Auswahl der Gedichte von Gertrud Kolmar

Das Wort der Stummen

Der Engel im Walde

Ich aber traf ihn nachmittags im Wald.
Ein Wunder, das durch Buchenräume ging,
So menschenfern, so steigend die Gestalt,
Daß blaue Luft im Fittich sich verfing;

Das Antlitz schien ein reines, stilles Leid,
Sehr sanft und silbrig rieselte das Haar,
In großen Falten schritt das weiße Kleid.
Er schaffte nichts, er sagte nichts; er war.

Und nichts an ihm, was schreckte, was verbot,
Und dennoch: keines Sterbens Weggenoß,
Daß meine Lippe, ob auch unbedroht,
Erstaunten Ruf, die Frage stumm verschloß.

Ein Blatt entwehte an sein Gürtelband,
Vergilbt und schon ein wenig krausgerollt;
Er fing und trug es in der schmalen Hand
Wie ein Geschenk aus Bronze und aus Gold.

Wer sah ihm zu ? Das Eichhorn, rot am Ast,
Und Rehe, die das Buschwerk schnell verlor.
Und Erlen wanden schon im Abendglast
Wie schwarze Schlangen züngelnd sich empor.

Er regte kaum die dünne Blätterschicht
Mit weichem Fuß. Er hatte ewig Zeit
Und zog: wohin? In Stadt und Dörfer nicht;
Er wallte außer aller Wirklichkeit.

Nicht unsre Not, nicht unser armes Glück,
Nur keusche Ruhe barg sein Schwingenpaar
Ich folgte nach und stand und blieb zurück.
Er brachte nichts, er sagte nichts: er war.

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Das Wort der Stummen

Der Mißhandelte


In meiner Zelle brennt die ganze Nacht das Licht.
Ich stehe an der Wand und schlafen darf ich nicht;

Denn alle zehn Minuten kommt ein Wärter, mich zu schaun.
Ich wache an der Wand. Sein Hemd ist braun.

Die andern kehren wieder, unterhalten sich
Mit meinem Schrein und Stöhnen, lachen über mich,

Sie recken mir die Arme gewaltsam, nennen's Sport.
Ich breche in die Knie ... und endlich gehn sie fort.

Ich sah nicht Bäume, Sonne - ob es die wirklich gibt ?
Ob wo ein armes Kind noch seinen Vater liebt ?

Kein Zeichen mehr, kein Brief - und ich habe doch eine Frau!
Sie sagten: »Du bist rot; wir schlagen dich braun und blau.«

Sie peitschten mit stählernen Ruten und mein Rumpf war bloß . . .
O Gott! O Gott! Nein, nein! Ich bin ja glaubenslos,

Ich habe nicht gebetet im Felde, im Lazarett,
Nur abends als kleiner Junge, und die Mutter saß am Bett.

Die Erde ist Kerkergruft, der Himmel ein blaues Loch.
Hörst du, ich leugne dich! Mein Gott... ach, hilf mir doch!

Du bist nicht: wenn du wärst, erbarmtest du dich mein.
Jesus litt für euch alle; ich leide für mich allein.

Ich steh' und sinke ein bei Wasser und wenig Brot
Stunden und aber Stunden. Wie gut, wie gut ist der Tod!

Hingelegt... und verschlossen in tiefem, dunklem Schacht
Keine grelle Lampe. Nur Schlaf. Nur Stille. Nacht. . .

 

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Mann und Weib 1917

Die Verlassene

I Sehnen

Ob du von mir dich fortgewandt -
Komm, Liebster, komm! -
Harrt meine Tür noch deiner Hand -
Komm, Liebster, komm!

Nicht ich ersehn' nur neuen Gruß -
Komm, Liebster, komm! -
Mein Teppich hofft auf deinen Fuß:
Komm, Liebster, komm!

Nicht mich nur quälet Einsamkeit -
Komm, Liebster, komm! -
Mein Sessel macht die Arme weit:
Komm, Liebster, komm!

Nicht mein Aug' nur wird heimlich nass -
Komm, Liebster, komm! -
Die Lampe schimmert gar so blass:
Komm, Liebster, komm!

Nicht mein Gesicht nur bleicht das Weh -
Komm, Liebster, komm! -
Mein Bett ist weißer als der Schnee:
Komm, Liebster, komm!


 

II Was war

Durch vergang'ner Freuden Gasse
Mein Erinnern irrt.
Weit stehn manche Türen offen,
Manches Fenster klirrt.

Und die Häuser warten, winken,
Alle in der Reih';
Immergrüner Efeu raschelt -
Doch ich geh' vorbei.

In des kahlen Fensters Rahmen
Zeigt sich rotes Licht
Und ein Männerhaupt. Ich stocke -
Weiter kann ich nicht

________

Ich möchte nimmer hören
Der Uhren Schlag,
Mit beiden Händen halten
Den kurzen Tag.

Einst schienen sich die Zeiger
Zurückzudrehn;
Mir blieb die Glut der Sonne
Im Mond noch stehn.

Und jünger ward, nicht älter,
Ich Stund' um Stund':
Das tat ein großer Zaubrer,
Ein fremder Mund- . . .

 


III Gleichnis

Der Flieder neigt sich welk in zarter Trauer;
Stolz glüht der Rotdorn im Gewitterschauer.

Er lächelt unter tausend blut'gen Wunden.
So ist die Lieb', die du bei mir gefunden.

Sie beugte sanft sich dir wie weißer Flieder,
Schaut jetzt wie Rotdorn flammend auf dich nieder.

 


 Abschied 1927 - 1932

Abschied

Nach Osten send' ich mein Gesicht:
Ich will es von mir tun.
Es soll dort drüben sein im Licht,
Ein wenig auszuruhn
Von meinem Blick auf diese Welt,
Von meinem Blick auf mich,
Die plumpe Mauer Täglich Geld,
Das Treibrad Sputedich.

Sie trägt, die Welt in Rot und Grau
Durch Jammerschutt und Qualm
Die Auserwählten, Tropfentau
An einem Weizenhalm.
Ein glitzernd rascher Lebenslauf,
Ein Schütteln großer Hand:
Die einen fraß der Mittag auf,
Die andern schluckt der Sand.

Drum werd' ich fröhlich sein und still,
Wenn ich mein Soll getan;
In tausend kleinen Wassern will
Ich rinnen mit dem Schwan,
Der ohne Rede noch Getön
Und ohne Denken wohl
Ein Tier, das stumm, ein Tier, das schön,
Kein Geist und kein Symbol.

Und wenn ich dann nur leiser Schlag
An blasse Küsten bin,
So roll' ich frühen Wintertag,
Den silbern kühlen Sarkophag
Des ew'gen Todes hin,
Darin mein Antlitz dünn und leicht
Wie Spinneweben steht,
Ein wenig um die Winkel streicht,
Ein wenig flattert, lächelnd bleicht
Und ohne Qual verweht.

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 Das Wort der Stummen 1933 / 1934

Anno Domini 1933

Er hielt an einer Straßenecke.
Bald wuchs um ihn die Menschenhecke.

Sein Bart war schwarz, sein Haar war schlicht.
Ein großes östliches Gesicht,

Doch schwer und wie erschöpft von Leid.
Ein härenes verschollnes Kleid.

Er sprach und rührte mit der Hand
Ein Kind, das arm und frostig stand:

»Ihr macht es krank, ihr schafft es blass;
Wie Aussatz schmückt es euer Hass,

Ihr lehrt es stammeln euren Fluch,
Ihr schnürt sein Haupt ins Fahnentuch,

Zerfresst sein Herz mit eurer Pest,
Dass es den kleinen Himmel lässt -«

Da griff ins Wort die nackte Faust:
»Schluck' selbst den Unflat, den du braust!

Du putzt dich auf als Jesus Christ
Und bist ein Jud und Kommunist.

Die krumme Nase, Levi, Saul,
Hier, nimm den Blutzins und halt's Maul!«

Ihn warf der Stoß, ihn brach der Hieb.
Die Leute zogen mit. Er blieb.

Gen Abend trat im Krankenhaus
Der Arzt ans Bett. Es war schon aus. -

Ein Galgenkreuz, ein Dornenkranz
Im fernen Staub des Morgenlands.

Ein Stiefeltritt, ein Knüppelstreich
Im dritten, christlich-deutschen Reich.

 


 Das  Wort der Stummen  1933 / 1934

Begraben

Ich komme aus dem Garten,
Ich bringe einen Spaten,
Ich war bei den Schneebeerbüschen
Und habe ein Loch gegraben.
Ich trug eine schmale Truhe
Mit einer sonngelben Rose;
So trug ich mein liebes Kind,
Meinen kleinen Knaben.

Mit dunkelblonden Haaren,
Mit reinen, sehr sanften Lidern,
Mit Lippen, drauf junge Worte
Wie zwitschernde Vögel nisten.
Er hatte zuweilen Augen
Wie summende samtene Hummeln
Und hatte zuweilen Augen
Gleich dunkleren Amethysten.

Ich stickte mit meinen Träumen
Ihm helle leinene Kittel
Und nähte aus meinem Hoffen
Ihm moosgrüne Lederschuhe.
Ich schritt ein wenig gebückt;
Er hing so an meinem Herzen.
Die Leute sahen ihn nicht. -
Und nun ist Ruhe.

Er wurde seltsam und karg,
So leicht, so still und müde
Und neigte das kleine Haupt
Wie welke Blumen es neigen.
Ich habe ihn eingesenkt

Tief zwischen die Wurzeln der Linde,
Hab' Erde auf ihn gebreitet
Und über die Erde Schweigen.
Und ich habe doch nicht geweint ...


Die Müde

 

Dies Müde, Flügellose ruht auf mir
So wie ein großes, sanftes, goldnes Tier.

Uns trägt, was schwillt: ein Trank, der überlief.
Es blickt mich an. Sein Blick ist gut und tief.

Es lastet schwerer und mein Atem hebt
Es nicht mehr auf. Sein Drachenmantel webt

Ins Düster sich. Ein Zackenkrallen spinnt,
Drum schale Milch aus einem Mohnkopf rinnt.

Nun darf ich nur noch eigne Lider sehn,
Die blau und grüne Pfauenräder drehn.

Ich habe kein Gesicht mehr. Hauch wird Stein.
Bedächtig kehrt mein Schauen in mich ein.

Es steigt hinab, hinab, es fällt, wird dicht.
Der Schwarzschlund sackt es ein: es wehrt sich nicht.

Es sinkt geballt in tauben Mauernkern.
Es ist in sich. Nur seltsam klar und fern

Scheint auch dies Müde, Flügellose hier,
So wie ein kleines, silbern sanftes Tier.

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Carmen

Morgen, morgen habt ihr Ruhe,
jauchzt drum heut' noch, Geigen!
Heut' vertanz' ich meine Schuhe,
Morgen meine Seele!

Morgen, morgen meine Seele -
Mag ins Blau sie flattern,
Singen wie mit Vogelkehle
Helle Jubellieder.

Helle, helle Jubellieder,
Die sie einstmals lernte,
Da mir übers rote Mieder
Manneshände glitten.

Hände, wie so leis sie glitten!
Augen, wie ihr lechztet!
Gab mich euch mit weichen Schritten,
Mit geschloss'nen Lidern.

Ja, und mit geschloss'nen Lidern
Glaubt' ich eurem Kosen,
Ließ ich schweigend mich erniedern -
Meiner Sünden größte !

Meiner tausend Sünden größte! -
In die Laube trat ich,
Als sein Finger scherzend löste
Blauen Mieders Schnüre.

Blauen, blauen Mieders Schnüre!
Saht ihr, Veilchenaugen,
Wie so trüg'risch seine Schwüre?
Wisst ihr's, blonde Flechten?

Wisst ihr's, wisst ihr's, blonde Flechten?
Blasser Mund, du zucktest,
Als der Dolch in meiner Rechten
Deinem Liebsten drohte.

Deinem, meinem Liebsten drohte,
Aus dem argen Herzen
Riss mein Blut, das heiße, rote,
Oder war es seines?

Oder war's nicht wirklich seines?
Wohl, denn meins wird fließen,
Wenn die Ruh' des Abendscheines
Trübt mein Todesröcheln.

Wenn verweht mein Todesröcheln,
Fass das Beil aufs neue,
Schneide, Henker, von den Knöcheln
Meine braunen Füße.

Meine kleinen, braunen Füße
Sollen überm Grabe,
Nachtgespenster, Totengrüße,
Tanzen, tanzen, tanzen!

 


 Früher Zyklus III. um 1920

 

Das große Feuerwerk

Das große Feuerwerk ist nun verpufft.
Und, tausend losgespritzte Fünkchen, hängen
Noch kleine Sterne in des Dunkels Fängen.
Die Nacht ist lang.

Ich lehn' am Baum und sinn' am Himmel hin
Und sehe wieder dünnen Sprühgoldregen
Dem Teich enttanzen, sich vertropfend legen.
Die Nacht ist lang.

Weiß ist mein Hut, mein Kleid ist leicht; mich friert.
Bleich blühten Chrysanthemen ob den Wellen,
Zerrieselten in sieben ros'ge Quellen.
Die Nacht ist lang.

Ich such' die Bank und warte, hart geduckt.
Es duckte sich die Schlange, pfiff im Sprunge
Und zischte rasend auf mit glüher Zunge.
Die Nacht ist lang.

Ich wärme meine starren Hände nicht.
Aus Schwarz und Schimmer stieg ein Palmenfächer,
Der zückte Silberspeere auf die Dächer.
Die Nacht ist lang.

Mein Auge schläfert, aber unterm Lid
Kreist noch das Sonnenrad mit leisem Singen,
Und grüne Ringe gehn aus roten Ringen.
Die Nacht ist lang.

Das große Feuerwerk ist längst verpufft.
Zwölf Schläge tut es irgendwo im Weiten -
Ich geh' wohl heim, weil so die Füße schreiten.
Du kommst nicht mehr.

 


 Früher Zyklus I. In memoriam 1918  um 1920

 

Das Kleid

Dies ist mein dunkles Werktagskleid. Schaut es euch an.
Voller Löcher ist es und hat Flicken und Flecken,
Staub liegt auf Schmutz, und graulich Gespinst haftet dran
Rostige Nadeln müssen die Risse verstecken.

Aber wenn der Feiertag kommt, der Feiertag und mein
            lieber Freund -
Ich will's doch nicht von mir legen,
Ich bind' einen kleinen Kranz um mein Herz
Und geh' ihm fröhlich entgegen.

Der Staub auf meinem Kleide flockt dicht, ganz dicht
Und wächst weichfellen und weiß,
Durch alle Risse rieselt silbernes Licht,
Aus Nadelspitzen schlingt sich ein Sternchenkreis,
Und der bunte Tupf wird Perlenschmelz,
Und der hellere Fleck wird Demantstein,
Das Spinnengeweb schnürt den schwanweißen Pelz
In goldige Fäden ein.

Aber das Schönste ist ein winziger Strauß -
Sein Rosengesicht lächelt über den Glanz -
Der brach aus meiner Brust heraus.

Um mein Herz blüht ein Kranz.

 


  Tierträume 1927 - 1932

Der Freund
(An den Menschen)

Häusergassen, die du zückst,
Fliehn zu Forst und Ähren,
Kleine Kammern, die du schmückst,
Mögen nicht ewig währen,
Sonne sperrt sich geizig zu,
Hockt in Wolken verborgen,
Deine Sterne gehn wie du
Bleichend in den Morgen.

Deiner Buche Schattenspiel
Wird ein Herbststurm ermüden,
Wenn der Singevogel fiel
Tief in goldnen Süden,
Wenn der Apfel grün verdorrt,
Wenn dir dies nur reifte:
Dass ein warmes, zottiges Wort
Deine Hände streifte.

Dass ein treuerer Blick geschaut
Auf dich Einen droben;
Tempel, die du dir selbst erbaut,
Können dich so nicht loben:
Furcht, von Müttern dir gepflegt,
Grimm aus Väterschädeln
Hat sein Sprung zu nichts gefegt
Mit einem freudigen Wedeln.

Wie dich Lebens Schuld und Leid
Auch der Welt verfemen,
Einem ist der Staub geweiht,
Den deine Füße nehmen,
Einem ist die Brunst erhellt,
Die dir schwächlich glühte,
Der vor deine Blößen stellt
Jauchzend seine Güte!

 


  Früher Zyklus I. In memoriam 1918  um 1920

Die Aztekin

Ich liebe dich.
                                           Und meine Welt ist schön
Und bunt und seltsam gnug. So komm' mit mir
In meine Welt. Und greif' an meine Hand -
O scheu mich nicht! - Aus meiner bunten Welt
Trug ich dies grün und rote Federkleid
Zu dir. Das dir gefällt. So rühr' es an,
Und schmiege deine Finger in den Glanz,
Denn Glänzend'res und Weich'res kennst du nicht
In deiner fahlen, harten Heimat. Löse
Den sanften Flaum von meinen kleinen Brüsten,
Wenn du nur willst, und nimm ihn dir. Ich möchte
Dir soviel schenken. Doch ist wenig mein
In deinem Lande.
                                         Sonnenhaupt, du bist
Gleich deinem großen, gold'nen Vater Licht,
Nicht Glut gleich ihm. Und in den hellen Händen
Magst du nicht meine halten. Diese Hand
Ist Nacht so wie mein Leib, so bin ich ganz
Aus tierbraunem Gestein für dich gemacht.
Ein tiefer, glimmendroter Schein durchleuchtet
Mich als ein dunkles Haus. Doch deine Mädchen
Sind weiß, sind Rosen, höchstens gelb.
                                           Ich sah,
Du kehrst dich voll Ekel von mir ab,
Von meiner nackten, rötlichbraunen Haut,
Die unter starrem scharfen Armreif zittert
In deiner Kälte. - Licht, du liebst das Gold;
Ich habe Gold.
                                           Es ist nur wenig mein
In deinem armen Lande.
                                           Und auch Schönheit
Ist nicht mehr mein. Denn deine Brüder zögern
Vor meinem häßlich-sonderbaren Antlitz
Und flüstern staunend: Ohne hint'res Haupt
Von langem dünnen Halse schau' es her;
Das sei ein Wunderding. Die enge Stirn
Sei nieder-rückgezwängt. Glattschwarzes Haar
Bau' drüber steil und spitz sich auf, ein Turm.
Ich leb' mit Mund und Augen, ihnen ähnlich -
Viel nackter doch mein Auge. Und die Nase
Sei fein, ganz schmal und schnabelhaft gebogen.
Ich seh' auf sie mit Vogelsangesicht,
Schmück' mich mit Vogelkopfputz; im Gefieder
Späh' ich geduckt, ein furchtsam Tier, umher.
So hab' ich auch, dem Geierweibchen gleich,
Auf dich, auf dich gewartet, Sonnensohn,
So lange.
                                              Sieh', du ließest deine Brüder
Den zarten, winz'gen Kopf mir ganz umwinden
Mit schwerem schwarzen Schleier, dass mich keins
Aus deinem Volke mehr erblick' und fürchte.
Nun bin ich blind durch dich. Ich hör' dir zu,
Führ' hinter einem finstren Nebel dich
In meine Welt. Und meine Welt ist schön
Und bunt, dir seltsam fremd.
                                             Ich liebe dich.

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 Weibliches Bildnis 1927 - 1932
Zweiter Raum

Die Gesegnete

Ich bin im Dunkel und allein.

Und neben mir lehnt doch die Tür.
Wenn ich sie klinke, steh' ich ganz im Licht.
Da sind ein Vater, Mutter und die Schwestern,
Ein Hund, der stumm und freundlich spricht.

Wie darf ich lügen, und wie kann ich sagen,
Dass ich ins Finstre hingestoßen ward?
Ich hab' mich selbst aus allem fortgetragen.

Vor meinen Augen blühte Schnee.
Ich sah, dass er die Rispen zu mir neigte,
Zu meinen Jahren, und es tat mir weh.

Ich hatte nichts, dem Alter zu versöhnen
Mein Herz, das jung und rot wie Frucht erklang,
Es an die bleiche Kühle zu gewöhnen.

Da weint' ich sehr und ging
Und fand den Mann an einer Wegegabel,
War still und liebte und empfing.

Es sang in mir auf einer Geige
So süß, so leicht, im Anbeginn.
Nun singt es nicht mehr, wenn ich schweige.

Die Angst mit ihren Fleckenhänden kam,
Saß bei mir nieder, meinen Leib betastend,
Belud ein Grinsen: »Fühlst du keine Scham?«

»Wo blieb der Frauenring für deinen Finger?
Du fürchtest Diebe, hältst ihn brav versteckt.«
Ist meine nackte Rechte denn geringer?

So arm, so nackend wird es sich
Auch meinem Schoße bald entwinden.
Und wenn ich's denken muss, umkrampft es mich.

Es krallt sich ein und lässt mich zittern,
Wie Sturm den Baum im Winterfeld
Befreit von seinen letzten rost'gen Flittern.

So fegt es mir hinweg, was dünn und schal,
Die kleine Sorge, listiges Vergnügen,
Und bricht die Knospe auf der großen Qual.

Der großen Freude. O, ich will dich werfen
So wie ein Tier und glücklich sein! -
Ich finde Klauen, die ein Messer schärfen …

Es ist doch Nacht. Und ist ein Ding, das Schande heißt.
Ich darf dich nicht gebären.
Ich weiß den Schnellzug, der den Wald zerreißt.

Dem geh' ich zu an seinen blanken Gleisen
Und werde müd' und leg' mich froh zu Bett
Quer auf zwei flache Stäbe Eisen.

 
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 Weinbliches Bildnis 1927 - 1932
Erster Raum

Die Jüdin

Ich bin fremd.

Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,
Will ich mit Türmen gegürtet sein,
Die steile, steingraue Mütze tragen
In Wolken hinein.

Ihr findet den erzenen Schlüssel nicht
Der dumpfen Treppe. Sie rollt sich nach oben,
Wie platten, schuppigen Kopf erhoben
Eine Otter ins Licht.

Ach, diese Mauer morscht schon wie Felsen,
Den tausendjähriger Strom bespült;
Die Vögel mit rohen, faltigen Hälsen
Hocken, in Höhlen verwühlt.

In den Gewölben rieselnder Sand,
Kauernde Echsen mit sprenkligen Brüsten -
Ich möcht eine Forscherreise rüsten
In mein eigenes uraltes Land.

Ich kann das begrabene Ur der Chaldäer
Vielleicht entdecken noch irgendwo,
Den Götzen Dagon, das Zelt der Hebräer,
Die Posaune von Jericho.

Die jene höhnischen Wände zerblies,
Schwärzt sich in Tiefen, verwüstet, verbogen;
Einst hab ich dennoch den Atem gesogen,
Der ihre Töne stieß.

Und in Truhen, verschüttet vom Staube,
Liegen die edlen Gewänder tot,
Sterbender Glanz aus dem Flügel der Taube
Und das Stumpfe des Behemoth.

Ich kleide mich staunend. Wohl bin ich klein,
Fern ihren prunkvoll mächtigen Zeiten,
Doch um mich starren die schimmernden Breiten
Wie Schutz, und ich wachse ein.

Nun seh ich mich seltsam und kann mich nicht kennen,
Da ich vor Rom, vor Karthago schon war,
Da jäh in mir die Altäre entbrennen
Der Richterin und ihrer Schar.

Von dem verborgenen Goldgefäß
Läuft durch mein Blut ein schmerzliches Gleißen,
Und ein Lied will mit Namen mich heißen,
Die mir wieder gemäß.

Himmel rufen aus farbigen Zeichen.
Zugeschlossen ist euer Gesicht:
Die mit dem Wüstenfuchs scheu mich umstreichen,
Schauen es nicht.

Riesig zerstürzende Windsäulen wehn,
Grün wie Nephrit, rot wie Korallen,
Über die Türme. Gott lässt sie verfallen
Und noch Jahrtausende stehn.

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 Das Wort der Stummen 24. Oktober 1933

Die Jüdische Mutter

Ich habe nur dies Kind, das ich in Not geboren,
Bin eine arme Witwe, Kleidermacherin.
Mein Kindlein ist ein Mensch, hat Nase, Mund und Ohren,
Und schöne dunkle Augen leuchten immer zu mir hin.

Es möchte gerne lernen, rechnen, lesen, schreiben,
Verwirft die Federn nicht und hält die Hefte blank,
Will gern sein kleines Werk mit allen andern treiben.
Der Lehrer setzt es abseits auf die Judenbank …

Denn es ist eines nur, und andre sind die Vielen;
Sie hänseln es und sprühn ihm Tinte aufs Gewand.
Es möchte oft im Hof mit einer Freundin spielen,
Doch jede stößt es fort und weigert ihm die Hand.

Ist eine Tür beschmiert, ein Bilderglas zersplittert,
Ein Riegel losgeschraubt: der Jud hat's angestellt.
Ich kann nicht weinen; nur mein Herz schluchzt zornig und
verbittert -
Mein Kind, mein Kind trägt ja die Sünden eurer ganzen Welt,

Neid, Bosheit, feige Wut, was euer Antlitz schändet,
Auf Schultern, da das Kleid noch blaue Engelsflügel deckt.
Ihr, die ihr eure eigenen Geschöpfe so verblendet,
Glaubt ihr, wenn ihr dem meinen stumme Tränen weckt,

Glaubt ihr, es sei gerecht, in Kirchen mitzubeten,
Behaglich anzunehmen, was der Pfarrer spricht,
Dann hinzugehn und diese Seele wie ein Tier zu treten ?
Ach, auch das Tier zertritt der Wohlbedachte nicht!

Ihr laßt's von Rangenhand mit scharfen Kieseln schmeißen,
Ihr lasst es scheu und einsam in den Winkeln stehn,
Ihr wollt sein neues buntes Schürzchen ihm zerreißen,
Ihr laßt's in seinem Buch die eingemalten Hakenkreuze sehn.

Ihr! Ihr! O Ehr- und Würdenmänner, schlimmer als Gelichter!
Ich darf euch nicht verfluchen, dass ihr siecht und dorrt;
Denn noch in dieses trübe Haus blickt streng der Gott der Richter.
Steh' auf, mein Kind, und klage an mit deinem jungen Wort! -

Es schläft. Gewähr' euch Gott, dass nicht in seinen Träumen
Schon Kummer sprosse, bittres Korn, das ihr gesät.
Ich will zur Lampe rücken, wieder Röcke säumen,
Nur eine arme Jüdin, die für Geld euch Kleider näht.

 


 Weibliches Bildnis - Dritter Raum 1927 - 1932

 

Die Kindlose

Wenn ich in mir selber liege,
Ist in mir ein Blau,
Einer stillen, niedern Wiege
Schlicht gefügter Bau,
Eine hohe, krause Rüster,
Schwarz und Holz wie sie,
Altgoldmattes Abenddüster,
Scheue Melodie.

Schwebend weilt Gewölk am Grunde,
Wächst durch meinen Sinn,
Segelgraue Dämmerstunde
Nimmt mein Wollen hin,
Bis ich fremdes Ufer grüße,
Wachend nie erblickt,
Wo um liebe sanfte Füße
Gelber Krokus tickt.

Wie das Silberhemd der Fische
Wird mein Singen leicht,
Da mir eine Hand der Frische
Kühlen Fruchtmond reicht,
Bis ich heiß mit Lippen rühre
Dürstend dein Gesicht
Und am Lid den Tropfen spüre
Und der Tropfen spricht:

»Schnee muss jede Unrast glätten,
Sein ist Quellenschaum.
Menschenseele reißt aus Ketten
Sich von Tier und Baum.
Leid wird weiße Anemone,
Waldes Ehrenpreis;
Unterm Glanz der Sphärenkrone
Sinkt es welk und greis.« -

Einmal in die leeren Flocken
Starrt ein Weib und sinnt,
Kehrt den armen Blick zum Rocken,
Dran sie säumig spinnt;
Denn was Tages Werk und Wissen
Um die Kunkel warf,
Webt ihr Nacht zum Leinenkissen,
Dran sie schluchzen darf.

 


 Weibliches Bildnis - Zweiter Raum 1927 - 1932 

Die Verworfene

In meinem Zimmer bin ich ganz verloren.
Die Dinge sagen, dass sie mich nicht kennen.
Die Heizung mit getünchten Schlangenrohren
Zuckt unter meiner Hand und will sie brennen.

Der Stuhl schiebt peinlich scheu den Mantel nieder.
Im Glasschrank klirren flüsternd kleine Tassen.
Aus schmaler Vase schaut mich blauer Flieder
So duldend an, als hieße ich ihn blassen.

Ich ahnte nicht, dass dieses ist: Gewissen.
Der Sachen tote Feindschaft, die ich greife,
Mit hart brokatnem Blick das Sofakissen,
Der hohe Sessel mit gewollter Steife.

Wie lernt ein Tisch, was Menschen nie gebilligt
Und nie gescholten - und auch nie erfahren,
Verneint der Spiegel, da ich eingewilligt,
Und lügt im Hass den Glanz aus meinen Haaren?

Mein großes Wollknäul sprang vom Fensterbrette,
Im Angstgehüpf wie eine lila Ratte;
Ich meinte wohl, dass ich's verworfen hätte,
Und wusste, dass es mich verworfen hatte.

 


 Zeit und Ewigkeit 1917

Erwartung 1914

Am blauen Himmel langen Friedens steigen
Die Wolken auf und decken schon den Rand;
Nun hat den Horizont ein schwüles Schweigen
Mit dichten, fahlen Schleiern überspannt.

Ein Wetterleuchten ist emporgesprungen -
Und alles späht. Ein Unglücksrabe krächzt -
Rings horcht's. Ein Feld von tausend Gräserzungen,
Das nach dem ersten Regentropfen lechzt.

Gleich einer Fürstin naht die Riesenwolke;
Es bläht sich weit ihr schleppendes Gewand;
Nun thront sie über einem bangen Volke,
Steht groß und düster an der Himmelswand.

Da bäumt ein Blitz sich. Donner stürzt hernieder.
Der Flammenstrahl verspritzt der Herrsch'rin Blut -
Und Regen rauscht. Der Sturm packt ihre Glieder
Und macht die Bahn frei für der Sonne Glut.

 


 Das Wort der Stummen 20. September 1933

 

Ewiger Jude

Meine Schuhe
Bringen Staub der tausend Straßen mit.
Keine Ruhe, keine Ruhe;
Immer weiter schleppt mich böser Schritt.

An den Wänden
Vor den Häusern steht die Bank nicht mehr;
Und ich tast' mit blöden Händen
Um die Mauern meiner Wiederkehr.

Meilensteine,
Dass der Stock sich manchmal lehnen kann.
Ach, ich weine, ach, ich weine;
Denn ich bin ein alter, alter Mann.

Meine Rippen
Hart und fassbar schon wie Totenbein. -
Diese runden, blutgefüllten Lippen,
Die dem Bittenden ins Antlitz spein! …

Hetzt die Tölen!
Keiner, der den Riss im Kaftan flickt.
Meine Augen sind nur Aschenhöhlen,
Drin ein roter Funke trüb erstickt.

Von der Planke
Holt man Krusten, die sonst niemand isst.
Und ich danke, und ich danke
Für die Gabe, die der Schimmel frisst.

Zittrig Schleichen
Um die Menschenstimme, die mich schmäht.
Ach, das Zeichen, gelbes Zeichen,
Das ihr Blick auf meine Lumpen näht.

Ist bemakelt
Meine Stirn mit wunderlicher Schrift?
So verworren, so gekrakelt,
Dass sie nirgends mehr den Deuter trifft.

Meine Sünden
Müssen alle da geschrieben stehn
Mit den Namen, mit den Gründen:
Seht sie an; ich kann sie selbst nicht sehn.

Ruft die Hunde.
Ach, ich bin ein alter, alter Mann ...
Schlagt die Wunde, Todeswunde,
Ewig dem, der niemals sterben kann!

 


 Zeit und Ewigkeit 1917

Gebet

Du wunderbare Nacht ! Du weise Nacht!
Du weißt die Antwort auf der Seele Fragen,
Da du den Himmel vor mir aufgeschlagen,
Ein schwarzes Riesenbuch mit Silberlettern.
Welch' seltsam ferne Hand mag es durchblättern?
Wer ahnt das Haupt, das seine Schrift erdacht?

Drei strahlend klare Worte kann ich lesen:
O Schlaf, der du die Herzen heilst von Pein,
Ein Arzt, der alle Kranken lässt genesen;
Dich, Liebe, krönt die Nacht mit Mondschein,
Dir macht die Schenke sie zum Heiligtume;
Traum! Wurzellose Paradiesesblume,
Die immer neu vor uns sich kann entfalten
Und deren süßen Duft wir in uns saugen,
Doch die wir nie in Händen noch gehalten
Und nie geschaut mit unsern ird'schen Augen.

Gib Schlaf und einen Traum von Liebe mir,
Du Herr der Welt! - O nein, du bist viel mehr! -
Du Herr der tausend Welten, die wir kennen,
Du Herr der tausend, die wir noch nicht nennen,
Herr, über Menschendenken groß und hehr,
Der Wunder aller, die auf Erden hier,
Froh eignen Könnens, Menschengeist entdeckt,
Weil deine Hand sie gnädig ihm enthüllet,
Die Hand, die uns mit finst'rem Unheil schreckt
Und uns zugleich den Freudenbecher füllet.

Wie ruf' ich dich?
                             Der Name, den die Lippe
Dir täglich, stündlich gibt, ist deiner nicht;
Das Sterbliche ist alles eine Sippe,
Dir aber gleicht kein sterbliches Gesicht.
Dein Sein kann keine unsrer Sprachen fassen,
Das Wort, das es erschöpft, bleibt stets uns fremd;
Wir müssen's, dich zu nennen, ewig lassen,
Weil deine Größe unsre Zunge hemmt.

Ja, du bist Alles: Schönheit, Macht und Güte -

Und deine Augen leuchten immerdar
Im Blau des Himmels, in der Pflanzen Blüte,
Im Rund der Seen, in der Sterne Schar.
Du kennst den Glauben nur, nicht Religionen,
Des Heiden Huld'gung selbst ist dir geweiht;
In dir muss alles, alles Höchste thronen,
Weil jedes Herz dir neue Tugend leiht.
Du schirmst auch sie, die nicht dein Sein begehren;
Kein Herrscher bist du, der voll Zorn und Leid
Die Untertanen straft, die ihn nicht ehren -
Das tut nur irdische Gerechtigkeit!
Die duftdurchwehte Dämm'rung deiner Tempel,
Der Dörfer reine Luft, der Städte Ruß,
Dir sind sie gleich; es prägt dein heil'ger Stempel
Zu deinem Dienste Mühsal und Genuss.
Der Kirche Weihrauch strebt zu dir empor,
Und aus der Arbeitsstätte Schornsteinrohr
Steigt himmelwärts der trübe, graue Dust.
Der Freuden toller Lärm, was ist er mehr
Als nur ein einz'ger Hymnus, dir zur Ehr';
ist dein nicht alles Schöne in der Lust?
Und dass wir stolz auf vieles, was uns schmückt,
Froh über alles sind, was uns beglückt,
Dass deine Größe uns nicht ganz erdrückt,
Drum ließest lächelnd du den Feind dir schenken,
Das Böse einst, den Teufel uns erdenken,
Der oft muss tragen unsrer Sünden Last,
Dass drunter nicht der Mensch zusammenbreche;
Ein Spottbild ist's, das du verziehn uns hast:
Das Böse, Teuflische, was je uns fasst,
Es ist doch weiter nichts als – Menschenschwäche.

Nur unsre Schwäche ist der Keim der Sünden,
Sie trennt uns heut' und ewiglich von dir;
Du gabst sie uns. Warum? Das können wir,
Das sollen wir auch nimmerdar ergründen.
So stark ist keiner, dass er gänzlich gut,
Durchs roh'ste Herz klingt eine fein're Saite,
Den Feigling ehrt die Scheu vor Brudersblut,
Den Räuber ziert sein wilder Mut im Streite:
Was wir als Güte hier und Bosheit sehn,
Das wird vor dir als eine Schwäche stehn.

Nicht sprech' ich mehr. Lass, Herr, mein Herz dich bitten !
Wohl mag mein Wunsch den Menschen Sünde sein;
Er überragt ja ihre engen Sitten -
Und ist er, Größter, nicht für dich zu klein?
Zuckt unser Aug' nicht bei des deinen Blitzen,
Wenn Feuer speit des Himmels Riesenmund?
Du schleuderst talwärts stolze Felsenspitzen,
Und Sterne wirfst du auf der Erde Grund.
Nur du vereinst das Große mit dem Kleinen:
Du lässt heut' nacht den Weltball uns erscheinen,
Den jetzt kein menschlich Wesen mehr bewohnt -
Dies Wissen ist's, das Forscherarbeit lohnt -
Und schenkst den Kindern, die im Dunkeln weinen,
Solch einen schönen, blanken, runden Mond.

 


 Mein Kind 1927 - 1932
-aus dem Zyklus ausgeschiedenes Gedicht-

Hoffen

Was ist dir Tag, den du begangen,
Was ist dir Abend, den du kennst,
Wenn du an seinen fahlen Wangen
Schon neuer Glut entgegenbrennst,
Vor seinen schmerzvoll schweren Lidern
Dir fernen Sonnenblitz erdenkst,
Dem armen Schweigen kein Erwidern,
Dem dünnen Wort kein Echo schenkst?

Wie ausgediente Kinderspiele,
Verstimmtes Rohr, zerbrochnes Tier,
Stehn deine Stunden, ach so viele,
Verbraucht, zerschlissen hinter dir
Und mögen sich mit Staub bedecken
Und flüstern, was du nimmer glaubst:
Dass du sie einst aus grauen Ecken
Mit Bettlers eklen Rinden klaubst.

Es ist die Ampel blutgeschliffen,
Rubinvertropften Kranzes schwer,
Die schwebend funkelt, unergriffen,
Durch Dünste deiner Krypten her;
Geätzt mit reich verschlungner Freude,
Von zarten Prismen überhängt,
Entgaukelt sie dem Grabgebäude,
Das deine feuchten Stapfen fängt,

Und wirft den Schatten an die Mauern:
Ein träger Flügel wie der Schwalk,
Daraus Gewänder, Glieder schauern.
Du aber stehst und küsst den Kalk
Und schaust in wirr umrißne Schwärzen
Dies liebliche, das junge Glück,
Du malst es ab in deinem Herzen
Und gibst ihm Schein und Form zurück.

Da glänzt der Ruhm aus Thujahainen,
Dem Rasen marmorn eingesenkt,
Da zittert Goldsand über Steinen,
Wenn Wind ein breites Füllhorn schwenkt,
Da flicht der stillste aller Siege
Zu bräunlich dunkelndem Gebet
Das Veilchenweinen einer Wiege,
Die in verschlossnen Träumen steht.

 


 Früher Zyklus I. In memoriam 1918   um 1920

Im Anbeginn

Gott segne dich. Der dich gemacht
Und der dich kennt. Ich kenn' dich nicht.
Ich stehe in dir wie in Nacht
Und starre nach dem Sternenlicht;
Bin doch vom Deingedenken schwer
Wie ein mit Frucht beschenkter Baum
Und wieg' mich trunken hin und her
Und trag' die Last und spür' sie kaum.

Ich weiß, du bist die mächt'ge Welt,
Die klein und gütig ward für mich,
Seitdem mein Wunsch vom Himmelszelt
In deine trüben Tiefen schlich,
Seit alle Wege jahreweit,
Die eilten in beglückte Ruh',
Seit Ewigkeit schon jene Zeit,
Da nichts, da garnichts ist denn du.

Ich weiß, du bist die sel'ge Not,
Die hell aus dunklen Tränen bricht.
O komm'! O komm', du Morgenrot,
Mein Herz wird Lied, mein Leib wird Licht.
Leg' an den Tag, o liebe Nacht,
Drum bitt' ich dich so flehentlich ...
Ich kenn' dich nicht. Der dich gemacht
Und der dich kennt, Gott segne dich.

 


 Das Wort der Stummen 1933 / 1934
- aus dem Zyklus ausgeschiedenes Gedicht -

 

Im Lager

Die hier umhergehn, sind nur Leiber
Und haben keine Seele mehr,

Sind Namen nur im Buch der Schreiber,
Gefangne: Männer. Knaben. Weiber.
Und ihre Augen starren leer (schwer)
                                       fallnem
Mit bröckelndem, (zerschlagnem) Schauen

Auf Stunden, da in düstrem Loch
Gewürgt, zertrampelt, blindgehauen
Ihr Qualgeächz, ihr Wahnsinnsgrauen,
Ein Tier, auf Händ und Füßen kroch …

Sie tragen Ohren noch und hören

Doch nimmermehr den eignen Schrei.
Die Kerker drücken ein , zerstören:
                                      zu
Kein Herz, kein Herz mehr zum Empören!
         feine
Der (leise) Wecker schrillt entzwei.

Sie mühn sich blöde, grau, entartet,
Von buntem Menschensein getrennt,
Stehn, abgestempelt und zerschartet,
Wie Schlachtvieh auf den Metzger wartet

Und dumpf noch Trog und Hürde kennt.

Nur Angst, nur Schauder in den Mienen,
Wenn nachts ein Schuss das Opfer greift ...
Und keinem ist der Mann erschienen,
Der schweigend mitten unter ihnen
             kahles
Ein schweres Kreuz zur Richtstatt schleift. -

 


 Mein Kind 

Verwandlungen

Ich will die Nacht um mich ziehn als ein warmes Tuch
Mit ihrem weißen Stern, mit ihrem grauen Fluch,
Mit ihrem wehenden Zipfel, der die Tagkrähen scheucht,
Mit ihren Nebelfransen, von einsamen Teichen feucht.

Ich hing im Gebälke starr als eine Fledermaus,
Ich lasse mich fallen in Luft und fahre nun aus.
Mann, ich träumte dein Blut, ich beiße dich wund,
Kralle mich in dein Haar und sauge an deinem Mund.

Über den stumpfen Türmen sind Himmelswipfel schwarz.
Aus ihren kahlen Stämmen sickert gläsernes Harz
Zu unsichtbaren Kelchen wie Oportowein.
In meinen braunen Augen bleibt der Widerschein.

Mit meinen goldbraunen Augen will ich fangen gehn,
Fangen den Fisch in Gräben, die zwischen Häusern stehn,
Fangen den Fisch der Meere: und Meer ist ein weiter Platz
Mit zerknickten Masten, versunkenem Silberschatz.

Die schweren Schiffsglocken läuten aus dem Algenwald.
Unter den Schiffsfiguren starrt eine Kindergestalt,
In Händen die Limone und an der Stirn ein Licht.
Zwischen uns fahren die Wasser; ich behalte dich nicht.

Hinter erfrorener Scheibe glühn Lampen bunt und heiß,
Tauchen blanke Löffel in Schalen, buntes Eis;
Ich locke mit roten Früchten, draus meine Lippen gemacht,
Und bin eine kleine Speise in einem Becher von Nacht.

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Frühe Gedichte
um 1920


Aus der Nacht

In den Tag
Trag' ich sorglich, schwarzen Sammet drüber,
Meinen großgeaugten Traum herüber
Aus der Nacht.

Aus der Nacht
Führt mich nicht die altvermorschte Stiege;
Einst gleit' ich im Schaukeln gold'ner Wiege
In den Tag.

 

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Meerwunder

Als ich das Kind mit grünen Augensternen,
Dein zartes, wunderbares Kind empfing,
Erbrausten salzge Wasser in Zisternen,
Elmsfeuer funkelten aus Hoflaternen,
Und Nacht trug den Korallenring.

Und deiner Brust entwehte Algenmähne
So grün, so grün mit stummer Melodie.
Sehr sachte Fluten plätscherten um Kähne,
Im schwarzen Traumschilf sangen große Schwäne,
Und nur wir beide hörten sie.

Du warst den Meeren mitternachts entstiegen
Mit eisig blankem, triefend kühlem Leib.
Und Wellenwiegen sprach zu Wellenwiegen
Von unserm sanften Beieinanderliegen,
Von deinen Armen um ein Weib.

Seejungfern hoben ungeschaute Tänze,
Und wilde Harfen tönten dunkel her,
Und Mond vergoß sein silbernes Geglänze
Um den Perlmutterglast der Schuppenschwänze;
Mein Linnen duftete vom Meer.

Und wieder wachten Hirten bei den Schafen
Wie einst... und glomm ein niebenannter Stern.
Und Schiffe, die an fremder Küste schlafen,
Erbebten leis und träumten von dem Hafen
Der Heimat, die nun klein und fern.

Tierblumen waren fächelnd aufgebrochen,
In meinen Schoß verstreut von deiner Hand;
Um meine Füße zuckten Adlerrochen,
Und Kinkhorn und Olivenschnecke krochen
Auf meiner Hüfte weißen Sand.

Und deine blaß-beryllnen Augen scheuchten
Gekrönte Nattern heim in Felsenschacht,
Doch Lachse sprangen schimmernder im Feuchten;
An Wogenkämmen sprühte blaues Leuchten
Wie aus dem Rabenhaar der Nacht.

Oh du! Nur du! Ich spülte deine Glieder
Und warb und klang und schäumte über dir.
Und alle Winde küßten meine Lider,
Und alle Wälder stürzten in mich nieder,
Und alle Ströme mündeten in mir.

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