Schlaf und Erwachen - Franz Werfel - 1935

Franz Werfel

Schlaf und Erwachen

 


Inhalt

I. Ein Totenpsalter
 
II. Unruhe
 
Alttoskanische Stanzen (Che ha tempo, e tempo aspetta, il tempo perde)
 
III. Hymnarium
 

Anmerkung

Die in diesem Buche vereinigten Gedichte entstammen durchwegs den letzten zehn Jahren.
Vier von ihnen, und zwar >ElternIied<, >Der Mensch ist stumm<, >Gebet um Sammlung< und
>Dort und hier<, waren schon in den Band der Gesammelten Gedichte aufgenommen.

Baden bei Wien, im Frühjahr 1935                                                                    Der Verfasser

 

I
Ein Totenpsalter

 

 

Litanei von den Zimmern der Verstorbenen

Die ausgestoßenen Toten
Sie liegen auf Lauer umher.
Die Luft ist voll Wiederkehr,
Doch ihr Heim bleibt ihnen verboten.
Die Tische, die Bänke, die Schränke,
Ihre Habe beherrschen nun wir.
Und berührt unsere Hand ihr Klavier,
Fühlt der Klang, welche Lauscher er kränke . . .
O erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

Man hat ein wenig geweint
Und geraschelt mit Kränzen und Maschen.
Doch wer starb, ist schon morgen ein Feind.
Das Haus wird geputzt und gewaschen.
Sie räuchern, sie klopfen, sie bohnen,
Der Tote wird aus den Stuben gestaubt
Und es ist ihm nicht einmal erlaubt
Im Schatten seines Bettes zu wohnen.
O erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

Ich öffne ein ältliches Buch,
Da zerbrechen die Zeilen und knicken.
Eine Vase geht plötzlich in Bruch,
Und die Uhr hetzt mit stichelndem Ticken.
Des Lehnstuhls harrende Mulde,
Sie höhlt sich so leer und verwaist,
Und der Ausdruck des Diwans beweist,
Daß ich ihn den Verstoßenen schulde.
O erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

An der Tür ein kurzes Geschell!
Kein Besuch ist draußen zu finden.
Doch, schließt man auch ängstlich und schnell,
Findet's Zeit, herein sich zu winden.
Was folgt uns ins Zimmer aus finsterem Flur?
Was wittert am Boden mit Näherstreben?
Was sucht eine arme Schnauzevoll Leben
Auf seiner eignen verwaschenen Spur?
O erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

Der lungernde Vagabund
Darf niedersitzen zu seiner Grütze.
Und der räudigste Hungerhund
Er säuft und spiegelt sich in der Pfütze.
Doch wo soll der goldne Magnat
Seine badeverwöhnten Glieder nun dehnen?
Und die Spiegel, nach denen die Frauen sich sehnen,
Grinsen vor Leere, wenn eine naht.
O erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

Ja, wir erben und üben Verrat!
Wir haben sie ausgebeten.
Nun sind sie die Lumpenproleten
In Gottes verborgenem Staat.
Und vielleicht bedeutet der Zeit
Brandwolke, das All-Erbosen
Die Rache der Obdachlosen,
Denn der Tod ist ein riesiger Neid!
O erbarmt euch ihrer! Bald sind wir bei ihnen.


Ode von der Verflüchtigung der Toten

Schnell kaut der Kiefer der Erde,
Schneller kaut unser Herz.

Wo seid ihr? Gestern noch
Schnittet ihr blutigen Raum aus den Stuben,
Stählet den Uhren die Stimme,
Machtet zur Wüste
Das gemeinsame Stiegenhaus . . .

Jetzt? Jetzt ist ein Punkt zu geräumig.
Hier im Buche dieses gepreßte Kleeblatt
Und die Mücke, zwischen den Seiten zerdrückt,
Sind donnernde Nähe, anspringender Wille,
          Verglichen mit euch.


Fragment von den älteren Toten

Als wir noch großen Umgang hatten
Im frühen Zwitterlicht der Zeit
Mit untern Welten und mit Schatten,
Da wurde schwarzes Blut geweiht
Und ausgestellt vor Tor und Türen,
Die scheuen Toten zu verführen.
Doch nach erfahrnen Brauchgeboten
Erschienen dann mit gierigem Mut
Nur ungelenk die frischen Toten
Und schmeckten zitternd von dem Blut.

Wir aber wichen von Gebräuchen.
Verfallen bleibt die Totenwelt
Und zugewachsen mit Gesträuchen
Wie ein verruchtes Nesselfeld.
Wir lassen uns trotz Allerseelen
Von Toten keine Stunde stehlen.
Und dennoch streifen ringsumher
Gar manche frische Bettelkunden.
Der Todes-Stand fällt ihnen schwer,
Den schon die Alten längst verwunden.

Denn wer im Totsein wohlerfahren,
Den lockt nicht Wohnort, Mann und Weib.
Die Mutter selbst will nicht gewahren
Den Sproß aus ihrem eignen Leib.
Sie haben ihre Eigennamen,
Die sie als Säuglinge bekamen,
(Die Nummer, die den Sträfling zählt)
Auf langer Wander fortgeschmissen.
Beim Trödler hängt das Ich zerschlissen,
Aus dem sie sich herausgeschält.

Doch unversehrt und ausgewogen
Wartet ihr Kern im Irgendwo.
So schlummert, Knie ans Kinn gezogen,
An seinem Ort der Embryo.
Sie schweben, von der Zeit befreit,
Im Ei ihrer Vergessenheit.
Nur manchmal prickelt Durstverlangen
Im Humus, der ihr Ruhn umschließt,
Dann kommt der Gärtner schon gegangen,
Der sie mit frischem Schlaf begießt.


Gesang von den großen Toten

Sie sind wie abgewaschen
Von Jahres Staub und Aschen,
Gleich hohen Feiertagen strahlend stumm.
In unsrer Städte Mitten
Mit ausgespannten Schritten
Gehn sie zu allen guten Stunden um.

Ob sich auch ihre Seele
Durchs Fegefeuer stehle,
Ob sie der Humus Gottes in sich hält,
Der Tod ist hier kein Kerker.
Sie werden jährlich stärker
Und nähren sich, wo nur ihr Name fällt.

Wenn wir ihn gläubig nennen
Mit kräftigem Bekennen,
Dann lächeln sie so weiß und jugendfrisch.
Wir auch von Stolz erglühen,
Weil sie sich herbemühen
Und sitzen sichtbar fast mit uns zu Tisch.

Im Innern wir uns sehnen,
Sie möchten aus sich dehnen
Bis an das Grenzgebiet von Fleisch und Blut.
Damit in Tränenflüssen
Die Hand wir ihnen küssen,
Was man Lebendigen so selten tut.


Kleines Requiem

Keiner weiß, wie arm er ist,
Wird er in dem knappen Schrägen
Fußvoran treppab getragen,
Durch den blumendumpfen Flur.
Manche, die mit schwarzem Schreiten
Schmerzhaft ihn zu Grab geleiten,
Schauen heimlich auf die Uhr.
Keiner weiß, wie arm er ist.

Keiner weiß, wie reich er ist.
Wer von Tag zu Tag geflogen,
Hat gesammelt, hat gesogen
Ahnungslos der Stunden Seim.
Und nun trägt er traute Lasten,
Wachs und Honig des Erfaßten
Zu den Bienenstöcken heim.
Keiner weiß, wie reich er ist.


Warum auch die arme Kreatur
eine Heiligkeit hat

Gott hat sein Sterbensleiden angetreten
     Zum Heil der endlichen Natur.
Doch wir, nicht Heilige und nicht Propheten,
     Für wen erleiden wir des Tods Tortur?

Zu wessen Heil, kommt der Verfall gekrochen,
     Wird Mann und Männin ausgemerzt?
Wofür mit Schlagfluß, Krebs und Fieberwochen
     Will unser Tod sein durchgeschmerzt?

Der Gottmensch starb. Da, aus dem Bett getreten,
     Ergoß das All sich heiß in seine Spur.
Wir leiden Tod um Nichts. Drum laßt uns beten
     Ein wenig auch zur armen Kreatur.


Nach dem Tode

Vielleicht ist unsre Seele dann
Das Kind, dem Sonntags nach dem Bade
Die Mutter Wäsche bringt frisch aus der Lade
Und zieht ihm Hemd und Strümpfe an.
Der Knabe aber, sonst so wild,
Sitzt ruhig jetzt und ernst-gestillt
Und spürt, die schnell vergehn wird, eine Gnade.

O reines frisches Hemdgefühl,
O kurzer Schreck, o Lust, nicht lang zu halten,
Wenn sich der Leinwand fast noch feuchte Falten
Dem Leib anschmiegen, fremd und kühl.
Weiß dann die Seele ernst-gestillt,
Daß unser strenger Vater mild
Auch unsre Mutter ist mit ewigem Sorgewalten?


Die Eintragung

In einem Heft, das jahrelang verschollen lag,
Fand meiner Hand ich ein Zeichen, verwischt und zag,
Das Datum dabei und ein Ruf, vor dem ich erschrak:
Dies felix! - O glücklicher Tag!

Den Sinn des heimlichen Sternchens erkenn ich nicht mehr.
Das Datum des glücklichen Tags starrt augenlos her.
Die Ichflut deckt seine Stunden, bleiern und leer,
Ohn' Auferstehung und Wiederkehr.

Da ich's bedenke, möchte ich fast aufschrein.
Welch riesige Schädelstätte ist mein lebendiges Sein!
Der ich mich will vom ewigen Tode befrein,
O Herr, gedenke du besser mein!


Der uralte Ahn

Du gingst durch einen engen Gang.
Der Gang war ein Jahrhundert lang.
Nun, da im Fels der Stollen schwindet,
Schleichst du gebeugt, verkrümmt, erblindet.

Denk ich des Kindheits-Schatzes rück,
So ist dein Stock mit Silber-Krück
Und deine hohe Stimme drunter.
Du sangst mir Lieder, fremd und munter.

Als kleines Kind saß ich dir nah.
Doch was seitdem an mir geschah,
Wie tief ich dich indes vergessen,
Das kann mein eignes Herz nicht messen.

Mich lockte rauschender Alarm.
Du standest fromm und treu und arm
Im Gotte, den du mitbekommen.
Du hast dir nichts herausgenommen.

Nun, da durchsichtig ausgebleicht
Das Haupt dir fast zum Gürtel reicht,
Und du ins Sterben endlich willigst,
Möcht' ich, daß du mich nicht mißbilligst.


Die getreue Magd

     Hände, die ewig gedient
Und unermüdlich mir schient,
Liegt ihr im Schöße nun, ohne zu schaffen,
Lähmt endlich auch euch das große Erschlaffen?

Ich nahm ohn' Bewußtsein und Scham
Die Fülle, die von euch mir kam
Mit Wiegen und Wachen und Waschen und Kochen
Seit dem frühesten Frühlicht ununterbrochen.

     Hände, verhutzelt und hart,
So wartet doch, eh ihr erstarrt,
Bis ich, der mit Kälte und Schweigen geschlagen,
Noch einmal komme, euch danke zu sagen.


Die verklärte Magd

So schwer trugst du die letzte Last
Und schwandest leicht, so leicht dahin.
Nun wirkst du wieder unverblaßt
In mir, du Morgenhüterin.

Ich geh durch meiner Kindheit Park.
Die aufgeschürfte Erde klafft.
Doch überall machst du sie stark,
O Magd, mit deiner Liebeskraft.

In Bäumen steigt, der sich noch schämt,
Ein Frühling auf. Er knospet dich.
In Weidenkatzen pelzverbrämt
Grünt deine Reinheit österlich.

In eine dunkle Orgelflut
Dringt durchs geöffnete Portal
Ein Amselschall. Er ist dein Mut,
Der sich zu mir herniederstahl.

Und alles löscht er, was erbost
Und was die Jahre eingebrannt.
In einer Glorie von Trost
Geh ich wie einst an deiner Hand.


Der tote Jugendgefährte

Wenn du mir jetzt von fern entgegenkämest
Aus deines Tods ländlichem Aufenthalt,
Ich weiß, daß du den Hut vom Kopfe nähmest,
Zu grüßen einen, der für dich schon alt.

Du könntest ja den Herrn nur halb erkennen,
Der sich so sehr verändert im Gesicht.
Ich aber sähe dich in früher Reinheit brennen,
Vom Tode jung bewahrt, du Knabenlicht.

Wenn du geruhtest, jäh nicht zu zerfließen
Und deine Hoheit mir nicht zu entziehn,
Vielleicht würde ich nur die Augen schließen,
Vielleicht auch würd' ich niederknien.


Elegie an einen Jugendgefährten

Freund! Wir hatten die Schule geschwänzt
Im Kastanienschatten des alten Wirtsgartens
Über der hundertmastig schwankenden Stadt.
O wie groß war die Heimat! Den Ozean
Zauberten wir in ihren bräunlichen Nebel,
Und der bescheidene Strom trug unsern
   hochbordigen Stolz.
     Du sprachst. . .
(Noch weiß ich das Wort, aber ich sag es nicht.)
Da faßte unverständlich mich Ehrfurcht an,
Als hätt' ich dein frühes Los aus dem Aug dir geschöpft.
    Nichts ahnend, ahnte ich alles.

Schweren Mutes nun sitz ich, es wurde spät,
Unter Zypressen und Pinien. Der ligurische Golf
Brennt unerträglich. Im Ölgehölz
Schlägt ein fremder Vogel mir an.

Was wills du, was wirkst du, daß du seit manchem Tag
Dich in mir selber erweckst? Laß doch dein Lispeln! Schweig!
Vergessen bleibe, entfremdet, scheu!
Ungern nur sinne ich, ob du bist,
Und mich betrachtest mit hartem, mit starrem Aug . . .
Ja, ich lebe, mein kleiner Kamerad,
Treulos, abtrünnig, ein Schuldner des Todes.

Selbst wenn Ihr Toten nicht mehr wärt,
(Aber was wäre nicht, was einst war)
Seid Ihr das Echo doch Eurer selbst.
Schlaftrunken und machtlos taumelt Ihr,
     Immer dünner, immer schwächer,
     Unrettbar, Echo, ewig
Zurückgeworfen von Schallwand zu Schallwand!

Weißt du es noch? Die Schule schwänzten wir oft.
Sahen unten die schwankende Binnenstadt,
Da sprachst du ein Wort aus, und ich erschauerte.
Schweig! Was willst du?
                                       Ein Indienfahrer zieht.
Die Küsten wimmeln. Sestri, Chiavari.
Unter der eisigen Kralle sträubt sich
Katzenbuckelnd das Karstgebirge.
Weit hinaus in reizender Reihe
Stehen die schiefen Segelschaluppen,
Die Mittags-Tänzerinnen des Meers.


Elegie der Vergessenheiten

Nie noch war ich in dieser reizenden Ödnis.
     Und doch, hier nahm ich schon Abschied.
Den Wind zur Linken kenne ich nicht.
     Und doch, ich kenne
Den dichten Wacholder, den Moosblock, den Efeu am
   Eichstamm.

Wo hörte ich schon das Amsellied dort der Quelle
Und wo jenes Vogels fallenden Quellengesang?

Es zieht mich, es dreht mich, es schraubt mich zur Erde
In farbigem Schwindel, in kreiselnder Ohnmacht.
Mit kleinen Schnäbeln pickt es an meine Schale.
O Hades meiner Vergessenheiten!

Wie Mücken surren unsichtbar die meisten,
Andre wieder mit wedelnden Hundeaugen
Schauen mich an aus dankbarer Todestiefe.
Manche drohen wie Opfer von Meuchelmorden,
Nur oberflächlich verscharrt am Waldrand des Lebens.
Die schlimmsten aber weiß ich heillos versunken
Im braunen Moorgelände der Scham.

Wo hörte ich schon das Amsellied dort der Quelle
Und wo jenes Vogels fallenden Quellengesang?
Ich schlafe nicht. Nein. Ich wache nicht. Nein. Ich liege
Auf brennendem stechendem Kissen des südlichen Krautes.
Kälte kommt. Mit Adern geheimer Metalle
Durchwirkt sie die lockere Masse des sinkenden Tags.

Komm, mein Selbst! Erheb Dich! Wir müssen wandern.
Sohn der Erde, Du selber bist eine Erde,
Schwer von Bestimmung und schwer vom Wechsel des Lebens.
Meere verschließt Du und unbetretene Wälder.
Aber die Toten, deine Toten, sie pochen
An deines Geistes hart verbröckelnde Kruste,
Bettelnd um Auferstehung.

Komm! Nimm den Stock! Schon öffnet sich rings eine
   Weltnacht.
Wandre, Stern, inmitten der andern Sterne
Still und gelassen nach Hause!


Der kranke alte Herr

Der alte Herr, der täglich mir begegnet,
Wird immer schüttrer. Selbst im Sonnenschein
Stellt er den Kragen auf, als ob es regnet'.

Allstündlich schmilzt sein Antlitz kleiner ein
Und tropft wie Totenwachs in sich zusammen.
In wenig Tagen wird es nicht mehr sein.

Die Krallenhändchen einen Schirm umklammen.
Der Rock umschlottert leerer stets die Brust,
Indes die Augen immer voller flammen.

O Augen, wessen seid ihr euch bewußt,
Daß ihr ein Lächeln noch könnt zubereiten,
Da schon der Tod die Höhlen euch umrußt?

Mit Gier erforsch ich die Durchsichtigkeiten
Des Angesichtes und die lichte Kraft,
Die mich durch seine Scheibe trifft vom weiten:

Ist Sterben eine wehe Wissenschaft,
Ist es ein Ausflug nur in leere Hage,
Wo man im Gras liegt, traumhaft pflanzenhaft?

Wächst oder schmilzt das Leid zum letzten Tage? . . .
Mein alter Herr, wie du dich jetzt entfernst,
Entgegnet mir dein Gang auf jede Frage:

Was fürchtet ihr? Es ist nicht halb so ernst.


Mann und Selbstmörderin

Hier liegst du! Dein Blut auf der Wange
Stockt längst in der spärlichen Rinne.
Ich starre und harre schon lange,
Daß mein Aufschrei nun Stimme gewinne,
Daß mein Schmerz zu Boden mich werfe . . .
Kein Aufschrei! Das Aug nur im Innern
Funkelt mit Sirius-Schärfe.

Du Weib in dem spärlichen Blute,
Warte, gleich werde ich schreien!
Minute versinkt um Minute
Wie zögerndes Stöbern und Schneien.
Ich bin schuldig! Nicht gibt es Verzeihung!
Unerbittlich verdammt mich dein Schweigen,
Doch ich atme, ich atme Befreiung.

Geliebte! Wie hast du mein Wesen
Getrübt und mit Dämpfen beschlagen!
Nun will ich zusammen mich lesen . . .
Warte, gleich werd ich aufklagen!
Dein Tanzen, dein Wiegen, dein Schmiegen,
Dein Duft versiegt, und ich springe,
Wieder jung, aus dem schlaffen Verliegen.

Kann ich je dieses Grauen vergessen?
Warte, schon kommt mir ein Wimmern!
Nun werd ich in Wirtshäusern essen,
Und sitzen in männlichen Zimmern.
Durch die Straßen flaniere ich hager,
Auf dem Feldbett schlafe ich wieder,
Und nachts hol ich Huren zum Lager . . .

Lichter, erbarmungslose,
Übers glasige Auge irren.
Der Mann läßt die silberne Dose
Aus der Hand auf den Boden klirren.
Die Tote scheint sich zu rühren.
Auf dem Gang gellt plötzlich sein Rufen.
Schon schlagen im Hause die Türen.


Schwurgericht

     Der Richter schließt die Augen fast.
Sein Riesenhaupt durchschwebt das Schweigen.
     Wie Föhnluft wuchtet dicke Last
         Im ganzen Saal.
     Auch die Geschworenen sind fahl,
Die sich wie Wipfel zueinander neigen.
Der Mörder fährt mit beiden Händen
An seine Brust: Jetzt oder nie!
Jetzt oder nie kann er es wenden.
Knie preßt er krampfhaft gegen Knie
Und an den Leib die Ellenbogen.
So wie ein Uhrwerk aufgezogen
Harrt er auf einen Glockenschlag,
Der aus ihm töne schön zutag.
Oh, daß sich rasch im Zwerchfell bilde
Die milchig weiche Flüssigkeit,
Das warm entperlende Gebilde
Von Reue, die um Hilfe schreit,
Geschmolzner Schmerz und Tau der Menschenmilde!!

Aus seinem Grunde wild empor
Will er das große Weinen pumpen.
Doch trocken bleibt wie nie zuvor
Der innre Schacht.
Er tappt verzweifelt in der Nacht
Nach seiner Kindheit letzten Lumpen:
Ein Zipfel von der Mutter dort . . .
Des Sonntags Spiel und Wiesengrün . . .
Allein die Mutter glotzt verdorrt,
Der Sonntag will sich nicht bemühn.
Da nützt kein Zerren, Pressen, Klopfen.
Die Bilder weichen öde fort,
Und spenden auch nicht einen Tränentropfen.

Er weiß, daß ihm nicht wiederkehre
Der gnädigen Minute Lauf.
Da steigt ein Stück gefrorner Leere
In seiner Gurgel würgend auf
Und schluchzt ihm gräßlich aus der Kehle . . .
Doch nein! Das ist ein Schluchzen nicht
Und ist kein Wehelaut der Seele,
Was der Verlorene erbricht.
Der Richter hebt die schweren Lider.
Und seine Augenbrauen dröhn.
Der Rechtsfreund blickt zu Boden nieder.
Und der Geschwornen-Wald voll Hohn
Wogt mit den Wipfeln böse hin und wider.

Der Mörder hockt in sich zertrümmert
Auf seiner Angeklagten-Bank
Und schwankt und brütet, unbekümmert
Um Zeugen und Verhandlungsgang.
Er hört nicht seinen Namensruf,
Er sehnt ja nur das Einzig-Eine,
Daß jetzt ein dichter Tod erscheine,
Ein Tod, den Gott vielleicht nicht schuf.
Ein Tod, mit Schollen dick im Munde,
Verscharrt im schändlichsten Geländ'
Des Weltalls, wo ihn selbst die Stunde
Der Auferstehung nicht erkennt,
Und doch ein Tod, der ewig brennt
Wie Alkohol auf einer offenen Wunde.

Der Staatsanwalt erhebt sich schlank,
Mit Worten, runden, rechtsentflammten,
Schön zu verdammen den Verdammten.
Windstille fällt auf die Geschworenenbank.


Lied vom Gezeichneten

Wenn dich der Tod berührt hat,
    Bist du nicht mehr beliebt,
Eh er dich abgeführt hat,
     Wirst du schon ausgesiebt.

Du warst ein muntrer Kunde,
     Du spieltest schön Klavier.
Nun rückt die Freundesrunde
     Geheimnisvoll von dir.

Einst hat man dich gepriesen,
     Wie standest du im Saft,
Jetzt wirst du streng verwiesen
     In deine Einzelhaft.

Die Wangen wurden kleiner,
     Die Augen wurden groß.
Vielleicht fragt irgendeiner:
     Was ist mit dem nur los?

Bevor du wirst dich strecken,
     Zur letzten Nacht bereit,
Mußt du den Zwieback schmecken
     Der Ausgestoßenheit.

Und eh du darfst entsinken
     Dem leergewordnen Kreis,
Bekamst du längst zu trinken
     Des Weltraums Äther-Eis.


Kleines verlassenes Kurtheater im Herbst

Der Platz ist leer. Die kurzen Winde schnappen
Nach letztem Laub und spielen mit den Türen.
Ich schlüpf ins Finstere. Umschwankt von Schnüren,
Stoß ich an Pappgesimse, Leuchter, Lappen.

Mein Schritt verstört ein mattes Zauber-Schlappen.
Die Bühne stellt sich tot. Doch kann ich spüren
Den Bodensatz verschollener Ouvertüren
Und sauren Weinrest von Gesang ertappen.

Wie Kindheit ist's, in die ich heim mich schleiche.
Es ist wie Angst, den Rückweg zu verlieren
Aus Staub und Schatten mir verbotner Reiche.

Kranzhaftes raschelt, wie ich lichtwärts weiche.
Im Winkel fault, bewohnt von Totentieren,
Ein Kontrabaß als saitenlose Leiche.


Das Wrack von Paraggi

Nur fünf Minuten von dem Fischerneste
Im Klippenwinkel liegt das Wrack vertaut.
Es ist bis aufs Gerippe abgebaut.
Der hohle Thorax bloß bleckt sein Gebreste.

Das Meer-Aas starrt. Man denkt an Pferde-Reste
Auf Steppenstraßen mit geplatzter Haut.
Schon saust es rings, wenn rauh der Abend blaut,
Mit scharfen Schlägen her zum Vogelfeste.

So auch die Frauen lauern wie die Krähen,
Bis sich die Wächterschritte heimwärts spreizen,
Dann weiden sie das Aas, um Holz zu holen.

Sie rauben Sparren, Planken, Leisten, Bohlen,
Und wissen nicht, mit welchen Todes-Nähen
Und welcher Trauer sie die Hütten heizen.


Der Tod des Priesters

Gesammelt und geordnet liegt er fest,
Damit kein Tropfen Sterbens ihm entgehe.
Er will, die Hände auf die Brust gepreßt,
Daß wie ein Meßdienst rein sein Tod geschehe.

Die schwarze Nonne, die ihn nicht verläßt,
Kniet fern. Sein Hingang duldet keine Nähe.
Sie ministriert ihm, nun der Röchelrest
Des Atems einen Psalm singt, kurz und zähe.

Sein Auge hängt mit unnachsichtiger Strenge,
In die sich fein ein sichres Lächeln löst,
Am Winkel, wo die Spinne zieht den Faden.

Er harrt, daß dort der Engel in der Enge
Die dünne Wand der Hiesigkeit durchstößt,
Um ihn gemessenen Winkes vorzuladen.


Die befreite Seele

Noch einmal! Auf! Ein wilder Fluchtversuch!
Doch haften bleibt sie an der Sterbestelle.
Weh! Unter ihr das Wachs, das Corporelle
Bedrängt sie mit verdicktem Ichgeruch.

Des Körpers Nachgefühl drückt wie ein Fluch
In ihr Befreitsein sich mit grober Delle,
Bis dies auch stirbt und langsam Zell um Zelle
In ihr sich ausfeint, Hauch wird, Schleiertuch.

Nun ist es leer um sie. Wohin? Empor!
Doch was ist: oben, was bedeutet: Richtung,
In diesen Zwischenräumen unbeirrt?

Da erst gibt sie sich hin. Wie Rauch und Flor
Saugt sie ein Zug in Schichten der Entdichtung,
Wo alles lockrer, leichter, heiter wird.


Ezechiels Gesicht von der Auferstehung

Ein Wirbelwind des Herrn (es war ein Mohr
Mit Adlerflügeln und mit Rinderhufen)
Riß mich an sich und trug mich hoch empor
Durch einen Himmel voll von Engelrufen.

»Nach Ost, nach Ost«, sie riefen unser Ziel,
Doch war's der Erde Osten nicht, der nahe,
Wo ich in Mohrenarmen abefiel,
Der Welten Ost war's, den ich unten sähe.

Leer dehnte sich, mehr als dies Wort sagt, leer
Von Horizont zu Horizont die Glätte,
Nicht Steppe, Wüste, Ebene noch Meer.
Und ich hieß sie im Herzen: Schädelstätte.

Ein Land ohn Stern und Sternes Strahlenzeig,
Rings von des Nicht-Seins Grenzen eingeschlossen
Undeutlich sah ich Etwas nur: Wie Teig
Auf einem Blech war's endlos ausgegossen.

Da hört' ich Seine Stimme: »Menschensohn«,
Daß ich erschrak bis in den Grund des Geistes,
»Kehrt Leben wieder ein, wo es entflohn?«
Ich neigte mich und stammelte: Du weißt es.

Er aber zwang mir Wort um Wort hervor
Und preßte mich, daß ich dem Tod weissage.
Dumpf schon bewegte sich der Teig und gor
Und quoll empor und änderte die Lage.

Ich sah, wie dunkle Flecken tausendfach
Das graue Gären plötzlich übersäten.
Das Harte war's, das aus dem Stoffe brach
Mit Knochenröhren, Wirbeln, Knorpeln, Gräten.

Ein Beingeklapper riesig sich erhob,
Es schien, daß eine Welt aus Bechern würfe,
Zugleich doch schluckt' und schmatzte es, als ob
Ein großer Sumpf die Würfel in sich schlürfe.

Und in dem Ostschein fahl und ungewiß
Wand sich der Totenteig und zeigte Lücken,
Bis er mit einem Donnerschlag zerriß,
Dem Eisstoß gleich, zu Millionen Stücken.

Da saß und stand es, was seit Adams Zeit
Auf Erden je gewerket und geweidet,
Mit offnen Munden, Augen schreckbereit,
Die Hand dem Herzen nah, das wieder leidet.

Noch hatte kaum gerundet sich die Haut
Um Eingeweide, Muskelwerk und Knochen,
Noch hatte die Pupille nichts erschaut,
Und schon war Trauer in sie eingebrochen.

Die Frauen stierten frierend in den Schoß,
Die Männer deckten ungenau die Blöße.
Nur wenig Arme bettelten sich los
Zum Herrn, daß er voll Tod sie wieder flöße.

Und alle alle, Männer, Kinder, Fraun
In ihrer ausgesetzten Nacktheit bebten.
Es zog durch sie ein graues Wiederschaun,
Ein Wiederkauen alles Abgelebten.

Auch Tiere mischten matt sich unter sie,
Die ihr Erwachen mit hereingezogen,
Hund, Lamm und Esel, Rind und Federvieh,
Unfertig noch. Auch Tauben, die nicht flogen.

Vor meinen Augen schwankte es so blaß,
Daß mich Entsetzen würgte und Erbarmen.
Mir war's, als müßt' ich heulen: Herre, laß !
Und hemmen den Erwecker mit den Armen.

In mir das kleine Leben nicht ertrug,
Daß Ausgebranntes hier von neuem kohlte,
Daß die versiegte Zeit sich niederschlug,
Und Fleisch und Blut noch einmal wiederholte …

Doch Er gebot mir: »Schrei zu Meinem Geist!«
Da brach ich aus in brüllende Erflehung
Und sank und sank. Blau kam es angekreist.
Die Toten knieten lobten, lichtgespeist.
Und langsam klärte sich die Auferstehung.


Der Schneefall

O langsames Fallen des Schnees,
Unendliches schleierndes Treiben!
War' doch mein Auge geistesgestählt,
Ihm könnte verborgen nicht bleiben,
Daß jede Flocke des weißen Gewehs
Gewußt ist, gewogen, gezählt.

O Flocken, die tanzend sich drehn,
Ihr klein beseelten Persönlichkeiten,
Vertragen von Schwere, Leichte und Wind,
In eurem Kommen und gehen
Seh ich die Schicksale niedergleiten,
Die ihr beginnt, vollendet, beginnt . . .

Die eine fällt wollig und weich,
Die andre voll Trotz und kristallen,
Die dritte von Widerständen geballt.
Doch löst sich morgen das bleiche Reich,
So stirbt nicht eine von allen
Und die reinsten tauen zur Tropfengestalt.

O langsamer Schneefall der Welt,
Der Geschlechter dicht schieierndes Treiben!
Es stirbt und schwindet kein einziges Los.
Wir schmelzen, aber wir bleiben,
Wenn uns Tropfen der Tod, als Tauwind bestellt,
Heimsucht und heimsammelt zum Schoß.


II

UNRUHE

Mit einer Widmung
dieser Gedichte

Freund, der einst mich hörte,
Wirst du mich noch hören,
Wird, was dich zerstörte,
Auch mein Wort verstören?
Frühe schwand dein Schimmer
Unterm Griff der Zeiten.
Eng im engen Zimmer
Denkst du Bitterkeiten.

Denke doch der Räusche
Von Gedichtes Gnaden,
Freund, o nicht enttäusche
Deinen Kameraden!
Ist es dir noch heilig,
Unser Überquellen,
Oder wirst urteilig
Du dich abseits stellen?

Wenn dein Herz verhärmte,
Glücks dir nahte selten,
Laß das Einst-Erschwärmte
Es nicht ganz entgelten.
Wähnst du auch im Grimme,
Daß ich selbst vergelbe,
Freund, vernimm die Stimme:
Sie ist noch dieselbe.


Erster Schultag

In das Haus der Piaristen
Zogen wir als große Schar,
Im gewölbten Raum zu nisten
Manches lange Kinderjahr.
Ehrenvoll den Schultornister
Trug ich heut zum ersten Mal
Und zum Neide der Geschwister
Klappert drinnen ein Pennal.

Oben stand auf dem Katheder
Groß und grau der Kuttenmann,
Mit dem Finger droht er: jeder
Zeigt mir seinen Namen an.
Wenn auch rauh die Stimme knarrte,
Seine Hand war lieb und weich.
Hinter ihm auf bunter Karte
Dehnte stolz sich Österreich.

Doch im grünen Schulgebänke
Wurde plötzlich mir so schwer,
Als ob hilflos ich versänke,
Ausgesetzt im Knabenmeer.
Unter Härteren und Kältern
Weint' ich etwas, ohne Mut,
Bei den anderen Herrn Eltern
Stand Papa und winkte gut.

Als die Stunde ging zur Neige,
Merkt' ich gar nicht, daß er schied,
Denn zu Lehrers Winselgeige
Plärrten wir das Kaiserlied.
Mancher schien mir nichts zu taugen,
Grinst' mich tückisch an und schwieg
Und in wilden Bubenaugen
Wetterleuchtete schon Krieg.

Wenn ich mir die Kindheit hole
Wunderlich und unversehrt,
Glaub ich nicht, sie sei wie Kohle
Längst verglommen, längst verzehrt.
Wo die Kindgespenster nisten
Geh ich als mein Widerhall
Ewig zu den Piaristen
Irgendwo in Gottes All.


Im Haus der Kindheit

Ich trete in den Flur
Scheu von der Straße ein.
Wie waldige Natur
Umfängt mich Finstersein.
Ein wenig bangte mir,
Als sei es fast verrucht,
Daß man im Kind-Quartier
Sich mit sich selbst besucht.

Einst war so groß das Haus,
So turmhaft hoch gebaut.
Jetzt fülle ich es aus.
Mein Schritt tappt viel zu laut.
Mit mattem Scheibenblick
Das Licht noch immer krankt,
Wo sich der Mosaik
Verschlungnes »Salve« rankt.

Beim Stufensteigen hemmt
Den Schuh geheimer Leim.
So eigen ist mir fremd,
So eigen mir daheim.
Ein Geist nicht anders streicht
Ums ärmliche Gelaß,
Weil er von sich vielleicht
Den Nachgeschmack vergaß.

Ich steige steif und scheu
Von Stock zu Stock hinan.
An Türen alt und neu
Führt mich vorbei der Bann.
Hier wohnt der Arzt nicht mehr,
Ich kenn den Klingelknopf.
Auch tickt vom Hof nicht her
Des Goldschmieds Feingeklopf.

Voll fremder Jahreszeit
Und unbekanntem Lärm
Sich Wohn- an Wohnung reiht,
Es riecht nach Milch und Germ.
Mich aber zieht's empor
Zum hohen Bodenraum,
Den hundertmal beschwor
Ein treugebliebner Traum.

Liegt nicht im morschen Loch,
Verpickt von Staub und Pech,
Die Viertelgeige noch,
Mein Dampferchen aus Blech?
Das alte Kindergut,
Es ruft und lockt mich so.
Wie ist mir denn zumut?
Wo bin ich? Bin ich wo?

Noch nie war mir so dumm.
Mich hält ein Schwindel fest.
Und wie von Wind gepreßt,
Kehr ich verwunschen um.
In frischer Straßenluft
Renn ich ein gutes Stück.
Das Kind in seiner Gruft
Bleibt steif und scheu zurück.


Findellied

Vater Mutter, - Worte leer
Und für mich doch rätselschwer,-
In euch bin ich worden.
Weil ihr mich habt ausgesetzt,
Überquillt mein Morgen jetzt
Von zuviel Erwachen.

Vater Mutter! Ich bin jung.
Aber die Verwunderung
Schüttelt mich im Schlafe.
Denn aus eurer Finsternis
Geh ich in mein Ungewiß
Mit geschenktem Namen.


Sonntagskind

     Sonntagskind,
Wieviel ist dir gelungen
Bei jedem unbedachten Schritt!
     Und doch
Vielleicht ist schon der grobe Tag gedungen,
Der dich in eine Falltür tritt.

     Sonntagskind,
Von deinem Wert durchdrungen,
Stolzierst du noch getrost.
     Und doch
Vielleicht ist schon die letzte Stimm' verklungen,
Die dich und deinen Namen kost.


Leib im Spiegel

Leib im Spiegel, du bist kaum verändert,
Milch und Blut bewahrst du wie als Kind.
Selbst die Zeh'n sind rosa noch gerändert,
Die so weit gegangen sind.

Ist es wahr, daß in verbrauchten Adern
Meuchlerisch ein kleiner Mörder pulst?
Sitzt der Tod schon zwischen Knochenquadern
In der Werkstatt der Geschwulst?

Augen blaun. Und alles scheint beim Alten,
Voll des Morgens noch, der viel vermag.
Nur die Sonnenuhr der Wangenfalten
Meldet schon den späten Tag.


Der Schmerz

Mit meinem Schmerze schlaf ich ein,
Mein Schmerz wacht lauernd mit mir auf.
Im ersten feinsten Morgenschein
Liegt er an meiner Brust zuhauf.

Wenn sich, ausweichend dem Geschick,
Mein Sinn noch fest ins Dunkel stemmt,
Trifft mich des Schmerzes Katzenblick,
So mondverwandt, so sternenfremd.

Und wie ich untertags erwarm,
Und was ich spreche, laß und tu,
Der Schmerz schmiegt sich in meinen Arm
Und sieht mir majestätisch zu.


Madonna mit den Krähen

Es ist November in der Welt.
Der Baum hebt nackt sein Krüppelbein.
Gebüsch bebt, bettelnd hingestellt.
Vereinsamt stiert der Meilenstein.
Frech wie ein Strolch auf brachem Feld
Die alte Vogelscheuche lungert.
Die Mutter schleppt sich querfeldein.
Das Kindlein friert, das Kindlein hungert.

So grau war noch November nie.
Die Mutter rastet auf dem Stein.
Das Kind liegt schlaff auf ihrem Knie.
Wie sie allein ist nichts allein.
Wohl besser wär's, es würde schnein,
Verschnein die Weiten und die Nähen.
Sie hebt den Kopf, sie hört ein Schrein,
Die Krähen kommen, hundert Krähen.

Das Volk rauscht durch die Luft und schlägt
Und taumelt um Marias Haupt.
Doch keine Kräh im Schnabel trägt
Ein Bröcklein, fluges wo geklaubt.
Nie war die Welt so ausgeraubt.
Die Krähen rings verzweifelt streichen,
Aus Feld und Bäumen, todentlaubt,
Der Mutter Speisung darzureichen.

Nicht Korn und Haselnuß gibt's mehr.
So kahl war kein November noch,
Und keine Nacht so liebeleer
Wie diese, die jetzt näherkroch.
Die Schwärze schlurft aus Schlucht und Loch.
Maria haucht, ihr Kind zu wärmen,
Und beugt sich tief, wenn immernoch
Die Krähn sie wahnsinnschrill umschwärmen.


Das Bleibende

Solang noch der Tatrawind leicht
Slovakische Blumen bestreicht,
Solang wirken Mädchen sie ein
In trauliche Buntstickerein.

Solang noch im bayrischen Wald
Die Axt im Morgengraun hallt,
Solang auch der Einsame sitzt,
Der Gott und die Heiligen schnitzt.

Solang auf ligurischer Fahrt
Das Meer seine Fischer gewahrt,
Solang wird am Strande es schaun
Die spitzenklöppelnden Fraun.

Ihr Völker der Erde, mich rührt
Das Bleibende, das ihr vollführt.
Ich selbst, ohne Volk ohne Land,
Stütz nun meine Stirn in die Hand.


Südliche Zauberminute

Die Sonne sprengt das Wolkensiegel
Und schwimmt, ein matt zerlaufner Klecks.
Doch plötzlich kreuzen hundert Spiegel
Wie Säbelfechter den Reflex.

Der Geist erbebt. Denn erzverändert
Zerschmilzt die Welt des Spiegellichts.
Die Berge wogen goldumrändert,
Das Meer erstarrt zum Silber-Nichts.

Die Häuser wie gemalte Leinwand
Bewegen sich im Windeston.
Die Stadt mit Stiege, Turm und Steinwand
Schwankt ohne dritte Dimension.

Ein Fischerschiff erwacht im Hafen,
Am Kiel mit einer Krause Schaum,
Und tritt, wie noch nicht ausgeschlafen,
Meergläubig in den leeren Raum.

Und mit der Straße aus dem Meere
Taucht dumpfen Pompes ein Kondukt.
Schulkinder plärren Miserere,
Die Bahre tanzt, die Kerze zuckt.

Schwer schreitet nach dem Totenreiche
Der Zug, von Psalmen überflaggt,
Und Berg und Meer wallt mit der Leiche,
Und Stadt und Schiff, im gleichen Takt.

Zu solch erhabner Opernszene
Ist aller Wandel eingebannt,
Daß ich mich krampfhaft rückwärts lehne,
Von Rhythmus-Tränen übermannt.


Im Kaffeehaus zu Kairo

In den Wolken meiner Wasserpfeife
Kommt die Knospe aller Zeit zur Reife.

Blaue Ruhe nenn ich Gott zum Ruhme
Der Vergängnis windgeschützte Blume.

Dichte Wichtigkeiten, Pflichtigkeiten
Fern im Lärm und Straßenstaub vergleiten.

Und vom Planen, Heischen, Unternehmen
Bleibt im Herzen nur ein leichtes Schemen.

Hold gedankenlos durch Schattenscharten
Fächert Tag mir vom Gezirah-Garten.

Flötentönig näselnd hält durchdrungen
Saugende Befriedigung die Lungen.

Da geschieht es bis zum Grund der Sinne,
Daß ich tiefer meiner werde inne,

Und bereits beim nächsten Zug der Pfeife
Einen Mundvoll Ewigkeit begreife.


Im Tiergarten zu Kairo
(Fragment)

O Maskenverleihung! Ich kann sie nicht fassen,
In Käfig und Weiher, auf Felsen und Damm,
Wie das watschelt und trippelt, dahinhuscht und ruht
Der Nilpferde schlafende Riesenmassen,
Sie sind wie aufgeworfener Schlamm.
Und doch, auch in ihnen rollt rotes Blut.

Die Seelen sind zum Fasching befohlen,
Um darzustellen Hyäne und Schwan,
Und in Pelz und Federkostümen zu wohnen.
Manchmal erstarren sie wie verstohlen,
Und man sieht den betretenen Tier-Personen
Staunen, Schreck und Verstimmung an.

Der Marabu senkt seinen Schnabel zur Erde
Wie einer, den die Sonne verlacht.
Das Lama ziert sich in seiner Wolle,
Als wollt' es gestehn mit verschämter Gebärde,
Daß es für den Maskenball seine Rolle
Und solche Verkleidung nicht ausgedacht.

Ins Weite schreiten beleidigte Reiher.
Flamingohälse wie Wetterfahnen
Drehn sich geziert auf sumpfiger Flut.
Der Pelikan scheint den Weltsinn zu ahnen.
Nur ein unversöhnlicher Gänsegeier
Hütet sein Fleischstück wie Kohlenglut.

Das Känguruh sieht seine Vorderpfoten
Und findet sie krüppelhaft sinnlos verkürzt.
Ja selbst hinter zierlich erzwitscherndem Gitter
Ist das dottergoldene Vogelgezitter
Mit tausend fragend zersplitterten Noten
Wie vor Gewittern seltsam bestürzt.

Wird endlich der kleine Kopf der Giraffen
Im oberen Laub der Akazie landen,
Leise geniert im blättrigen Dunst?
Ach, einzig die alten Gaukler, die Affen,
Sind mit sich selber tief einverstanden,
Diese Herzen voll Lüge, Wahnsinn und Kunst.


Blick der Kreatur

Du streicheltest den großen guten Hund.
Durchdringe, sprachst du, seinen Augengrund
Und deute mir die ungeheure Trauer,
Die uns umfängt mit leiderstarrter Dauer.

Wenn Engel tief in Menschenaugen schaun,
Gab ich zur Antwort, unter edlen Brau'n,
So werden sie bestürzt dasselbe fragen
Und weg sich wenden, weil sie's nicht ertragen


Vorfrühling

Der Schnee des Rasens wird schon räudig,
Weil ihn ein kleiner Wind berennt.
Der Himmel dehnt sich traurig-freudig,
Ein leerer Rekonvaleszent.

Das Strauchwerk krampft den Arm nach oben.
Die Ruten dulden leidbereit,
Daß Spatzenvölker sie durchtoben
Mit pöbelnder Begehrlichkeit.

Noch ist kein Schaft zu treiben willig,
Da er die Weckung nicht begreift,
Indes die Vogelwolke schrillig
Um Einlaß schon und Anfang keift.


Vollkraft des April

Der Krokus jubelt aus der Fläche
Die er mit Kriegsmacht überzieht.
Ein Rinnsal steigert seine Schwäche
Nachdrücklich zum Triolenlied.

Die Bäume stehn wie neue Bauten,
Die bis zum Dachfirst schon gediehn.
Man ahnt ihr inneres Erlauten,
Den Arbeitslärm der Energien.

Das erste Laub ist tief beschäftigt,
Der Knospe Selbst verwundert sich.
Mit frischgestrichnem Gelb bekräftigt
Ein Amselschnabel alles Ich.


Im Stadtpark

Ein alter Herr sitzt auf der Bank
und starrt aus einem schweren Bann
- Er ist nicht arm, er ist nicht krank -
Des Teiches Trauerweide an.

Er ist nicht krank, er hat kein Weh,
Gesichert sind ihm Brot und Brauch,
Und dennoch knittert das Gilet
Matt um den eingeschmolznen Bauch.

Mit leeren Kiefern mulmt und kaut
Sein Mund ein Wort. Er weiß es nicht,
Daß immer nur der gleiche Laut
Aus der verfemten Seele bricht:

Ein Kosewort, das längst entschlief,
Ein Liebesname scherzgestalt,
Mit dem ihn einst die Neigung rief
Und den er sich als Letzter lallt.


Das Bauernboot

Von ferne schwebt die kleine Bauernplätte
An Röhrichtinseln ohne Laut entlang,
Indes der See in seine Spiegelglätte
Die Neige saugt vom Sonnenuntergang.

Der alte Bauer sitzt in sich verschlungen,
Die Bäuerin vor ihm. Auch sie blickt leer.
An ihrer Seite zwei weißblonde Jungen,
Vom Schlaf geschüttelt, schaukeln hin und her.

Vorn steht ein junges Weib. Im dicken Kissen
Trägt sie den Säugling. Doch ein Wickelstreif
Ein roter hängt herunter, abgerissen.
Das Kind ist unsichtbar. Sie lächelt steif.

Es läutet wo. Vielleicht im Schilfgebrüte
Ein großer Vogel schickt das Ave aus.
Des Alten Hand umfaßt jetzt eine Tüte,
In der die Kerze brennt, wie einen Strauß.

Wo sich die Wasser bleich ins Land verschlichen,
Besteigt als Erste rasch den Landungssteg
Die junge Mutter und mit feierlichen
Und festen Füßen nimmt sie ihren Weg.

Die Alten machen eifrig kurze Tritte.
Die blonden Buben torkeln zum Beschluß.
Wohin? - In abergläubischer Sitte
Anspuckt der Fährmann seinen Obolus.


Der Neusiedlersee

Der geschmolzenen Flut unbeweglicher Spiegel
Wird von dem flachen, dem tropischen Tiegel
   Wie ein Luftgebilde umfaßt.
Weit lagert am Fluß der bühligen Treppe
Im schleppenden Tag die wäßrige Steppe,
   Als Österreichs seltsamer Gast.

Von Röhricht hat er um sich geschlagen
Den meilendicken, den borstigen Kragen
   Zum Schutz der gefährdeten Brust.
Kein Hauch kann vom Leithagebirge fächern
Kein Laut von Margretens storchstrohigen Dächern
   Und auch nicht die Glocke von Rust.

Die Röhrichtreiche geheim umklammern
Schatzinseln und Tümpel und Vorratskammern,
   Smaragd-malachitnes Getier.
Aus dem trunken unkenden Rohrgefabel
Aufflattert ein weißlicher Löffelschnabel
   Wie im Winde zerfetztes Papier.

In des Neusiedlersees schilfpelziger Krause
Ist der hohe Mittag der Welt zuhause,
   Hier hat er Wohnung und Staat.
Wenn die Reiher ihr Höhensteuer stellen,
Tritt er, dieweil ihn Frösche umgellen,
In einer Wolke von Geist-Libellen
   Träg in das sandige Bad.


Bedeckter Tag

Im Tal ist Ort an Ortschaft aufgerichtet
Wie man das Herbstlaub längs der Straße schichtet.
Doch hat der Wind vor Stunden schon den Besen
An einer dunkeln Bergwand abgelegt.

Die Bäume rühren sich mit keinem Aste,
Als ob Gewicht auf jedem Blatte laste.
Die dicke Leere zwischen den Gezweigen
Gleicht stumpf dem Weißen eines blinden Augs.

Im Sumpf des Tags die Töne stecken bleiben
Und nur die Vogelstimmen übertreiben.
Ihr hochauf schwünglich grelles Jubilieren
Dringt wie aus einem fernen Radio.

Unfehlbar heute folgt den Menschen allen
Der Wärter Schlaf, um sie zu überfallen.
Und rasch, sobald man sitzt in einem Winkel,
Hüllt er uns in den Mantel von Flanell.


Nachmittag

Almboden, grasiger Hang.
Hier liege ich lastend und lang.
Zu schwer ist das Licht. Ich schließe die Augen . . .
Da spür ich im Rücken ein Ziehen und Saugen,
Es lutscht an mir, lechzend, von allen Seiten
Und möchte mich schlucken und einarbeiten.
Die Erde, das mächtige Muttertier,
Leckt mit schwerfälliger Zunge an mir:
Kein Junges soll sich so lang umtreiben,
Sie will es herzen und ein sich leiben.
Sie saugt mich fest, sie läßt sich nichts rauben,
Im Schlaf noch fühl ich heuduftendes Schnauben.


Sequenz von den Schritten

Ich liege in eines Halbschlafs Mitten,
Der tief ins Schwarze eingeschnitten.
Das Haus ist voll von hundert Schritten.

Ich weiß, daß mir die Schritte gelten.
Mein Ohr ist fein und scharf wie selten.
Man sucht mich wohl in allen Welten.

Wild steigre ich das starre Lauschen,
Ohnmächtig meinen Ort zu tauschen.
Die Schritte tappen, klopfen, rauschen.

Ich hör sie aus der Tiefe steigen,
Vor meiner Tür ein Weilchen schweigen,
Dann weitertönend fern abzweigen.

Sind's Telegramme, Briefe, Karten?
Herzklopfen, wildes Hocherwarten,
Oh, grauer Absturz des Genarrten!

Dumpf dröhnt das Haus von Schritt-Despoten.
Betritt man endlich den Bedrohten,
Und sendet der Gerichtshof Boten?

Die Donnerschritte fernhin weichen.
Doch flüsternd vor der Tür aufs Zeichen
Knackt weiblich weich ein nacktes Schleichen.

So steigt's von unten, schweigt und schwindet.
Streift meine Tür, die es nicht findet,
Dieweil mich Lähmung streng umwindet.


Die Fremdheit

Er ging an einem Haus entlang.
Ein Ruf aus offnem Fenster sprang.
Nichts. Nur ein Mädchen »Vater« rief.
Ein fremder Baß erwidert tief.
Doch er blieb stehn, ins Herz verstört,
Als hätt' er Gottes Ruf gehört,
Der ihn im Kindeslaut vermahnt,
Wie unverquickt und unverzahnt
Er west im irdischen Verband,
Ein Korn, geschleudert übern Rand, . . .
Da horcht und harrt er totenbleich,
Daß ihn ein neuer Ruf erreich',
Doch nur das Fenster schließt sich laut.
Sein Körper steht wie hingebaut.
Auf seinem Haupte, schief und steif,
Die Fremdheit sammelt sich wie Reif.


Ein Vagabund der Städte

   Dumpfer blakt der braune Nebel
   Durch die frosterblaßten Straßen.
   In den Läden und Gelaßen
   Steckt das Schneelicht wie ein Knebel.
   Alles trabt mit kurzen Tritten,
   Jeder Fuß ist voll von Zielen,
   Und ich, trabend selbst inmitten,
   Heuchle Eile, mitzuspielen.
Doch nein! Ich werde nach Hause nach Haus mich
      nicht tragen
Und nirgends bei einer Arbeit sitzen.
   Ich will auf der Straße der Straße die Zeit totschlagen.

   Lang steh ich vor Spiegelscheiben
   Äugelnd mit den fremden Schätzen.
   Wirbeln laß ich mich und treiben
   Bis zu fernen Vorstadtplätzen.
   Nachts, wenn Feuerräder rollen,
   Lichtreklamen Namen spinnen,
   Ist die Stadt wie aufgequollen
   Und ich selber bin von Sinnen.
Aber noch spät, wenn die Bummler ins Bett sich wickeln,
   Hock ich allein in einer Bahnhofshalle
Und hüte im Herzen das unauslöschliche Prickeln.

   Was ich such, ist nicht zu finden,
   Was mich lockt, ist nicht zu greifen.
   Ungebunden, nicht zu binden,
   Muß ich lungern, will ich schweifen.
   Andre, die vor Zielangst schnaufen,
   Hoffen eins nur: Anzukommen.
   Doch mein Teil ist: Laufen laufen.
   Zweck und Ziel kann mir nicht frommen.
Und so stapf ich endlos auf müdgetippelten Stümpfen,
   Und nichts ist mein, als nur in den Schuhen
Das quälende Schamgefühl von zerrissenen Strümpfen.

   Manchmal streift mich, hohen Scheines,
   Jäh ein Antlitz, kühl und taghaft.
   Oder vor mir, rührend zaghaft,
   Schwebt die Sanftmut eines Beines.
   Hier ein Lächeln, ein geneigtes,
   Will wie Zwielicht sich verlieren.
   Dort das Kind, was nur verschweigt es
   In dem Urweltblick von Tieren?
Dann, wie einem gewaltigen Frommen, dem Gott begegnet,
   Würgt brennende Dankbarkeit mir die Kehle,
Und die innere Stunde ist unfaßbar gesegnet.

   Schakal schleicht zum Lagerschimmer,
   Horcht und hat doch nichts zu hoffen.
   Und so treibt mich's immer immer,
   Straßen sind wie Arme offen.
   Einst, wenn ich zusammenfalle,
   (Auf dem Tisch stehn schon die Stühle)
   Kehrt der Kellner aus der Halle
   Kalt mich in die Morgenkühle.
Gut! Mag der Tod meine reisigen Beine verklammen!
   Nie löscht er in mir das unauslöschliche Prickeln,
Solang noch die nächtlichen Städte donnern und flammen.


Derselbe

Ein Etwas wohnt mir inne,
Das nicht zu löschen ist.
Ich bin die gierige Spinne,
Die auf sich selber frißt.

Mich hetzt ein Ungedulden
Straßauf straßab, ein Fluch,
Wüst wachsen meine Schulden
In Gottes Kontobuch.

Woran ich mich will laben,
Bleibt lockend mir verwehrt.
Doch wäre es zu haben,
Wär's nicht mehr habenswert.

Die Knochen sind zerschlagen,
Vom Pflaster wie zersägt.
Ich will ins Bett mich tragen,
Wo mich der Schlaf erschlägt.

Ach, selbst vom tiefen Wohle
Des Todes unerquickt,
Qualm ich wie feuchte Kohle,
Gedämpft, doch nicht erstickt.


Anblick und Losreissung im Konzertsaal

Von der Schönheit los das Aug zu reißen,
Reißen müssen, wie das sticht und brennt.
Noch ein Trunk von ihrem weißen Gleißen,
Noch ein tiefer Zug, eh man uns trennt!

Dieser Finger lässiges Gefieder,
Das im Schoße lang und langsam spielt,
Dieser kühle Mund, der Schwalbenblitz der Lider
Und ihr Blick, der achtlos mich durchzielt . . .

Aufbruch rauscht. Hinab du mein Entflammen!
Nie noch traf ein Scheiden so.
Es sinkt Schlaff mein ungenütztes Herz zusammen,
Da die Menge sie mir nun verschlingt.

Auf dem Platz in menschlichen Gerollen,
Straßenbahn und Autos donnern dicht,
Steh ich starr in einer meiner Höllen,
Bis zur Stirn in Disteln von Verzicht.


Alttoskanische Stanzen
(Che ha tempo, e tempo aspetta, il tempo perde)

Wer Zeit hat und sich Zeit läßt, verliert Zeit,
Doch gewinnt Zeit, wer bei Zeiten sich Zeit schafft.
Dem zerschmilzt Zeit und Jenem gefriert Zeit,
Ist die Hand, die sie packt, voll Bereitschaft.
Die fruchtbare Seele gebiert Zeit
In dem Werk, das die Zeit nicht beiseitschafft.
Alle Zeit ist allzeit eine Sturmzeit.
Doch besteht nur, wer ringt mit dem Zeitsturm.

Denk, Madonna, wie sehr dich die Zeit haßt.
Frag beizeiten: Wie lang hab ich noch Zeit?
Lügt der Spiegel, dein Feind, daß du Zeit hast,
Zähl die Zeit doch, seit dem Tag deiner Hochzeit!
Deine Wange, um die du jetzt Leid hast,
Zeitigt Pfade, drin zehrte und kroch Zeit.
Recht zur Zeit faßt bereits dich die Zeitangst,
Denn nicht weit ist das Alter, die Angstzeit.

Was die Zeit borgt, das pfändet die Zeit fort.
Um nichts ist dir einst, nur um Zeit leid.
Das ewige Wort ist ein Zeitwort,
Weil Gott sich uns nur in der Zeit leiht.
Drum wirf Hast und neidigen Streit fort
Und mach dir doch endlich zur Zeit Zeit!
Wer die Zeit totschlägt, den schlägt die Zeit tot.
Leer stürzt er in zeitlose Todzeit.


Verzweifelter Stand des Menschen
»Gott schuf die Welt aus dem Nichts«

Ich bereu was mir gelungen,
Ich bereu was mir mißlang.
Ich bereu was ich bezwungen,
Ich bereu was mich bezwang.

Ich bereu den ich nicht küßte
Und den ich geküßt, den Kuß.
Ich bereue meine Lüste,
Und daß ich verschmachten muß.

Ich bereue meine Treue,
Ich bereue meinen Trug,
Ich bereue was ich scheue,
Und daß ich es unterschlug.

Ich bereu, weil ich mich spreizte
Und nicht trat in Gottes Ring,
Ich bereu, daß die gereizte
Seele nicht zum Teufel ging.

Ich bereu das Wortgebräue
Und mein Schweigen, wenn es schwält,
Ich bereue ich bereue
Selbst die Reue, die mich quält.

Denn aus Nichts hat mich beschieden
In sein All der Herr des Lichts.
Und das Nichts in mir sucht Frieden
Immer wieder nur im Nichts.


III

Hymnarium

 

Abendgesang

   Jedes Schlafengehn
   Ist eine Niederlage.
   Was ich getan am Tage
   Ist tief mißlungen.
Ein fester Ringer hat mich hingezwungen.
   Nun da's geschehn,
   Und lang ich liege,
Ist es viel schöner doch als alle Siege.
   Ich schmiege mich in meine Wiege
   Und trage keine Frage
   Um Tag und Auferstehn.


Der Schlaf

Ein guter Zecher des Schlafes bin ich.
Nach langer Nachtwache
Froh bereit ich mich zum Gelage.
Hab ich mich hingestreckt
Und das wartende Licht gelöscht,
Bald tritt hervor aus der Nische
Der kühle Dienstengel der Nacht.
Den Finger taucht er in seinen Kristallkelch
Und netzt mir den Mund mit dem schwarzen Wein,
Von dessen Genuß
Die Toten trunken bleiben,
Volltrunken, solange ihr Tod währt.

Leicht durcheil ich die Vorstadt der Träume,
Ungenaue vertraute Wimmelstraßen.
Tief unter ihr
Liegt der Einkehrhof meines Gelages.
Da kommen die Gäste,
Sie liegen mit mir zu Lager,
Teilnehmend an meiner unteren Einsamkeit
Wie soll ich sie nennen,
Sind es Tiergötter, ich vergesse sie immer wieder,
Hundskopf, Hornhaupt, Widder und Schlange,
Ein hochfahrender Habicht, der sich niederläßt?
Mit aufgehobenen Häuptern liegen wir,
Sehen uns an, tauschen weises Gespräch
Und reichen rundum den Becher der Deutungen,
Der die Atemzüge des Schläfers
Tief sein läßt und gleichmäßig.

Hier aber lauert Gefahr.
Wenn ich zu weit mich gewagt in den Schlaf,
Wenn das Gelage zu voll mich beglückt,
Wenn in des Atems Vaterhaus
Unentschieden die Waage zittert,
Warum dann zurück,
Warum dann hinauf in minderes Wissen,
Warum dann wieder empor
In alltäglich bittere Unternehmung?

Hinter dem Vorhang wird's rot.
Das schneidende Vogelgewirre beginnt.
Trocken brennt das geschlossene Auge.
Doch hervor aus dem Tor
Fahren die Dienstengel all des Morgens.
Aus ihren irdenen Krügen
Besprengen die Lider des Schläfers sie
Mit einem blitzenden Tropfen:
   Ein Tropfen vom Wasser der Auferstehung,
   Ein Tropfen vom künftigen Bad,
   In dem die Toten erwachen werden
   Und jubeln, solange Gott dauert.


Morgenhymnus

Ich bin nicht tot. Durch Spalt und Ritze
Verwundet mich der scharfe Strahl,
Und im durchglühten Selbstbesitze
Leb ich noch ein Mal, noch ein Mal.

Durch offne Läden bricht mit Wogen
Ein Blau, das mir noch nie geblaut.
Die Luft ist kindhaft vollgesogen
Von Sonnenmilch, die niedertaut.

Der Dampfer draußen auf dem Meere
Röhrt riesig wie ein Hirsch zur Brunft.
Von Bergen blitzt geheimer Heere
Sicht-unsichtbare Niederkunft.

Ich bin nicht tot. Laut möcht' ich's brüllen
In diesen Tag der Gnadenwahl.
Und alle meine Segel füllen
Sich heut noch ein Mal, noch ein Mal.


Immer das letzte Mal

O Abschiedsgeheimnis des letzten Mals!
Ich sitze im Park einer wildfremden Stadt.
Nie zittert mir wieder dies silbrige Blatt,
Nie wieder das Lispeln des Springbrunnenstrahls.

Wo bleibt diese Stunde und was in ihr leibt?
Die Taube, die jetzt den staubenden Kreis
Der Tropfen durchschneidet, so geisterhaft weiß,
Wo bleibt diese Stunde? Und dennoch: Sie bleibt!


Fortschritt

Unheimlicher wird mir die Welt,
Je tiefer sich mein Leben jährt.
Was rings der kleinste Blick erfährt,
Mit Zauber-Ferne mich befällt.

Ein Welkblatt löst das Herz mir los,
Ein Vogelnest auf nacktem Strunk.
Der kleine Tümpel, grün von Moos,
Bringt sinnende Erschütterung.

Es ist, als ob ein andrer Mann
Verstünd' in mir, was mich umraunt,
Indes mein Selbst, dicht nebenan,
Erschrocken und schwerhörig staunt.


Das Felsengrab

In einem Felsengrab,
Das aus Musik gehauen ist,
Möcht' ich einst schlafen gehn.

Rund wölbt die Höhle sich
Aus bogigem Gesang.
Die sanfteste Erschütterung
Verzehrt, was sterblich ist,

Bis aus dem Todesbad
Auftaucht der reingewaschene Geist:
Anschauung Gottes? Schwerlich wohl!
Anhörung sicherlich.


Gebet um Sprache

Gib mir nicht Macht über die Sprache,
Gib mir der Sprache Macht über mich!
Ich mag nicht mit flinkem Fingerspiel
Silben fädeln wie geglättete Kugeln.
Laß mich an überraschender Biegung
Dir begegnen im Dornbusch des Wortes,
Im stotternd zerrissenen Strauch,
Der mit der bläulichen Flamme
Deines Gleichnisses brennt!


Gebet in der Dämmerung

Wenn ich schreibe, Herr, sei ich Dein Stift,
Tauch mich in mein Blut als Deine Feder,
Wolle schreiben mich mit schöner Schrift!

Denn mein eigner Sinn ist voll Entweder
Und voll Oder, voll Sowohl-Alsauch,
Stören und verstören kann mich Jeder.

Aber wenn ich in den Winterrauch
Durch das Fenster starre ins Vertagen
So wie jetzt, belebt mich fremder Hauch.

Überm Blatt vernehm ich Dein Weissagen
Flüsternd zu Dir selbst. Leicht wird mein Leib,
Denn er ist durchdrungen und getragen . . .

Herr, hier bin ich! Faß mich an und schreib!


Gebet um ein rechtes Ende

Wenn im frostgebräunten Rasenpelze
Meines Tages nichts mehr plötzlich blüht,
Wenn kein März und keine Winterschmelze
Jäh mehr überwältigt das Gemüt,
Wenn im Herzen keine Sonnenwende
Frisch erregt die innre Jahreszeit,
Dann, mein Herr und Gott, ist es so weit,
Und ich bitte um ein rasches Ende.


Flucht des Werkes

Es ist ein großer Widerstand
In allem Werk.
Ihr wißt es ja: Kein Werk will werden.

So weigerte der Gotteshand
Sich auch die Welt.
Ungern entstanden Stern und Erden.

Die Schöpfung schlief in warmen Decken
Und wehrte sich, das müde Kind,
Als Gott hereinkam, es zu wecken.

Auch was wir bilden und ersinnen,
Will durch die Finger unsrer Hand,
Der formenden, geschwind entrinnen.


Der Kalender des Schlafes

Der Säugling schläft die Nächte durch und Tage,
Ihm ist die Zeit wie Wiesengras nichts wert.
Des Knaben Schlaf hält kürzer schon die Waage
Dem wachen Sein, das endlos wiederkehrt.
Der Mann, voll Wichtigtuns im Reich der Plage,
Mit Ungeduld acht Stunden Schlaf verzehrt.
Der Greis zuletzt nach flüchtiger Ruhelage
Erhebt sich sanft und sonderbar entschwert.
Des Lebens Absturz wird unmerklich so gelindert:
Gott mehrt die Zeit, je mehr die Zeit sich mindert.


Die Wohltat der Gifte

Wenn Bauern Hopfen, Wein und Gerste fechsen,
So ernten sie nicht nur die Sonnenkraft,
Denn Nacht und Mond auch wirkt in den Gewächsen,
Und jeder Saft bedingt den Anti-Saft.
Im Wein schläft Gift, in allen Früchten Gärung,
Es lauscht der Tod in Korn, Tabak und Mohn.
Doch ohne diesen Tod war' die Ernährung
Ein Ekel, mißvergnügt und monoton.
Das Gift bemeistert erst die Lebens-Leere,
Die Sonnenkost bedarf des Gegenteils.
Gott selbst schickt uns das Übel in die Quere
Als tiefere Notwendigkeit des Heils.


Sinn des Gleichnisses

Dichter, nenne ich dein Sprachverhalten
Kindisch oder gar betrügerisch?
Taschenspielend täuschelst du Gestalten
Und vergleichst den Vogel mit dem Fisch . . .

   »Nein! Ich stell zwei Spiegel nur im Traume
   Gegenflächig auf und habe acht,
   Was der Ein' in seinem Tiefenraume
   Von des Andern Welt unendlich macht.«


Die Licht-Tiere
(Kabbalistisch)

Wie eine stumme grasende Herde
Malmen sie träge die Halme des Lichts.
Sie spielen und wogen, die goldenen Pferde,
In schauenden Augen das strahlende Nichts.

Dann strecken sie müde sich aus auf den Hängen,
Von Gott geweidet, getränkt und gespeist,
Und aus bewußtlosen Überschwängen
Kehrt ruhig ihr ungekräuselter Geist.

Kein Schlaf darf die göttlichen Tiere beschweren.
Nur manchmal zieht, aus Dunkel geballt,
Ein Bild, ein Wort, ein Traum, ein Begehren
Durch ihre aufschauernde Strahlengestalt.

Die düstere Trübung geht ganz nicht verloren.
Sie stoßen sie aus mit nüsternder Kraft.
Doch im Hause der Menschen wird jäh dann geboren
Ein Lied, ein Schmerz, eine Wissenschaft.


Das Rosenöl

Die ich erstand im gellenden Bazar,
Ich öffne nun die längstentleerte Tube,
Darin gekeltert aus dem Ernte-Hube
Von Rosenwelten einst ein Tropfen war.

Vergeudet ist das Öl seit manchem Jahr.
Und dennoch: Aus der hölzern toten Grube
Entfaltet sich und flügelt durch die Stube
Ein großer Duft und füllt sie ganz und gar.

Aufschaudern muß ich, denn mein Geist erkennt's
Wie sehr die Tube ihren Preis gelohnt hat,
Da sie Unfaßbares mir fast enthüllt.

Gemahnt sie doch, daß auch die Gott-Essenz,
Die unserm Menschenleibe eingewohnt hat,
Vergeudet noch das All mit Duft erfüllt.


All-Chemie

Nun hat in einem Blitz-Momente
Der letzte Sinn sich mir geklärt,
Und schon ist mir das Streng-Getrennte
Der Dinge pflanzlich zugewährt.
Aus Tisch und Krug und aus Gezweigen
Des Gartens dringt Geheimsignal,
Gleich Augenwink und Fingerzeigen.

Die Sprache kann es nur zerbrechen,
Das Wissen, das mich jäh durchgrellt,
Wie im Kristall der Lebensflächen
Ein Wesen fest das andre stellt.
Dies welke Blatt hier in der Helle
Und auf dem fernsten Stern ein Halm
Durchwirken sich in jeder Zelle.

Mit Strahlen Strömen Influenzen
Der Bindung ist das All durchfunkt
Und über Fühl- und Fassungsgrenzen
Wirkt jeder Punkt auf jeden Punkt.
So wächst das Ich auf seinem Eiland
Zur Welt- und Gottesmitte gar,
Zur Krippe für das Kind, den Heiland.

Ich bin, du bist nur eine Note
Im langsam werdenden Gesang.
Wir wandeln nach dem Klang-Gebote
Im strengen Satze unsern Gang.
Die Note kann vom Lied nichts wissen,
Doch wenn die Ahnung sie berührt,
Vibriert sie plötzlich hingerissen.


Gleichnis der Nacht

Erdennacht mit allen Finsternissen,
Wer kann sagen, daß sie wirklich sind?
Nur das kurze Lichtband ist zerrissen,
Das die nahe Sonnenkugel spinnt.
Doch ein Bronn von Sonn und Abersonnen
Schleudert Licht gewaltigerer Art
Uns herab, aus dem die Nacht gewonnen
Und die Dunkelheit wird augespart.

Tod. Ein .Wort nur. Wer es ausgesprochen,
Weiß nicht, ob es Wirklichkeit umfängt.
Wohl, die Leiber werden aufgebrochen,
Wohl, die Wesen werden abgehängt.
Doch vielleicht ist diese nächste Schwächung
Eine Kräftigung der fernsten Art
Und des Lebens dunkle Unterbrechung
Gleich der Nacht aus eitel Licht gespart.


Radioaktive Quelle

Wer weiß, wie tief sie entspringt,
Die stetig mit Blasen und Sprudeln
Und in hastigen Wasser-Rudeln
Die starren Granite durchdringt.

Ihr Heim ist, wo streng den Kristall
Die dichtesten Kräfte errichten,
Sie kommt aus unschuldigen Schichten,
Sehr tief unterm Sündenfall.

Darum, wenn im Becken sie steil
Sich aufreckt zu voller Verteilung,
Versprüht sie in Schauern der Heilung
Einen Hauch noch vom ewigen Heil.


Die Quelle der Kindheit

Auch in mir entspringt die alte Quelle
Meiner Kindheit, die ich lang erlitt.
Und sie bricht hervor an mancher Stelle
Durch die Lebensrinde von Granit.

Dort, wo sich die eitlen Lügen richten,
Wo des Schlafes Aug wohnt, schauend echt,
Ist ihr Ursprung, in den reinen Schichten,
Die sich breiten unter dem Geschlecht.

Sehnend saugt sie aus dem Vorbewußten,
Aus der Mitgift, die mir Gott geschenkt,
Ihren Drang, mit dem sie alle Krusten
Der Erwachsenheit geheim zersprengt.

Manchmal muß sie Monde sich verstecken,
Weil ein dichter Block den Lauf ihr hemmt.
Doch sie siegt. Und dann bin ich das Becken,
Das sie heiß und salzig überschwemmt.


Gottesfinsternis

Auch an dem Glaubenshimmel deines Tages
Hängt plötzlich Gottesfinsternis . . .

Von Horizonten hagelt Sturmangriff
Eishältig dir ums Haus.
Die Bäume alle werfen
So fremde Schatten, wie man nie gesehn.
Die Blätter hängen schlaff
Und aufgeschwemmt gleich überwachsnen Früchten.
Das Wasser selbst im Rohr
Vergurgelt schauerlichen Dialekt . . .

Du aber hast
Insektenhaft das einstige Licht vergessen
Und schenkst dem ganz zerzognen Bild der Welt
Und ihrer Herzerfrorenheit
Nicht einen Augenblick Verwunderung.

Erschrick doch wenigstens,
Daß die am Tag erwachten Fledermäuse
Verzweifelt sich an deine Fenster werfen!


Gottesferne Gottesnähe

Wo er wirkt, ist Sein Belieben.
Er entstürzt wie ein Komet.
Und in dir, zu Nichts zerrieben,
Schwinden Glaube und Gebet.

Plötzlich fühlst du, schon entfaltet,
Seiner Nahung Sternenlauf.
Strom erfaßt dich. Und Er schaltet
Sich in deinem Innern auf.


Jede Schönheit

Jede Schönheit macht die Seele schwellen
Jede Schönheit unsre Kehle würgt.
Wenn die Tränen der Verzückung quellen
Ist der Schöpfung Geist in uns verbürgt.

Bühl und Bäume waren leere Stücke,
Eh mein Schauen sie zusammenschlang.
Zwischen hier und dort die hohe Brücke
Spanne ich mit meinem Augendank.

Dieses Parks frühmärzliche Entfaltung,
Der Allee, des Weihers letztes Weiß
Und der Weide mutterschwere Haltung
Schwingt durch mich als reinster Gottbeweis


Gottes Name im Menschen

Er, der sich ewig birgt,
Schrieb in Sein Ebenbild
Doch eine schwache Spur.
Im Winkel, der kaum gilt,
Dort, wo nichts prahlt und wirkt,
Steht Seine Signatur.

Der Auftrag ist verblaßt,
Der Firnis staubbedeckt,
Das Ganze übermalt.
Wer sucht, o Zeit und Hast,
Im Bilde tief versteckt
Ein Zeichen, das nicht strahlt?

Doch Er, den nichts beweist,
Den keine Frage preßt,
Ob Sein er sei, ob Trug,
Durchschriftet leis den Geist
Und hält den Flüchtling fest
Mit Seinem Namenszug.


Lob des Lobes

Wovon lebt das Unerschaffne Sein,
Gott der Herr, der mit sich selbst All-Ein?
Fällt nicht manchmal an den Seligen Fürsten
In dem Abgrund Seiner selbst ein Dürsten?
Schneller schwingt sich dann der Engel Kreis
Um die Mitte mit entflammtem Preis,
Daß des Hymnus ewige Opfergabe
Fort die Schattung von der Gottheit labe.

Auch der Mensch, nein, jede Kreatur
Lebt nicht, - höchstes Wort, - vom Brote nur.
Trunk kann munden nicht und bester Brocken,
Ist der Abgrund einer Seele trocken.
Doch wenn's an die Türe herzlich klopft,
Und ein Lobwort warm ins Innre tropft,
öffnet das Versiegte sich der Speisung:
Jede Wesenheit sehnt sich nach Preisung.


Tempora mea in manibus Tuis

Wem angehöre ich? Den Meinen? Nein!
Die Meinen, die ich meine, sind nicht mein.
Der Nächste selbst bleibt kalt und fremd wie Stein.

Wem angehör ich? Einem Volke? Nein!
Nur Furcht und Trunkenheit treibt zum Verein,
Und unter Tausend bin ich tausendmal allein.

Wem angehöre ich? Mir selber? Nein!
Wer ist Ich selbst? Ein finster Fleisch und Bein,
In dem die Ampel schwankt mit Totenschein.

Wem angehör ich also? Ich bin sein,
Denn Sein ist sein, und schmieg mich, nun ich wein',
In seine offne Vaterhand hinein.


Elegie der Schöpfungsliebe

Wer liebt nicht, wenn der Himmel tiefblau ist, die Menschen?
   Alles sonnt sich an allen Ufern,
   In allen Augen flutet und ebbt das Meer.
Sie stoßen die Boote ins Wasser, Knaben schreien.
Ein uralter Fischer sammelt das Netzgarn auf.
Seine unermüdlichen Kiefer kauen emsig den Frühling.
Dort eine Kranke schleicht, auch sie vergoldet.
Und all die Gestalten der eitel schreitenden Frauen
Umfängt unsre tiefe, wunschlose Freude.

   Ein Aufschluchzen lang
Diese Ahnung des bunt umzauberten Sinnes,
Ein staunendes, ein entzücktes Erbarmen
Mit unserer ganz kurzen Welt!

So vielleicht lieben uns die Engel, so die Dämonen,
Die nicht einbezogen sind in das Spiel.
Sie sehn das farbenselige Verwesen
Und das Licht, das im Herzen der Fäulnis brennt.
Da faßt die Engel ein staunendes, ein entzücktes Erbarmen,
Ein Schauder aufschluchzender Heiterkeit . . .

   Und vielleicht ist diese leichte vergleitende Rührung
   Der hochgerühmte Lobgesang des Himmels.


Mysterium der Auserwählung

Du warst im Unerschaffnen vorbereitet,
Bevor das Licht noch reif war meinem Ruf.
Dich hatte ich der Zeit schon eingezeitet,
Eh ich die Ungeduldige erschuf.
Aus der Gestirne Billionenherde,
Aus allen Wesenheiten, Stamm für Stamm,
Bestimmte ich die kleine kühle Erde
Und holte dich hervor aus Abraham.
Doch dir, dem ich mein erstes Wort gegeben,
Dir ließ ich frei, dem Wort zu widerstreben.

Wenn alle irrten, floß in deine Schriften
Ein loher Tropfen mit von meiner Schrift.
Ich gab dir auf, das Heil der Welt zu stiften,
Und diese Mitgift wurde dir zum Gift.
Doch du nur konntest tragen die Erschwerung,
Die meine Last dir auferlegte scharf,
Nur du erdulden jene Wertverkehrung,
Die dich mit allen Völkern überwarf.
Dein Leid zog mich herab wie Felsgesteine.
Du warst mein Kind. Drum wurde ich das deine.

Verborgen bin ich in dir umgegangen.
Nun gehts du selbst, der Welt verborgen, um.
Wie deine Dornen in die Stirn mir drangen,
So bist nun du der Dornen Eigentum.
Ich flehte nachts zu mir, daß ich es wende,
Nun lausch ich in den Nächten deinem Flehn.
Und dann ging ich den Leidensweg zu Ende,
Und du, auch du wirst ihn zu Ende gehn.
Sooft du feig versuchst, ihn abzukürzen,
Muß ich dich in dich selbst zurückestürzen.

Doch habe Trost! Nur jene, die dich hassen,
Beschwören, daß dein Heil vergeudet sei,
Daß du gekündigt und in Schmach entlassen,
Als grauser Fortwurf wesest, vogelfrei.
Geschöpfen nicht, auch nicht den Engeln oben
Ward kundgetan in ihrem Strahlenchor,
Wozu du dreifach sein wirst aufgehoben,
Wenn der Atome letztes sich verlor,
Wenn die Posaune durch die Tiefen schauert,
Und du dein Überstehn hast überdauert.


Die Erweckung des Propheten Jesaja

So fremd wuchs alles, als er, aufgerufen,
Den Kopf aus seinem Fransenmantel hob.
Der Tempel schwankte leicht mit Säul und Stufen
Im Räuchernebel, der ihn dicht durchwob.

Noch war es völlig sichtbar nicht geworden
Das Unsichtbare, das ihn jetzt umdräut.
Wie Sprudel quoll's, wie blaues Überborden
Im Raum umher, und schwand und ward erneut.

Der Ort des Quellenmunds ließ sich nicht finden,
Durch den ins Haus einschoß des Herrn Person.
Doch wo man aufsah, mußte man erblinden.
Der Thron war nirgends. Überall war Thron.

Und um den Thron, das blaue Überquellen,
Wogten die Boten, eifervoll beschwingt,
So wie sich Möwen sammeln, wie Forellen
Von allen Seiten, wenn ein Brocken winkt.

Die Seraphsengel hatten jede Größe
Vom Flügelstier bis zum Libellenkind.
Zwei Schwingenpaare deckten ihre Blöße,
Das dritte trug sie und erzeugte Wind.

Die Flügel aber, die dem Haupt entsprangen,
Die legten sich zurück wie ein Geweih,
Wenn sie ihr Heiligheiligheilig sangen
Mit Adlerruf und großem Habichtschrei.

Der Seherjüngling brach in sich zusammen
Und bohrte seinen Kopf in das Gewand.
Die Lippen platzten ihm, zwei wunde Schrammen,
Die Zunge schwoll, das Blut floß zäh wie Sand.

Er wußte nicht, wem die Herabkunft gelte,
Er ahnte nicht, wer Würdigung erfuhr,
Noch auch für wen der Herr im Tempel zelte.
Unrein bin ich! Dies einzig faßt' er nur.

Ein Seraph aber griff mit goldner Zange
Die glühe Kohle von des Altars Grund
Und schwebte über seinem Scheitel lange
Und sank herab und rührte ihm den Mund.

Da stürzte Schmerz, den kein Geschaffner kannte,
All Schmerzes Blitzschlag, - doch was ist das: Schmerz? -
Ins Leben ihm und fraß es leer und brannte
Die Lunge aus und Leber, Hirn und Herz.

Nun stand er wie ein Opfer ausgeweidet,
Doch voll Gelassenheit. Die Furcht war fort,
Und nichts in ihm, woran ein Mensch noch leidet.
Kühn sah er auf . . . Und es erging das Wort.


Die drei Jünglinge im Feuerofen

Der König heulte gereizt:
Wenn die Wasserorgel erdröhnt,
Dann kohlen, die mich verhöhnt
Im Ofen neunfach geheizt.

Die Glut hat die Pranken gespreizt,
Daß der Henker sein Leben verstöhnt,
Doch die Drei Wehn, wie Wunder gewöhnt,
In den Schwalch, dessen Qualm sie nicht beizt.

Sie drehn sich im kochenden Schacht
Die psalternden Tänzer, umtanzt
Von der wedelnden Hölle. Da taucht

Ein vierter Tänzer zur Wacht
Hinter sie, aus der Weißglut gestanzt,
Die er fröstelnd als Mantel gebraucht.


Die Himmelfahrt des Propheten Elia

Der Gefährte sah nur ein umzirktes Gewitter
Über der Furt, die Elia gewaltig durchtrat.
War's ein Gewitter? Die Sensen seraphischer Schnitter
Blitzten die Blitze und mähten in Schwaden die Mahd.

Warnend schrie er, damit vor dem göttlichen Strahle
Der Prophet sich wende rückwärts zur Flucht.
Doch zu spät! Schon platzte dem Wetter die Schale
Und es spaltete sich wie eine trächtige Frucht.

Feuriger Fruchtkern schoß umknattert zur Erde,
Die von dem gleißenden Aufprall ein wenig zerriß.
Scharf stand der Wagen. Zwei mähnenbrennende Pferde
Tänzelten, stiegen und schäumten ins grelle Gebiß.

Ungedulden war alles an dieser Karosse:
Prasselnde Räder, aus Schmelzflut Speiche und Reif.
Ungedulden ließ fliegen die Flanken der Rosse,
Heimweh nach Himmel peitschte den lohenden Schweif.

Nur der Lenker hielt starr auf erhabenem Bocke
Strahlen als Zügel gepackt und Blitze als Schnur.
Antlitz aus Stern, aus Sonne der Bart und die Locke
Tauchte streng aus dem flockigen Pelz von Azur.

Doch Elia, der Gott-Besuchende, schürzte
Rasch sein Gewand, als gelte die Fahrt ihm gering,
Und er schwang sich, ein Kenner, den nichts mehr bestürzte,
Königlich auf und gab den befreienden Wink.

Jetzt sah der Zeuge nichts mehr. Er warf seine Hände
Vor die verbrüheten Augen und schlug in den Sand.
Hagel steinigten rings das erwählte Gelände,
Donner begruben die Stelle, die solches bestand.

Als sich der Schwache erhob, brach durch den Stappel
Brandiger Wolken ein Himmel, kränklich besternt.
Nichts als Regen war da, ein klapperndes Rossegetrappel,
Das sich verzieht und in hallende Räume entfernt.


Legende von der Sprache

Sprache ist an uns ergangen
Vor des Lebens Wann und Wo.
Unser Geist bleibt eingefangen
Ewiglich im A und O.

Dinge sind vielleicht nur Zeichen,
Doch das Wort ist mehr als Schein.
In sein Herz hineinzureichen,
Heißt der Gottheit näher sein.

In der Erde Frühentfalten,
Als noch schwieg der junge Stern,
Traten stumm die Völker-Alten
Alle vor den höchsten Herrn.

Doch sie haben in der Halle
Den sie sehnten nicht erschaut,
Denn mit einem Feuerwalle
Hielt der Hymnus Ihn umbaut.

Trostlos sanken sie zusammen.
Da entrang sich ein Befehl.
Und schon drang aus Engel-Flammen
Rapha-Micha-Gabriel.

Jeder hob sein Schwert und schwang es
Und er schlug, sich beugend rück,
Aus der Lava des Gesanges,
Aus dem Sanktus Stück um Stück.

Und die glühen Sanktus-Stücke
Reichten sie mit Klang und Reim
Den Entsandten aus der Lücke,
Daß sie's trügen würdig heim.

Längst ist diese Glut erloschen
Und des Wortes Haut liegt nackt,
Ton und Reim sind abgedroschen
Und die Lava ist verschlackt.

Dennoch schwebt in späten Nächten,
Wenn nichts schnattert mehr und schreit,
Wort an Wort mit Engelmächten
Durch mein Zimmer, unentweiht.

Und ich werde, hingekauert,
Jenes ersten Sanktus inn',
Während mich die Scham durchschauert,
Ob ich seiner heilig bin.


Hymnus an die Vögel

Vögel, der Engel Verwandte,
Gespielen der preisenden Schar,
Die Gott zur Erde entsandte
Und bannte ins hiesige Jahr,

Verzwergt ist euer Gefieder
Im Luftzug der Niederkunft,
Und die Rühmungen euerer Lieder
Sind zum Gezwitscher verschrumpft.

Doch wenn ich sehe und höre
Wie ihr jene Ulme umjagt,
Dann denk ich der Mächte, der Chöre
Am Thron, der das All überragt,

Dann kann ich im zuckenden Wesen,
In der Unruh, die hinpfeilt und kreist,
Den Leichtsinn der Seraphim lesen
Und den drängenden Botengeist,

Dann schmilzt im Geschwirr und Geflitze
Die Ulme mir golden davon,
Und Schwalben der Allmacht wie Blitze
Umfahren den raumlosen Thron.


Die Blindschleiche

   Mein Gedächtnis ist schwächlich und klein.
   Und doch fiel mir heute nach dreißig Jahren
   Die arme graue Blindschleiche ein,
   Die auf der Straße ein Rad überfahren.
   Der Bauch der Schlange war rosenrot,
   Wir Kinder umstanden den kleinen Tod.
Und heute wie damals durchzuckt mich erbarmendes Grauen,
   Muß ich, vom bissigen Mittag umloht,
Das Fliegengewirr auf der schillernden Schleiche schauen.

   Ich kann in meinem inneren Sinn
   Nach dreißig lauten unendlichen Jahren
   Erbarmend das Bild eines Schlängleins bewahren,
   Der ich selbst nicht viel andres und besseres bin.
   Und Du in ohnzeitlicher Gegenwart,
   Du wärest vergeßlich, Du wärest hart?
Nein! Aus Deinem Er-Innern wirst Du mich loten,
   Darin, Allerbarmer, bleib ich gespart,
Bis der Sturm Deiner Liebe mich weckt am Tage der Toten.


Hymnus an das Gedächtnis

Des Lebens abgelebte Dinge
Sind mehr als ein verdauter Dung.
In uns weht Tag und Nacht die Schwinge
Des Engels der Verewigung.

Drum sing ich sieghaft das Gedächtnis,
Das vom Gewühle überquillt.
In ihm zutiefst gab die Ermächtnis
Uns Gott zu Seinem Ebenbild.

Wenn wir erfüllte Stunden rufen
Aus überschattetem Verbleib,
Dann kleiden wir, was wir nicht schufen,
Freischöpfend in verklärten Leib.

Und also auch die Abgestalten,
Die unsre Schuld nach oben hetzt,
Sind Zeichen, daß in uns enthalten
Die Hölle ist und eingesetzt.

Was auch verwischt die Ichverwehung,
Nicht hüllt des Augenblicks Gekreisch,
Daß wir der Kleinen Auferstehung
Gottheiten sind in unserm Fleisch.


Echnatons Sonnengesang

Wenn Du im hochgelobten Osten
Das Eis der Dämmerung durchdrückst,
Und rot an meines Bettes Pfosten
Mit ersten Strahlen höherrückst,
Dann tauml ich auf, daß mich umbrause
Des Morgens sturmverwühlte See,
Dann kniee ich mit meinem Hause
Vor Dir, mein Vater, Aton Rê!

Wir schliefen mit verstopften Nasen
In unsrer eignen Unterwelt,
Wir hockten lahm in Traum-Oasen,
Von Feinden unsichtbar umstellt.
Da wir nicht liebten und nicht sangen
Auf grauer, todbetrübter Trift,
Entkrochen uns verborgene Schlangen,
Die stechenden, mit ihrem Gift.

Nun aber hast Du Dich erhoben,
Aton, in Deiner Glut-Figur,
Da blickt die Raupe selbst nach oben,
Der Käfer in der Räderspur.
Die Welt, erweckt von Purpur-Güssen,
Bricht wild aus der Verpuppung vor.
Es hüpft das Lamm auf seinen Füßen,
Der Ibis flattert aus dem Rohr.

In allen Städten, Häusern, Kammern
Reckt sich entfesselt Arm bei Arm.
Zersprengt sind selbst der Krankheit Klammern
Von Deinem schmetternden Alarm.
Die Menschen werden sich vorhanden
Im Licht nun, dem kein Ding entgeht.
Wenn sie sich waschen und gewanden,
Ist es wie rührendes Gebet.

Du bist nicht nur die Sonnenscheibe,
Darein Du kleidest Dich seit je,
Du bist in unserm Menschenleibe
Die große Amme, Aton Rê.
Des Mannes Samen machst Du reiflich,
Die Milch im Weib erregest Du.
Du weckst den Atem unbegreiflich
Und führst ihn seinem Ende zu.

Auf meinen breitgebauten Stufen
Seh ich die Welt so voll wie nie.
Ich seh, was Du hervorgerufen,
Den Strom, die Palmen, Mensch und Vieh.
Doch plötzlich werden die Gestalten
So schwach und schwankend im Bestand.
Ich kann die Schöpfung mir verhalten
Mit meiner kleinen großen Hand.

Dich aber kann ich nicht verhalten,
Denn wo Du nicht bist, bin ich nicht.
Mit unerträglichen Gewalten
Lohst Du in mir als Liebeslicht.
Die Liebe drängt, hinabzusteigen
Zur Welt im Gottes-Überschwang,
Und mich vor jedem Baum zu neigen
Mit tränenströmendem Gesang.

Die Erde hast Du mir errichtet,
Nur mir die Wölbung, die sie schließt,
Für mich hast Du den Nil verpflichtet,
Der unten, doch auch oben fließt.
Mein Auge sonnt, daß es Dich segne,
Du, Sonne, äugst, daß Du mich siehst,
Ich lebe, daß ich Dir entgegne,
Du lebst, damit Du mich genießt.

Die Millionen Leben quillen
Aus Dir, weil ich Dich ganz versteh,
Um Dein und meiner Liebe willen
Schufst Du die Schöpfung, Aton Rê.
Nun rüst ich mich, zur Welt zu fahren
Auf meinem goldnen Wagen-Thron,
Und im Gesang zu offenbaren
Des Vaters Liebe durch den Sohn.


 

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