auf den Knieen, hielt sie ein erschreckt.
     Durch die verschlossene Tür geschritten
     Kam ein Kind und stand in der Stube Mitten,
     Jesu gleich an Licht, an Gesicht und Sitten,
Das sein Ärmchen ihr entgegenstreckt.

Jäh die Mutter, ahnend, was ihr drohte
Und dem Knaben, der im Weinberg spielt,
Flüsterte: Das ist der Todesbote,
Kleiner Engel, der die Kindlein stiehlt.
     Und sie nahm das Gespenst, dessen Augen sie blenden,
     Faßte die hellen Händchen mit bebenden Händen,
     Band an die Bettstatt das Kind mit dreifachen Bänden
Eines Garns, das fest gefangen hielt.

Wo der Vater seine Reben pfählte,
Stand der Knabe still im Mittagshain,
Als die Mutter atemlos erzählte
Unter Todesangst und Tränenpein.
     Kindes schweigende Augen waren erglommen,
     Seiner Eltern Hände hat es genommen:
     Laßt mich nach Haus! Ein Brüderchen ist gekommen,
Und ich spiel ja immer nur allein.

Rabbi Josef sah, der Ernste, Starke,
Groß sein Weib an, sonderbaren Scheins.
Und er schulterte sogleich die Harke,
Und sie gingen heim durchs Meer des Weins.
     Aber das Haus stand im flammenden Überflusse.
     Jesu schrie auf vor mächtigem Brudergenusse,
     Und in einem engelumjauchzeten Kusse
Ward das Geist-Kind und der Kind-Geist eins.


Exodus 34/29

Als vom Sinai stieg der heilige Lehrer,
Seiner Botschaft wilder Wiederkehrer,
Hangen war in seinem Haar geblieben
Gottes Feuer. Und es steht geschrieben:

     >Er warf Strahlen, aber wußt' es nicht.<

Heilande, Propheten, heilge Lehrer
Kamen nach ihm, Gottes Wiederkehrer.
Licht auf ihrem Haupt ist rückgeblieben,
Doch allein von Mose steht geschrieben:

     >Er warf Strahlen, aber wußt' es nicht.<


Die Ekstase der Wolke

Hinunter ist die Sonne
Und leer höhlt sich des Himmels
Kalt-schwermütige Wüste.
Da jauchzt, die wir nicht ahnten,
Die Wolke auf! Nicht Wolke,
Es jauchzt eine Feuers-Inbrunst,
Ein zackiges Flammenherz auf,
Ein Brand begeisterten Blutes.

Noch einmal brennt Gewißheit,
Noch einmal offenbart sich
Das unsichtbar Versunkene
Als heiliges Strahlen-Wundmal,
Das aufjauchzt und erlischt.

Gott! Du bist untergegangen!
Nichts war ich, doch ich brannte
Von unsichtbarer Strahlung,
Unwissend, daß ich brenne.
Es war ein Augenblick nur.
In Schwermut lösch ich aus.


Gottes Heimweh

Wir sind nur das Ermatten,
Die Nacht auf Gottes Angesicht,
Noch unsrer reinsten Sonne Licht
Ist nur sein Schatten.

Ach unsre Füll' und Leere
Ist Nebelrauch in seinem Raum,
Und unsre schwerste Schwere
Sein schwerster Traum.

Die schreitende Sekunde
Und alles Herz, wie's immer schlägt,
Der Atem, der im Takt sich regt,
Ist nichts als Pochen seiner Wunde.

Das Opfern und Kasteien,
Das heiligste des Menschentuns,
Es ist der Drang in uns,
Von uns ihn zu befreien.

Die Liebe, die sich übertraf,
Heilande, die sich hingegeben,
Die selbstverlorensten der Leben
Sind Gottes Heimweh nur nach Schlaf.


Einsamkeit

Ich warf von mir die Arzeneien,
Die hold betäubenden der Städte,
Die kühlen Salben, die Verbände
Riß ich herab im öden Haus.
Nun wühlt, nun frißt das nackte Feuer.
Ich weine oft. Ich kann nicht schlafen.
Und halt die unbekannte Wunde
Dem Arzt entgegen, der sie kennt.

Ich tötete die tausend Stimmen,
Die hold betäubenden der Städte,
Auch nicht die Stimme der Geliebten
Ließ ich zu mir ins öde Haus.
Wohl flüstern rings die starken Geister,
Sie werden nicht mein Ohr verführen.
Es lauscht der feinsten Stimme Gottes,
Daß sie mir sage, wer ich bin.

Ich löschte aus die tausend Lichter,
Die hold betäubenden der Städte,
Selbst vor des Mondes Wolken-Ahnung
Verhängte ich das tote Haus.
Nun tilg ich hinter meinen Lidern
Die letzten Zuckungen der Farbe,
Und nachtverfallen will ich finden
Den Schimmer Wahrheit in mir selbst.


Einflüsterungen

Die Flut des Laubes vor dem Fenster rauscht,
Und aus dem grünen Raunen auf beschworen
Taucht ein Gedanke, den ich schier erlauscht.
Da flüstert's fliegenhaft um meine Ohren:
     Einflüsterungen, sterblich schlecht,
     Von meiner Rache, meinem Recht!
Des Laubs Orakel ist für mich verloren.

Oft eine Stimme steigt zu mir vom Tal,
Aus Tierweh, Mensch- und Eisenruf geboren,
Und ich versteh die Stimme auf einmal.
Da flüstert's fliegenhaft um meine Ohren:
     Einflüsterungen, sterblich schlecht!
     Mit meiner Rache, meinem Recht
Hab ich das Wort der Kreatur verloren.

So offenbarend beugt sich Gott zu mir,
Und jeder Augenblick ist auserkoren.
Und immer wieder ihn erfaß ich schier,
Und immer wieder summt's um meine Ohren:
     Einflüsterungen, sterblich schlecht,
     Von meiner Rache, meinem Recht!
Und Gott ist mir und ich bin Gott verloren.


Gebet um Sammlung

     Ich bin verstreut. Mein Vater, sammle mich!
Sammlung ist Wille nicht, Sammlung ist Gnade.
Mich lockt ein Feind verräterisch vom Pfade.
Vor diesem Feinde, Herr, verrammle mich!
     Weh, seine Krähenvögel sendet er.
Sie fahren kreuz und quer vor meinen Blicken.
Und will ich mich zu deinem Dienste schicken,
Mein Ohr mit Flüsterstimmen blendet er.
     Und aus mir selber surrt sein Botenschwarm
Der Wahnbegierden und der Abgedanken.
Sammlung ist Gnade! Leben, ach, nur Schwanken
Mit einem augenlosen Totenschwarm.
     Ich bin bereit, mein Vater, rufst du mich!
Ich sehe deine Bäume, deine Hage.
Die Welt ist, die sie grün mir rauscht, die Frage.
Und um der Antwort willen schufst du mich.
     Ich will sie geben. Herr! Versenke du
Mich in die Brandung deiner tiefsten Stillen!
Laß nicht des Feindes Quellen aus mir quillen,
Und wenn ich denke, Vater, denke du!!


Die Hasser

Der Fluch, den sie niemals entriegeln:
     Ein Spiegel sei euch die Welt!
Die Wesen werden zu Spiegeln,
     Und in allen Spiegeln: Sie Selbst!

Wie soll denn Einer genießen,
     Der Keinem begegnen kann?!
Wer verdammt ist, sich nie zu ergießen,
     Der ist ein geschlagener Mann.

Auf dem Tisch steht einsam ihr Teller.
     Keine Lippe sagt ihnen: Du.
Sie hocken in ihrem Keller
     Und halten die Augen zu.

Und suchen sie, um zu erwarmen,
     Die käuflichen Leiber mit Graun,
Dann liegen sie selbst sich in Armen,
     Und nicht in dem Arm der Fraun.

Der Fluch, den sie niemals entriegeln:
     Ein Spiegel sei euch die Welt!
Die Wesen werden zu Spiegeln,
     Und in allen Spiegeln: Sie Selbst!

Sie nippen an ihren Tassen
     Und naschen mit Ekel Konfekt,
Denn wie soll seine Speise nicht hassen,
     Der sich selber in ihr nur schmeckt!?


Aus Venedig

 

Der neue Stadtteil

Hier einst war Sumpf! Die leeren Fassaden
Halbwüchsiger Häuser stehen zuhauf
Und wollen nicht leben. Ein prahlender Laden
Bietet giftiges Zuckerwerk grell zum Verkauf.
Aus dem Fenstertrichter gestrichener Mauern
Bricht Grammophon und mit grausamen Hauern
Rauht es die Haut der Dämmerung auf.

Ein Ringelspiel läutet. Der Kinder, der kleinen
Ausgepichte Gesichter sind lichtwärts gekehrt.
Selbst die Säuglinge grinsen und wollen nicht weinen,
So stark ist ihr Wille, der aufbegehrt.
Die Kinder im Kreise beherrschen die Weise,
Wie man fordert und nimmt. Sie kennen die Preise,
Die ein Mensch und sein Leben in Kupfergeld wert.

Ein Alter führt seine Würde spazieren,
Und zieht einen fetten Hund hinterher.
Sein Kragen ist sauber, doch glänzt er papieren,
Sein Schritt im Exil hofft auf Wiederkehr.
Mit des Volksbeglückers ehrsüchtigem Rücken
Stapft er, umwölkt von Verwesungsmücken,
Die sein Sterben besser errechnen als er.

Hier einst war Sumpf! Ich merk's an den Munden,
Sie schnappen die Fisch-Nacht mit elendem Mut.
Der menschliche Leib wird vom Menschen geschunden,
Doch hier quält die Luft noch das jappende Blut.
O Atem-Arbeit, das Leben zu saugen!
Es atmet der ganze Leib, ja die Augen

Atmen in schlürfender Ebbe und Flut.


Der Volksplatz von Santa Margarita

Als der Jugend letztes Sonnenblinken
Schmilzt der Tag. Die Bogenlampe schwirrt.
Auf dem Glockenturme, himmeltrinkend,
Tanzt die Heilige, des Platzes Hirt.

Mit der großen Trommel Kanonade
Bricht die Banda jetzt in >Tosca< aus.
Dort der Rummelort drischt eine Schwade
Orgelschwalls hinein und Hutschensaus.

Ach, wie schön war' es, die Welt zu lieben
Und die Menschen, bis ins Blut erwärmt!
Doch der Männer Züge sind gerieben
Und von flegelhaftem Mut durchlärmt.

Heisre Mädchen kreischen. Immer dichter
Ziehn sie grell an greller Häuserwand.
Aber selbst die reizendsten Gesichter
Sind entehrt und halb herabgebrannt.

Grimmig schiebt der Kellner mir die Tasse
Auf den Tisch. Er hat mich gar nicht gern.
Und ich leide tief an seinem Hasse,
Der im Rücken mich verletzt, von fern.

Tosca stirbt. Die Karusselle schäumen.
Menschenstrahlen pumpt ein Kino flott.
Ölgestank! In sterndurchwogten Räumen
Tanzt die Heilige schwarz und starr vor Gott.

Viel zu morsch, mich auf vom Platz zu raffen,
Stütze ich den Kopf in meine Hand,
Ohne Wunsch. Mein tränenloses Gaffen
Ist voll Todes bis zum Rand.


Fondamenta Labia

Wie gelbe abgetropfte Kirchenkerzen,
Die sich im Wachse werfen und sich schwärzen,
Sind die gekrausten alten Fraun.
Sie hexen hin, die schlauen schwarzen Flämmchen,
Ihr Bauch ist riesig, doch ihr Hals ein Stämmchen,
Ein Wurzelstock, so krummgeschraubt und braun.
          Ich sah das nie.

Und nichts als Krüppel! Kranke atmen schwer.
Der Buckel dort tritt f eldherrnhaft einher.
Ein Hinkender trägt hüpfend seine Laute
Behutsam unterm Arm verstaut.
Und doch, als ob der Laute vor ihm graute,
Gibt sie bei jedem Auffall Laut.
         Ich hörte das nie.

Im Ghetto vecchio gar ist es noch schlimmer.
Aus einem Laden lacht gleichgültiges Gewimmer,
Ein Anzug an der Stange schachert stumm.
Die Einen tragen hier den Kopf verbunden,
Die Andern aber zeigen offne Wunden,
Ein Krückenbankert humpelt um.
          Hier war ich nie.

Die Bettelvölker, die im Tor versteckten,
Sie dringen schon wie langsame Insekten
Mit ihren runden Fühleraugen vor.
Und will man sie mit schwacher Hand verjagen,
So machen sie ein Fliegen-Flügelschlägen,
Und setzen schwärzlich summend sich ins Ohr.
          Sie weichen nie.

Am Himmel, an dem nächtlich schon vergrellten
Hängt Spiegelung von wohlbestelltern Welten,
Hängt prunkvoll der Piazza Abendbrand.
Ich aber kann mich von dem Ort nicht lösen,
Im Winkel kleb ich, im verfemten, bösen,
Als war' er mir im fernsten Blut verwandt,
          Ich weiß nicht wie.


Gassengang

Wie Gespenster aus den andern Zonen,
Wie Verstorbene schweben hausentlang,
Heb ich an, den Plätzen beizuwohnen
Und ich schwanke mit im Gassengang.

Hab ich hier gelebt? Wer kann das wissen?
Leb ich noch? Mein Schritt gibt fernen Ton.
Doch ich fühl mich aus mir selbst gerissen. . .
Längst begrub mich meine Mutter schon.

Nur ein Toter kann so lau erstaunen.
Wunder alles! Nichts hat einen Grund!
Alle Wesen sind vertrackte Launen.
Und ich frag mich: Ist ein Hund ein Hund?

Aus der Bar dringt Aquavit und Mynthe.
Eine Stimme schnurrt am Schanktisch hohl.
Brauch ich Schnaps im Gang der Labyrinthe?
Nein! Der Tod ist stärkrer Alkohol.

Tausend Füße auf dem Pflaster-Felle
Trommeln Märsche, die nur Gott versteht.
Doch mich freut's, daß ich die Leute prelle,
Daß ein Totenschritt mit ihnen weht.

Und wie mich die Blicke frech umhecheln,
Höhnisch äffend den zerzausten Herrn,
Grüße ich mit abgeschiednem Lächeln
Mein verwirktes Sein und scheide gern.


Ruhe

Die braune Lichtung wölbt sich feucht
In das erloschene Geleucht.
Der Himmel, beinern, widerhallt
Die runde Ruhe überall.
Es ist so still. Ich hör die Bäume leben,
Und sterben hör ich einen lieben Baum.
Dann schweigt auch dies. Ich bin von Raum,
Von Dämmerung nicht, von Raum bin ich umgeben.
Ein Hase springt durchs Strauch-Geäst,
Der lautlos nah sich niederläßt.
Er zittert nicht, daß ich ihm Leides tue.
Mit fernem Aug schaut er mich an,
Als wäre ich nicht Mensch, nicht Mann.
Das Tier, ich und der Raum, ruhn reglos in der Ruhe.


Der Wolfshund

Der nasse Bernstein seines Augs sieht wehe
Und mit uraltem Vorwurf rund mich an,
Als litte er, weil ich sein Steppenherz nicht mehr verstehe.

Ich rede zärtlich, diese Trauer auszugleichen.
Er kappt das Ohr, kneift süß-verzückt die Lider ein,
Und fühlt, wie Engelshände übers Fell ihm streichen.

Nun ich von unserm Bruder-Ursprung still erzähle,
Schluchzt auf sein bellendes Gemüt und eine Träne steht
Im Augeneck. Es müht sich, denkend, seine Hundeseele.

Da schweige ich. Und wieder starres Trauern
Urtiefen Vorwurfs. Trübe wendet er den Blick,
Den Orgelbaß der Fensterfliege zu belauern.


Dort und hier

Ja, wir werden sein und uns erkennen,
Nicht mehr machtlos zueinander brennen!

Dumpfer Druck von Unempfindlichkeiten
Dünkt uns dann der Kuß aus Erdenzeiten.

Wir erwachen weinend aus dem Wahne,
Daß die Leiber Lust sind, die Organe.

Uns erschüttert trunkene Erfahrung:
Nur die Flamme lebt, nicht ihre Nahrung.

Hier berühr ich dich. Dort wird's gelingen,
Flamme, daß wir Flammen uns durchdringen.

Und ich brenne tief, was wir hier litten,
Dort im Geisterkuß dir abzubitten.


Der Mensch ist stumm

Ich habe dir den Abschiedskuß gegeben
Und klammre mich nervös an deine Hand.
Schon mahn ich dich, auf Dies und Jenes Acht zu geben.
          Der Mensch ist stumm.

Will denn der Zug, der Zug nicht endlich pfeifen?
Mir ist, als dürfte ich dich nie mehr wiedersehn.
Ich rede runde Sätze, ohne zu begreifen . . .
          Der Mensch ist stumm.

Ich weiß, wenn ich dich nicht mehr hätte,
Das wär' der Tod, der Tod, der Tod!
Und dennoch möcht' ich fliehn. Gott, eine Zigarette!
          Der Mensch ist stumm.

Dahin! Jetzt auf der Straße würgt mich Weinen.
Verwundert blicke ich mich um.
Denn auch das Weinen sagt nicht, was wir meinen.
          Der Mensch ist stumm.


Mutter und Sohn

Wenn ich dir plötzlich in die Augen sah,
Hast du dein innres Licht scheu abgeblendet.
Und kamst du mir in einer Ahnung nah,
Mit Wort und Witz hab ich mich weggewendet.

Ich kenn dich nicht. Du bist mir oft verblaßt,
Und Fremde müssen mir dein Antlitz zeigen.
Wenn du mich auch in vielen Bildern hast,
Bin ich dir ja ein Atmen nur und Schweigen.

Und doch! Ich war ein Kind, ich war noch mehr,
Wie keiner auf der Welt dein Herz-Gefährte!
Wo wuchs ich denn in Nächten purpurschwer,
Da uns ein Gott, ein Blut, ein Odem nährte?

Wie unsre Liebe aller Liebe gleicht!
Auch ihr Gesetz ist einzig dies auf Erden:
Nicht-Habend warten, selber unerreicht,
Daß wir uns einmal nicht mehr haben werden!


Der Kuß

Du kamst des Wegs, durch den ich viel gelitten,
Du kamst, dem viel ich habe abzubitten,
Du Freund, du Feind, der über meinen Schritten
Einst herrschend hielt den Stab.

War's Tag, war's Traum? Die Stadt lag fremd im Lichte,
Von Wind durchbellt. Du schwanktest ohne Richte.
So blind! So grau! Ich las dir vom Gesichte
Das Grab, das fahle Grab.

Den ich vor wenig Wochen hier verlassen
Auf diesen Plätzen und in diesen Gassen,
Das war der Mann nicht mehr, stark und gelassen,
Den jetzt ich wankend traf.

Du sprachst zu mir. Ich hörte Worte fallen,
Sie schollen traurig und wie hohles Hallen.
Nicht Worte waren das, es war das Lallen,
Das trunkne, vor dem Schlaf.

In Weh und Scham von dir ich wollte weichen.
Du hobst die Hand, sie still mir herzureichen.
Da faßte mich ein Abschied ohnegleichen,
Daß Scham und Weh zerrann,

Und was sich niemals zwischen uns begeben:
Ein tiefer Kuß vereinte unser Leben,
Den noch kein Weib empfing, ein Kuß, so bebend,
Der Kuß von Mann zu Mann.

Nun kann ich nicht die Tür des Wachens finden.
Ich will den Traum des Kusses überwinden,
Verbergen mich, im Menschentag verschwinden,
Doch das Geheimnis brennt.

Ich fühl mich sprechen, lachen, schreiben, kramen.
Mein Herz ist schwarz geschluchzt, ach, und der Samen
Der fremden Liebe wächst, die keinen Namen
Und kein Geständnis kennt.


Das Lied der Ahnen

         Dein Leib ist unsre Gabe,
         Merk dir's, nicht deine Habe!
Er ward von uns in guten, eignen Tagen
     Schön durchgewetzt und abgetragen.
     Wir liehen dir den Leib als Rock,
     Das Rückengrat als Wanderstock.
Den abgeschabten Stoff mußt du besonders schonen!
          Tu nicht groß, gib Acht!
     Beug dich, beug dich unsrer Macht!
Wir sind Herrn im Haus, wo wir als Mieter wohnen.

         Gedanken, Worte, Taten,
         Nur uns sind sie geraten.
Und was du glaubst zu sagen und zu sammeln,
Ist Nachgestottertes und Kinderstammeln.
     Du aber siehe unsern Fleiß,
     Sieh, wie wir kräftig oder greis
In deinem Haupte basteln, beten, lehren.
          Hör das Lärmen an,
     Gib dich hin, erkenne, Mann,
Daß du nur ernährst, die dich ernähren.

         Und läßt du dir es schmecken
         Beim Braten und beim Wecken,
Wir Frauen sind es, die auf geile Weise
Sich wählen ihre Kost in deiner Speise.
         Dann, nach dem überwürzten Schmaus
        Suchen wir dir die Weibse aus:
Und so regieren wir dein Fressen und dein Freuen.
        Bett- und Topfgeguck
    Duld es, und kein Aufgemuck!
Was wir vorgekaut, du darfst es wiederkäuen.

        Wir lungern an der Schwelle
        Der gotterfüllten Stelle,
Wo du ganz frei von uns bist und dein Eigen,
Selbst dort belauschen wir dein tiefstes Schweigen.
        Und kündigt Gott dir das Quartier,
        Noch eh du kalt bist, packen wir,
Und schwärmen aus und surren wie die Drohnen.
        Wie's auch will dein Tod,
    Ob zu Sternflug, ob zum Kot . . .
Wir sind da, im Wind mit dir und werweißwo zu wohnen.


Lied der Toten

Der Regen fällt. Der Acker schmatzt.
     Wir hüpfen querfeldein.
Wir haben keinen Sinn erkannt,
     Nun sind wir ohne Sinn.

Der Regen fällt. Es tanzt der Rauch.
     Uns kräuselt's ohne Ziel.
Wir dachten unsrer Toten nicht,
Wir opferten kein Seelenlicht,
     Nun flammt auch uns kein Docht.

Der Regen fällt. Das Zimmer graut.
     Der Raum hängt unser voll.
Wir haben nicht an Gott geglaubt,
     Jetzt glaubt Gott nicht an uns.


Elternlied

Kinder laufen fort.
Langher kann's noch garnicht sein,
Kamen sie zur Tür herein,
Saßen zwistiglich vereint
Alle um den Tisch.

Kinder laufen fort.
Und es ist schon lange her.
Schlechtes Zeugnis kommt nicht mehr.
Stunden Ärgers, Stunden schwer:
Scharlach, Diphtherie!

Kinder laufen fort.
Söhne hangen Weibern an.
Töchter haben ihren Mann.
Briefe kommen, dann und wann,
Nur auf einen Sprung.

Kinder laufen fort.
Etwas nehmen sie doch mit.
Wir sind ärmer, sie sind quitt,
Und die Uhr geht Schritt für Schritt
Um den leeren Tisch.


Das Zeitlied

Wer wirkt, daß gleicher Zeit
In mir ist alles da,
Die Nähe weit,
Die Weite nah,
Und alles künftige Wirklichkeit? . . .
Mein Selbst, das dunkle Licht wirft sie als Schatten.

Ich sitze hier an meinem Tisch
Und bin doch anderswo
Mit ausgelebten Lieben froh,
Sie lachen wieder jugendfrisch,
Und hinter mir im Haus zugleich
Lärmt unbekannte Menschheit roh,
Der Raum ist ja schon längst ihr Reich . . .
Mein Selbst wirft flackernd fremde Schatten.

Die Alte brachte mich zur Ruh.
Ich hab mein Kinderwort gelallt.
Die treue Tür fiel zu.
Und doch im gleichen Nu
Hebt man vom Bett mich, leichenkalt
In weiße Laken eingeschnallt. . .
Die Lampe wirft auch diesen Schatten.


Reiselied

Wieviel Zimmer schlössen schon mich ein,
Meine Geister, meine Träumerei'n!
Hängt mein Herzschlag, meine Lebensspur
Noch im Raum als unsichtbare Uhr?
Hören Fremde nachts geheim sie ticken?

Wer besitzt denn Tisch und Stuhl und Schrank?
Selbst das Bett dient keinem lebelang.
Doch an manchem Ort sah ich bei Nacht
Scharf im Mondstrahl, halb nur aufgewacht,
Meinen eignen Tod am Bette sitzen.

Unser Fahrplan geht von Stern zu Stern.
Übersiedeln, immer tu ich's gern.
Hinter mir der Besen fegt durchs Haus,
Kehrt den Traum, den Puls, den Atem aus.
Und man staubt mein Leben aus dem Fenster.

Wieder sitz ich, reisend, in dem Zug,
Der so oft schon durch die Nacht mich trug.
Schwankend, gleitend, wie ich schlummre ein,
Ist es mir, als sei der Schlaf allein
Unser Vaterhaus, darin zu wohnen.


Das Herzlied

Tanz schiebt oben über Deck.
Lampions an Mast und Heck.
In der Welle warmer Helle
Grell tschinellt die Jazzkapelle.
     Unten ruht
In der Enge beim Gestänge
Der versengte Heizer strenge
     Vor der Glut.
Starrt, von Tänzen ungebrochen,
Was mit Kochen, Keuchen, Pochen
Das gequälte zugezählte Leben der Maschine tut.

Menschen ziehn den Berg hinan,
Hände voll von Enzian.
Legen selig sich dem Segen
Windgewürzter Luft entgegen.
    Innen kracht
In des Schachtes Kohlen-Nacht
Hammerhall, metallnes Sprengen,
Wildes Drängen aus dem Engen.
Fäuste prügeln, bös erbittert,
Erzgestein, das zitternd splittert,
     Brockt und bricht.
Bisse zeigen sich und Risse,
Denn die durstigen Finsternisse schrein nach Licht.

Wolkenkratzer pfeift empor.
Sechzigstöckiges Kontor.
Lifts, entsausend, fördern tausend
Ziffernmönche, hier nur hausend.
     Unten tief
Wo mit festen Panzerkästen
Schwach erhellt der Keller schlief,
Überschwemmung ohne Dämmung!
Wasser scheußlich quillt, doch Hasser
Lungern an den Pumpen, Lumpen!
     Wie behext
Sehen sie den Schlamm sich sammeln.
Fluten sind nicht zu verrammeln.
Und der Strudel der Empörung, der Zerstörung
   wächst.

     Bilder, Bilder meld ich hier.
     Doch sie gelten dir und mir,
     Die mit Härmen und mit Schwärmen
     Unser Urlied überlärmen.
          Fort und fort
Klopft in uns die Pulsmaschine,
     Blutsturbine, daß sie diene.
Und der Herz-Knecht hämmert innen,
     Licht und Freiheit zu gewinnen.
          Todesschlamm bedrängt den Ort.
     Ja, schon wankt die Purpurklammer
     Und der Knecht wirft Fron und Jammer,
     Seinen Hammer in der Kammer, in der
        eingestürzten, fort


 

Nachwort

Von sechshundert gedruckten und ungedruckten Gedichten ist in diesem Buche etwa ein Drittel gesammelt. Die Auswahl erfolgte nach keinem anderen Maßstab als dem der freundlichen und unfreundlichen Beziehung, die ich zu meinen eigenen Versen hege. Sie ist also durchaus nicht objektiv.

Vielleicht werden freundschaftliche Leser meiner alten Bände finden, ich hätte wertvollere Stücke verstoßen und gleichgültige begnadigt. Ich konnte aber nicht anders, als nach dem heutigen Stande meines Gefühles und meiner Erkenntnis die Entscheidung treffen. Ich hoffe aber, daß, wenn Gott mir gnädig ist, ich in späterer Zeit diesem Bande meiner Gesammelten Gedichte werde noch einen zweiten hinzufügen dürfen, in dem wohl einige mir jetzt entfremdete Seiten Aufnahme finden werden.

Die Entstehungszeit der vorliegenden Gedichte umfaßt einen Zeitraum von mehr als achtzehn Jahren. Der Krieg, die Umwälzung, der Nachkrieg fällt in diesen Zeitraum. Wenn Kriegsjahre für den Soldaten doppelt gelten, so für den Schriftsteller zehnfach! Was alles haben wir von 1914 bis 1920 geglaubt, gewähnt, gehaßt, bekämpft, ertrotzt, ersehnt, erlitten? Sind es sechs Jahre gewesen, oder hundert?

Um so mehr erfüllt es uns mit Überraschung, wenn wir sehn, daß wir unsere wahrsten und wesenhaftesten Erkenntnisse nicht gewechselt haben, also immer die Gleichen geblieben sind. Und doch, wenn ich die ersten Teile dieses Buches durchblättere, muten mich meine eigenen Worte an, als stammten sie nicht aus einer anderen Zeit, sondern aus einem anderen Leben; und jene zumal, die mir die liebsten sind.

Diese Entfernung mag der Grund sein, warum die Auswahl aus meinem frühesten Buche »Der Weltfreund« ziemlich dicht ist und warum ich keine Scham hatte, selbst Verse eines Achtzehnjährigen stehn zu lassen, deren Entgleisungen offensichtlich sind.


Breitenstein, im Sommer 1927

Franz Werfel

 


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